2016-12-22

Heckings Puzzle

Nun also Dieter Hecking. Euphorisch macht mich die Nachricht nicht, zumal der Name ja schon länger durch den Borussia Park geisterte.
Aber dass ich nicht euphorisch werde, hat nicht viel zu sagen. Auch bei Lucien Favres Vorstellung fragte ich mich, und ich war sicher nicht der einzige, was sich der Club und Max Eberl davon versprachen, den bei Hertha nach gutem Beginn gescheiterten Schweizer in dieser Situation zu verpflichten. Wie es weiterging, brauche ich niemandem zu erzählen. Mit André Schubert bewies Eberl ebenfalls ein gutes Händchen, auch wenn dessen Leistungen für Gladbach in den vergangenen Wochen unverdient etwas untergingen.

Also wird sich der Manager auch etwas dabei gedacht haben, jetzt den Ex-Wolfsburger ins Rennen zu schicken. Seine Gladbacher Vergangenheit wird sicher nicht den Ausschlag gegeben haben, dafür war Heckings Auftritt in den 80er Jahren zu wenig prägend.

Heckings Karriere zeigt, dass er Mannschaften, auch Außenseiter, durchaus erfolgreich machen kann. Doch wo ihm das gelang, in Lübeck, Aachen, Nürnberg, blieb er nicht so lange, dass man sein Verhalten bei Rückschlägen hätte beobachten können. Er stieg jeweils vorzeitig, während der Saison aus und auf - zu einem Verein, der ihm noch mehr bieten konnte. Dieses "Söldnerimage" wird ihm weiter nachhängen, genauso wie der Makel, aus den fast unbegrenzten Möglichkeiten in Wolfsburg nicht noch mehr gemacht zu haben. Doch das ist Schnee von gestern.

Wichtig ist, was Hecking aus unserer Mannschaft machen wird. Bislang war er stets ein Freund klarer Abwehr-Strukturen, sprich der Viererkette mit zwei offensiv wie defensiv starken Außenverteidigern. Das Personal dafür kann ihm Gladbach auch bieten. Mit Oscar Wendt und Nico Schulz links; Julian Korb über rechts sowie den rechts wie links einsetzbaren Fabian Johnson und Nico Elvedi stünden ihm Spieler zur Verfügung, die in diese Position reinrücken könnten. Ob sie die defensive Stabilität dazu haben, müsste sich zeigen. Das wird aber der entscheidende Faktor für den weiteren Verlauf dieser Saison sein. Hecking muss den VfL hinten dicht machen.

Vorne spielte Hecking bei den Gölfen gern mit einem Stoßstürmer, einem zentralen Mittelfeldspieler auf der 10 und zwei Flügelspielern. Gäbe es die diversen Verletzungen nicht, könnte ein solches Quartett vor der Doppelsechs (Kandidaten: Dahoud, Kramer, Strobl) so aussehen:

Hahn (Stindl, Drmic)
Johnson (Herrmann)                                                                Traoré (Herrmann)

Raffael (Hazard)



Das könnte vielversprechend sein. Borussias Spieler sind so flexibel, dass auch noch viel mehr Kombinationen denkbar sind. Reine Flügelspieler sind allerdings nur Traoré, Herrmann und Johnson. Alles anderen verlieren einen Teil ihrer Stärke, wenn sie an die Außenlinie gepresst werden. Ganz im Gegenteil übrigens zu Nico Elvedi, der außen in der Viererkette sehr starke Spiele abgeliefert hat. Wenn Hecking aber verstärkt auf Flügelspiel setzen sollte und weniger auf das zentrale Dreieck Raffael, Stindl, Hazard, dann bedeutet das, das viel mehr Flanken und Zuspiele von außen kommen würden, die entsprechend versierte Abnehmer suchen. Eine Chance für Josip Drmic?

Überhaupt darf man gespannt sein, wie sich der Trainerwechsel auf die einzelnen Spieler auswirkt, ob sich zum Beispiel bislang kaum berücksichtigte Akteure wie Schulz und Hofmann empfehlen können oder gar einer der Jungen (Sow, Benes, Ndenge, Simakala) eine Chance erhält. Wird Tony Jantschke wieder eine feste Größe und was passiert mit Josip Drmic - findet Hecking für ihn eine funktionierende Einbindung ins Spiel? Wenn ein Trainer mit anderen Vorstellungen kommt, bietet das ja auch Chancen für andere Spielertypen, die unter Favre oder Schubert nicht hundertprozentig ins Schema passten. Das ist spannend zu sehen, ebenso, auf welchen Positionen der Verein wie versprochen personell nachlegen will. Und wo er auch Spieler spätestens zum Sommer abgeben will.

Nicht zuetzt wird es darum gehen, ob Hecking die gewachsene Mannschaftshierarchie erstmal aufbrechen will und wie ein Hans Meyer gleich mal ein, zwei Spieler nach Gladbach holt, die ihm vertrauen und den einen oder anderen rasiert bzw, degradiert. Oder ob er wie Favre das Personal so nimmt, wie es ist und davon ausgehend seine Spielidee entwickelt. Welcher Typ Hecking ist, weiß ich nicht. Aber wir werden sicher in Kürze erfahren, wie er die Puzzleteilchen zusammenfügen will. Und auch, ob und was sich im Trainerteam tun wird. Bisher hat er ja offenbar immer seinen "Co" Dirk Bremser mitgebracht. Ich bin gespannt, wieviel Kontinuität Borussia unter dem neuen Trainer beibehalten kann und will. Und natürlich ob sich das auch auszahlt.

2016-12-21

Ratlos - Mutlos - Trostlos - Würdelos

Dass ab morgen, spätestens aber zum Trainingsauftakt im neuen Jahr ein anderer Trainer als André Schubert die Geschicke bei Borussia leiten wird, gilt nach dem heutigen Offenbarungseid gegen Wolfsburg als sicher. Und ich bin auch müde zu widersprechen, weil die Mannschaft in den letzten fünf Spielen (Dortmund, Barcelona, Mainz, Augsburg und Wolfsburg) zu viel schuldig geblieben ist, als dass man noch das Gefühl hat, sie könne sich selbst noch aus dem Sumpf befreien, in den sie sich da hineingeritten hat.
Ob ein Trainerwechsel den erhofften Erfolg bringt, weiß man natürlich erst hinterher.

Ich bin dennoch nicht der Meinung, dass es an dieser Personalie allein gekrankt hat. Aber der Profifußball hat keine Zeit und keine Geduld für risikoreiche Experimente, ob ein Übungsleiter doch noch die Wende schaffen kann. Na klar, wer es sich einfach machen wollte, sah die Schuld seit Wochen beim Trainer. Dass sich das plumpe Schubert-raus-Geblöke aus dem Internet schließlich bis in die Fankurve hineinverfestigt hat, war dann wohl ausschlaggebend dafür, dass auch der Verein Schubert nicht mehr weiter stützen will und kann, obwohl er dies bis zum Augsburg-Spiel für mich in vorbildlicher Weise getan hatte. Die Vereinsführung ist deshalb für mich auch der einzige Akteur in diesem Spiel, dem man in dieser Hinsicht nichts vorwerfen kann.

Viele Faktoren haben zum unbefriedigenden Abschneiden in der Bundesliga geführt. Da steht ganz vorn die Verletzungsmisere, die einen erfolgreicheren Spielbetrieb einfach zu einem guten Prozentsatz torpediert hat. Ich maße mir nicht an, darüber zu urteilen, ob die Anfälligkeit mit der Trainingsarbeit von Schuberts Trainerteam oder dem Wechsel bei den Athletiktrainern zu tun hat oder ob es einfach Zufälle sind. Auffällig ist die Häufung allemal. Und das macht auch einen sportlichen Vergleich mit der Ära Favre unseriös, weil dort einfach viel weniger Ausfallzeiten zu beklagen waren. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, die Verletzungen während der 16 Bundesliga-Hinrundenspiele in einer (in diesem Blogformat leider schlecht lesbaren) Tabelle sichtbar zu machen. Es fehlten durchweg mehrere Startelfkandidaten verletzungsbedingt, das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Belastung der übrigen Spieler gehabt, die in allen drei Wettbewerben immerhin 26 Pflichtspiele in etwas mehr als vier Monaten zu absolvieren hatten. Zählt man die drei Länderspielpausen dazu, kommen Borussias Nationalspieler noch auf bis zu 6 Spiele mehr.

Legende: Rot steht für verletzt, grün für Einsatz und weiß für nicht eingesetzt. Grau sind die vier Spieler, die in der Bundesliga gar nicht zum Einsatz kamen (Sippel, Heimeroth, Sow und Benes)



Für mich steht vor allem in den vergangenen drei Wochen in allererster Linie die Mannschaft in der Kritik. Wenn ich sehe, wie sich das Team heute (und teilweise auch schon gegen Augsburg und Mainz) präsentiert hat, dann fehlen mir, der während der "Scheiße-am-Schuh-Phase" bis zum Hoffenheim-Spiel mit Vorwürfen sehr zurückhaltend war, schon ein bisschen die Worte.
Das Verteidigungsverhalten bei den Gegentoren heute war unterirdisch, schon peinlich. Dazu wurde den doch ähnlich schwachen Wolfsburgern nicht nur der Sieg geschenkt, nein, es wurden auch mit unerklärlichen Slapstickeinlagen noch mehrere 100-prozentige Torchancen auf dem Silbertablett serviert. Ich habe Verständnis für Druck und Unsicherheit in dieser Phase, aber hier spielen Profifußballer, es sind durch die Bank gute Techniker, denen einfachste Ballbehauptungen und Pässe nicht mehr gelingen wollen? Die keine Flanke zum eigenen Mann bringen, die Torchancen leichtfertig verdaddeln. Ich habe viel Verständnis für Fehler, aber das heute war zu viel des Schlechten. Das war zum wiederholten Mal nicht bundesligareif. Und es war auch von der Körpersprache, von der Zweikampfführung und der Willenskraft, sich der Negativserie entgegenzustemmen, zu wenig. Ich halte nichts von der These, dass Mannschaften aktiv gegen einen Trainer spielen. Aber ein wenig hatte dieses Spiel heute davon.

Und dann gelingt mit viel Mühe der Ausgleich - zwischen all dem Gerumpel auch noch schön herausgespielt -, und der Torschütze Thorgan Hazard hat im Anschluss nichts besseres zu tun, als sich mit dem Statuen-Torjubel seines Kumpels Ibo Traoré selbst zu feiern, als hätter er den VfL gerade ins Pokalfinale geschossen - anstatt kurz die Faust zu ballen, vielleicht das Publikum nochmal zum mitmachen zu animieren und sich hochkonzentriert dem nächsten Spielzug zu widmen. Dass kurz darauf das 1:2 fällt, bei dem die Borussen ähnlich schwach verteidigten wie beim 0:1, passt genau zu dieser Torjubelszene. Die Jungs, so scheint es, haben den Ernst der Lage noch nicht verinnerlicht.
Diese Szenen waren typisch für das Auftreten einer Mannschaft, die auch heute wieder alles mit Hacke, Spitze, eins, zwei, drei lösen wollte, anstatt den Abstiegskampf anzunehmen und aus einer sicheren Deckung heraus mit schnellen knackigen Spielzügen nach vorne zu kommen und konsequent und ohne Schleifchen auf dem Ball abzuschließen.
Ist daran André Schubert Schuld? Vielleicht auch, weil er die Mannschaft in ihrem System gewähren ließ, auch als die Balance schon verloren gegangen war. Weil auch das eine oder andere Mal ein Wechsel oder eine taktische Änderung nach hinten losging, obwohl sie in der Sache richtig war (wie gegen Schalke). Aber die Tore kann er trotzdem nicht selbst schießen. Und auch heute gab es wieder genug gute Gelegenheiten, um die Torarmut zu beenden.

Die Hauptverantwortung haben also die auf dem Platz. Die, die sich festdribbeln, Fehlpässe spielen, Bälle verlieren oder nicht festhalten oder die aus besten Chancen keine Tore machen, wo es ihnen in der vergangenen Saison unter dem gleichen Trainer keine Probleme bereitete, in abgezockter Art und Weise zuzuschlagen.

Natürlich fehlt auch die Erfahrung von Stranzl, Brouwers, Nordtveit und der Antreiber Xhaka. Ihre Rollen, das zeigt sich auch immer erst im Misserfolg, hat noch keiner richtig angenommen. Das dem Management anzulasten wäre unfair, da im vergangenen Sommer der Transfermarkt zu heiß war, als dass Borussia um richtige Verstärkungen hätte mitbieten können. Dass die Baustelle für den Winter erkannt wurde, ehrt die Vereinsführung, doch es nützt André Schubert genausowenig wie damals Michael Frontzeck in seiner Restlaufzeit nicht mehr von den Wintereinkäufen Nordtveit, Stranzl und Hanke und der Rückkehr mehrerer lange verletzter Spieler profitieren konnte, sondern sein Nachfolger Lucien Favre.

Vielleicht kehrt mit dem erwarteten neuen Mann am Spielfeldrand bald der Erfolg und das Glück zurück, was Schubert und dem VfL jetzt seit September abging. Aber: Diese Hinrunde hat auch deutlich gemacht, dass Borussia zu vielem nur fähig ist, wenn alle zusammenhalten. Genauso gilt, dass der von den Fans so gern strapazierte Satz vom "geilsten Club der Welt" nur gilt, solange die Mannschaft erfolgreich spielt. In schlechten Tagen ist ein großer Teil von Gladbachs Anhang eben auch nicht besser als der von beliebigen anderen Clubs. Das hat sich in den Onlinekommentaren gezeigt und es hat sich zuletzt im Stadion fortgesetzt.
Was sich heute im Borussia Park auf den Rängen abgespielt bzw. eben nicht abgespielt hat, passte sich der armseligen Leistung auf dem Platz traurigerweise hervorragend an. "Ein einig Volk von Brüdern" ist aber vor allem dann bitter nötig, wenn es eng wird. Eine Verweigerungshaltung, wie sie heute von weiten Teilen der Stadionbesucher an den Tag gelegt wurde, führt sicher nicht dazu, dass die Mannschaft sicherer wird. Und auch nicht, dass sich Spieler, die vor kurzem noch von den Fans so umworben wurden, sich im Zweifel für Borussia entscheiden wollen, weil der VfL ein so besonderer Club ist.

Und so haben heute alle verloren - nicht nur André Schubert, der ohne Zweifel viel für Borussia geleistet hat und sich seit seiner Amtsübernahme aus meiner Sicht stets tadellos verhalten hat. Und der doch von so vielen Seiten dermaßen verletzend angegiftet wurde, dass man sich als Borussia-Fan durchaus auch für manche Anhänger schämen muss.
Und deshalb bin ich traurig, dass das Fußballjahr 2016 uns alle nicht nur ratlos über die zuletzt mutlosen und trostlosen Auftritte zurücklässt, sondern auch noch auf eine sehr spezielle Weise würdelos endet. Hoffen wir, dass 2017 uns diese bittere Zeit schnell vergessen lässt und neue Erfolge schnell die entstandenen Wunden im Verein schließen können.

Bundesliga 2016/17, 16. Spieltag (20.12.16): Borussia Mönchengladbach - VfL Wolfsburg 1:2 (Tor für Borussia: 1:1 Hazard)