2021-08-29

Nicht grundlos da unten

 Mit einem Punkt aus drei Spielen als Tabellen-15. in die erste Länderspielpause: Das ist eine Bilanz, die man angesichts des unangenehmen Anfangsprogramms mit Spielen gegen Bayern München und Auswärtspartien in Leverkusen und bei Union durchaus befürchten, ja sogar als nicht so ganz unrealistisch betrachten konnte.

Denn dass ein neuer Trainer nicht vom ersten Spieltag an die Maßstäbe ganz neu setzen kann, das versteht sich von selbst. Dass die Verletzungen - die vielen Spieler, die deswegen fehlen oder noch keinen Spielrhythmus haben - und die ungeklärten Situationen rund um mögliche Transfers ein weiteres Hindernis in der Neuausrichtung der Mannschaft nach der unerquicklichen Rose-Spätphase sein würden, leuchtet auch jedem ein. Also muss man einkalkulieren, dass vieles noch nicht rund läuft. So weit, so verständlich.

Jeder weiß aber auch, dass es nicht so unglücklich laufen muss. Gegen die Bayern wären drei Punkte nicht unverdient gewesen, dort wurden sie ein Stück weit von außen (Schiri/VAR) verhindert.

Dass die Spiele gegen Bayer und die Eisernen verloren wurden, lag aber bei allen Randgeräuschen zu allererst an der eigenen Leistung unserer Rautenträger. 

Egal. Haken wir Leverkusen ab, schauen wir auf heute. Und da zeigte sich einmal mehr das unerklärlich fahrige Gesicht dieses doch inzwischen über mehrere Jahre ganz gut zusammengehaltenen und eingespielten Kaders. Ja, die jungen und vergleichsweise unerfahrenen Scally und Beyer standen heute auf dem Platz, und letzterer leitete den unerfreulichen Verlauf des Nachmittags mit seinem Fehlpass auch ein. Doch ihm ist als allerletztes ein Vorwurf zu machen, wenn neben ihm die erfahreneren Nebenleute wie Bensebaini, Stindl, Hofmann, Neuhaus dem Gegner die Bälle reihenweise in die Beine spielen. Stindls Missverständnis mit Wolf führte zum 0:2, das Abwehrverhalten bei beiden Toren war unterirdisch, auch weil es wieder einmal nicht gelang, rechtzeitig ein taktisches Foul zu ziehen oder in Überzahl gegen zwei Gegner im Strafraum den Überblick zu behalten. 

In der zweiten Hälfte war es wie gegen Leverkusen ein kurzes engagiertes Aufflackern nach der Pause, und danach viel Leerlauf, Ratlosigkeit und unpräzises Spiel gegen einen in die eigene Hälfte zurückgezogenen laufstarken Gegner. Es sah eigentlich nie danach aus, als würde heute noch ein Tor für Borussia fallen wollen, genauso wie vor einer Woche. Und es wäre unverdient gewesen, wenn nach dem in der Nachspielzeit endlich erzwungenen Anschlusstreffer von Jonas Hofmann auch noch das mögliche 2:2 gefallen wäre. Doch Patrick Herrmann vergab die Topchance einmal mehr ziemlich unsouverän und legte damit ein weiteres Problem des VfL offen: Solange Alassane Plea und Lars Stindl im Angriff zu viel gleichzeitig machen müssen, weil ihre Nebenleute weder als Vorbereiter noch als torgefährliche Alternativen zur Verfügung stehen, bleibt Borussia vorne viel zu leicht ausrechenbar.

Es fehlen - noch eine Weile - die Läufe von Thuram und Embolo, die Vorstöße von Lainer und natürlich auch die Gefährlichkeit, die ein Ramy Bensebaini in Bestform ausstrahlen kann. Alle anderen sind ja bemüht, aber weder Bennetts noch Herrmann noch irgendein anderer haben den Zug zum Tor, den es braucht, um im Zweifel dann auch anderen Räume in der Hälfte des Gegners zu öffnen.

Dass es hätte anders laufen können, zeigte die Anfangsphase, in der Gladbach das Spiel sicher im Griff hatte, mit vielen Direktpässen agierte und auch passabel durchs Mittelfeld kam. Das ist ein vernünftiger Weg, denn die Spieler für dieses schnelle Direktspiel sind da. Dennoch scheiterte die Hütter-Elf, übrigens wie in Leverkusen, immer wieder dann mit schlecht getimten Bällen, wenn es in die Spitze gehen sollte. Nicht zuletzt resultierten aus solchen fahrigen Zuspielen auch die gefährlichen Konter, die am Anfang beider Niederlagen standen.

Es ist, wie es ist. Und es sieht leider so aus, als hätte die Mannschaft noch sehr viel von der Endphase der letzten Saison in den Beinen und noch nicht genug von der Überzeugung für Hütters aufwändiges, intensives und körperbetontes Spiel in den Adern, die sie im Spiel gegen den Rekordmeister noch gezeigt hatte.

Wie gesagt: Man kann nicht erwarten, dass alles schon perfekt sitzt - das war ja auch bei den Gegnern bisher nicht so. Aber dass die entscheidenden Fehler der Rückrunde - mangelnde Kompaktheit im Defensivspiel  nach Ballverlusten und die fehlende Variabilität im Spiel nach vorne alias Plan B - weiterhin die beherrschenden Probleme sind, enttäuscht schon.

Denn Union reagierte heute taktisch auf die gute Anfangsphase der Fohlen, indem sie Stindl und Neuhaus sehr eng - fast in Manndeckung - nahmen und dafür eher Chris Kramer freiließen und so zum unfreiwilligen Gladbacher Spielmacher machten, was dieser überhaupt nicht zu nutzen wusste. Die taktische Antwort der Borussen blieb ohne Wumms. Denis Zakaria brachte zwar an Kramers Stelle nach der Pause deutlich Belebung, aber auch die Umstellung auf eine Dreierkette mit Bensebaini und dem oft absinkenden Zakaria als verkappten Aufbauspielern brachte gegen die massive Defensive von Union nur ganz wenig schnelle und durchdachte Angriffe hervor. Es dauerte meist zu lange, bis die eigene Hälfte überwunden war - auch weil lange Bälle gegen die Union-Defensive und dem Gladbacher Personal im Angriff wenig erfolgversprechend waren und beim anlaufen der Union-Stürmer immer wieder der sichere Passweg nach hinten gewählt wurde. 

Fazit: Es fehlt an vielem, und Borussia steht nach drei Spielen nicht ohne Grund da, wo man steht. Die Balance zwischen den Mannschaftsteilen ist noch nicht gefunden. Die Aggressivität, mit der man Gegner zu Fehlern zwingen kann, wird nicht als Mannschaftsverbund und bisher nur punktuell umgesetzt, Angriffspressing war heute zum Beispiel gar nicht zu sehen. 

Und die Zielstrebigkeit und Handlungsschnelligkeit - bis hin zum häufigeren Schuss aufs Tor, wenn es mal Sinn ergibt - lässt auch zu wünschen übrig. Für all das gibt es die oben genannten Gründe und mildernden Umstände. Es ist derzeit nicht einfach (aber genausowenig für die anderen Teams), ganz sicher. Das darf aber nicht als Entschuldigung dafür hergenommen werden. Adi Hütter und sein Team haben einen Rucksack voller Aufgaben, damit sie in zwei Wochen mit hoffentlich ein paar Spielern mehr, die sich über diese Tage wieder in Form bringen können, deutlich besser auftreten können. Bis dahin nehmen wir den Fehlstart in der Liga so an, wie man ihn - noch - nehmen kann: mit Fassung.

Exkurs: Am Schiedsrichter lag es heute nicht. Aber die selbstherrliche Arroganz, mit der Schiedsrichter Felix Brych gefühlt jede zweite (meist auch noch sehr klare) Aktion - egal ob Ausball oder Foul - falsch entschied, die ist gleichermaßen beeindruckend wie zur Weißglut treibend. Es hätte wahrscheinlich nichts genutzt: Aber auch heute beendete er das Spiel deutlich zu früh. Das Tor in der Nachspielzeit wurde allein eineinhalb Minuten gecheckt, danach ließ sich Luthe noch einmal eine gute halbe Minute Zeit mit einem Abstoß, und blieb, obwohl er dafür von Brych schon in der 46. Minute ermahnt worden war, natürlich ohne Verwarnung. Brych pfiff dann eine Minute nach Ende der angezeigten Mindestnachspielzeit von drei Minuten ab - gerade, als Borussia sich nach Ballgewinn für einen vielleicht letzten Angriff der Mittellinie näherte.

Dass kurz vor Schluss auch noch ein langer Ball auf Herrmann sofort als vermeintliches Abseits zurückgepfiffen wurde, obwohl es eine Zentimeterentscheidung gewesen wäre und doch die klare Maßgabe gilt, solche Angriffe durchlaufen zu lassen, das passte ins Bild. Aber das nur der Vollständigkeit halber. Wichtiger ist das, was die Mannschaft verbessern kann und muss.   

Bundesliga 2021/21, 3. Spieltag: FC Union Berlin - Borussia Mönchengladbach 2:1. Tor für Borussia: 2:1 Hofmann.


Saisonspende: Mühsam nährt sich das Eichhörnchen, Nach dem leeren Abend in Leverkusen gibt es heute durch Hofmanns Tor immerhin einen Euro dazu. Spendenstand nun: 4 Euro.

Folgendes gilt für die Saison 2021/22: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in Bundesliga oder DFB-Pokal: 1 Euro. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Deutsche Meisterschaft: 121 Euro. DFB-Pokalsieg: 50 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2021-08-22

Abend zum Vergessen

Wenn einem rein gar nichts gelingt und man noch stundenlang hätte weiterspielen können, ohne ins Tor zu treffen. Wenn auf der anderen Seite gefühlt jeder Schuss ein Treffer ist und man nur hinterher rennt. Wenn ein Spiel mal so läuft, spricht man gemeinhin von einem gebrauchten Tag. Kein Wunder also, dass diese Vokabel auch nach dem ernüchternden 0:4 in Leverkusen die wohl meistgebrauchte war.

Doch damit ist das Spiel nicht allein zu erklären. Fangen wir bei der Leistung der Hütter-Elf an. Die war nicht ausreichend, das ist klar. Ein Torwart, der in einigen Szenen nicht die gewohnte Sicherheit ausstrahlte, um es vorsichtig zu formulieren. Man könnte auch sagen, dass er bei zwei Gegentoren schlecht aussah, auch wenn man ihm da keinen groben Fehler unterstellen muss. 

Ein Kapitän, der zwar gewohnt vorneweg ging, was die kämpferische Einstellung und die Leistungsbereitschaft anging. Der aber auch vom Elfmeterpunkt die Chance hatte, dem Spiel eine andere Wendung zu geben und dabei recht kläglich scheiterte - ebenfalls sehr ungewohnt für den sonst nervenstarken Lars Stindl.

Der Rest ist mehr oder weniger kollektiv fehlerhafte Verteidigung bzw. individuelle Fehler, die sich nicht reparieren ließen, nicht nur bei den Gegentreffern - und das gleichzeitige Auslassen einiger guter eigener Chancen.


Das allein reicht heutzutage schon, um in der Bundesliga ein Spiel klar und verdient zu verlieren. Das kann in der Findungsphase in einer neuen Saison mit einem neuen Trainer auch mal passieren. Und natürlich muss man da auch als Trainerteam als erstes ansetzen. 


Doch es gab gerade in diesem Spiel noch mehr spielentscheidende Einflüsse. Die sind die eigentlich Unentschuldbaren, aber sie sind für Borussia kaum zu beeinflussen. Was diese Niederlage noch ärgerlicher macht, als sie ohnehin schon ist.


Reden wir Klartext: Denis Aytekin, inzwischen weithin geschätzter Schiedsrichter, hatte, obwohl er keine ganz groben Fehler machte, heute nicht seinen besten Tag - genauso wie die Gladbacher. Er pfiff gewohnt wenig, ließ sehr viel laufen. So weit, so gut. Doch dabei entging ihm, dass die aggressive Zweikampfführung, mit der vor allem die Bayer-Akteure den Gegner durchaus erfolgreich bearbeiteten, in vielen Fällen über das normale Maß hinaus ging. Mit Konsequenzen. Denn es war (zu) oft rohes, rücksichtsloses Spiel dabei. 

Das bekam zuerst Marcus Thuram zu spüren, dem Tah ziemlich heftig in den Körper sprang, ihm dabei klar auf den Fuß trat und ihn zugleich außen am Knie traf, was Tikus wenig später zum Aufgeben zwang. 

Aytekin pfiff das Foul zwar, verzichtete aber hier wie in einigen anderen Szenen auf die notwendige Konsequenz. 

Tah bekam kein Gelb, und das Spiel eskalierte weiter, mit dem negativen Höhepunkt, der Szene, die zum Elfmeter führte. Bakker streifte mit einem Fuß zwar zuerst den Ball, stoppte den Gladbacher, der schon an ihm vorbei war, aber dann brutal mit einer "Schere". Er klemmte das linke Bein ein und traf ihn mit dem nachgezogenen rechten Fuß. Mit offener Sohle trat der Stevie Lainer auf der Strafraumlinie in die Hacke, und so wie es aussieht, brach er ihm im Ablauf dieser Szene den Knöchel. 

Aytekin hatte eine gute Sicht von der Seite auf die Szene, er gab Bakker die gelbe Karte. Möglicherweise auf dem Feld ohne Wiederholungen auch nachvollziehbar. Doch wo blieb in diesem Moment der VAR Tobias Welz? Eine klarere Rote Karte kann man sich kaum vorstellen als bei Ansicht dieser Bilder. Bei zweiten Tritt hatte Bakker keine Chance auf den Ball, seine Aktion war kontrolliert zu Ende geführt. Er wollte Lainer sicher nicht absichtlich verletzen, aber er nahm es einfach in Kauf. 


Nach dem VAR-Ärger in der Vorwoche war dies der zweite spielentscheidende grobe Fehler im Kölner Keller, nach dem es mir als VAR-Befürworter langsam auch schwerfällt, noch Argumente für ihn zu finden.


Nun könnte man lange darüber diskutieren, wie das Spiel gelaufen wäre, wenn Leverkusen danach zu zehnt hätte weiterspielen müssen. Doch das ist Spekulation. Fakt ist: Borussia verschenkte den Elfmeter und kam trotz einer ganz guten Phase nach der Pause mit einigen guten Gelegenheiten nicht zum Torerfolg. Der VfL war heute auch ohne die widrigen Umstände einfach nicht gut genug. Dass der K.o. zum 0:3 durch einen abgefälschten Ball von Bensebaini möglich wurde, sagt aber eigentlich alles über den schlechten Stern aus, unter dem dieses Spiel offenbar stand. 


Die drei verlorenen Punkte sind für mich dabei verschmerzbar. Viel schlimmer sind die Verletzungen von Lainer, Thuram, Plea und Bensebaini nach einem ebenfalls schon dunkelgelben Foul von Diaby in der Nachspielzeit. Sie könnten - je nach Schwere - deutlich länger nachhallen  als das 0:4.


Bundesliga 2021/21, 2. Spieltag: Bayer Leverkusen - Borussia Mönchengladbach 4:0.