Sonntag, 23. Juli 2017

Viel Luft nach oben

Aus Spielen in der Vorbereitung auf die neue Saison sollte und darf man nur eingeschränkt Schlüsse auf das wahre Leistungsvermögen der Mannschaft ziehen. Da treffen unterschiedlich trainingsbelastete Teams aufeinander, es geht noch nicht um die Wurst, Verletzungen will jeder auch nach Möglichkeit vermeiden. Es ist eben ein Testspiel und nicht der Ernstfall. Doch dass bei Borussia drei Wochen vor dem Pokalspiel gegen Rot-Weiß Essen noch viel Luft nach oben ist, ist unbestreitbar - und das macht zum jetzigen Zeitpunkt ja auch noch nichts.

Nun gut, dank der bescheidenen Übertragungsqualität von Fohlen TV in den Spielen gegen Wuppertal und Eupen und einer urlaubsbedingten "Fohlenpause" meinerseits im Anschluss kann ich vor allem das 1:2 im Testspiel in Nürnberg zum Abschluss des Trainingslagers bewerten. Denn angesichts dessen, was ich sonst über die Tests gegen Nizza und Leeds sowie über den Telekom-Cup gelesen und gesehen habe, habe ich es mir gespart, diese Spiele noch mal im Ganzen "nachzuarbeiten". Auffällig war auch da aber schon, dass Borussias (wenigen) Tore ausschließlich Standards oder Einzelaktionen entsprangen und die spielerische Bilanz bei herausgespielten Chancen eher bescheiden ausfiel.
Eine Beobachtung, die das Spiel gegen Nürnberg bestätigt hat. Die erste Halbzeit war nach dem frühen Tor durch Zakaria (nach Hazard-Freistoß) im Gegenteil ein Beispiel dafür, wie man dem VfL ziemlich effektiv begegnen kann.
Nürnberg gelang es immer wieder, durch aggressives Anlaufen der Ballverteiler im Mittelfeld den Gladbacher Spielfluss effektiv zu unterbinden und den Ball zurück zum Abwehrspieler oder Torwart zu provozieren. Die Startelf, die ja durchaus schon Stammelf-Qualität hatte, fand keine spielerischen Lösungen dagegen: kein schnelles Kombinationspiel, keine erfolgreichen Flankenläufe, kein direktes Spiel durch die Mitte, keine langen Bälle hinter die Abwehr. Offensiv fand der VfL gegen einen kurz vor dem Saisonstart stehenden Gegner nicht statt. Angriffsbemühungen wurden in der Regel früh abgebrochen und durch den kapitulierenden Pass zurück das gesamte Spiel entschärft.
Der Club hingegen zeigte nach vorn sehr deutlich, wie man es machen muss. Schnelle, kompromisslose Pässe in die Spitze, gute Konter - es war allein dem gut aufgelegten Yann Sommer und der Schludrigkeit der Nürnberger Stürmer zu verdanken, dass die Niederlage nicht höher ausfiel.

Nach der Pause schien sich das Spiel des VfL mit der Einwechslung der jungen Wilden Cuisance und Benes etwas zwingender zu gestalten, auch Grifo und Herrmann brachten mehr Belebung ins Spiel als es zuvor Hofmann und Traoré gelungen war. Doch das hielt auch nur eine Viertelstunde an.
Gerade bei den jungen Spielern (auch bei Zakaria und in der ersten Hälfte bei Reece Oxford) schlichen sich viele Fehler ein, die darauf zurückzuführen waren, dass sich die Spieler zu sehr auf ihre Fähigkeiten verließen und teilweise zu optimistisch in Zweikämpfe mit gestandenen Zweitligaspielern gingen, die bereits bei fast 100 Prozent in der Saisonvorbereitung stehen. Diese Ballverluste zeigten, dass es bei einigen Akteuren bei aller vorhandenen Klasse noch ein Stück ist bis zur Stammelf für den Ernstfall. Die zweite Halbzeit bot zwar einige Torabschlüsse des VfL, aber insgesamt zu wenig zwingendes; und das, obwohl Dieter Hecking schnell auf Dreierkette (Elvedi, Strobl, Jantschke) umstellte und Fabian Johnson, der nach der Pause auf der Wendt-Position begann, als zusätzliche Kraft ins Mittelfeld schob.
Natürlich merkte man allen Spielern an, dass sie im Gegensatz zu den Gastgebern ein forderndes Trainingslager in den Knochen hatten. Doch auch einige Routiniers blieben darüber blasser als erwartet - etwa Raffael, Johnson, Traoré und Hofmann. Insgesamt bot das Spiel also viele Ansatzpunkte für das, was in den kommenden Wochen noch verbessert werden muss. Denn so viele Chancen wie die Nürnberger an diesem Tag werden andere Teams in der Saison nicht auslassen.

Mein vorläufiger Eindruck der Neuen (und Nachrückenden) bezieht sich auf die bisherigen Testspieleindrücke, sollte also auch entsprechend vorsichtig gewichtet werden:

Vincenzo Grifo: Stammelfkandidat, aufgrund seiner Standards und der guten Einbindung ins Spiel nach vorn hat er aus meiner Sicht derzeit die Nase vorn, vor den bislang noch steigerungsfähigen Hofmann und Johnson.

Denis Zakaria: Drückt dem Spiel schon seinen Stempel auf, verlässt aber gerade mit dem Rücken zum angreifenden Gegner sehr stark auf seinen Körper, das kann gefährliche Ballverluste zur Folge haben. Nach vorne mit guten Ballschleppereigenschaften, die Pässe in die Spitze zeigen Übersicht, sind aber oft unsauber gespielt. In manchem ungeschickten Zweikampf (Foul) drohte ihm gegen Nürnberg (bei einem Pflichtspiel) eine Gelbe Karte. Er muss sich steigern, sonst könnte ihm ein risikobewussterer Spieler wie Strobl vorgezogen werden.

Laszlo Benes: Hat aus der vergangenen Saison einen Bonus, er könnte auch Zakaria auf der Sechserposition verdrängen. Dazu muss er aber cleverer spielen als in Nürnberg, wo er oft zu viel zeigen wollte, anstatt die einfache Lösung zu suchen.

Reece Oxford: Spielt mit viel Selbstbewusstsein, den Nachweis der zugehörigen Klasse bleibt er in manchen Situationen aber noch schuldig. Gegen Nürnberg verlor er bisweilen den Gegenspieler aus den Augen und spielte den einen oder anderen schwachen Pass im Aufbauspiel. Insgesamt aber ein ordentliches Auftreten, im direkten Zweikampf gute Lösungen. Dennoch: Oxford wird es schwer haben, an einem Matthias Ginter vorbeizukommen, wenn er nicht insgesamt fokussierte wird.  

Mickael Cuisance: Traut sich viel zu, hat eine hervorragende Ballbehandlung und schon einen guten Körpereinsatz. Allerdings geht auch vieles noch daneben - Dribblings werden gestoppt, Pässe gehen ins Leere. Derzeit für mich noch kein Kandidat für die Startelf, lernt aber offenbar sehr schnell dazu.

Kwame Yeboah: Alternative aus der U23. Hat wohl eine gute Vorbereitung gespielt, Hecking hat ihm bisher viel Spielzeit gegeben. Gute Bewegungen im Angriff, aber Torgefahr bzw Knipsermentalität konnte er nicht nachweisen.

Julio Villalba: Bisher mit wenig Spielzeit, kaum seriös zu bewerten. Da ihm bei den Einwechslungen Yeboah vorgezogen wurde, braucht er offenbar noch ein bisschen Anlaufzeit.

Und sonst? Matthias Ginter und Mamadou Doucouré haben noch nicht ins Spielgeschehen eingegriffen, Ba-Muaka Simakala spielt derzeit keine Rolle im Kader, er blieb auch in Nürnberg ohne Einsatz.

Das bedeutet, dass meine momentane Startelf für den Saisonauftakt derzeit noch stark der der vergangenen Saison ähnelt:

Sommer - Wendt, Vestergaard, Ginter, Elvedi (Jantschke) - Grifo, Zakaria, (Strobl, Benes), Kramer, Hazard (Herrmann, Traoré) - Stindl, Raffael.

Ich bin gespannt, wie sich der Kampf um die Positionen bis zum 11. August in Essen weiterentwickelt. Luft nach oben haben schließlich alle.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Kommen und Gehen

Es tut sich doch noch einiges in Borussias Kader. Mit dem doch etwas überraschenden Abgang von Nico Schulz nach Hoffenheim wird allerdings nicht nur wie angekündigt der Kader noch etwas verschlankt. Auf der Kippe steht nun immer deutlicher auch der Verbleib von Timothee Kolodziejczak. 
So oder so wäre der VfL damit auf der linken Abwehrseite zu dünn besetzt. Also wäre dort auch wieder ein Zugang vonnöten sein, auch wenn Trainer Hecking auf Fabian Johnsons Vielseitigkeit verweist und darauf, dass auch er als Linksverteidiger auflaufen könnte. Sich darauf zu verlassen, wäre angesichts der vergangenen Verletzungssaison allerdings fahrlässig. 
Sollte Allrounder Johnson ausfallen, fällt er nämlich gleich als Alternative für mehrere Positionen aus: Rechts- und Linksverteidiger, linkes oder rechtes Mittelfeld bzw Flügelstürmer; denkbar ist er auch noch als eine von zwei Spitzen. Die besten Spiele zeigte der US-Amerikaner bei Borussia allerdings links offensiv. Allein deshalb ist es fraglich, ob Borussia wirklich mit Johnson als einzigem Wendt-Backup in die Saison gehen würde. 
Da man über die Leistungsstärke von Kolo derzeit nur spekulieren kann und diverse Aussagen für einen Wechsel sprechen, sehe ich in diesem Fall auf jeden Fall Handlungsbedarf auf der Wendt-Position. 

Ob der Liverpool-Reservist Alberto Moreno eine ernsthafte Alternative sein könnte, ist schwer zu sagen. Grundsätzlich ist er teuer, im Gehalt wie in der Ablösesumme, sodass eine Leihe am ehesten realistische wäre. Positionstechnisch deckt er genau das Spektrum von Nico Schulz ab, wäre also in dieser Hinsicht ein 1:1-Ersatz, der sich sicher nicht hinter Wendt anstellen möchte, der beim Trainerteam bislang unangefochten Nummer 1 auf der Position zu sein scheint - trotz der guten Leistungen von Nico Schulz, der zum Saisonende deutlich mehr Druck und Geschwindigkeit auf die Seite gebracht hatte. Aus diesem Grund nehme ich den Wechsel von Nico Schulz auch als Verlust wahr.

Der zahlenmäßigen Verkleinerung der Mannschaft fällt nach Korb, Hahn, Nico Schulz und Sow nun auch noch Marvin Schulz zum Opfer. Ob sein Wechsel in die Schweiz für Borussia ein Verlust ist, lässt sich kaum sagen, da der junge Verteidiger durch Verletzungen mehr als ein Jahr weg vom Fenster war.
Schade ist aber, dass Borussia ausländischen Talenten wie Doucouré oder Reece Oxford mehr zutraut als langjährig in Mönchengladbach ausgebildeten Eigengewächsen wie dem in der ersten Liga ebenso erfahrenen Marvin Schulz. Schade, dass diese Spieler dann auch nicht mehr verliehen werden können, sondern gleich ganz wechseln. Bitter ist das für den VfL in einem Fall wie Amin Younes, wenn der Spieler den Durchbruch woanders schafft. Dennoch drücke ich den Abgängen natürlich die Daumen, dass sich der Wechsel für sie lohnt. Denn bisher haben sie auch alles für unseren Verein gegeben. 
Und immerhin: Im Gegensatz zu früher werden die Spieler zu vernünftigen Preisen abgegeben. Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, wo Borussia Schwierigkeiten hatte, für ausrangierte Spieler einen zahlenden Kunden zu finden und sogar Verträge teuer auflösen musste, um Spieler vom Kaliber Wesley Sonck und Bernd Thijs wieder loszuwerden. 
Heute sieht das etwas anders aus. Für die Spieler, die bis jetzt gegangen sind, kassiert Gladbach zumindest nicht weniger, als man ausgegeben hat - auch wenn man sich von dem einen oder anderen mehr erwartet hatte. Auch wenn Kolo noch geht, wird sich der mögliche Verlust in Grenzen halten. Ein großes Missverständnis wäre es dennoch gewesen. Auch ich hatte mir von dem Franzosen deutlich mehr erwartet, als er bisher zeigen konnte.

Mit den Abgangs-Nachrichten aus dieser Woche kommt der VfL der Soll-Größe des neuen Kaders auf jeden Fall schon recht nahe. Offen ist noch der Status von Ba-Muaka Simakala, dem in der Vorbereitung bisher andere U23-Spieler wie Kwame Yeboah vorgezogen werden. Tsy-William Ndenge soll verliehen werden, aber bislang ist noch kein Vollzug gemeldet worden.

Und dann ist da noch die ewige Stürmerfrage. Der vielgeforderte "Knipser" ist ein Phantom, das kontinuierlich und unausrottbar durch sämtliche Gladbach-Foren geistert. Mag sein, dass noch jemand verpflichtet wird - aber sicher keiner, der eine Torgarantie mitbringt. Die sind derzeit nicht zu bezahlen. Und wer weiß, vielleicht spielt sich ja einer aus den eigenen Reihen noch in den Vordergrund. Wenn nicht, ist Borussia offensiv trotzdem gut genug ausgerüstet, um gegnerische Abwehrreihen das Fürchten zu lehren. Aber noch ist das letzte Wort da ja nicht gesprochen. Und das hält die Spannung bis zum Saisonauftakt auch immer schön hoch.
 
------------------------------------------
Der derzeitige Profikader:
Tor: Yann Sommer, Tobias Sippel, Moritz Nicolas, Christofer Heimeroth.
Abwehr: Mamadou Doucouré, Nico Elvedi, Tony Jantschke, Jannik Vestergaard, Oscar Wendt, Timothee Kolodziejczak, Reece Oxford, Matthias Ginter.
Mittelfeld: Lazlo Benes, Patrick Herrmann, Jonas Hofmann, Fabian Johnson, Christoph Kramer, Tobias Strobl, Ibrahima Traore, Denis Zakaria, Vincenzo Grifo.
Angriff: Josip Drmic, Thorgan Hazard, Raffael, Lars Stindl, Julio Villalba.