2019-07-20

Erste Blüten an Borussias neuer Rose

Drei Wochen sind es noch bis zum Saisonstart mit dem DFB-Pokal-Erstrundenspiel, und nun beende auch ich meine - diesmal länger als üblich ausgefallene - Sommerpause. 
Wenn ich ehrlich bin, hatte ich schon ein schlechtes Gewissen, noch nichts geschrieben zu haben, wo die Mannschaft mit dem neuen Trainerstab nun doch schon fast drei Wochen im Training ist. Aber es gab noch nichts, was ich unbedingt loswerden musste. Und dann gab es noch einen zweiten Grund, der meine Vorfreude auf die neue Spielzeit bisher arg gedämpft hat und weiter dämpft. Dazu später mehr.

Dieses Jahr war bei Gladbach einiges deutlich anders als in den Sommerpausen zuvor. Die Transfers stockten lange, dann kamen die etwas überraschenden Zugänge Max Grün, Stefan Lainer und Breel Embolo, die bei näherem Betrachten aber eigentlich ziemlich schlüssig sind. 
Dazu gehört natürlich der erfahrene Grün als Backup im Tor für den sinnvollerweise ausgeliehenen Moritz Nicolas. Auch dass Marco Rose einen seiner bisherigen Spieler mitbringen würde, um auf dem Platz einen zu haben, der seine Vorstellungen "auf dem kurzen Dienstweg" vermitteln kann, hatte ich wohl einkalkuliert - dabei aber wie fast alle eher auf Xaver Schlager oder Fredrik Gulbrandsen getippt.
Und dass Max Eberl Spieler, die er haben will, auch gern mal im zweiten Anlauf (zudem billiger und vielleicht sogar williger) holt wie bei Embolo, hat er ja schon mehrfach bewiesen - etwa bei Drmic, Kruse, Ginter oder Hofmann. Embolos Verletzungshistorie sehe ich dabei als nicht so entscheidend an, weil die meisten seiner Verletzungen - ähnlich wie bei Lars Stindl - durch spieltypische Einflüsse zustande kamen und nicht unbedingt auf eine chronische körperliche Schwachstelle weisen. Ich denke, dass wir an dem Schweizer viel Freude haben werden.
 
Nun kommt ja auch noch für die Offensive Marcus Thuram, womit man Max Eberl schon jetzt und wieder einmal richtig gute Arbeit bescheinigen kann. Alle drei Zugänge bringen große Qualität neu in den Kader. Und auch für die Verteidigerposition wird es am Ende wohl noch einen Spieler geben, der ins Konzept und Budget passt.
Im Gegenzug werden wohl auch Spieler noch gehen, meine Tipps wären Poulsen (Leihe) und Michael Lang. Sollte sich die Situation um Mika Cuisance noch zuspitzen, halte ich auch seinen Verkauf nicht für ausgeschlossen (gegen entsprechende Weiterverkaufsbeteiligungen). Denn auch wenn er im Testspiel wieder einmal sein großes Können zur Schau stellte und ein schönes Tor erzielte, agierte er für meine Begriffe bisweilen auch wieder eigensinnig und fehlerbehaftet (er wurde von Rose mehrfach korrigiert). Vor allem bleibt seine auch öffentlich geäußerte Anspruchshaltung ein schwelender Brandherd. Denn er ist bei weitem nicht der einzige, der sich begründete Hoffnung auf einen Stammplatz in der Mittelfeldraute ausrechnen darf - aber er ist der einzige, der eine Drohkulisse ("Sonst bin ich weg") dafür aufbaut. Ich habe großes Vertrauen, dass Marco Rose mit seiner ruhigen, aber verbindlichen Art die richtigen Worte für das ungeduldige Riesentalent finden wird. Doch ob der Franzose es auch verinnerlicht, dass er keine Extrawurst gebraten bekommt, und daraus die richtigen Schlüsse zieht, muss sich zeigen.

Die Befürchtung, die viele (auch ich) hatten, dass die Anforderungen von Marco Rose nicht mit allen vorhandenen Spielern kompatibel sein könnten, habe ich in den vergangenen Tagen leichten Herzens verworfen. 
Und ich habe mich dabei auch ein wenig geschämt und geärgert, dass ich mit meinen Zweifeln langjährigen Borussen wie Wendt, Jantschke, Johnson oder Herrmann (und nicht zum ersten Mal) quasi abgesprochen habe, dass sie in ihrem Beruf natürlich genauso lernfähig sind wie wir in unseren "Allerweltsberufen". Und dass sie ihre Aufgaben auch unter anderen taktischen Vorgaben mehr als ausreichend zu erfüllen vermögen. 
Man tut als Außenstehender jemandem leicht mal unrecht, schreibt manchmal Spieler zu früh und leichtfertig ab. Doch bisher haben gerade diese Spieler ja unter jedem Trainer wieder ihre Chance bekommen. Ich hätte das also von Beginn an entspannter sehen können.

Ich habe bis jetzt noch relativ wenig live sehen können, in Gänze nur das Testspiel gegen Basaksehir und ein paar Szenen aus den Testspielen zuvor. Doch das, was da zu sehen war, hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, sich nicht nur auf die Neuzugänge zu konzentrieren, sondern darauf, wie gerade die altgedienten Spieler mit dem Rose-System zurecht kommen. Ein Beispiel ist Alassane Plea, der ein Dreh- und Angelpunkt im Spiel nach vorne ist, obwohl ihm mancher schon Fluchtgedanken angesichts der künftigen Spielweise unterstellte. 
Doch auch die eben Genannten - Herrmann, Johnson, Wendt und Jantschke, natürlich auch Maestro Raffael, haben mir gezeigt, dass sie bereit sind für Roses Borussia. Na klar, Testspiele sind Testspiele, und gerade Jantschke hatte gegen den Erdogan-Club bei einigen schnellen Gegenangriffen auch seine Probleme. Doch insgesamt war das schon sehr flüssig.
Das 5:1 gegen Basaksehir war hochverdient und sehr ansehnlich - mit tollen Toren. Aber man darf es wie immer nicht zum Maßstab nehmen. Die Jahre zuvor haben oft schon gezeigt, dass gerade die jungen Spieler und die U23-Gäste sich dort ganz hervorragend verkauft haben, um dann in der ganzen Saison bei den Profis unberücksichtigt zu bleiben (und das sicher nicht grundlos). 

Der klarste Hinweis darauf, dass das Basaksehir-Spiel nicht zu ernstgenommen werden darf, ist der, dass in beiden Halbzeiten komplett andere Teams auf dem Feld standen. Ein Stevie Lainer konnte nur deshalb so beiendruckend oft die Linie rauf und runter rasen, weil er wusste, dass er dies an diesem Tag nur 45 Minuten lang würde tun müssen. Und so war es auch bei den anderen. Keiner der Spieler würde in dieser Intensität über 90 Minuten gehen können. Das verzerrt den Eindruck also schon. Andererseits zeigt es uns Fans ganz deutlich, wie laufen könnte, wenn es gut läuft. Und wie heftig die Rose-Elf den Gegner gerade in Halbzeit eins permanent durch frühes Angreifen unter Stress setzte und zu Fehlern zwang, war bemerkenswert.

Die Nachteile waren allerdings genauso deutlich zu sehen. Wenn sich die technisch starken Türken der ersten Angriffswelle des VfL mal entziehen konnten und den Ball präzise lang auf den Flügel legten, überspielten sie mit einem Streich ziemlich leicht gleich sieben oder acht Gegenspieler, sodass es hinten mehrfach zu kitzligen Eins-gegen-Eins-Situationen kam, in denen die Innenverteidiger nicht immer souverän aussahen. 
Tony Jantschke hat genau das auch in einem Interview angesprochen, mit dem Verweis auf das verlorenen Düsseldorf-Spiel aus der Rückrunde, wo die Fortuna genau über diese Schnittstellen-Bälle zum Erfolg kam. An solchen Dingen wird natürlich weiter gearbeitet, so dass bis Saisonstart hier eine deutlich stabilere Absicherung stehen sollte. 

Auf jeden Fall verspricht diese Art Fußball aber ein deutlich lebendigeres, intensiveres und spektakuläreres Spiel, als wir es in der Rückrunde zu sehen bekamen. Und das ist das, auf das wir uns freuen können, unabhängig davon, ob es schon von Anfang an so Früchte trägt wie erhofft. Darauf, das in Pflichtspielen zu sehen, bin ich sehr gespannt und voller Vorfreude.

Wie ich anfangs schon schrieb, ist ansonsten meine Ungeduld und euphorische Freude auf eine neue Saison sehr gebremst. Und das hat natürlich mit der Entwicklung auf dem Transfermarkt zu tun, der den erhofften Wettbewerb auf nationaler und internationaler Ebene - der den Fußball überhaupt nur trägt -, letztlich zu einer Farce und einem Lotteriespiel für viele Vereine macht. Darauf genauer einzugehen, behalte ich mir für eine andere Gelegenheit vor, sonst wird der Text hier viel zu lang. Aber wer aufmerksam verfolgt, welche willkürlich aufgerufenen perversen Summen nun auch schon abseits der absoluten Topklubs fließen, weiß, worauf ich hinaus will. 
So wird zum Beispiel aus einem vor kurzem noch auf Leihspieler angewiesenen Club wie Frankfurt nun einen "Krösus", der einen dreistelligen Millionenbetrag einsetzen kann, für den er zugebenermaßen sein Erfolgstrio im Sturm ersetzen muss. Doch auch der VfL ist ja nicht bis zum Transferschluss Anfang September nicht sicher. Wenn jemand in England oder anderswo späte Transferpanik bekommt und für Elvedi oder Ginter 50 Millionen Euro auf den Tisch blättern würde, müsste sich der Verein damit beschäftigen und eigentlich einschlagen. 
Das alles macht einen berechenbaren Wettbewerb unmöglich. Fair ist er ohnehin nicht, weil ja auch ein Verein wie Borussia - in anderem Maßstab - längst handelt wie die Großen. Aber zu dieser übergeordneten Problematik vielleicht später noch mehr. 

Nun gilt es aber erstmal, die Entwicklung der Rose-Schützlinge in der Vorbereitung weiter zu beobachten. Und da steigt die Vorfreude auf die neue Saison ja doch irgendwie wieder - von Tag zu Tag.

2019-06-05

The times they are a changing (III): Alles neu dank neuem Trainer?

Es hat ein bisschen gedauert mit dem dritten Teil meiner kleinen "Veränderungs-Serie". Ich habe mir bewusst die Zeit gelassen und auch noch die offizielle Präsentation von Marco Rose abgewartet, bevor ich mich der Trainerposition widmen wollte.

Normalerweise ist es so, dass sich ein gut geführter Verein ein Konzept gibt, das eine Spielidee, taktische Schwerpunkte und eine Philosophie im Umgang mit dem Markt umfasst, das von der Jugend bis zu den Profis vermittelt und vorgelebt wird und das natürlich zu dem Verein und seinen (finanziellen) Möglichkeiten passen soll. Innerhalb dieser Vorgaben muss sich dann ein Trainer bewegen. Denn auch wenn dieser mit einer noch so guten Idee zu einem Verein kommt, wäre es fahrlässig, daraufhin alles im Verein auszurichten. Schließlich kann niemand garantieren, ob dieser Trainer auf Dauer im Verein tätig sein wird. Er muss ersetzbar sein, daher muss immer die Philosophie des Vereins vor der des Trainerteams stehen. Es mag Ausnahmen geben, aber Gladbach gehört bislang sicher nicht dazu.

Angesichts der doch abrupten Kurskorrektur ist denkbar, dass das neue Trainerteam künftig eine etwas stärkere Rolle und mehr Einfluss auf die Entscheidungen im Club bekommt als die Trainer zuvor. Das ist nicht ganz ungefährlich, kann aber mittel- bis langfristig auch ein Erfolgsfaktor sein.

Nun hat die Verpflichtung von Marco Rose unter der VfL-Anhängerschaft große Erwartungen und Hoffnungen geweckt, nicht zuletzt aufgrund der eher uninspirierten Rückrunde der Fohlenelf. Darüber ist die Arbeit von Dieter Hecking und seinem Team sicher ein wenig zu negativ bewertet worden. Aber darum geht es mir heute nicht.

Es geht mir darum, klarzumachen, dass eine zu hohe Erwartungshaltung eine gefährliche Entwicklung in Gang setzen könnte, wenn es nicht gleich in der nächsten Runde deutlich besser läuft als unter Hecking.
Auch wenn Rose und seinem Team der Ruf vorauseilt, eine Mannschaft hervorragend einstellen zu können und sie bislang tolle Arbeit in Salzburg abgeliefert haben: Der neue Trainer hat hier mehr Arbeit, als man wahrscheinlich in einer einzigen Sommervorbereitung erledigen kann. Und im Herbst kommt dann wieder die Phase, wo wir uns endlich wieder auf Spiele im Drei-oder-vier-Tage-Takt freuen können. Das bedeutet zugleich, dass kaum Feinarbeit im Training stattfinden kann. Wir kennen das ja noch aus der Favre- und Schubert-Zeit. Und das kann schnell zum Nachteil werden - wenn noch nicht alles rund läuft.

Ich nehme die kommende Saison deshalb als Übergangsjahr, als ersten Teil eines Neuaufbaus, der wahrscheinlich erst abgeschlossen ist, wenn ein Großteil der heutigen Spieler nicht mehr im Kader stehen werden. Ein fachkundiger guter Bekannter, Fan der falschen Borussia, ist überzeugt, dass Marco Rose ein Glücksfall für uns ist. Er hat die Verpflichtung Roses mit der Phase in Dortmund verglichen, als Jürgen Klopp zum BVB kam und eine am Boden liegende Mannschaft erst stabilisiert und dann völlig neu ausgerichtet hat (und dies in Liverpool auf anderem Niveau wiederholt hat).

Der Unterschied von Dortmund damals zu Gladbach heute: Aufgrund der schnell in Unzufriedenheit umschlagenden Stimmung in den letzten Wochen hoffe ich, dass die Fans dem neuen Trainer auch bei uns die nötige Zeit einräumen, die Mannschaft neu aufzubauen. Das bedeutet auch, die Erwartungshaltung ohne Murren herunterzuschrauben, wenn nicht gleich alles glatt läuft - und vielleicht nicht gleich wieder einen Europapokalplatz zu erwarten. Klar, vielleicht läuft es auch gleich besser. Aber möglicherweise auch nicht. Und dann ist die "Einstelligkeit", die von der Vereinsführung immer wieder hervorgehoben wird, diesmal als Ziel wohl auch absolut angemessen.

Aber was kann man vom Team Rose nun denn genau erwarten? Vor allem das, was wir zuletzt vermisst haben: Die Gier, den Ball zu erobern - den Siegeswillen, der sich schon in der Körpersprache ausdrückt. Schnelles Spiel, mehr Stress für den Gegner im Aufbau, selbst deutlich zielstrebigeres Spiel nach vorn. Also im Prinzip das fehlende Puzzlestück im gewohnten ballbesitzbetonten, aber oft zu wenig "tödlichen" Spiel nach vorn. Das zusammenzubringen ist eine große Aufgabe. Doch erstens hat Borussia unter Favre, Schubert und auch unter Hecking in der Vorrunde vieles von dem schon mal gezeigt. 
Und zweitens: So fokussiert und gewinnend, wie sich Marco Rose vergangene Woche in Gladbach vorgestellt hat, kann man ihm auch zutrauen, dass er sein Team genau so formt - selbst wenn man sich das bei dem einen oder anderen, der jetzt im Kader steht, noch nicht immer vorstellen kann.

Ich jedenfalls bin schon etwas beruhigter, seit ich Rose bei der Pressekonferenz gesehen habe. Dass er fähige Leute mitbringt, ist unstrittig: den begabten Taktiker René Maric, den Stürmercoach Alexander Zickler (der bei mir aber eigentlich immer noch eher als Chancentod abgespeichert ist, er wurde ja wohl erst in der schwachen Ösi-Liga zum "Tormonster"), aber auch den Fitness-Coach Patrick Eibenberger. Ich gehe davon aus, dass der jetzige Kader auch in dieser Hinsicht lernfähig und anpassungsfähig erweisen wird. Besonders für die wendigen Hofmann, Zakaria, Benes, Neuhaus, aber auch für Cuisance (wenn er seine Spielmacherallüren zügelt), sehe ich in aktiven Pressingpositionen im Mittelfeld und als Ausgangspunkt für wendige Umschaltmomente gute Chancen unter Rose. 
Inwiefern von außen Spieler dazu kommen, die in dieses System noch besser passen könnten, kann man erst sagen, wenn auch beim VfL der Transfermarkt ins Rollen gekommen ist. Sicher ist, dass auf den Außenpositionen noch Bedarf ist, wohl auch für einen weiteren Stürmer. Wir werden sehen. Aber vertrauen wir in dieser Hinsicht erstmal auf Max Eberl und Marco Rose. Und fahren die Vorfreude auf die neue Saison langsam wieder hoch.