2018-12-09

Der Geduldsfaden hält

Das war ein großer Schritt nach vorn. Ein klarer Sieg gegen einen Gegner, der sich gegen den Abstieg stemmen muss. Und das mit einer stoischen Ruhe, die mir und sicher vielen anderen Fans eine gute Stunde allles abverlangte. 

Denn die Gäste aus Stuttgart waren zwar offensiv kaum in der Lage, die Verteidigung um die aufmerksamen und kompromisslosen Tony Jantschke und Nico Elvedi in Verlegenheit zu bringen. Aber einmal eben doch, als die Schwäche der Vorwochen im Verhalten nach Ballverlusten einmal mehr aufflackerte. Gomez wurde auf die Reise geschickt und scheiterte zum Glück an einer tollen Parade von Yann Sommer. Es war vielleicht der Knackpunkt im Spiel, denn kurz zuvor hatte Plea mit seinem so verständlichen wie unnötigen Einsatz ein Tor von Michael Lang noch verhindert, weil er aus dem abseits heraus den Ball über die Linie stocherte, der auch so reingegangen wäre. 

Wäre Stuttgart hier in Führung gegangen, hätte es noch viel aufreibender werden können. Denn defensiv stellten die Schwaben der Startelf des VfL ganz gekonnt die Wege zu und verleiteten die Spieler dazu, immer wieder das Tempo rauszunehmen und den Ball quer oder zurück zu spielen. Vor allem auf der linken Seite war das zu beobachten, wo Oscar Wendt immer wieder den sicheren Weg wählte und damit Thorgan Hazard einiges an dessen Stärken nahm - weil der nicht wie gewohnt eingebunden wurde und im Eins-gegen-Eins Löcherreißen konnte.

Das machte Ibo Traoré bei seinem ersten Startelfeinsatz seit langem über rechts deutlich besser, allerdings war beim Ivorer auch der Ehrgeiz zu spüren, etwas Besonderes zeigen zu wollen, um zurück in die Mannschaft zu kommen. Und dabei unterliefen ihm auch im Zusammenspiel mit Lang manche unsaubere Aktion, die ins Leere lief.

Dennoch war es der stärkere Kader, der heute den Unterschied machte. Während Stuttgart zur Halbzeit schon zwei verletzungsbedingte Wechsel verdauen musste, später noch Pavard durch Verletzung und Thommy durch Gelb-Rot verlor, konnte Dieter Hecking wieder mal den Sieg einwechseln. Heute in Person von Florian Neuhaus, der in der letzten halben Stunde eindrucksvoll demonstrierte, was ihn auf der Achterposition vom sehr fleißigen, aber nicht ganz so clever agierenden Denis Zakaria unterscheidet. Es ist die Fähigkeit, sich auf einem Bierdeckel umzudrehen und eine ganze Abwehr damit auf dem falschen Fuß zu erwischen. Und der unglaubliche Blick für den richtigen Pass im richtigen Moment.

Insofern wäre es sicher für das Spiel förderlicher gewesen, wenn Neuhaus auch diesmal von Anfang an dabei gewesen wäre. Aber die Pause vor der englischen Woche ist sicher sinnvoll und Neuhaus nutzte sie ganz vorzüglich: zum ersten Bundesligator, das auch noch ganz hervorragend technisch gelöst war. Dass er das erste Tor, die Saisonpremiere für Raffael in der Liga, zuvor noch ebenso schön butterweich aufgelegt hatte, gehört fast schon zu Routine. Ein Tor und acht Assists für einen Bundesliganeuling - das ist nicht nur herausragend, sondern auch ein wichtiger Teil des Erfolgs. 

Denn wo ein Lars Stindl - wie heute - eher als unauffälliger Partner die Drecksarbeit macht, ein im Saisonverlauf überragender Jonas Hofmann ausfällt, und Raffael erst langsam wieder ins Rollen kommt, braucht es eben andere, die in die Bresche springen können. Das war vergangene Saison nicht immer der Fall. Genauso wenig wie Borussia da einen unaufgeregten Dreh- und Angelpunkt im Spiel hatte, den vor der Saison kaum jemand auf der Rechnung hatte: der von Spiel zu Spiel als "ordnender Fuß" souveränere Tobias Strobl - für mich heute der klare Spieler des Spiels.

Drei Spiele bleiben noch bis zur Winterpause. Was wichtig ist: Der Abstand nach hinten hat sich an diesem Spieltag vergrößert (sieht man mal von den Bayern ab). Aber es wird ein zunehmend harter Kampf für die Jungs.
Ob Chris Kramer nach seiner Verletzungspause gleich wieder in Topform ist, muss sich erst zeigen. Doch die erneut unnötige Gelbe Karte, die sich Zakaria kurz vor seiner Auswechslung abholte, macht es vielleicht nötig, dass er schnell bereitsteht. Denn Zakaria ist gegen Hoppelheim gesperrt.

So viele Alternativen wie sonst gibt es dann für die Zentrale nicht mehr. Stindl würde kräftemäßig eine Pause guttun, das hatte Hecking schon vor dem Spiel angedeutet. Hofmann ist möglicherweise noch weiter außen vor, und auch Alassane Plea scheint ein wenig die körperliche Frische zu fehlen, was durchaus verständlich wäre. 
Dadurch könnten Raffael und Stindl wieder ganz vorne benötigt werden sowie Strobl in der Abwehr, falls es da einen weiteren Ausfall gäbe.
Als Jantschke heute nach einem Zusammenprall liegenblieb, befürchtete ich schon das Schlimmste. Zum Glück konnte der "Fußballgott" gleich weitermachen.


Das alles ist aber kein Grund zum bangemachen: Bei einem Wechselspiel könnte dann Michael Cuisance eine Chance bekommen. Was er in Leipzig nach seiner Einwechslung zeigte, war, dass er dafür bereit ist. Schwieriger ist das bei Laszlo Benes einzuschätzen, der es bisher (natürlich auch taktischen Erwägungen geschuldet) kaum in den Kader geschafft hat. 

Dazu kommt, dass mit den zwei Auswärtsspielen beim Hopp-Club und in Dortmund richtig heftige Hürden warten, aus denen man auch ohne Punkte rausgehen könnte, ohne enttäuscht zu haben - und man sich dazwischen gegen Nürnberg besser keine Blöße geben sollte. Aber es bleibt dabei: Eins nach dem anderen. 
Nachdem ich vergangene Woche moniert hatte, dass der VfL sich mit leichten Fehlern die Butter hat vom Brot nehmen lassen, war das Spiel heute, auch wenn es lange kein Genuss war, ein weiterer bestandener Reifetest. Weil zu sehen ist, dass jeder in dem Team daran glaubt, dass das Spiel früher oder später zum Erfolg führen wird. 
Natürlich ist das im wahren Leben nicht immer so. Aber wer dran glaubt und sich von Rückschlägen nicht nervös machen lässt - denkt bitte an das Auseinanderfallen nach Gegentoren in der vergangenen Saison und in früheren Phasen dieser Saison -, der ist oft ein ganzes Stück weiter als der Gegner. Nicht nur heute.

Ach ja, beinahe vergessen: Der Schiedsrichter machte heute einen sehr guten Job. Und er hieß Aytekin.


Bundesliga 2018/19, 14. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - VfB Stuttgart 3:0 (Tore für Borussia: 1:0 Raffael, 2:0 Neuhaus, 3:0 Pavard ET)

2018-12-03

Unter den Möglichkeiten geblieben

Tja, das war eine große Chance, sich ein ganzes Stück von den Verfolgern in der Tabelle abzusetzen. Schade, aber dafür hat die Leistung von Borussia heute nicht gereicht. 

Wollte jemand wissen, was noch fehlt zur absoluten Spitze - gar zum Titelkandidaten? Das Spiel in Leipzig hat es mal wieder aufgezeigt. Nicht, dass der Gegner so viel besser gewesen wäre. Natürlich, sie waren aggressiver und geschickter in den Zweikämpfen, profitierten dabei auch von der etwas heimlastigen Zweikampfinterpretation des Referees Markus Schmidt. Die Gastgeber spielten ihre Angriffe auch ein Stück präziser aus als Borussia, und sie nutzten ihre Chancen, im Gegensatz zu Hazard, Stindl und Co. 
Das passiert, und da hinter dem VfL nur die Bayern (und natürlich RB) Punkte gutmachen konnten, ist die Niederlage auch nicht ganz so bitter, wie sie sich im ersten Moment anfühlte.

Aber was Borussia noch fehlt, zeigten einige Schlüsselszenen beispielhaft.

1) Der frühe Rückstand: Man kann Pech haben mit Bällen, die am Abwehrbein vorbei genau dem Gegner vor die Füße springen. Aber dass beim 0:1 sechs Gladbacher gegen zwei Leipziger den Kürzeren ziehen, ist nicht akzeptabel. Nicht in der dritten Minute und sonst auch nicht. Da muss im Zweifel wenigstens vor dem Strafraum ein Foul gelingen, um den Abschluss zu verhindern. Zumal Gegentore dieser (zu leichten) Kategorie schon zu häufig gefallen sind in dieser Saison.

2) Das 0:2. Schon wenige Sekunden vor dem Gegentor spielte der VfL auf Zeit, wollte offensichtlich nichts mehr riskieren vor dem Halbzeitpfiff. Dann aber doch noch der schnelle Pass nach vorn - und der Ballverlust - der Gegenzug - und damit auch schon so etwas wie die Vorentscheidung am heutigen Tage. Das kann alles passieren. Darf aber nicht, vor allem, wenn ich schon zurückliege. Das war einfach dumm und passte nicht zum ansonsten trotz des hohen Pressingdrucks recht abgeklärten Auftritt der Mannschaft von Dieter Hecking.

3) Überhaupt die Cleverness. Eine Szene von Zakaria im Strafraum, eine von Plea im Eins-gegen-Eins beim Konter - zwei Beispiele, wie man zu brav ist und Chancen verschenkt, gerade in so einem Spiel, wo es den Borussen nicht so leicht von der Hand bzw. vom Fuß ging wie zuletzt. 
Szene 1: Zakaria kommt im Strafraum gut durch, könnte von der Torlinie zurückspielen, bekommt den Ball aber noch abgegrätscht. Mit etwas besserer abschirmender Fußstellung zum Ball hätte ihn der Abwehrmann nur foulen können, ein Elfmeter wäre die Folge gewesen. 
Szene 2: Plea ist im Laufduell eigentlich schneller, sein Gegenspieler zerrt an Schulter und Trikot, aber Plea fällt nicht. Das ehrt ihn, aber es war eine klare Geschichte: Es hätte für den Gegner als letzten Mann mindestens Gelb geben müssen. Stattdessen kommt Leipzig in Ballbesitz, die Chance ist dahin. Ich bin nicht dafür, dass man sich fallen lässt, wo es nicht sein muss. Aber hier wäre es in beiden Fällen angemessen gewesen, das Foul zu ziehen.

4) Die Nachrücker. Ja, Borussia hat einen tollen Kader. Und man kann jeden unbedenklich bringen. Aber: Manche Positionen und manche Stammspieler sind nicht Eins-zu-Eins zu ersetzen. Tony Jantschke hat für mich heute eine gute Partie abgeliefert. Aber er ist nicht der "erste Spielmacher" aus der eigenen Hälfte heraus wie Ginter, der auch mal einen Pass diagonal über 50 Meter in den Fuß des eigenen Mannes spielt. Er ist auch nicht die Offensiv-Standard-Waffe, die bei Eckbällen oder Freistößen Gegner bindet oder selbst torgefährlich wird. Das muss sich nicht auswirken, etwa wie gegen Hannover. Aber es kann der Tick sein, der vielleicht fehlt -so wie heute. 
Das gleiche gilt für Denis Zakaria, der sich unglaublich bemühte, viele Bälle schleppte, Bälle sicherte, gute Angriffe einleitete oder selbst versuchte, gefährlich in den Strafraum zu kommen. Aber: Jonas Hofmann ist beweglicher, handlungsschneller, laufstärker und laufeffektiver und er spielt die besseren Pässe in die "Todeszone". Wer davon profitiert, ist klar: Plea, der in den vergangenen beiden Spielen fast nie in so gute Positionen kam wie in den Spielen zuvor. Auch für Hazard ist es besser, wenn nicht jeder Angriff über ihn eingeleitet werden muss. Denn dann wird er ausrechenbar und verliert viel von seiner Brillanz. Gerade gegen Leipzig wäre also Hofmanns Beitrag für das Spiel sehr wertvoll gewesen. Da wo Zakaria Platz braucht, um anzulaufen, dreht sich Hofmann viel geschmeidiger und auf engerem Raum. Erst als Cuisance auf dem Feld war, der ähnlich veranlagt ist, wurde Borussia schlechter ausrechenbar und auch nochmal etwas gefährlicher.

Das soll nicht heißen, dass Jantschke und Zakaria die Sündenböcke wären. Ganz und gar nicht. Aber: Oft sieht man erst dann, was ein Spieler auf dem Platz ins Team einbringt, wenn er fehlt. Was heute dazu kam, war, dass von der Bank nur sehr ähnliche Spieler kommen konnten: Traoré, Johnson, Raffael, Cuisance, Benes. Da ist keiner, der als Brecher nochmal in eine Schlussphase geworfen werden kann. Kein Drmic auf der Bank, der ja schon öfter bewiesen hat, dass er auch als Joker treffen kann. Dass die anderen den Vorzug erhalten, ist sicher nachvollziehbar. Aber man ist dann mitunter nicht für alle Herausforderungen so gewappnet, wie man es sein könnte.

Was solls. Den freudlosen Ausflug in den Dauerregen und zu diesem Publikum sollte man möglichst schnell abhaken. Natürlich nicht, ohne sich klarzumachen, dass genau das zu sehen war, was den Unterschied ausmacht. Kommst du in einem Spiel nicht an deine Leistungsgrenze, verlierst du in dieser Liga. Das war in Berlin so, in Freiburg und das galt heute auch, was unter anderem an der Laufleistung (122,22 zu 119,70 Kilometer für Leipzig) ablesbar war.

Ein paar Worte will ich noch zu dem erneuten Fanprotest loswerden. Ich verstehe das, was dahinter steht, ja vollkommen. Aber eine Halbzeit durchzupfeifen, ist einfach nur hanebüchen. Ich schrieb das beim letzten Mal glaube ich auch schon. Es schadet nicht dem Gegner, die anderen Fans (zumindest die Leipziger) solidarisieren sich ohnehin nicht mit dem Protest. Der Mannschaft hilft es selbstredend auch nicht weiter. Es geht einem nur auf die Nerven. Also was tun? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass es niemanden von den Entscheidern in der Liga im geringsten juckt, dass der Gladbacher Fanblock sich und anderen in Leipzig eine Dreiviertelstunde die Ohren zugedröhnt hat. Schade drum.

Bundesliga 2018/19, 13. Spieltag: RB Leipzig - Borussia Mönchengladbach 2:0