2018-10-07

Wir können auch anders

Danke, Borussia, für einen einzigartigen Abend mit einer einzigartigen Genugtuung! Drei-zu-Null in der Arroganz-Arena. Und nicht einmal mit großem Zittern hintenraus. Das war großes Kino, wenn auch sicher nicht so einfach wiederholbar. Aber das ist heute auch egal.
Klar, ich weiß, dass sich der FC Bayern München derzeit nicht auf dem Zenit seines Leistungsvermögens befindet. Und dass der VfL selbst dann noch nicht in der Lage ist, die Münchner nach allen Regeln der Kunst spielerisch auseinanderzunehmen und sie zu dominieren. 

Aber: Dieter Hecking und seine Mannschaft haben heute nicht nur ein Mittel gehabt, mit dem man einen solchen Gegner besiegen kann - sie haben es auch über 90 Minuten konsequent umgesetzt. Wo letzte Saison nach 30 grandiosen Minuten und einer 1:0-Führung der komplette Zusammenbruch und ein 1:5 folgte, wo in den Jahren zuvor viel zu oft die Einigel-Taktik gegen den Dauerdruck der Roten daneben ging - da war Gladbach heute die Mannschaft, die (vielleicht mit Ausnahme der ersten 12 Minuten) bestimmt hat, welches Spiel gespielt wird.

Interessanterweise war es eins, das beide Teams einiger ihrer Stärken beraubte - so sind zum Beispiel weder Plea (links) noch Hazard (rechts) auf den Flügeln besser aufgehoben als auf ihren angestammten Positionen. Auch Hofmann musste zwischenzeitlich auf dem Flügel aushelfen, wo er lange nicht so effektiv ist. Doch der Gegner hatte mehr zu knapsen. Dass die Bayern-Stürmer so oft im Abseits standen, zeigt beispielhaft, was dort heute alles nicht gepasst hat.
Aber die Heckingsche Rechnung ging vor allem auf, weil der VfL heute so ziemlich alles richtig gemacht hat, woran es letzte Saison noch gehapert hat: eine nahezu perfekte Chancenverwertung, eine engmaschige Defensive, die das ganze Spiel über zusammenhielt, keinerlei Räume für Konter, keine unnötigen Fouls in gefährlichen Räumen und schließlich einen Torwart in Weltklasseform, der spielend abräumte, was dann doch noch durch kam.

Und womit wohl keiner - ich auch nicht - gerechnet hätte, war, dass es ausgerechnet das verflixte "Mauerspiel" war, was Kramer und Co. nun so perfekt imitieren konnten. Ausgerechnet die Taktik, an der die Mannschaft selbst schon so oft gegen die diversen  Augsburgs der Liga verzweifelt und gescheitert ist. Letzte Saison wurde deutlich, dass der VfL diese Flexibilität (und oft genug das Personal) nicht hatte, sich auf andere Gegner besser einzustellen. Das war nicht schön, aber notwendig. 

Und es ist ein wichtiges Signal. Denn dieser Saisonstart hat uns gezeigt: Wir können jetzt auch anders. Und das macht Borussia gefährlich, für jeden Gegner, auch für die, die uns stets überlegen zu sein scheinen oder die glaubten, unsere Spiel-DNA entschlüsselt zu haben. Das Schöne ist: Das alles lief bis heute noch ohne nennenswerten Einsatz von Stindl und Raffael. Von der Bank kann Hecking jederzeit eine neue Waffe bringen, die das Spiel verändert - sei es Johnson oder Traoré, Herrmann oder Zakaria. Drmic oder gar Villalba wären, wenn sie fit wären, weitere Spielertypen, die derzeit noch nicht auf dem Plast stehen. Es hat sich einiges verändert zur Vorsaison. Und das zahlt sich jetzt schon aus.

Es erübrigt sich, heute einen Spieler aus dieser hervorragenden Einheit herauszuheben. Dennoch muss man den Hut davor ziehen, wie der Capitano Lars Stindl zurückgekommen ist, wie Feinfüße wie Hazard und Plea heute defensiv gerackert haben. Wie ein Jonas Hofmann 13,63 Kilometer aus sich rausholt, wie trocken und präzise Plea vom Strafraum aus abschließt, welche Cleverness ein Florian Neuhaus und später ein Denis Zakaria an den Tag legen. Und wie souverän die Abwehrrecken und der Sechser Chris Kramer bei den anrollenden Angriffen der Bayern immer wieder die Übersicht behalten haben. Yann Sommer hatte ich ja schon erwähnt.





Nun, nachdem ein Fünftel der Saion rum ist, lässt sich - vorsichtig - sagen, dass Borussia in dieser Saison für etwas mehr gut ist als in der Vorsaison. Aber es gibt keinen Grund, abzuheben. Ein Spiel wie heute ist zum Genießen, vor allem, weil es drei nicht eingeplante Punkte bringt. Doch es ist keine Blaupause für künftige Kräftemessen mit den Bayern, genausowenig wie es ein Rezept gegen andere Gegner in der Liga wäre. Doch das Entscheidende ist für die Fohlenelf: Wir können auch anders, und das können wir sogar gut.

Nun sind wieder zwei Wochen Zeit, um sich für die nächsten Aufgaben zu rüsten, und die werden nicht unbedingt leichter. Mainz ist ein sehr unbequemer Gegner, dann ist mal wieder die ungeliebte Reise nach Freiburg ins Breisgau fällig, es folgt die DFB-Pokal-Nuss gegen Leverkusener, die sich so langsam gefangen zu haben scheinen und dann kommt Düsseldorf, das uns beim letzten Erstligaausflug ziemlich geärgert hat und sich aktuell stark ans Ingolstädter Zerstörer-Spiel angenähert hat (nicht nur, weil dort inzwischen der wohlbekannte Alfredo Morales spielt).

Doch heute ist mir das erstmal egal. Ich freue mich über den höchsten Sieg in München, über Platz zwei, einen geilen Saisonstart, den ersten Auswärtssieg seit Februar, ein Super-Comeback von Lars Stindl, und dass ich endlich wieder auch aus dem Nichts heraus auf Tore hoffen kann, weil wir Alassane Plea haben. Natürlich auch, weil Borussia alles mitbringt, um in dieser Saison oben mitzuspielen - solange man wie versprochen immer nur von Aufgabe zu Aufgabe denkt und jede so seriös und entschlossen angeht, wie die heute und die meisten davor. Gladbach macht wieder Spaß. Und ich kann das nächste Spiel schon jetzt kaum noch abwarten.    

Bundesliga 2018/19, 7. Spieltag: FC Bayern München - Borussia Mönchengladbach 0:3 (Tore für Borussia: 0:1 Plea, 0:2 Stindl, 0:3 Herrmann)

2018-09-29

Ein Punkt und gute Aussichten

Tja, wieder nix mit einem Sieg im VW-Hauptquartier. Allerdings muss ich sagen, dass dieser Punkt für beide Teams in Ordnung geht. Also kann und muss man heute auch mit diesem Teilerfolg leben. Natürlich wäre ein Sieg drin gewesen. Wenn man zweimal in Führung geht und in Führung liegend jeweils gute Chancen hat, den Vorsprung auszubauen, dann ist es schade, dass es auch diesmal mit dem Dreier bei den Wölfen nicht geklappt hat. Andererseits hatten die Gastgeber vor allem in der zweiten Halbzeit die bessere Spielanlage und waren etwas gefährlicher als die Fohlen. Die bauten in der letzten halben Stunden merklich ab, vielleicht auch bedingt durch die doch sehr fordernde englische Woche.

Dennoch: Für mich war das heute das beste Auswärtsspiel der noch jungen Saison. Nach vorne oft brilliant mit den hervorragend aufgelegten Außen  Herrmann und Hazard (auch nach hinten mit phänomenalem Einsatz), mit dem brandgefährlichen Plea und einer gut harmonierenden Mittelfeldachse Kramer, Zakaria und Neuhaus. 

Auch defensiv sah das heute nicht ganz so fragil aus wie in manch anderem Spiel zuvor. Zwar waren die Gegentore erneut viel zu leicht hergegeben, vor allem das erste mit dem fatalen Fehlpass von Alassane Plea. Doch ich denke, heute ließen Elvedi und Co. weniger klare Chancen des Gegners zu als in den anderen Partien. Dass Wolfsburg die besser zu nutzen wusste als Frankfurt, Schalke oder Leverkusen, ist dann halt mal so. 
Beim 2:2 hatte das auch viel damit zu tun, dass Schiedsrichter Felix Zwayer heute früh seinen freigiebigen Tag hatte und für die ersten beiden Fouls gleich (ziemlich harte) Gelbe Karten an Elvedi und Kramer verteilte - eine Linie, die er (natürlich) später dann nicht mehr durchhielt. Die beiden früh Verwarnten wären diejenigen gewesen, die in der Szene zum Gegentor den Wolfsburger Konter leicht mit einem taktischen Foul hätte beenden können. Sie verzichteten letztlich vernünftigerweise darauf - einen Platzverweis wäre es nicht wert gewesen.

Auf jeden Fall hat sich die Mannschaft - verdient - eine gute Ausgangposition für die nächsten Monate herausgespielt. Nächste Woche geht es zu den Bayern, wo ich traditionell nichts für unser Punktekonto erwarte. Diesmal noch weniger, weil die Münchner sicher angestochen sind wegen der Niederlage in Berlin (da kann man mal verlieren, habe ich gehört). Es ist also in erster Linie die Aufgabe, hinten dichtzumachen, was gegen die Offensivkaliber des Rekordmeisters eine ziemliche Nuss zu knacken ist. In den letzten Partien erdrückte uns das Bayern-Spiel förmlich, Entlastung gab es nur selten. Mit etwas Geschick könnten sich nach vorne aber Räume und damit gute Chancen ergeben. Es wäre nicht das erste Mal, dass das gegen die Bayern klappt. Denn dass unser Team immer für ein Tor gut ist, haben wir eigentlich in jedem Spiel gesehen.

Aber so weit ist es noch nicht. Abgesehen vom Ergebnis heute bin ich sehr zufrieden mit der Gesamtsituation. Der Stamm aus der vergangenen Saison hat sich stabilisiert, die damals fast aussortierten Herrmann (tolles Spiel heute) und Jantschke sind wieder voll im Geschehen. Neuhaus und Plea sind von der ersten Minute an richtige Verstärkungen, auch Michael Lang zeigte heute gleich mit einer souveränen Leistung, was die Verantwortliche in ihm gesehen haben, als sie ihn verpflichtet haben. Ich hoffe, dass er heute nicht gleich wieder etwas abbekommen hat und dem Team auch nächste Woche zur Verfügung steht.

Heute konnte sich Dieter Hecking fast ohne Qualitätsverlust leisten, in Hofmann den laufstärksten Spieler der Liga ganz aus dem Kader zu lassen. Bisher im Kader herausragende Spieler wie Raffael und Stindl waren noch gar nicht so richtig dabei diese Saiosn. Auf der Bank scharren im Moment Leute wie Traoré, Johnson, Cuisance mit den Hufen, während Benes und Müsel es nicht einmal in den 18er-Kader schaffen, von den angeschlagenen Drmic und Villalba ganz zu schweigen. Die Talente wie Bennetts, Müsel, aber auch Poulsen, Doucouré und Cuisance können so endlich auch mal etwas behutsamer aufgebaut werden, was letzte Saison angesichts der Verletzungsmisere kaum möglich war - da mussten sie sich im kalten Wasser sofort freischwimmen. Ich hoffe nur, dass sie die Geduld behalten und im richtigen Moment dann auch ihre Einsätze bekommen. So wie Cuisance heute, der hoffentlich weiß, dass er sich nicht die Einsatzbilanz der ersten Saison zum Maßstab nehmen sollte. 

Dass Drmic derzeit fehlt, ist für mich im bärenstarken Backup-Aufgebot von Borussia der einzige Schwachpunkt, weil damit die Option wegfällt, für Plea einen frischen echten Mittelstürmer zu bringen. Das hat sich gegen Frankfurt und auch heute gegen Wolfsburg als kleiner Nachteil erwiesen, weil in der Schlussphase kein Spieler mehr vorne wartete, um einen langen Ball auch mal zu sichern und vielleicht gefährlich nach vorne und ins Ziel zu bringen. Aber das ist jammern auf sehr hohem Niveau, zumal die Variabilität des VfL mit einem gesunden Raffael und einem Rückkehrer Stindl nochmal erheblich gestärkt wird. 

Das alles gibt mir im Moment ein gutes Gefühl, und ich mache mir vor den Spielen das erste Mal seit langem kaum Sorgen, dass etwas grundlegend schief gehen könnte. Natürlich ist das Rennen eng in der Bundesliga, vielleicht diese Saison noch etwas enger als sonst. Aber ich habe Vertrauen in die Mannschaft und in die sportliche Führung, denn beide strahlen Ruhe aus, zeigen die richtige Reaktion auf Fehler und haben aus den letzten Monaten ganz offensichtlich viel gelernt. Das ist schon fast wie damals unter Favre, wo man sagen konnte: Egal was passiert, ihm wird schon was einfallen. Gut, wenn man so jemanden hat. Besser ist es aber, wenn man das Gefühl hat, die ganze Mannschaft ist auf dem Rasen in der Lage, sich auch unter Druck etwas einfallen zu lassen. Das reicht nicht immer zum Sieg, wie man heute erkennen musste, es werden auch weiterhin Fehler gemacht. Aber der eingeschlagene Weg scheint der richtige zu sein. Und dann macht Fan sein auch richtig Spaß. Vor allem, wenn man eine so gute Aussicht auf die Liga hat - zum Beispiel von Platz 4.
  

Bundesliga 2018/19, 6. Spieltag: VfL Wolfsburg - Borussia Mönchengladbach 2:2 (Tore für Borussia: 0:1 Plea, 1:2 Hazard)