2020-09-19

Und wieder grüßt das Verschaukeltier

Vor nicht einmal 24 Stunden ging ein Text von mir zum Saisonstart online, in dem ich 11 Wünsche für diese Saison formuliert habe. Und obwohl ich ja bekanntermaßen ein Schiedsrichterbenörgler bin, habe ich darin bewusst darauf verzichtet, einen Wunsch auch in diese Richtung zu adressieren. Ich hatte mir sogar im Stillen vorgenommen, in dieser Saison möglichst wenig Zeit mit Entscheidungen von Unparteiiischen zu verplempern oder zumindest, sie nicht immer wieder hadernd in meinem Blog zu thematisieren.

Und jetzt? Schon nach den ersten 90 Bundesligaminuten der Saison kann ich diesen Vorsatz nicht mehr halten. Und das kotzt mich in mehrfacher Hinsicht an, ganz ehrlich. Und das nicht zuletzt, weil wieder einmal der Verein aus Dortmund der Nutznießer davon war.

Aber zunächst zum wirklich Sportlichen. Ich habe heute einen sehr guten Auftritt meiner Borussia gesehen. Eigentlich sogar besser als erwartet. Dortmund fand in der ersten halben Stunde im eigenen Stadion praktisch gar nicht statt. Der VfL gab den Takt vor, attackierte gekonnt in der Hälfte des BVB, sodass es dem Gegner in der ersten Halbzeit nur ganz selten überhaupt gelang, mit sinnvollem Spiel in die Gladbacher Hälfte zu kommen. Gladbach war die bestimmende Mannschaft, hielt den Gegner, anders als bei vielen Begegnungen zuvor also, recht gut vom eigenen Tor weg. 

Allerdings: So effektiv die vorderste Reihe mit Wolf, Stindl und Hofmann im Anlaufen und in der Vorbereitung vieler Balleroberungen war - viele eigene Chancen kreierten sie nicht. Einmal rettete Bürki mit viel Glück vor dem einschussbereiten Flo Neuhaus, ein guter Schuss von Stevie Lainer prüfte den BVB-Keeper ebenfalls, viel mehr sprang aber auch nicht heraus. 

So war es aus den Erfahrungen der letzten sieglosen Spiele fast schon absehbar, dass im Gegenzug Dortmund irgendwann mit der ersten richtig guten Chance und zu diesem Zeitpunkt äußerst unverdient - in Führung gehen würde. Als das Befürchtete eintrat, spielte das dem Gegner selbstverständlich in die Karten. Aber das 1:0 war längst noch nicht spielentscheidend, auch weil die wahre Borussia auch nach der Halbzeit fast unbeeindruckt weiter gut mitspielte und das Risiko nur dosiert erhöhte. Das reichte der Favre-Elf dennoch - weil sie in der entscheidenden Phase des Spiels Hilfe von außen bekam.
Über die letzten halbe Stunde der Partie ist dann nicht viel mehr zu sagen, als dass sich die Mannschaft weiter nicht aufgab und bis zum Schluss sichtlich bemüht war, in einem verlorenen Spiel wenigstens noch ein kleines Ausrufezeichen zu setzen - dies allerdings vergeblich.

Am Ende könnte man es auch darauf reduzieren: Die drei Tore, die heute gegen Gladbach fielen, machten den Unterschied deutlich zwischen diesen beiden sehr talentierten Mannschaften. Es ist unstrittig, dass die Rose-Elf in allen drei Situationen nicht gut genug verteidigt hat. Und dass sie im Angriff eben nicht genauso kaltschnäuzig auftrat wie der Gegner.

Das erste Gegentor war gut herausgespielt, die Szene hätte aber nicht bis in den Strafraum führen müssen. Der Angriff zum Elfmeter und das 0:3 waren ebenfalls gut vorgetragene Konter, denen natürlich Fehler des VfL vorausgingen. Und sicherlich muss man immer auch die Frage stellen, ob man sich im fremden Stadion auskontern lassen muss. Beim 0:3 war der Grund dafür offensichtlich.
Patrick Herrmann hätte den abspringenden Ball risikolos auf die Tribüne kloppen können und müssen, damit wäre kein schneller Gegenangriff möglich gewesen. Doch beim Stand von 0:2 versuchst du natürlich, auch einen nicht optimal springenden Ball nochmal irgendwie in den Strafraum oder zum eigenen Mann zu bringen. Gelingt dir das nicht, ist es für den Gegner relativ einfach, einen solchen Konter dann auch erfolgreich zu Ende zu bringen. In diesem Fall war es die Prise Risiko zu viel. Aber das weiß man hinterher natürlich immer besser.

Insofern hat das Trainerteam allein mit diesen drei Szenen gutes Anschauungsmaterial für die taktische Schulung und damit in der Trainingswoche auch gute Vorlagen für die Feinarbeit. Das ist das Positive, das sich auch aus diesem Nackenschlag ziehen lässt.

Dass man die Partie aber trotzdem nicht einfach so abhaken und die Niederlage klaglos schlucken kann und will, liegt einerseits an der tadellosen Vorstellung von Kramer und Co. Auch die Statistik belegt ein sehr ausgeglichenes Kräfteverhältnis, mit einer Ausnahme - der erzielten Tore. Zum anderen liegt das Hadern mit dem Ausgang des Spiels aber an der Benachteiligung, die dem VfL gerade gegen diesen Gegner nun zum wiederholten Mal widerfuhr.

Dabei hatte Schiedsrichter Felix Brych in der ersten Halbzeit eine nahezu fehlerlose Leistung gezeigt. Er zeigte Gelb, wo Gelb angesagt war, er leitete das Spiel ruhig, bestimmt und souverän und überraschte mich tatsächlich sehr positiv. Dass er sich auf Initiative des Videoassistenten dann in der zweiten Halbzeit zum spielentscheidenden Mann für Dortmund entwickelte, war darum umso irritierender.

Denn der Eingriff des Videoassistenten in der Elfmeterszene entschied in der 54. Minute das Spiel vorzeitig, und das auf eine für mich nicht akzeptable Weise. Brych hatte hervorragende Sicht von hinten auf die Szene, als Bensebaini mit hohem Risiko in den Zweikampf ging und den Ball verpasste. Es war aus Brychs Perspektive, die in der Zeitlupe im Fernsehen auch zu sehen war, kein Kontakt Bensebainis mit Reyna zu sehen, wohl aber, dass dieser nach Bensebainis Grätsche beide Beine frei hatte, demnach auch hätte weiterlaufen können, aber stattdessen doch lieber beidfüßig zur dreisten Schwalbe abhob. Deshalb signalisierte Brych auch Weiterspielen. Er hätte - trotz der Intervention des VAR - auch problemlos bei dieser Entscheidung bleiben können. Und von einem so erfahrenen Schiedsrichter erwarte ich es sogar, dass er nachder Überprüfung zu seiner ersten Beobachtung stehen kann.

Die Entscheidung auf Strafstoß steht jedenfalls auf äußerst dünnen Füßen. Denn die leichte Berührung von Bensebainis nachgeführten Bein an Reynas Ferse lässt sich in der Zeitlupe zwar erahnen. Doch die Tatsache, dass der Dortmunder dadurch nicht zu Fall oder ins Straucheln kam, ist ebenso deutlich zu sehen. Im Gegenteil, der junge Dortmunder machte ungehindert und ohne Einknicken zwei weitere Schritte, bevor er zur Andi-Möller-Gedächtnis-Schwalbe ansetzte (im übrigen nicht zum ersten Mal in seiner Karriere). Das alles spricht für sich und ganz deutlich auch für Brychs ersten Eindruck: kein Elfmeter. Als er zum Monitor rauslief, hätte ich mir deshalb auch im Traum nicht ausgemalt, dass er dafür dann tatsächlich einen Elfmeter geben würde. 

Und so wurde aus der korrekten Einschätzung in Realgeschwindigkeit eine sportwidrige Entscheidung auf Zeitlupenbasis, die dieses Spiel heute zweifellos entschied. Und das auch deshalb, weil Brych kurz darauf auf der anderen Seite bei einem fast identisch zu bewertenden Zweikampf von Hummels gegen Thuram die Chance verpasste, dann wenigstens gleiches Maß anzulegen. 

Auch hier spielte der Abwehrspieler deutlich sichtbar nicht den Ball und beeinträchtigte den Stürmer mit einer leichten Berührung. Im Gegensatz zu Reyna spielte Thuram in der Szene aber wenigstens den Ball. Dass der VAR hier nicht eingriff, war ok. Nur hätte er es in der anderen Situation dann auch lassen sollen. Lässt man die ungleiche und damit ungerechte Beurteilung beider Szene mal außer Acht, hielte ich beide Szenen überhaupt nicht für elfmeterrelevant. So aber wird aus der nachträglichen Umdeutung ein weiterer Skandal in der jüngsten Geschichte der Duelle zwischen den Namensvettern aus Gladbach und Dortmund. Es ist schwer, diese einseitige Benachteiligung der wahren Borussia dann am Ende immer wieder zu akzeptieren.

Nun gibt es keinen Grund, nachdem ersten Spieltag deswegen in eine Depression zu verfallen. Wir wussten alle, dass man in Dortmund nicht unbedingt mit den ersten Punkten kalkulieren konnte - selbst ohne die Hilfe des zwölften Mannes für den Gegner. Auf der Leistung von heute lässt sich aufbauen, und das werden Marco Rose und seine Jungs tun. Da bin ich mir sehr sicher. Und das nehme ich jetzt auch als einzig verbliebenen positiven Ausblick nach dem auf ungehörige Art zustandegekommenen ersten Negativerlebnis der Saison mit in die Nacht. 

Bundesliga 2020/21, 1. Spieltag: Borussia Dortmund - Borussia Mönchengladbach 3:0.

Stand Saisonspende: Heute leider nichts dazugekommen. Es bleibt bei den 8 Toren aus dem DFB-Pokal, also derzeit 4,00 Euro. 

11 für 41 plus x

Es ist soweit. Die Bundesligasaison 2020/21 hat begonnen. Und bevor die wahre Borussia am Samstagabend zum ersten Spitzenspiel bei einem unbedeutenden Verein gleichen Vornamens antreten wird, will ich noch etwas loswerden.

Es sind meine "11 Wünsche" für die kommenden Spiele. Dies sind allein durch das Erreichen der 2. Runde des DFB-Pokals (hoffentlich) schon mindestens 41 Stück, was die etwas kryptische Überschrift erklärt: 34 Bundesligaspieltage, sechs Vorrundenpartien in der Champions League und - wie gesagt - mindestens noch ein Pokalspiel. Im Optimalfall könnten es deutlich mehr werden, im schlechtesten Fall endet die Saison irgendwann gezwungenermaßen vorzeitig, mit den schon in diesem Frühjahr durchdiskutierten möglichen Folgen für den Profifußball und deren Vereine. Davon ist derzeit zum Glück noch nicht auszugehen. Der erste Wunsch dreht sich deshalb auch genau darum.

1) Eine "normale" Saison

Es geht los wie in jeder Saison, und doch sind wir weit von der Normalität entfernt. Die Spannung ist - wohl nicht nur bei mir - eine andere, auf jeden Fall weniger kribbelnde, schon gar nicht enthusiastische. Die Stadien sind gerade nicht Anziehungspunkt, sondern Experimentierfeld. Wer? Wie viele? Wann und wo? 

Es wird noch eine ganze Weile ungerecht und etwas willkürlich zugehen in der Liga. Was die Vereine untereinander und ihre Zuschauerzahlen angeht. Was die Auswärtsfahrer angeht, die im März von 100 auf Null gebremst wurden und die sich wie eingemottet fühlen müssen, mit der neuen Erfahrung, nun vor dem Fernseher zu sitzen, statt quer durch die Republik zu düsen und zu feiern, was es gerade zu feiern gibt. Auch, was die Fans untereinander angeht, die eben nicht alle ins Stadion kommen dürfen und die deshalb zu Konkurrenten um die zur Verfügung stehenden Tickets werden. Und das immer mit dem über allem schwebenden Damoklesschwert, dass ein drastischer Anstieg der Infektionszahlen dem Ganzen auch ein jähes Ende mit Schrecken bereiten könnte.

Selbst eine normale Saison wäre demnach unter diesen Umständen eine "anders normale" Saison, mit der Mindestanforderung, dass die Spiele bis zum Schluss ohne merkliche Wettbewerbsverzerrungen (siehe Dresden letzte Saison) durchgespielt werden kann. Das allein wäre schon viel wert. 

2) Gesundheit für alle

Was man sich gegenseitig zu vielen Gelegenheiten wünscht, nämlich "Hauptsache Gesundheit", soll mein höchster Wunsch sein. Mit verlorenen Spielen, mit nicht erreichten Titeln, mit sportlichen Misserfolgen lässt es sich besser zurecht kommen, als wenn jemand bei unserem liebsten Hobby dauerhaften Schaden erleidet. Ich habe es schon mehrfach geschrieben, und ich will es auch hier noch einmal tun. Wichtiger als jeder Titel ist mir, dass Spieler weder durch Corona noch durch andere Ursachen, etwa wiederholte Gehirnerschütterungen nach Kopftreffern, dauerhafte Schäden davontragen.
Ich werde weiterhin zusammenzucken, wenn es im Luftzweikampf knallt, und ich werde weiter hoffen, dass all das gut ausgeht, für die eigenen wie für die gegnerischen Spieler. Ich hoffe natürlich, dass die Spieler weitgehend ohne Verletzungssorgen durch die Saison kommen. Dass Mamadou Doucouré verletzungsfrei bleibt und sich endlich zum gestandenen Bundesligaspieler entwickeln kann. Und ich hoffe, dass es auch bei den Fans niemanden gibt, der seine Begeisterung für Borussia mit Gesundheitsschäden bezahlen muss. 

3) Mehr Demut im Profifußball

Es ist ein frommer Wunsch, aber ich hoffe, dass den vielen großen Worten, die seit dem zwischenzeitlichen Saison-Lockdown im März gefallen sind, auch nachhaltige Taten folgen. Mehr Demut bei den Akteuren über das, was die Rolle des Profifußballs in der Gesellschaft ist und was sie sein könnte. Weniger Rekorde bei Spielergehältern und Ablösesummen, gerne mehr Reflexion darüber, was falsch läuft im gierigen Milliarden-Geschäft.

Es gibt ja gute Beispiele. Dass Max Eberl und Marco Rose bei der internationalen Aktion mitmachen, ein Prozent ihres Gehalts zu spenden, dass einige Spieler wie Matthias Ginter mit eigenen Stiftungen Gutes tun, dass die Borussia-Familie - ob Fans, Spieler oder Verein - immer wieder auch nicht so vom Leben veröhnten Menschen zur Seite steht. Das alles macht mich stolz.
Aber es stoppt nicht den ungesunden Trend im (internationalen) Fußballgeschäft, für einzelne Spieler aberwitzige Summen aufzurufen und zu bezahlen, mit denen manch anderer Verein drei Mannschaften finanzieren könnte. Es wäre mein Wunsch, wenn alle - nicht nur wenige, wie die VfL-Verantwortlichen - den Schuss vor den Bug aus diesem Frühjahr ernstnehmen und daraus lernen würden. Ich fürchte, ohne einen richtigen Zusammenbruch des Systems Fußball wird dies nicht geschehen. Ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren

4) Ein volles Stadion

Wird es das in diesem Spieljahr geben? Keiner kann das seriös beantworten. Aber ich hoffe wie wohl jeder darauf, dass es möglichst bald wieder möglich sein wird, gemeinsam den Borussia Park zum Hexenkessel zu machen, uns bei Toren auf den vollbesetzten Rängen jubelnd in die Arme zu fallen und gemeinsam auch bittere Stunden durchstehen zu können, so sie denn kämen. Das Stadionerlebnis fehlt mir mehr, als ich gedacht hätte, auch wenn ich ja stets nur wenige Male im Jahr Gelegenheit dazu hatte. Es wird sooo Zeit, dass es endlich wieder heißt: "Borussia Park - Bist du bereit?" und ein ungehemmtes "Jaaaaah" aus über 50000 Kehlen die richtige Antwort gibt. 

Wir sind zwar "Borussia", wo auch immer wir die Spiele schauen. Aber dieser Moment, wenn der Park sich akustisch in der Vorfreude auf das Spiel überschlägt - das ist die Ansage, die nichts anderes ersetzen kann. Das brauchen wir, das braucht die Mannschaft. Es wird Zeit, dass es wieder erklingt.   

5) Ein Torschützenkönig

Ich bin altmodisch, und ja, es ist wirklich nicht das Wichtigste im Fußball. Aber als früherer Stürmer ist die Torjägerkanone für mich doch immer auch etwas gewesen, was ich mir für meine Gladbacher Offensivkräfte von Mill bis Thuram gewünscht habe und noch wünsche. Letztlich ist es so eine kleine Ersatzmeisterschaft, gerade, wenn man sich auf die echte (damals wie heute) nicht so ganz große Chancen ausrechnen kann. 

Und gerade bei diesem Thema gibt es Nachholbedarf. Ihr wisst es bestimmt, es gab erst viermal eine "Kanone" für Borussen: 2 mal natürlich in den 70er Jahren für den Heynckes Jupp (einmal mit Gerd Müller zusammen), dann 1987 für Uwe Rahn und zuletzt ausgerechnet für Heiko Herrlich (zusammen mit Mario Basler). Letzteres war vor 25 Jahren - es wird also dringend mal wieder Zeit. Und anders als in vielen Jahren zuvor gibt es diesmal im Kader auch Jungs, die es mal über die 20 Saisontore schaffen könnten. Und ganz ehrlich: Irgendwann muss doch dieser Lewandowski auch mal ein Jahr Ladehemmung haben. Oder nicht? Und wenn es nicht klappt, bin natürlich auch zufrieden, wenn drei Stürmer jeweils 15 Tore schießen. Das kann im Zweifel sogar noch wertvoller sein. 

6) Länderspiele mit Sinn

Gut, das ist mir persönlich unter den ganzen Wünschen nicht der Allerwichtigste. Und wenn Gladbachverächter Jogi dann tatsächlich mal jemanden außer der Reihe berufen sollte (Matze Ginter hält er ja sicher immer noch für einen Freiburger, anders ist dessen kontinuierliche Berücksichtigung kaum zu erklären ;-)), dann bibbere ich immer vor allem, dass sich dieser dort nicht verletzt. Aber es wäre für die Entwicklung einiger Spieler durchaus von Vorteil, wenn sie sich häufiger auf dem Niveau der Nationalelf zeigen könnten. Flo Neuhaus ist sicher derzeit der heißeste Kandidat dafür.
Aber solange Löw Trainer ist, scheint mir dieser Wunsch noch am verzichtbarsten zu sein. Und bis dahin haben Länderspielübertragungen für mich auch keine besondere Anziehungskraft. Solange der Reklamierarm im Tor steht, schon überhaupt nicht. 

7) Eine ausreichend lange Bayern-Flaute

Wenn man wirklich einen Gedanken daran verschwenden will, dass das Unglaubliche passieren könnte, dann wird es nicht reichen, dass die Mannschaft von Marco Rose eine nahezu perfekte Saison spielt. Es kommt vielmehr darauf an, was Dauermeister FC Bayern zulässt, so ehrlich müssen wir sein. Erinnert sich noch jemand, dass der VfL nach dem 2:1-Sieg gegen die Münchner am 14. Spieltag der letzten Saison sieben Punkte Vorsprung auf den damals "Mia-san-mia"-Siebten hatte. Meister wurden die Bayern mit Hansi Flick am Ende dennoch mit 13 Punkten Vorsprung auf den BVB und mit 17 Punkten vor Borussia. Egal, wie man das bewertet: Die Schwächephase des FCB in der Hinrunde unter Nico Kovac war - offensichtlich - nicht lang genug. Und im ersten Saisonspiel hat der Triplegewinner trotz ultrakurzer Sommerpause gleich so weitergemacht wie am Ende der Vorsaison. 8:0 gegen Schalke, das lässt auch nichts Gutes erwarten für die Konkurrenz 20/21. 

Doch so wie vieles in diesem Jahr coronabedingt anders ist, so gilt das auch für einen Leistungseinbruch der Bayern. Der ist in diesem Jahr eigentlich unausweichlich. Wenn diese Mannschaft das ganze Jahr stoisch durchzöge und keine Schwächen zeigte, müsste man die Frage stellen, mit welchen Mitteln die Spieler behandelt werden. Sie müssen aufgrund der ungewohnten Saisonendphase mit dem späten CL-Endturnier und des sehr engen Programms in dieser Saison einfach irgendwann in ein Leistungsloch fallen.
Da der Kader der Bayern nicht so breit und ausgeglichen besetzt scheint wie etwa der von Borussia, kann und sollte sich dies auch in den Ergebnissen auswirken. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Phase im Spätherbst, vielleicht auch erst im Dezember, kommen wird. Und den eigenen Zielen entsprechend, müssten sie dann erstmal alle Kraft darauf setzen, die Champions-League-Vorrunde und die nächsten Pokalrunden zu überstehen. Hier ist die einzige Chance für alle, die dahinter auf Ausrutscher des Meisters lauern wollen. Der VfL ist nicht in der Pole Position, um hier Ansprüche anzumelden. Aber dass die Verfolger aus Dortmund oder Leipzig über die gesamte Saison immer wieder mal Schwächen zeigen, ist wahrscheinlicher, als dass die Bayern die Meisterschaft zu lax angehen. 

Einzige Hoffnung für alle, die gern mal Meister werden wollen, ist daher, dass die erwartete und sicher auch von den meisten erhoffte Schwächeperiode bei den Triplebayern diesmal wirklich lange genug anhält, um am 34. Spieltag mit einer Nase Vorsprung ins Ziel gehen zu können. Selbstverständlich wünsche ich mir das ganz unbescheiden.

8) Was Blechernes

Nein, natürlich bin ich nicht so vermessen, ernsthaft mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft zu rechnen. Aber das berühmte Blecherne, das sich nicht nur Max Eberl wünscht, wäre dennoch durchaus im Bereich des Möglichen und: verdient langsam allemal. Der einfachste Weg dahin führt natürlich über den Pokal. Aber da in den Jahren zuvor immer sehr schnell und vor jedem Ausscheiden zu ausgiebig darüber geredet wurde, will ich nicht mehr Worte machen als nötig. Ihr wisst, was ich meine. 

9) Eine Mannschaft für eine Ära

Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass Borussia seine Mannschaft trotz vieler Begehrlichkeiten von außen zusammenhalten konnte. Das ist Segen und Fluch zugleich, denn im kommenden Sommer wird es mit ein Jahr kürzeren Vertragslaufzeiten der Spitzenspieler ja nicht leichter, dieses Kunststück zu wiederholen.
Nicht falsch verstehen: Ich finde es gigantisch, dass diese Mannschaft ein weiteres Jahr zusammen angreift. Doch vielleicht würde auch erst im Jahr darauf ein titelreifes Team daraus. Seit den 70er Jahren war es kaum möglich, dass eine Mannschaft mal so lange zusammen reifen konnte. Immer wurden irgendwann die Juwelen aus dem Ensemble rausgekauft, und es musste neu aufgebaut werden.
 

Dennoch ist mein Wunsch nicht ganz aus der Luft gegriffen, dass es mithilfe von Marco Roses Persönlichkeit und mit Max Eberls Geschick gelingt, eine Mannschaft zusammenzuhalten, die den Hunger hat, gemeinsam in Gladbach eine Ära zu begründen, anstatt als einzelner zu einem größeren Club zu gehen und sich mit fast im Abo garantierten Titeln zu schmücken. Klingt romantisch - ist es auch. Aber wann soll ein modernes Fußballmärchen denn geschrieben werden, wenn nicht unter diesen Vorzeichen in Mönchengladbach?   

10) Ein Tor für Tony

275 Pflichtspiele für den VfL in Bundesliga, Pokal und europäischen Wettbewerben - und 5 Tore. Das ist zwar eine Bilanz, von der ein Max Eberl nur träumen kann. Tony Jantschke ist nie ein Goalgetter gewesen und er wird auch keiner mehr. Aber Luft nach oben ist ja immer. Es ist schließlich immer etwas Besonderes gewesen, wenn er traf. Das letzte Mal ist allerdings schon lange - zu lange - her für einen "Fußballgott".
Wer es nicht googeln will: Es war am 6. Dezember 2014, ein Kopfballtor zum 1:0 gegen die Hertha. Ich jedenfalls vermisse den einzigartigen Torjubel mit dem erschrockenen "Hand-vor-dem-Mund-Halten", frei nach dem Motto: "Wie konnte denn das jetzt wieder passieren?" Und ich wünsche mir deshalb in dieser Saison mindestens einen erfolgreichen Torabschluss unseres Dauerbrenners. Tony, es wird mal wieder Zeit!

Um den Anreiz zu erhöhen, greife ich eine tolle Aktion anderer Fans auf und baue um "Ein Tor für Tony" meine Saisonwette. Das bedeutet: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Für jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben spende ich 50 Cent. Für jedes Tor von Tony Jantschke gebe ich 10 Euro, für jeden Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose 2,50 Euro. Jeder von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann) gehaltene Elfmeter bringt ebenfalls 2,50 Euro für einen guten Zweck. Für jedes Zu-Null-Spiel spende ich 1 Euro. Das Erreichen eines internationalen Startplatzes am Saisonende vergüte ich mit 20 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: jeweils 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: auch 10 Euro. Im Falle der Meisterschaft oder des Finalsieges in CL oder EL spende ich jeweils 50 Euro, für den DFB-Pokalsieg 30 Euro. Ein Gladbacher Torschützenkönig würde ebenfalls mit 30 Euro bewertet. 

Abgerechnet wird wie immer zum Schluss. Ich bin gespannt, um wieviel Euro mich meine Borussia ärmer und zugleich reicher macht.  

11) Weltfrieden

Ja, ich weiß, so schnell geht das nicht und vermutlich klappt das auch die nächsten 2000 Jahre nicht mit dem friedlichen Miteinander. Es passt auch nicht ganz in diesen Kontext. Aber weil ich merke, wie sich die zunehmend aggressiver werdende gesellschaftliche Spaltung auch Stück für Stück durch die Fanlager frisst, ist mein letzter Saisonwunsch ein bisschen mehr Vertrauen zu- und Respekt voreinander. Mehr Abwägen statt gleich lospoltern, mehr Zwischentöne zulassen statt rigoroser Schwarz-Weiß-Malerei. Mehr auf das Ganze schauen anstatt zu kurz greifen. Nicht in Überschallgeschwindigkeit von Himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt wechseln und umgekehrt. Sich gegenseitig Zeit lassen, ich sage es bewusst nochmal: Zutrauen zu anderen haben. 

Vielleicht habt ihr es gemerkt: Was vorgeblich mit "Weltfrieden" anfing, ist eigentlich ein Plädoyer für einen rücksichtsvollen Umgang unter uns Fans und in der fairen Bewertung der Leistungen der Mannschaft. Was ich mitunter an Gehässigkeiten im Netz lese, sobald eine Aufstellung bekanntgegeben ist, oder welche Stimmungsschwankungen eine Niederlage oder ein Sieg bei manchem auslöst, obwohl es doch in einer Saison immer auf mehr als die letzten 90 Minuten ankommt, das finde ich bemerkenswert. Wie sich dann aber auch oft Fans der gleichen Farben untereinander anmachen, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind, finde ich bedenklich. Und da stehen sich wiederum die allgemeinpolitischen und fußballerischen Eskalationen unserer Gesellschaft leider in nichts nach.
Ich denke, das können wir alle besser. Also lasst es uns auch tun. Auf eine bemerkenswerte, auf eine tolle Saison - Die Seele brennt - für unseren einzig wahren Star!