2019-02-17

Weniger wäre zu wenig gewesen

Es gibt Tage, da kann man mit einem Punkt zufrieden sein. Und es gibt Tage, da muss man mit einem Punkt zufrieden sein. Heute war es etwas von beidem. 
Denn über weite Strecken der zweiten Halbzeit sah es gar nicht danach aus, als würde dem VfL noch die Korrektur eines bis dato höchst unerquicklichen Spielstands gelingen. 
Genauso war es zuvor der Witz des Tages gewesen, dass Eintracht Frankfurt nach der ersten Halbzeit mit einer 1:0-Führung in die Pause gehen durfte und nicht mit einem 0:2 oder 0:3. Und selbstredend wäre es eine höchst verdiente Genugtuung gewesen, hätte ausgerechnet Josip Drmic mit etwas mehr Ruhe in der Nachspielzeit die gefühlt erste vernünftige Flanke von Oscar Wendt in diesem Jahr zum 2:1 verwandelt.

So aber war es an einem Spieltag, an dem die Konkurrenz durch die Bank besser punktete, trotz eines überdurchschnittlich guten Auswärtsspiels, eine kleine Niederlage, zumindest, was die Tabellensituation angeht. Nach oben geht nix mehr, auch wenn man das so ein klitzekleines bisschen immer noch gehofft hatte. Und nach hinten sind die Abstände etwas enger geworden. 
Zugleich war das Spiel ein weiterer Schritt, der Mut macht. Aus vielen Gründen. 

Erstens: Das Team hat die klare Niederlage aus der Vorwoche prima weggesteckt und mögliches Krisengerede damit hoffentlich gleich im Keim erstickt. Gladbach war die klar dominierende Mannschaft, nur in der Phase nach der Halbzeit fehlte für ein paar Minuten die Ordnung im Spiel nach vorn. Da hatten die Gäste Glück, dass Frankfurt keinen besonders guten Tag erwischt hatte und außer physischer Härte und Einsatzfreude wenig zu bieten hatte. Mit zunehmender Spielzeit und den Einwechslungen kehrte auch die Zielstrebigkeit ins Gladbacher Spiel zurück.

Zweitens: Die immense Geduld, immer wieder anzulaufen, ein Spiel nie abzuschenken, zeichnet Stindl und Co. diese Saison einfach aus. Und sie wird auch in den meisten Fällen belohnt, so wie heute. Man kann es nicht oft genug sagen - es ist kaum zu zählen, wieviele Punkte die Hecking-Elf in vergleichbaren Spielen in den Jahren zuvor noch abgegeben hat oder hätte.

Drittens: Trotz mehrerer Änderungen in der Startelf passte der VfL-Anzug auch heute. Kapitän Stindl gab heute als "Acht- bis Neuneinhalber" einen hervorragenden Jonas Hofmann, war überall zu finden, sicherte Bälle und inszenierte viele Spielzüge. Fabian Johnson spielte trotz fehlender Spielpraxis solide hinten rechts, auch Drmic passte sich in einer unangenehmen Phase für einen Einwechselspieler gut ein. Herrmann brachte mit Johnson viel Bewegung auf der linken Seite. Kramer ordnete das Spiel umsichtig, ging geschickt in die Zweikämpfe und agierte auf dem Top-Niveau, das wir von Tobi Strobl in der Hinrunde gewohnt waren. Strobl zeigte bei seinem Kurzauftritt ebenfalls aufsteigende Form und leitete nicht zuletzt das 1:1 durch einen tollen Steilpass ein.
Der Adressat dieses Passes, Denis Zakaria, setzte heute endlich das fast perfekt um, was auf der Achterposition von ihm verlangt wird - Handlungsschnelligkeit, gute Bewegungen auf engem Raum, Überraschungsmomente, Torgefahr. Es war heute vielleicht sogar sein bisher bestes Spiel für Borussia. Umso mehr wird er sich ärgern, dass er die leichte Chance in der ersten Halbzeit nicht schon zu seinem Tor genutzt hat - dann wäre für Borussia wohl vieles leichter geworden.
Ein bisschen Sorgen mache ich mir im Moment nur um Matthias Ginter. Während der erneut bärenstarke Nico Elvedi und an seiner Seite Oscar Wendt seit Wochen eine ganz sichere Bank sind, wirkt Ginter ab und an fahrig oder ungeschickt im Zweikampf. Wie im Spiel letzte Woche leistete er sich auch einige unerklärliche Aussetzer - etwa, als er sich von Haller einen Ball klauen ließ, den er eigentlich schon sicher hatte und damit einen gefährlichen Konter ermöglichte. Ginter strahlt seit seiner (sehr) schnellen Rückkehr nach der schweren Verletzung nicht immer die Ruhe aus, die man aus der Hinrunde kannte.
 
Viertens: Gladbach ist derzeit auswärts kaum zu bezwingen. Insgesamt nur vier Niederlagen aus zwölf Auswärtspartien (Hertha, Leipzig, Freiburg, Dortmund), das ist etwas, woran sich erfahrenere VfL-Fans immer noch gewöhnen müssen. Aber 2019 sind es schon sieben von neun möglichen Punkten, bei 4:1 Toren, das ist stark, zumal dies gegen Leverkusen, Schalke und Frankfurt gelang.

Fünftens: Es wird auch gepunktet, wenn das Spielglück mal nicht so im Bunde ist mit Borussia. Wenn der Ball in den Fifty-Fifty-Situationen überdurchschnittlich häufig zum Gegner springt statt zum eigenen Mann. Oder der Schiedsrichter die engen Entscheidungen stets gegen die eigene Mannschaft auslegt. Davon profitierten heute eher die gewohnt heftig in die Zweikämpfe gehenden Gastgeber, aber auch der VfL hat von diesem "Spielglück" schon öfter in dieser Saison profitiert. Was ich konkret meine? Zum Beispiel das eher zufällig zustandegekommene Tor von da Costa, bei dem sowohl Kramer als auch Yann Sommer jeweils nur ein paar Zentimeter gefehlt haben, um die Situation zu bereinigen. Und auf der anderen Seite Hinteregger, der einen Flankenball ganz leicht, aber entscheidend vor dem einschussbereiten Patrick Herrmann abfälschte.

Und der Schiri? In den letzten Partien des VfL, die Deniz Aytekin geleitet hat, fand ich ihn nicht so schlecht. Heute hatte er allerdings keine Linie, was gegen einen körperbetonten Gegner immer gefährlich ist. Gleichwertige Szenen ließ er bei Frankfurt meist laufen, bei Gladbach wurde dann zu oft abgepfiffen. Das war nichts Spielentscheidendes, aber ärgerlich ist es allemal. 
Festzustellen, ob Aytekin grobe Fehler machte oder Günther Perl im Kölner Keller mal wieder eingeschlafen war, war heute allerdings nicht immer einfach. Denn die Sky-Bildregie zeigte mehrere strittige Szenen gar nicht mehr in der Wiederholung. Abseits wird aus meiner Beobachtung heraus inzwischen durchweg deutlich seltener nochmal aufgelöst. Aber heute galt das auch für wichtiges Szenen wie das relativ grobe Foul an Herrmann in der Schlussphase an der Strafraumgrenze, wo Aytekin Vorteil laufen ließ (und Gelb hätte zeigen müssen). Und dann dieser Eckball, bei dem Ginter offenbar niedergerungen wurde und sich anschließend den Hals hielt, an dem ihn offenbar jemand getroffen und ihn heruntergezogen hatte. Ob das nun Foul war oder alles in Ordnung - ich weiß es bis jetzt nicht.

Gehen wir also leicht positiv aus diesem Wochenende heraus und haken dieses schwere Spiel gegen einen komplizierten Gegner als halbwegs gelungen ab. 
Nun aber wird es ganz heiß. Die nächsten vier Wochen bis zur nächsten Länderspielpause werden hart: mit Wolfsburg und Bayern zu Hause und dann in Mainz und gegen Freiburg gegen zwei kaum weniger unangenehme Gegner. 
Immerhin: Die Psyche und die Physis für diese schweren Wochen scheinen stabil. Die Defensive war heute schon wieder auf dem Niveau, das Gladbach vor dem Hertha-Spiel ausgezeichnet hat. Wenn der VfL nun auch die Effizienz vor dem Tor wiederfindet, ist die Champions-League-Teilnahme in vier Wochen greifbar. Wenn nicht, ist auch noch nichts verloren. Damit das Behaupten von Platz drei klappt, dafür hat die Mannschaft bis zum heutigen Tag schon sehr sehr viel investiert. Und ich glaube, sie ist gefestigt genug, das Erreichte auch zu verteidigen. Oder sagen wir: Ich hoffe es.



Bundesliga 2018/19, 22. Spieltag: Eintracht Frankfurt - Borussia Mönchengladbach 1:1 (Tor für Borussia: 1:1 Zakaria)

2019-02-09

Ein Schock mit Folgen

Das es irgendwann so weit sein würde, war klar. Nun ist der Borussia Park nach langer Zeit mal wieder gestürmt worden. Eine (für das Abschneiden in der Liga allerdings völlig unwichtige) Rekordjagd nach Heimsiegen ist damit beendet. Schade drum.
Das "Wie" war nicht schön. Bei allen drei Gegentoren wurde so schwach verteidigt wie seit langem nicht mehr. Und das Spielglück, das in den vergangenen Wochen doch häufiger mit Borussia im Bunde war als mit dem Gegner, war heute in den entscheidenden Duellen, etwa vor den Toren, auf der Gästeseite zuhause.

All das kann man sich nicht aussuchen. Aber es gibt weit größere Katastrophen, zumal sich trotz der Niederlage die Gesamtsituation nicht dramatisch verändert hat. 
Und ja, wenn schon, dann gönne ich es Pal Dardai mehr als anderen, gegen uns zu gewinnen. Weil er in seiner Analyse auch in der Niederlage stets fair bleibt und nicht, wie unsere anderen Gegner zuletzt, die Schuld bei anderen sucht.
Das am Ende deutlich verlorene Spiel ist eine vielleicht gar nicht so unwillkommene Warnung, vor allem nach dem unsäglichen Gladbach-ist Meisterschaftkandidat-Hype diese Woche in den Medien. Klar ist: Eine Leistung wie heute reicht für gehobene Ansprüche - etwa auf einen europäischen Startplatz - einfach nicht aus. Der Sieg der Hertha war hochverdient, wenn er auch (durch das Tor aus dem Nichts) eher glücklich aufs Gleis gehievt wurde.

Zwanzig spielerisch sehr ansehnliche Minuten zu Beginn des Spiels ließen jedenfalls nicht darauf schließen, dass Hertha heute Stiche bekommen würde. Gladbach kombinierte sicher, bestimmte Tempo und Spiel, hatte gute Chancen, die zu eigensinnig vergeben wurden. 
Doch der frühe Tritt von Grujic auf den Knöchel von Jonas Hofmann änderte das - mit etwas Verzögerung. Hofmann, bis dahin Pulsgeber und Herz des Gladbacher Spiels, musste nach einer guten halben Stunde raus. Das war bitter, weil er in der Anfangsphase defensiv viele Bälle abgelaufen und vorne immer wieder intelligente Pässe in die offenen Räume zwischen dem Berliner Mittelfeld und der Abwehr gespielt hatte. Dies brachten die Hertha enorm ins Schwimmen. Seinen Kollegen wollten solche gefahrbringenden Pässe im Anschluss jedenfalls nicht mehr gelingen. 
Das Pendel neigte sich ab da zugunsten der Gäste. Das lag sicher auch daran, dass Dardai reagiert hatte und sein Team deutlich besser verteidigte als zu Beginn - und dies mit allen Mitteln (was der wenig konsequente Schiedsrichter Petersen leider nicht immer mitbekam).  

Aber noch mehr hatte der Umschwung im Spiel damit zu tun, dass die Heimmannschaft erst von dem von Kalou hervorragend herausgedribbelten 0:1 und dann von Hofmanns Aus wie gelähmt wirkte. Bis zur Halbzeit ging im Anschluss nichts mehr, selbst dem sonst so chirurgisch genau verteidigenden Nico Elvedi unterliefen leichte Fehler. 
Der neu aufs Feld geschickte Mickael Cuisance war allerdings die traurige Gestalt, die das Aus-der-Hand-gleiten des Spiels quasi "in persona" darstellte. Sichtlich gehemmt ging er ins Spiel, spielte erst nur vorsichtige Quer- und Rückpässe und versemmelte dann gleich die erste Aktion, in der er kreativ werden wollte, kläglich - einen überrissenen Pass in den Strafraum. Es blieb nicht das letzte Missverständnis. Später kam noch der fahrlässige Ballverlust am gegnerischen Strafraum dazu, der zum 0:2 führte. Von dem frechen mutigen jungen Kerl, der uns schon so viel Spaß gemacht hat, ist derzeit nicht viel übrig. Schade für ihn, schade für uns. Aber auch das kann passieren. 
Auch über die "Leistung" von Alassane Plea deckt man besser heute den Mantel des Schweigens. Unerklärlich, wie fehlerhaft und verunsichert der Stürmer im Moment agiert. Hoffentlich fangen sich unsere beiden Franzosen schnell wieder.

Doch damit nicht genug. Denn die Berliner verstanden es wie schon im Hinspiel, eine der Stärken Borussias heute zu einer Achillesferse zu machen: die Mittelfeldzentrale und die Rückwärtsbewegung im Defensivverbund. Dort sah Tobi Strobl auch heute mehrfach schlecht aus. Immer wieder wurde der Sechser überspielt, Strobl musste hinter Mann und Ball herlaufen, dazu kamen Stellungsfehler (Kopfballchance von Hertha zu Beginn) und vor allem beim 0:2 ein ganz schwaches Verteidigungsverhalten. Erst joggte er nach Cuisance' Ballverlust nur zurück. Erst als er erkannte, dass Ginter Selke nicht halten konnte, setzte er zum Sprint an, verlor dabei aber Duda aus dem Auge, der sich in seinem Rücken frei lief und unbedrängt einschießen konnte. 
Auch Matthias Ginter und Michael Lang hatten keinen guten Tag erwischt, nicht nur vor dem 0:2. Auch das muss man Spielern mal zubilligen, es sind schließlich Menschen. Wenn aber am Ende nur Sommer und mit  Abstrichen Elvedi, Stindl und Hazard Normalform bescheinigt werden kann, dann ist das zu wenig für einen Erfolg - selbst gegen einen Gegner, der noch 120 Minuten gegen die Bayern vom Mittwochabend in den Knochen hatte.

So bleibt positiv nur festzuhalten, dass wenigstens das Gladbacher Publikum auf der Höhe war, zumindest in der zweiten Halbzeit. In der Schockphase in Hälfte eins hätte ich mir zwar mehr und lautere Unterstützung der Fans gewünscht. Doch die Reaktion auf den Knockout zum 0:3 war ganz groß. Denn die Mannschaft von Dieter Hecking hat es sich wirklich verdient, dass man ihr die Wertschätzung über das bisher Geleistete gerade in einem solchen Moment vor Augen führt. Und dass sie an diesem Tag dennoch alles versucht hat, kann man ihr durchaus abnehmen. Dicker Daumen hoch für die "Die Seele brennt" und die "Elf vom Niederrhein" von den Rängen und die großartige Unterstützung in dieser Phase! 
Und sonst: Spiel abhaken, draus lernen - weiter geht's!
  


Bundesliga 2018/19, 21. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hertha BSC 0:3