2021-07-02

Neues, Altes, mehr oder weniger

So, die Europameisterschaft hat sich erledigt - zumindest für die, die glauben, man dürfe als Deutscher immer nur zum eigenen Team halten. Was nichts anderes als Quatsch ist. Wer Fußball wirklich mag, freut sich auch über herausragende Leistungen anderer Teams und kann ihnen genau deshalb auch die Daumen drücken. Das habe ich bei vielen Turnieren so gehalten, auch weil es eigentlich immer sympathischere Teams gab als die jeweilige Bayern-plus-Auswahl mit dem Adler auf der Brust.

Ich habe die Spiele dieser EM ehrlich gesagt nicht konsequent boykottiert, was eigentlich der richtige Weg gewesen wäre, angesichts der Verantwortungslosigkeit der Uefa (und leider ihrer Handlanger in den Regierungen der Mitveranstalter), die die Teams und Fans in dieser Zeit durch ganz Europa und in diverse autoritär regierte Länder jagt, um ein überflüssiges Turnier durchzupeitschen und dabei Geld, Geld, Geld zu scheffeln. 

Die Folgen dieser Unverantwortlichkeit werden sich sicher in den nächsten Wochen und Monaten noch bitter in den Corona-Statistiken niederschlagen. Aber da trägt auch die Politik der Teilnehmerländer ein gerüttelt Maß an Mitschuld.

Aber gut, zum Sportlichen: Ich habe eine ganze Reihe der Spiele gar nicht gesehen, viele nur teilweise und mit gebremster Aufmerksamkeit. Gepackt hat mich dann aber doch das dramatische Doppel am Montag mit der Schweizer und der kroatischen Aufholjagd. Dass die Schweiz auch heute gegen Spanien so nah dran war und dann doch knapp scheiterte, hatte dann aber schon wieder etwas fatal Borussiahaftes.

Was die deutsche Elf angeht: Ich bin eigentlich sogar froh, dass diese Ansammlung talentierter, aber nicht wirklich zusammenspielender Fußballstars frühzeitig die Segel gestrichen hat. Es fehlte einfach der Spirit, die Ausstrahlung von Gemeinsamkeit, vom Ziehen an einem Strang, das die Schweiz, Dänemark oder auch Italien bisher durchs Turnier getragen hat.

Mit dem Aus in Wembley hat sich zum Glück aber auch endlich das Kapitel Löw geschlossen, das für Borussia-Spieler genauso unerquicklich war wie viele Kapitel anderer DFB-Trainer zuvor. Es weist allerdings auch nichts darauf hin, dass sich an der Nichtberücksichtigung von Gladbacher Spielern unter Hansi Flick etwas ändern wird.

Von daher ist es gut, wenn sich ein Spieler wie Lars Stindl auch entschieden hat, nach der Nichtberücksichtigung für die EM dann auch nicht für Olympia zur Verfügung zu stehen und stattdessen als Kapitän seiner Mannschaft in der gesamten Vorbereitung zur Verfügung zu stehen. Und so komme ich langsam zu dem, was wirklich zählt - unsere Borussia.

Die trainiert ab morgen wieder, unter einem neuen Trainer und mit einer ungewissen Zahl von Spielern in ihrem Kader, die den Verein noch bis zum Ende der Transferperiode verlassen könnten. 

Es wird sicher noch einiges passieren bis zum ersten Spieltag am 13. August, wenn der Meister im Borussia Park vorspielt. Aber das wird in den nächsten drei, vier Wochen erst richtig heiß werden. Das ist auch ein Grund, warum ich auf meine sonst übliche Wer-kommt-wer-geht-Spekulationsgeschichte bisher verzichtet habe. 

Es ist einfach zu vieles unklar. Wieviel Geld wird Borussia brauchen, um die Einnahmeverluste des vergangenen Spieljahres und der kommmenden Monate auszugleichen? Gibt es wirklich Angebote, bei denen man Topspieler verkaufen müsste? Und gibt es bei Ginter und Zakaria noch die Chance auf eine Vertragsverlängerung oder müssen sie im Sommer abgegeben werden, um nicht nächste Saison einen ablösefreien Wechsel zu riskieren? 

Was Zugänge angeht: Hier hat Max Eberl ja frühzeitig klargestellt, dass nur investiert werden kann, wenn Geld reinkommt, sprich: andere Spieler gehen.

Also gilt: Ich könnte lange darüber philosophieren, ob Thuram, Plea, Neuhaus, Zakaria, Hofmann, Embolo, Ginter oder wer auch immer bis zum Saisonstart noch die Biege machen. 

Ich könnte überlegen, ob dafür Marvin Friedrich, Niklas Dorsch, Kacper Kozlowski, Malang Sarr, Christos Tzolis oder doch Luka Jovic, Josh Sargent (der im übrigen besser ist als er oft gemacht wird) oder gar Granit Xhaka kommen könnten und vor allem, ob sie ein akzeptabler Ersatz wären. Mache ich aber nicht. Dafür bleibt noch Zeit, wenn es so weit sein sollte.

Wichtiger ist: Borussia und vor allem Max Eberl scheinen auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, auf Abgänge gut reagieren zu können und mit dem neuen Trainer auf einer Wellenlänge zu sein, was in diesen Zeiten möglich und vernünftig ist und was nicht. Das bedeutet, dass wir auch die Ziele nicht zu hoch hängen können, besser gesagt: nicht von vornherein zu viel erwarten dürfen. 

Aber Adi Hütter scheint ja offenen Auges in diese Aufgabe gestartet zu sein, die auch vorsieht, die Durchlässigkeit für Talente aus den eigenen Reihen wieder zu verbessern. 

Auf diesen angekündigten Weg freue ich mich ehrlich gesagt, mehr vielleicht als auf eine weitere Saison des "Weiter so", bei der man nicht darüber nachdenkt, wie man auch die eigene Nachwuchsabteilung stärken kann, die in den vergangenen Jahren sicher nicht schlecht gearbeitet hat, aber doch wenig erfolgreich darin war (oder sein konnte), junge Spieler in die Profimannschaft zu integrieren.

Dennoch werde ich mich zunächst ein wenig zurücklehnen und will mich erstmal neu überzeugen lassen. Natürlich: Adi Hütter hat bei seinem ersten Auftritt auf der Pressekonferenz heute einen guten Eindruck hinterlassen.
Sein Pech: Das hatte Marco Rose seinerzeit - sehr überzeugend - auch getan. Das Vertrauen, das dem Ex-Trainer geschenkt wurde und richtiggehend zuflog, muss sich der Neue durch die Vorkommnisse des letzten halben Jahres erst neu verdienen. 

Dass er das drauf hat, glaube ich. Aber ich will erst etwas davon sehen, bevor ich mich wieder mit voller Fanseele hergebe. Denn das letzte Jahr mit leeren Stadien und der damit verbundenen zunehmenden Entfremdung vom "Erlebnis Fußball" ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen - an euch ja sicher auch nicht. Dazu kommt die ganze ungesunde Entwicklung rund um das Geschäft Profifußball, die mich immer öfter daran zweifeln lässt, ob es sich wirklich lohnt, soviel Zeit und Kraft in den nur noch mit riesigen Geldsummen am Laufen zu haltenden "Fußballzirkus" und in dieses Hobby zu stecken.

Denn genau das ist dieser Blog nach wie vor für mich - ein Hobby. Und jetzt wird es "ernst". Ich habe jetzt über einige Jahre hinweg Woche für Woche meine Sicht auf den VfL beschrieben, Spieltag für Spieltag so schnell es ging von der Seele geschrieben, was aus meiner Sicht geschrieben werden musste - auch in englischen Wochen, manchmal noch nachts nach der Rückkehr aus dem Stadion oder nach meinem Spätdienst.

Die gute Resonanz auf meine Texte hat mich bestärkt, immer weiterzumachen. Aber ungeachtet dessen habe ich gemerkt, dass ich mich von dem Spiel, von dem Drumherum mehr und mehr innerlich distanziere. Nicht so, dass ich von einem auf den anderen Tag aufhören wollte. Aber doch so, dass ich, zumindest vorübergehend, weniger Aufwand treiben möchte und muss und auch manches überdenken werde, um nicht in einer Schreibroutine zu enden, die am Ende nur langweilt.

Ich werde also demnächst hier weniger und (oder) seltener schreiben, auch, um mir wieder mehr Freiraum für andere Dinge zu verschaffen. Wie das dann hier genau aussehen wird, muss sich einspielen. Ich wollte Euch nur schon mal darauf vorbereitet haben. Für den schnellen Spruch zum Spiel oder kürzere Kommentare nutze ich im übrigen jetzt schon oft Twitter, da bin ich unter @indenwinkelBMG zu finden. Und der Rest ergibt sich. Denn ich weiß jetzt schon, dass mich immer wieder etwas reizen wird, meinen Senf dazu abzugeben. Und dann werde ich das auch weiterhin tun. 

Also lasst uns die Saisonvorbereitung beobachten, hoffen und bangen, dass die Mannschaft ein guter Haufen wird und es mit Adi Hütter erfolgreich weiter gehen wird. Und vielleicht wird es ja auch ein Spieljahr zum Genießen - wer weiß das schon...