2021-04-17

Bewerbung abgegeben

Willkommen zurück, Borussia! Der Sieg heute war nicht nur vom Ergebnis her äußerst charmant - besonders für mich als fast mein ganzes Leben lang von Frankfurt-Fans umgebener gebürtiger Hesse.
Es war auch die Rückkehr der Mannschaft, die uns Marco Rose versprochen hatte, die er für ein Jahr auch auf die Beine gestellt hatte und die irgendwann im Spätherbst zwischen Pflicht und internationaler Kür verloren gegangen war.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass der Sieg heute verdient war. Ob in der Höhe, darüber kann man diskutieren, aber das juckt mich letztlich auch nicht - schließlich gingen auch schon genug Spiele für die Leistung zu knapp aus. Gladbach hatte das Spiel fast die gesamte Spielzeit über im Griff, die Abwehr frustrierte die Stürmer Silva und Jovic enorm, weil sie ihnen eigentlich überhaupt keine Schnitte ließen. Defensiv hielten die Borussen die Formation sehr breit, sodass vor allem über die Außen kaum schnelle Angriffe durchkamen.   

Außerdem hatte Borussia noch weitere Möglichkeiten, diese vier Tore auch in anderen Situationen nochmal zu erzielen. Und das, ohne die zweieinviertel möglichen Elfmeter, über die ich mich heute zum Glück nicht mehr aufregen muss.

Auf der anderen Seite war es natürlich ein Spiel, das genausogut sehr frustrierend hätte enden können, wenn die Eintracht in der ersten Hälfte ihre Torgelegenheiten durch Jovic und Ilsankers Kopfball, den Tobi Sippel sensationell noch an die Latte lenkte, besser genutzt hätte - und Borussia eben nicht.

Und wenn alle treffsicherer gewesen wären, hätte es bis zum Schluss vielleicht ein Spiel auf des Messers Schneide sein können, mit einem sehr hohen aber knappen Endergebnis.

Was der Ausgang heute nicht war: glücklich. Natürlich spielte es Jonas Hofmann und seinen Kollegen in die Karten, dass das 1:0 ziemlich leicht und früh fiel, und dass Frankfurts Torwart Trapp beim zweiten Tor zuviele Gedanken im Kopf hatte, wie Hofmann den Ball nach innen bringen könnte und den strammen Schuss dann unter den Armen durchflutschen ließ.

Ansonsten waren bei einigen Szenen eher die Gäste im Glück als der VfL. Das galt für ein aus meiner Sicht strafwürdiges Foul von N'dicka an Thuram. Es galt nicht so sehr für ein Handspiel in der zweiten Halbzeit, wo im Fallen die Hand des Frankfurters vor dessen Körper getroffen war, der Schuss aber direkt Richtung Tor ging. 

Am strittigsten war es allerdings bei Ilsankers ungewollter Ballfangaktion in der ersten Hälfte. 

Ja, ich akzeptiere die Interpretation von Schiri Deniz Aytekin, der erst die leichte Ballberührung mit dem Bein und dann auch den relativ körpernah geführten Arm als entlastend wertete. Ich kann damit leben, weil er sich die Szene nochmals am Bildschirm ansah und dann bei seiner ursprünglichen Entscheidung die er in Echtzeit bewertet hatte, blieb.

Ich halte sie trotzdem für falsch und glaube, dass es unter zehn Bundesligaschiedsrichtern keine eindeutige Mehrheitsentscheidung für diese Auslegung gegeben hätte. Es ist völlig fußballwidrig, dass ein Schuss, der im Strafraum direkt aufs Tor geschossen wird, von einem Spieler mittels Berührung beider Arme abgeblockt, kurz sogar gestoppt (also "gefangen") werden kann und dies keinen Elfmeter zur Folge hat.

Es war zum Glück keine Entscheidung, die für dieses Spiel am Ende eine Rolle gespielt hat. Aber das macht die Szene an sich ja nicht unstrittiger. Ansonsten gefiel mit Aytekin wieder gut, die Kommunikation 1A, manchmal vielleicht etwas zu kleinlich bei leichten Schubsern von hinten - da ist die Linie in der Bundesliga ja doch inzwischen oft auch etwas großzüger.  

Unter dem Strich kann man der Rose-Elf heute die wohl beste Leistung seit fast einem halben Jahr bescheinigen - auch weil es kein Gegner aus dem unteren Tabellendrittel war, den man leichter dominieren kann, sondern der Vierte der Liga, der auch immer noch 10 Punkte Vorsprung auf Ginter und Co. hat. 

Mit zunehmender Spielzeit kopierte Gladbach sogar ein wenig das eigentlich von der Eintracht gerne praktizierte Spiel mit vielen langen Bällen hinter die Mittellinie, und überließ dem Gegner am Ende erstaunliche 63 Prozent Spielanteile statt wie so oft selbst die Spielkontrolle zu suchen. Dazu spielte die Fohlenelf - ebenso erstaunlich nur 326 Pässe (Frankfurt 567) und verbuchte eine äußerst mäßige Passquote von 71 Prozent - weil der Spielaufbau erheblich zielstrebiger (und fehleranfälliger) nach vorne ging, was Frankfurt durchaus zur Vorsicht bei eigenen Pressing anhielt und ihnen einiges von ihrer Angriffsschärfe nahm.

Dass dieser Sieg gelang - und auch noch ohne Zittern bis zum Schluss - hatte viel mit Disziplin, Kampf- und Laufbereitschaft zu tun, und es brauchte in einigen Szenen auch den energischen individuellen Einsatz, bei dem sich vor allem Stevie Lainer einmal mehr Bestnoten verdiente, weil er Kostic immer wieder abkochen konnte und auch unter Druck stabil blieb.
Jonas Hofmann lief wieder wie aufgezogen, als hätte er in der Covid-19-Quarantäne seine Reserven noch ausgebaut. Natürlich war er auch nach vorne zusammen mit dem zunehmend befreiter aufspielenden Marcus Thuram der Kreativmotor des VfL, was den Frankfurtern ohne deren Kampfschwein Martin Hinteregger doch deutlich zusetzte und einige Unsicherheiten offenlegte.

Na klar, auch der unauffällige Elvedi und die auffälligen Torschützen Ginter und Bensebaini verdienten heute Extralob, aber es gab keinen, der da wirklich abfiel. BEsonders loben muss man Tobi Sippel aber - nicht nur für zwei, drei fantastische Paraden und sein verdientes Zu-Null-Spiel. Sondern auch für seine sehr kontrollierten und präzisen langen Bälle nach vorne. das ist etwas, was Yann Sommer zuletzt etwas hatte vermissen lassen. Viele lange Schläge des Schweizers landeten postwendend beim Gegner, gerade in Phasen, wo die Mannschaft unter Druck war. Heute war das gefühlt (ich habe nicht mitgezählt) viel effektiver. Top, Tobi!

Was aber das Wichtigste war - die Energieleistung von Berlin vergangene Woche hat im Positiven Spuren hinterlassen. Es stand heute wieder eine Einheit auf dem Platz. Spieler, die füreinander laufen und fighten, die sich helfen, unterstützen - die sich verstehen. Und nicht vergessen: Es fehlten heute mit Kapitän Stindl, Yann Sommer und Chris Kramer nicht irgendwelche Spieler. Aber das war fast nicht zu bemerken, weil andere Spieler diese Lücken exzellent auszufüllen verstanden.

Ob das gute Auftreten heute auch etwas mit der geklärten Trainerfrage in der kommenden Saison zu tun hatte? Mit der Möglichkeit, sich ausgerechnet im ersten Spiel nach der Bekanntgabe von Hütters Wechsel genau diesem 90 Minuten lang in erster Reihe präsentieren und sozusagen bei ihm "bewerben" zu können? Das könnte sein.
Aber in erster Linie ziehen die Spieler (und der Trainerstab) in eigener Sache an einem Strang - weil sie gemerkt haben, dass es aufwärts geht, dass sie sich auch wieder belohnen, wenn sie sich im Spiel etwas zutrauen und nicht nachlassen. Bestes Beispiel: Florian Neuhaus, der heute wieder einige instinktive Weltklasse-Anspiele zeigte, unter anderem den schönen Wechsel auf Jonas Hofmann vor dem 2:0. 

Jetzt gilt es, diese Leistung zu bestätigen. Hoffentlich fällt für das Spiel in Hoffenheim am Mittwoch Jonas Hofmann nach dem K.o.-Schuss von ("ausgerechnet") Amin Younes nicht schon wieder aus. Denn so wie er heute aufgespielt hat - in der Defensive, in der Offensive, aus dem Spiel heraus und bei seinen Standards -, ist er kaum wegzudenken aus der Startelf.

Heute können wir wohl alle gut schlafen. Das war ein großer Schritt hin zu einem versöhnlichen Saisonende. Egal, was Corona oder andere Plagen für uns noch bereit halten.

Bundesliga, 29. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Eintracht Frankfurt 4:0. Tore für Borussia: 1:0 Ginter, 2:0 Hofmann, 3:0 Bensebaini, 4:0 Wolf.

Saisonspende: Heute gibt's 3 Euro ins Sparschwein. Vier Tore ergeben 2 Euro, dazu endlich mal wieder eine weiße Weste, und das für den frischgebackenen Vater Tobis Sippel. Das ist toll! Ach ja, Gesamtstand: 106,50 Euro.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Erreichen der K.o-Phase und für jede weitere erreichte CL-Runde: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2021-04-10

Drama, Baby!

Halbwegs friedlich gehe ich ins Restwochenende - nach einem Unentschieden gegen einen abstiegsgefährdeten Gegner, der auch heute zeigte, warum er so weit unten in der Tabelle steht.

Am Ende nehme ich den Punkt gern mit und will zufrieden sein, obwohl ich auch der Meinung bin, dass nur Borussia heute ein logischer Sieger der Partie gewesen wäre. Und Lars Stindl und Co. es auch verdient gehabt hätten - durch irgendein krummes Ding, sei es ein zweiter Elfmeter oder auch ein Neuhaus-Schuss in den Winkel nach dessen kurioser Ballmitnahme ein paar Minuten vor Schluss. Ja verdammt: Gladbach wäre auch mal dran gewesen, ein Spiel, in dem vieles gegen die Rose-Elf lief, auf mehr als glückliche Weise zu gewinnen 

Passt das jetzt zusammen? Ich glaube: Ja.

Aus neutraler Sicht war das heute im Olympiastadion wirklich ein packendes Spiel, das viel Unterhaltung bot, inklusive einer gehörigen Portion Drama. Aus Gladbacher Sicht wurde es früh zum Alptraum, dann zum Prüfstein. Und wenn wir Glück haben, wurde es zu einer Reifeprüfung, aus der die Mannschaft am Ende mehr Kraft zieht als vielleicht aus den Siegen gegen Schalke und Freiburg zusammen.

Denn im Gegensatz zum Sky-Reporter Michael Born kann ich einschätzen, welcher Mannschaft man heute zu einer guten Leistung gratulieren muss. Es ist nicht die Hertha, die der "Fachmann" am Mikro dazu beglückwünschte, dass sie sich stark verbessert gezeigt und gegen Gladbach auf 60 Prozent Ballbesitz gekommen war. Wer nicht ganz blöd ist, weiß, dass diese Zahl gar nicht so großartig ist, wenn man 77 Minuten in Überzahl gespielt hat - ein Fakt, den Born das ganze Spiel über ausgeblendet zu haben schien, so begeistert war er von der "Leistungssteigerung" der doch nominell auch ziemlich hochkarätig aufgestellten Berliner Elf. Egal, daran will ich mich gar nicht weiter hochziehen. 

Aber letztlich kann man daran auch - ein bisschen wenigstens - ablesen, dass heute die Mannschaft in Unterzahl ihre nach 13 Minuten grundlegend geänderte Aufgabe zur vollen Zufriedenheit gelöst hat. 

Fast das ganze Spiel war Borussia in Unterzahl, lag dann zurück, drehte den Rückstand noch vor der Pause und war in Halbzeit eins sogar phasenweise noch in der Lage, den Gegner gut zu bespielen, den der Platzverweis gegen Yann Sommer scheinbar mehr durcheinander gebracht hatte als die dezimierte Mannschaft.
Das lag auch ein bisschen an der taktischen Ausrichtung der Berliner, die eigentlich auf Konterspiel eingestellt waren und nun in die Spielmacherrolle gedrängt waren, was ihnen merklich Probleme machte. In Halbzeit eins war der VfL jedenfalls die zielstrebigere, in jedem Fall aber effektivere Mannschaft.

Zur Pause reagierte Pal Dardai und brachte mit Plattenhardt, Piatek und Radonjic gleich drei neue Spieler, die der veränderten Spielarchitektur Rechnung trugen. Daraus Kapital zu schlagen, gelang aber nur in den ersten Minuten nach der Pause, als Cordoba auch deshalb das schnelle 2:2 gelang, weil die Abseitslinienlotterie diesmal mal wieder zu Ungunsten von Borussia ausging.

Danach aber verteidigten Kramer, Ginter und Co. die Berliner Versuche, das von Tobias Sippel hervorragend gehütete Tor in Gefahr zu bringen, richtig gut weg, sodass irgendwann fast nur noch planlos Flanken in den Strafraum des VfL geschlagen wurden, die heute aber meist recht einfach geklärt werden konnten. Mit ablaufender Spielzeit hatte ich jedenfalls immer weniger die Befürchtung, dass das Spiel verloren gehen würde. Ich hoffte im Gegenteil eher darauf, dass auf der anderen Seite noch irgeneine Murmelei zum Gladbacher Sieg gelingen würde. 

Fast hätte das auch geklappt - ja klappen müssen. Und damit bin ich beim Thema Schiedsrichterentscheidungen. Auch hier nicht so emotional wie sonst, auch wenn ich mich während des Spiels natürlich gehörig aufgeregt habe. Patrick Ittrich hat für mich heute keinen besonders guten Tag gehabt, er lag aus meiner Sicht bei einer Reihe von Zweikampfentscheidungen diskutabel falsch. Die wichtigste Szene hat aber nicht er zu verantworten, sondern der VAR Robert Hartmann in Köln. Es geht um die eine richtig gute Chance in der 72. Minute, als Klünter und Thuram im Strafraum den Ball verpassten und ins Straucheln kamen. Thuram rutschte mit dem Gegner zusammen Richtung Tor und versuchte da schon, mit dem langen Bein Halt zu bekommen, rutschte aber über Klünters Bein und Arm weiter nach hinten weg und kam schließlich mit seinem einen Fuß zwischen Körper und Arm des Verteidigers. Soweit ist alles noch ok.
Doch in dem letzten Moment, als der Gladbacher Stürmer sein Bein aus dieser Position wieder nach vorne nehmen wollte, um aufzustehen und dem Ball hinterherzugehen, klemmte sein Gegner den Fuß erst etwas ein, so dass dieser nicht loskam und zog dann seine Hand und Thurams Bein noch etwas hoch, sodass dieser vollends auf dem Bauch landete. 

Für mich führt da beim besten Willen an einem Foulpfiff nichts vorbei. Dass Ittrich das in Realgeschwindigkeit anders wahrnahm, akzeptiere ich. Aber dass der VAR, der die Superzeitlupe zur Verfügung hat, um Vergehen nachzuweisen, das nicht sieht oder nicht so wertet, macht mich fassungslos. Klar, man kann das anders interpretieren. Und dann wird im Zweifel wieder das so berühmte wie  unsinnige "das reicht eben nicht für einen Elfer" bemüht.
Aber wenn man diese absichtliche Bewegung des Verteidigers wahrnimmt, ist es - leicht oder nicht - eine strafwürdige Aktion und ein klarer Elfmeter. Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass auch hier wieder einmal ein wie auch immer geartetes "Ermessen" entschieden hat, das aus meiner Sicht sportwidrig ist.

Und dieses Sportwidrige zog sich heute durch einige Szenen. Das fängt mit dem Fakt an, dass heute der bekannt unsportliche Sportkamerad Ascacibar auf dem Platz stehen, um sich treten, ein abgefälschtes Tor erzielen und den Schuss vor dem zweiten Tor abfeuern durfte, obwohl er sich in der Woche zuvor ungestraft betont krass unsportlich verhalten hatte, als er gut vernehmbar an der Seitenlinie seinen Gegenspieler mit dem A........-Wort tituliert hatte. Aber: geschenkt.

Es geht weiter damit, dass Yann Sommer für ein Foul in einer klar ballorientierten Aktion (bei der der Gegner - by the way - keine Ballkontrolle und auch keine klare Torchance hatte) mit Rot vom Platz fliegt. Und auf der anderen Seite der Sportkamerad Seefuik für eine veritable Körperverletzung nur Gelb sieht. Damit will ich nichts gegen den Platzverweis von Sommer sagen - alle paar hundert Spiele geht so eine Klärungsaktion halt mal schief. Dass Cordoba den Kontakt am Schienbein gern annahm, statt erfolglos einem ins Aus fliegenden Ball hinterherzulaufen, ist auch ok. Auch gegen die Entscheidung Rot statt Gelb ist letztlich wenig zu argumentieren, die Regeln sind eben so.
Doch im Vergleich zu einem Spieler, der mit drei Meter Anlauf in einen
Ramy Bensebaini reinspringt, der ihn nicht kommen sieht und ihm so mit der angelegten Schulter gegen den Kopf rammt, dass das Opfer unkontrolliert mit dem Gesicht auf dem Rasen aufschlägt, ist Sommers Vergehen schon ein fast niedliches.
Ich habe wirklich in diesem Moment Angst um Ramy bekommen, der seinen Sturz in diesem Moment nicht aus eigener Kraft abfedern konnte. Ein Wunder, dass da nicht mehr passiert ist, und gut, dass er so lange weiterspielen konnte - nachdem schon der andere Linksverteidiger Oscar Wendt der Sommer-Aktion zum Opfer gefallen war.
Aber ganz ehrlich, selbst im rauhen Eishockeysport versteht man bei solchen Angriffen auf den Körper eines Gegners, der auf den Check nicht gefasst ist, keinen Spaß. Zum Vergleich: Wer einen Gegner so unkontrolliert in die Bande checkt, geht beim Eishockey mit einer Spieldauersiziplinarstrafe duschen. Es wäre nicht schlecht, wenn man da im Fußball auch mal drüber nachdenken würde - noch mehr, wenn ein Gegner dadurch verletzt ausgewechselt werden müsste. 

Auch wenn ich keineswegs zufrieden bin mit der Performance des Schiedsrichters - immerhin schickt er zu allem Überfluss mit einer ziemlich ungerechtfertigten (5.) Gelben Karte nun auch Chris Kramer am kommenden Wochenende gegen Frankfurt in die Zwangspause - Patrick Ittrich hat dennoch alles, was einen guten Schiri ausmachen kann, zumindest im Umgang mit Spielern und Trainern.
Positiv habe ich zum Beispiel kurz vor Schluss notiert, wie souverän er mit einem kleinen Ausraster von Marco Rose umging. Er sprach ihn ruhig an, auch mit Humor, sinngemäß: dass sie beide ja nicht gerade einen einfachen Job gehabt hätten heute und es sich jetzt nicht noch schwerer machen müssten. Kein übertriebene Schulmeisterei mit theatralisch gezogener Verwarnung für einen natürlich in der Schlussphase hoch emotionalen Trainer, sondern eine sachliche Art, zu beruhigen - so sollte es öfter sein. Vielleicht bin ich deshalb auch etwas gnädiger mit meinem Gesamturteil. 

Ein irres Spiel, ein 2:2. Es sollte heute wohl so sein. Und auf jeden Fall haben wir einiges durch- und erlebt. Es war einfach ganz schön viel drin - eben: "Drama, Baby!"

Bundesliga, 28. Spieltag: Hertha BSC Berlin - Borussia Mönchengladbach 2:2. Tore für Borussia: 1:1 Plea, 1:2 Stindl (FEM, Thuram).

Saisonspende: Ein weiterer Punkt aufs Borussenkonto, und einen Euro für zwei Tore - ergibt sechs Spieltage vor Schluss eine Summe von 103,50 Euro.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Erreichen der K.o-Phase und für jede weitere erreichte CL-Runde: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2021-04-04

Spielglück

Viel war ja während dieser langen Sieglos-Serie zu hören von diesem fehlenden "Spielglück", das sich die Mannschaft hätte erarbeiten müssen, um zu Erfolgserlebnissen zu kommen. Heute nun kam dieses ominöse Spielglück zurück - mit voller Wucht. Denn auch wenn wir am Ende dank einer ordentlichen Leistungssteigerung gar einen nicht ganz unverdienten Sieg konstatieren können - es war schon sehr viel von diesem "Spielglück" nötig, damit es überhaupt dazu kommen konnte.

Die erste Hälfte war, ohne Umschweife gesagt, eine Katastrophe. Borussia ohne den gesperrten Bensebaini, den kurzfristig angeschlagenen Elvedi und den in Covid-Quarantäne befindlichen Jonas Hofmann, das war schon eine erhebliche Schwächung -aber keine Entschuldigung für diesen Auftritt. Dass Marco Rose angesichts der Ausfälle auf die übliche Viererkette setzen würde, war für den gegnerischen Trainer Christian Streich leicht auszurechnen. Und er setzte mit einer eigenen Dreierkette und der daraus folgenden Überzahl im breit gefächerten Mittelfeld den richtigen Impuls, um Borussia 45 Minuten lang äußerst alt aussehen zu lassen. Darauf hätte der VfL-Stab aber eigentlich vorbereitet sein müssen.

Vor allem über ganz außen kamen die Breisgauer immer wieder leicht und gefährlich durch, das Pressing der Gladbacher funktionierte fast nie und so waren die Außenverteidiger Wendt und Lainer sehr oft sehr hochstehend schnell überspielt und die Restverteidigung oft in Unterzahl gegen die Freiburger, denen man nur eins vorwerfen konnte: dass sie zu wenig zielstrebig und effektiv waren.

Nach vorne ging beim VfL wenig, nach hinten lief man in einen gefährlichen Gästeangriff nacheinander. Es war gruselig. Und es glich einem Wunder, dass es zur Halbzeit nur 0:1 stand - selbst wenn man sich auf Yann Sommer eigentlich immer verlassen kann. Er allein hielt das Team mit einer Handvoll Glanztaten bis dahin im Spiel.

Zur Halbzeit gab es eigentlich nur noch einen Gedanken, der einen auf ein Happyend hoffen lassen konnte: Die Fußballweisheit, dass der, der zu viele Chancen auslässt, am Ende dann doch oft verliert. Quasi also das, was Borussia zuletzt gegen Augsburg widerfahren war. So kam es tatsächlich, aber es war noch ein weiter Weg bis dahin.

Immerhin: Nach der vielleicht schlechtesten Halbzeit in dieser Saison folgte eine starke Phase, die ebenfalls vor allem einer taktischen Umstellung zu verdanken war. Auch Rose stellte nun auf Dreierkette um. Er brachte aber nicht Tony Jantschke, sondern platzierte wieder einmal den spielerisch stärkeren Denis Zakaria zwischen Ginter und den in der ersten Halbzeit ziemlich verloren wirkenden Jordan Beyer. Der profitierte enorm von dieser Umstellung, und er lieferte ab da eine richtig solide Abwehrleistung ab.

Lainer und Wendt brachten ihrerseits im Mittelfeld deutlich mehr Zugriff auf die Gegenspieler als in der ersten Hälfte, und verkürzten zudem die Pass- und Laufwege für das Angriffstrio und die beiden zentralen Mittelfeldspieler Neuhaus und Kramer. Für Zakaria ging Hannes Wolf vom Platz, der als positionsgetreuer Rechtsaußen wie seine Nebenleute in Halbzeit eins völlig wirkungslos geblieben war - was aber nicht in erster Linie seine Schuld war.
Stindl rückte nun auf die rechte Seite, Plea und Thuram tauschten die Positionen, sodass mit Lasso links und Tikus in der Mitte auch hier mehr Wucht, aber auch mehr Flexibilität einzog. Und es wurde endlich mal wieder über längere Zeit mit schnellen Ein-Kontakt-Bällen nach vorne kombiniert und so der Gegner auch mal wirklich beschäftigt, worauf die Freiburger nach der desolaten ersten Hälfte der Gladbacher offensichtlich nicht gefasst waren.

Und so reichte eine starke Viertelstunde, um das Spiel zu drehen. Natürlich mit einer kräftigen Portion "Spielglück". Denn beim Ausgleich stand Thuram genauso zufällig um Zentimeter nicht im Abseits wie es sein Gegenüber Höler in der Nachspielzeit dann eben tat. Zudem wurde sein Schuss, der möglicherweise sogar am Tor vorbei geflogen wäre, vom Rücken seines Gegners unhaltbar ins Tor abgefälscht. 

Das zweite Tor war da schon zwingender, nach einem Jonas-Hofmann-Gedächtnis-Schnittstellenpass von Chris Kramer in den Lauf von Thuram. Doch auch da passte mal alles: der erste Kontakt bei der Ballmitnahme, die Grätsche ins Leere von Gegenspieler Lienhart, das leichte Zögern von Torwart Müller, der dann nicht mehr an den Ball herankommen konnte. Ein schönes Tor, das Zentnerlasten abfallen ließ, allen voran beim Torschützen selbst, den man lange nicht mehr so strahlend hat jubeln sehen.

Ab da schien es wirklich für Gladbach zu laufen. Thuram hätte mit einem Flachschuss fast sein drittes Tor erzielt, in der 68. Minute lag der Ball dann auch wirklich zum dritten Mal im Freiburger Tor, diesmal hatte der Unglücksrabe vom 1:1, Santamaria den Querpass von Stindl gleich selbst ins Tor gegrätscht.

Doch das schien dann selbst dem Schiriteam wohl zu viel des Guten. Der VAR Marco Fritz griff offenbar ein. Nicht um das Tor wegen einer möglichen Abseitsstellung nicht zu geben, die der Assistent signalisiert hatte, die aber nicht vorlag, wie die Fernsehbilder zeigten. Nein, er machte Schiri Christian Dingert auf eine Szene im Mittelfeld aufmerksam, wo ein Freiburger zuvor nach einem Zweikampf liegengeblieben war. Dingert schaute sich die Szene selbst am Monitor an und gab tatsächlich Freistoß für Freiburg.
Eine fette Fehlleistung. Denn was war passiert? Der Freiburger ging zum Ball, touchierte ihn ganz leicht. Stevie Lainer kam von der Seite, spielte den Ball deutlich zu einem eigenen Mann und trat dem Gegner dann beim Zurückschwingen seines ballspielenden Beins unabsichtlich auf den Fuß. Zu diesem Zeitpunkt war der Ball schon gut einen Meter weit weg vom "Tatort", der "gefoulte" Spieler hätte keinerlei Möglichkeit gehabt, ins Spiel um den Ball einzugreifen.

In Realgeschwindigkeit hatte Dingert diese Szene zu Recht weiterlaufen lassen, aber nach dem Eingriff des VAR, der sich wieder einmal meldete, obgleich eben keine gravierende Fehlentscheidung des Feldschiris vorlag, änderte er seine Meinung - zu einer klar falschen Entscheidung. Das ist nicht nur ärgerlich, weil dieses 3:1 mir und wahrscheinlich allen Gladbachfans viel Zittern bis zum Schluss und strapazierte Nerven erspart hätte. Es ist auch ein Bärendienst für den VAR, der ansonsten heute eine sehr wertvolle Hilfe bei den Abseitssituationen war. Allerdings fehlt mir auch das Verständnis für Dingert, eine Szene trotz aller Video-Hilfsmittel dann derart falsch zu bewerten.

Dass wir über diese Szene aber nicht länger diskutieren müssen, hat dann erneut mit dem Spielglück der Gladbacher zu tun. Denn nach dieser Szene verlegten sich Ginter und Co wieder zu sehr auf das, was sie am wenigstens können: einen knappen Vorsprung verteidigen. So kam Freiburg in den Schlussminuten unnötigerweise noch mehrmals im Strafraum gefährlich zum Abschluss.
Und nach fünf gespielten Nachspielminuten dann vermeintlich auch noch zum 2:2, was letztlich für die Gäste nicht unverdient gewesen wäre - und auch eine "verdiente" Lektion für die Rose-Elf, die es einmal mehr schaffte, sich nach einer Minute eigenem Ballbesitz von Pass zu Pass mehr in Bedrängnis zu bringen, bis der lange Ball nach vorne beim Gegner landete und am Ende die Befreiung aus dem eigenen Strafraum nicht gelingen wollte. 

Und so gut Stefan Lainer heute wieder attackierte und der Gladbacher Kampf-Taktgeber war: hier, in dieser letzten Szene in der Nachspielzeit, da musste er den Ball aus dem Strafraum eigentlich so klären, dass dieser mindestens bis zur Mittellinie oder ins Aus geflogen wäre. So blieb er im Spiel, flipperte ohne Gladbacher Ballberührung über fünf Stationen durch den Strafraum und landete schließlich im Tor. 

Und hätte Hölers Bein nicht zufällig noch etwas im Abseits gestanden - was nun mal die Regel ist, auch wenn es den Sinn der Abseitsregel völlig karikiert -, dann wäre der Katzenjammer groß gewesen, einmal mehr in den letzten Sekunden wichtige Punkte abgegeben zu haben - auf die man allerdings 45 Minuten zuvor kaum noch einen Pfifferling zu setzen gewagt hätte. 

Fast zuviel also des Spielglücks für nur ein Spiel. Andererseits ist es gerade gegen Freiburg nicht soo schade, auch mal viel Glück auf der eigenen Seite zu haben. Ich kann mich da in der Historie dieser Partien auch schon an mehrere angefälschte Gegentore, Schiri-Blackouts und andere Unglückseligkeiten erinnern.

Das bedeutet unter dem Strich: Gladbach stolpert - mit einigen eingeschobenen eleganten Zwischenschritten - wieder ein wenig Richtung internationales Geschäft. Das liegt vor allem daran, dass die direkt vor Borussia platzierten Teams netterweise ein bisschen auf die Rose-Elf gewartet und sich noch nicht uneinholbar entfernt haben. 

Und daran, dass zur richtigen Zeit zwei Gegner kamen, die ihren Teil dazu beigetragen haben, dass der VfL weiter von einem versöhnlichen Saisonabschluss träumen kann. Das gibt der Rose-Eklf tatsächlich siuchtlich Auftrieb, spielerisch wie kämpferisch, wenn auch bisher nur phasenweise im Spiel. Aber das ist ja schon mehr, als man in den Wochen vorher noch zu hoffen wagte. In diesem Sinne: Weiter arbeiten, die steigende Form festhalten - und das Spielglück auch, wenn's geht.

Bundesliga, 27. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - SC Freiburg 2:1. Tore für Borussia: 1:1 Thuram, 2:1 Thuram.

Saisonspende: Ein wichtiger Sieg, aber für zwei Tore gibt es trotzdem nur einen Euro ins Spendenschwein. Da in der Länderspielpause bei der Nationalmannschaft diesmal keine Gladbacher Torbeteiligungen dazu kamen, sind wir bei einem Gesamtstand von 102,50 Euro.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Erreichen der K.o-Phase und für jede weitere erreichte CL-Runde: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2021-03-20

With a little help...

"Is this the real life?
Is this just Fantasy?" 

Das Zitat von Queens "Bohemian Rhapsody" drückt für mich heute ganz gut aus, was ich gesehen habe.

Borussia kann tatsächlich noch gewinnen. Nach neun Spielen ohne Sieg und sieben Niederlagen hintereinander gelang der Rose-Elf heute ein sicherer und klarer 3:0-Sieg, der mehr als überfällig war. Den nimmt die Mannschaft jetzt mit in die Länderspielpause, wo sie noch einmal gezielt an Schwächen arbeiten und am Zusammenhalt schrauben kann, um dann in die letzten acht Spiele zu gehen, in denen tatsächlich auch immer noch ein europäischer Startplatz erreichbar scheint.

Das klingt doch gut, oder?

Leider ist es höchstens die halbe Wahrheit. Denn auch wenn das Ergebnis deutlich und am Ende aufgrund der vielen sehr klaren Torchancen fast noch zu niedrig ausfällt: Es brauchte die freundliche Mithilfe des Gegners, damit überhaupt diese drei Tore fallen konnten. 

Beim 1:0 ließ sich William von Marcus Thuram viel zu leicht überlaufen. Der (mit viel Glück nicht Aus gegebene) und von der Grundlinie zurückgelegte Ball flipperte durch den Strafraum, wo kein Schalker klären konnte, sodass Lars Stindl den dritten Versuch in die Maschen versenkte.

Beim zweiten Tor ließ man Stefan Lainer sträflich frei zur kurzen Ecke laufen und einköpfen - gefühlt die erste erfolgreiche Standardsituation seit Monaten.

Und das dritte Tor schoss Schalke dann gleich selbst. Sicher, Elvedis Kopfball war platziert und gut. Aber Torwart Rönnow hatte den Ball im Hechtsprung routiniert pariert und musste ihn beim Aufkommen auf den Boden "nur noch" festhalten. Etwas, was er im Schlaf beherrscht. Doch heute gelang es ihm, den Ball noch ganz merkwürdig zwischen Arm und Kopf durchflutschen zu lassen. Ein absolutes Slapstick-Tor, nach dem man schon Mitleid mit dem Schalker Trümmerhaufen bekommen konnte.
Vor allem, wenn man Gladbacher ist und sich noch gut an die Szene vor nahezu genau 10 Jahren erinnern kann, als VfL-Schlussmann Logan Bailly sich gegen Kaiserslautern den Ball nach einer Ecke unbedrängt zum 0:1-Endstand ins eigene Tor faustete.

Immerhin hatte Borussia damals am 27. Spieltag schon 23 Punkte (und nicht 10 wie Schalke jetzt), und wir wissen alle, wie glücklich die Saison endete. Aber heute fühlte sich der Abend für die Fans von Blau-Weiß sicher ganz ähnlich grausam an wie das Spiel für uns damals. 

Gut, dass sich Sommer und Co. heute an den Knappen schadlos halten konnten, das macht für die den Bock nun wirklich nicht mehr fett. Aber ob der VfL mit diesem Sieg zugleich denselben umgestoßen hat, daran gibt es trotz der spürbaren Erleichterung Zweifel.
Denn auch wenn die heutige Leistung für Schalke gereicht hat - ich weiß nicht, wieviele andere Mannschaften in der Bundesliga damit in Verlegenheit zu bringen gewesen wären. Mir fällt ehrlich gesagt keine andere ein.

Natürlich sprechen die Statistiken eine deutlich Sprache: 3:0 Tore, 21:4 Torschüsse, 120 zu 118,7 Kilometer Laufleistung, 70 Prozent Ballbesitz, Passquote von 90 Prozent und 731 zu 301 gespielte Pässe. So sieht Überlegenheit in nahezu allen Belangen aus. Aber wie wenig das wert sein kann, hat den Borussen gerade vergangene Woche der FC Augsburg bewiesen. 

Und auch heute wäre das mühsam erarbeitete 1:0 zur Pause schon wieder weg gewesen, wenn die Schalker sich nicht in den letzten 5 Minuten vor dem Pausenpfiff vor dem Tor von Yann Sommer so harmlos angestellt hätten, wie sie es wohl Woche für Woche tun. Selbst haarsträubendste Fehlpässe in der eigenen Hälfte von Bensebaini, Kramer und Ginter hatten so zum Glück keine Konsequenzen. Sie sprachen aber zugleich Bände über das Nervenkostüm beider Mannschaften bei diesem Verlierergipfel.

Statt dem 3:0, das nach den Chancen zur Halbzeit hätte stehen sollen, hätte es also im schlechtesten Fall auch ein 1:1 oder gar ein 1:2 sein können. Diese Gefahr bestand in der zweiten Halbzeit dann allerdings nicht mehr wirklich, weil die Gastgeber sich spätestens mit dem zweiten Tor nach gut einer Stunde mit der erneuten Niederlage abgefunden haben schienen. 

Ginter und Co. konnten sich ab da den Gegner mehr oder weniger zurechtlegen. Und mit etwas mehr Mut und schnelleren und klareren Aktionen nach vorne hätte das ein richtiger Kantersieg-Befreiungsschlag werden können. Dass die Gladbacher Spieler sich stattdessen weiter erstmal auf ihren sicheren Ballbesitz mit vielen Quer- und Rückpässen verlegten und nur vereinzelt und dann meist mit guten Bewegungen von Neuhaus, Thuram oder Plea nach vorne stießen, lässt tief blicken. 

Dass man in der schwierigen Phase, in der sich die Mannschaft befindet, nicht jeden Risikoball spielt, ist nachvollziehbar. Aber dass man, selbst wenn man tief in die gegnerische Hälfte vorstößt, mit den nächsten beiden Pässen zurück jeden Vorteil gegen eine aufgerückte Abwehr verschenkt und den Gegner wieder in sein Grundordnung lässt, ist oft nicht zu verstehen. Immer wieder müssen angriffe abgebrochen werden, weil nach vorne keine Anspielpartner da sind. Und selbst in Strafraumnähe sind Hereingaben oft sichere Beute der gegnerischen Abwehr, weil die Strafraumbesetzung unterirdisch ist.

Immerhin: Heute wirkte die Mannschaft als ganzes nicht mehr ganz so passiv, bewegte sich zumindest phasenweise mehr in den Räumen, und kam durch gute Finten und Richtungswechsel etwas durch Neuhaus immer wieder in gute Angriffssituationen. Aber konsequent den Weg nach vorne zu suchen, wie dies in der vergangenen Saison und in der Hinrunde oft so eindrucksvoll gelang, das gelingt nur noch selten. Genausowenig wie das geordnete harte Pressing tief in der gegnerischen Hälfte, mit dem man ("einst", muss man ja fast schon sagen) selbst Real Madrid und Inter Mailand beeindrucken konnte.  

Derzeit ist die Mannschaft sich selbst gegen einen solch schwachen Gegner nicht sicher, ob sie bei Ballverlusten und Gegenangriffen stabil genug bleibt und wählt bei Ballbesitz lieber einmal mehr den sicheren Weg über Innenverteidiger oder Torwart, bevor man ein Risiko eingeht.

Heute waren Elvedi und Ginter allerdings zu jeder Zeit Herr der Lage, Yann Sommer war zur Stelle, wo er gebraucht wurde, Lainer musste sich in der Defensive kaum vor Probleme stellen lassen. Und auch für Ramy Bensebaini hatte eine ungewohnt fahrige und fehlerhafte Leistung keine negative Konsequenzen - außer der, dass er sich die (in dieser Szene wohl notwendige) fünfte Gelbe Karte einhandelte und beim nächsten Spiel gegen Freiburg fehlen wird.

Ansonsten war bei den Spielern deutlich Aufwärtstrends zu erkennen. Flo Neuhaus und Jonas Hofmann ließen ab und zu wieder mal gewohnten Spielwitz und auch Freude am Spiel nach vorne aufblitzen. Marcus Thuram beschäftigte die Gelsenkirchener Abwehr mit guten Läufen in Hälfte eins fast alleine. Alassane Plea war nicht nur fleißig wie in den Wochen vorher, sondern kam auch mal wieder in gute Abschlusssituationen. Was beiden fehlt, ist ein Tor, das ihnen weiter Auftrieb gibt.
Das erzielte Kapitän Stindl, der ausgerechnet heute ziemlich selten mal gut im Spiel war. Aber das zählt morgen nicht mehr, genausowenig wie das Licht und der Schatten, die sich bei Chris Kramers Aktionen heute abwechselten.

Was also ist dieses Spiel - dieser Sieg - am Ende wert? Neben den drei Punkten und der Tatsache, dass die Euro League zumindest nicht mehr unerreichbar scheint und auf der anderen Seite der Klassenerhalt gesichert sein durfte? Schwer zu sagen, denn wie gesagt: Diese anständige, aber auch fehlerbehaftete Leistung hat heute gegen Schalke locker gereicht. Aber ich sehe keine andere Mannschaft, die sich die Einladungen, die Borussia heute immer wieder - unbedrängt - durch Fehlpässe im Spielaufbau ausgesprochen hat, hätte entgehen lassen.

Es war insofern mit Blick auf die kommenden Aufgaben ein Muster fast ohne Wert. Es war aber auch ein Erfolg, auf dem sich aufbauen lässt. Und deshalb will ich den Sieg auch nicht geringschätzen, zumal in der aufgeheizten Stimmungslage in Gladbach. Ein sieg ist ein Sieg ist ein Sieg. Wir haben lange darauf warten müssen und die Mannschaft hat ihn sich - trotz der angesprochenen Versäumnisse und der Hilfe durch den Gegner - auch hart erarbeitet. Also nehmen wir ihn auch positiv an.

Viel Stärke daraus zu ziehen, das ist die Aufgabe aller Beteiligten am Borussia Park in den kommenden 13 Tagen, bis zum Anpfiff gegen die Freiburger. Das ist wichtig, denn die Breisgauer kommen selten so zahnlos daher wie es das demoralisierte Team von S04 heute tat.  

Ach ja: Sportsfreund Tobias Stieler war, allen Unkenrufen zum Trotz - heute ein guter, großzügiger und unaufgeregter Leiter eines in den Zweikämpfen hart, aber fair geführten Spiels. Es ist gut für ihn und für uns, dass der viel gescholtene Unparteiische heute auch mal den unmittelbaren Beweis antreten konnte, dass es ihm auch mal gelingen kann, nicht (un)freiwillig zum Mittelpunkt des von ihm geleiteten Spiels werden zu müssen.

Bundesliga, 26. Spieltag: FC Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach 0:3. Tore für Borussia: 0:1 Stindl, 0:2 Lainer, 0:3 Elvedi (oder Eigentor Rönnow).


Saisonspende: Wahnsinn - es hat lange gedauert, doch jetzt sind endlich die 100 Euro geknackt. 1,50 Euro für drei Tore, dazu ein Zu-Null-Spiel von Yann Sommer, das macht 2,50 Euro und damit einen Gesamtstand von 101,50 Euro. Geht doch!

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Erreichen der K.o-Phase und für jede weitere erreichte CL-Runde: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2021-03-17

Zum Kotzen guter Fußball

Es ist schade, dass von Borussias Champions-League-Saison 2020/21 der letzte Eindruck die schönen Erfahrungen übertünchen wird. Dieser letzte Eindruck war kein schöner. Eine Borussen-Elf, die sich ohne Frage bemühte, um dennoch nie auch nur in die Nähe einer Überraschung kommen zu können. Das lag natürlich daran, dass der Kamerad Selbstbewusstsein offenbar schon vorzeitig nach Dortmund gewechselt ist. Mehr noch lag es aber an der Mannschaft von Pep Guardiola, die einfach in diesen beiden Spielen - in allem - Welten von dem entfernt war, was der VfL anzubieten hatte.

Es war ein wirklich zum Kotzen guter Fußball, den Kevin de Bruyne und seine Startruppe von Scheichs Dollargnaden da über 90 Minuten boten. Eine Halbzeit lang heute spielerisch wie läuferisch, mental, in der Körpersprache, im Willen, die richtigen Läufe zu machen, ständig anspielbar zu sein und das auch alles  noch technisch auf herausragendem Niveau. Mit der klaren Führung im Rücken wählten die Blues dann eine souveränen, fast kraftsparenden Verwaltungsmodus - was umso schmerzlicher für den Gegner war. Borussia sammelte diesmal zwar sogar sechs gute Torschüsse oder -gelegenheiten und war damit gar nicht weit vom Gegner entfernt. Aber dennoch waren Lars Stindl und seine Kollegen völlig ohne Chance - wie schon im Hinspiel.

Ja, wer weiß, wie es gelaufen wäre, wenn Embolos abgefälschter Schuss früh zur Führung ins Tor gegangen wäre. Wenn nach dem 0:2 ein Anschlusstreffer gelungen wäre, der die beim Thema "Zu Null" verwöhnten City-Spieler möglicherweise doch noch mal ins Grübeln gebracht hätte. Aber so diametral, wie die Form beider Teams derzeit auseinander strebt, so ist eben auch die Chancenverwertung. De Bruyne trifft mit seinem schwächeren Fuß unhaltbar unter die Latte - Embolo, Plea oder Wolf zielen Zentimeter vorbei oder drüber.

Aber das war es nicht alleine. Die Schwächen in der Rückwärtsbewegung sind in den vergangenen Spielen zwar deutlich reduziert worden. Es sind aber in jedem Spiel noch welche dabei, die zu leichten Gegentoren führen. Und auffällig ist, wie die entscheidenden Zweikämpfe davor verloren gehen: Immer knapp, oft kommt der Gegner nur mit etwas Glück vorbei - aber er kommt eben vorbei. Und wenn das immer wieder passiert, dann ist es eben auch ein strukturelles Problem. Eins der Zweikampfführung in allen Mannschaftsteilen und in der Frage, wie man sich gegenseitig unterstützt oder im Spielaufbau unter Druck zum Beispiel als Pass-Ausweg anbietet. 

Die richtige Abstimmung darin war der Schlüssel zum Erfolg gegen Inter, Real, Bayern oder in der Liga im Januar gegen den BVB. Im Moment sieht man diese Entschlossenheit, die Gier, sich unbedingt durchsetzen zu wollen, eher bei den Gegnern.

Das sieht man auch, und damit will ich es inhaltlich auch bewenden lassen, im Spiel nach vorn. Immer wieder gab es heute, aber auch im Hinspiel, die Möglichkeit, einen schnellen Pass nach vorne zu spielen. Es sind oft nur ganz kurze Momente, bis sich die City-Reihen wieder schließen, wo das überhaupt möglich ist. Aber die Angst, den Ball da zu verlieren, war auch heute wieder zu spüren - so wirkt es zumindest. 

Einzig Flo Neuhaus hat das Selbstvertrauen, da etwas mehr zu wagen. Alle anderen laufen und überlegen zu lange mit dem Ball, wählen dann lieber wieder den vermeintlich sicheren Weg nach hinten über die Innenverteidiger oder zurück zum Torwart. Yann Sommer hatte heute hinter Elvedi und Ginter die drittmeisten Ballkontakte. Das spricht eine deutliche Sprache über das Gladbacher Spiel. Und es war ein mitentscheidender Faktor. Denn kaum ein vom Goalie lang geschlagener Ball kam heute überhaupt so an, dass man etwas damit hätte anfangen können. Und das 0:1 etwa resultierte aus einem solchen einfachen Ballverlust im Mittelfeld nach einem Chipball Sommers auf Stindl.

Gegen einen Gegner wie Manchester, der so konsequent anläuft und presst, fällt Borussia im Moment leider zu wenig ein. Es wird unter Druck solange hintenrum gespielt, bis ein Spieler in die Ecke getrieben ist und den Ball weitgehend unkontrolliert nach vorne prügelt, wo er oft postwendend wieder zurück kommt. Und wenn doch mal die erste Kette überspielt ist, folgt zu oft der Sicherheitspass zurück, der den ganzen Vorteil, den man sich gerade erspielt hatte, wieder zunichte macht. Und dann muss wieder gegen einen kompakt stehenden Genger neu angelaufen werden.

Und so habe ich heute wieder einmal höllisch gelitten. Aber nicht, weil ich aufgeregt mitgefiebert und auf ein Wunder gehofft hätte. Ich habe mit den Spielern gelitten, weil ich gut nachvollziehen kann, wie deprimierend es sein muss, gegen so einen Gegner nicht nur immer hinterherzulaufen, sondern auch noch zu sehen, dass er auch auf jeden guten Versuch, ihn zu stören - und die gab es ja auch -, eine exakte, eine gemeine, eine spielerische Lösung hat. 

Peps Wundertruppe hat heute nach Belieben mit Borussia gespielt, und weil die Halbzeitführung für ein lockeres Weiterkommen ausreichte, hat die Mannschaft in der zweiten Halbzeit auf Schonung umgeschaltet, und Borussia trotzdem noch immer weiter hinterherlaufen lassen. Hätte tatsächlich irgendwer im Trikot mit der Raute den Ball irgendwie ins Tor von Ederson bekommen - ich bin mir sicher, dass City sogleich wieder zwei Gänge hochgeschaltet hätte. 

Das ist mit das Schlimmste, was man als Gegner erleben kann. Und für Borussia ist es in dieser Saison doppelt bitter - weil man selbst eine solche Selbstverständlichkeit in der Verteidigung einer Führung auch gegen die schwächsten Gegner in der Bundesliga nicht vernünftig hinbekommen hat.

Es ist also sportlich nichts daran auszusetzen, dass für den VfL an dieser Stelle überdeutlich ein Schlussstrich in der Champions League gezogen wurde. Dazu ist dann die spielerische Qualität beim Gegner zu übermächtig - vielleicht auch erst jetzt, in der Endphase der Saison, wo es für diese Clubs um das wirklich Wichtige geht - Titel. 

Und wir haben es einmal mehr verdeutlicht bekommen: Ab jetzt wollen die Großen und Potenten alleine weiterspielen, das ist das einzige, was die Uefa will und fördert. Schade ist es trotzdem, dass diese Spiele ausgerechnet in dieser gruseligen Phase der Saison stattfinden mussten, in einem fremden Land ohne Zuschauerunterstützung. Und dass diese letzten Eindrücke von der Champions League am Ende die in der Gruppenphase gezeigten richtig guten Leistungen ein bisschen in den Hintergrund drängen.

Aber sehen wir es positiv. Auch diese Spiele bringen die Jungs weiter. Und für die Umstände war es ein halbwegs anständiges Spiel und Ausscheiden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Und ab jetzt geht es nur noch um das, was wirklich wichtig ist - die Saison in der Bundesliga irgendwie zu retten. Wie auch immer das gelingen soll.

Champions League, Achtelfinale, Rückspiel: Manchester City - Borussia  Mönchengladbach 2:0.

Saisonspende: Null, nada, nichts: Auch im zweiten Duell mit Guardiolas Passmonstern kam nicht aufs Spendenkonto. Der Stand bleibt bei 99 Euro.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Erreichen der K.o-Phase und für jede weitere erreichte CL-Runde: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2021-03-13

Alte Fehler schlagen alte Stärken

Es gibt Fußballspiele, die sind nicht zu verstehen. Engagierte und spielerisch phasenweise sehr ansehnliche Leistung, Chancen für drei Spiele, Elfmeter bekommen und verschossen, zurückgelegen, wieder zum Ausgleich gekämpft und am Ende doch im Ergebnis klar geschlagen - und dein Torwart ist dreimal chancenlos und hat ansonsten keinen Ball zu halten. Genau das macht ja auch oft den Reiz des Spiels aus. Dass Fußball unberechenbar ist. Dass eine völlig überlegene Mannschaft das Tor nicht trifft und eine andere dreimal aufs Tor schießt und mit 3 Toren gewinnt. Auch wenn sich das für uns heute wie Hohn anhört.

Ich würde ja gern sagen, dass ich das mit meiner Mannschaft noch nie erlebt hätte. Aber das stimmt natürlich nicht. Auch wir haben schon so gewonnnen. Und umgekehrt gab es gerade gegen Augsburg des öfteren so unglückliche, auch unverdiente Niederlagen. Es ist kein Einzelfall, wirklich nicht. Unter Marco Rose schien Borussia dies eine Zeit lang in den Griff bekommen zu haben, solche Spiele nicht zu verlieren. Auch in der Hinrunde, wo man sich des öfteren des Chancenwuchers schuldig machte, aber nur selten ganz ohne Punkte aus den Spielen ging. Doch inzwischen laufen nicht einmal die klarsten Spiele für den Nochtrainer und seine unglückliche Elf. Und das macht rationale Erklärungen umso schwieriger.

Heute war das eine besonders tragische Erfahrung. Die letzten fünf verlorenen Spiele zeigten zwar vielleicht punktuelle Verbesserungen, aber letztlich verlor man keins dieser Spiele wirklich unverdient. Heute dagegen war eindeutig die Zeit und der Ort gekommen für einen Befreiungsschlag. Alles sprach während des Spiels dafür. Die Mannschaft erarbeitete sich alles für einen Befreiungsschlag, der Gegner zeigte sich in der ersten Halbzeit als freundlicher Gastgeber und schien mit haarsträubenden Fehlern auch dabei helfen zu wollen, Borussia in Führung zu bringen. Der Befreiungsschlag blieb dennoch wieder aus. Eher noch: Er wurde - bildlich gesprochen - überhastet ins Aus gedroschen. Mit dem Hintern eingerissen, was man sich mühsam mit Händen und Füßen aufgebaut hatte. Oder, anders ausgedrückt: Alte Fehler schlagen alte Stärken.

Sicher, Augsburg war im Vergleich zu den Gegnern der letzten Wochen kein vergleichbar starker Gegner. Aber wer dennoch heute keine erhebliche Verbesserung im Gladbacher Spiel bemerkt hat, wollte sie offenbar auch nicht sehen. Trotzdem verlieren Flo Neuhaus und seine Mitspieler am Ende deutlich mit 1:3 gegen einen Gegner, der es ja sonst auch nicht so mit dem Toreschießen hat. Das ist schon kurios.

Die erste Hälfte war aus meiner Sicht genau so, wie es sein sollte. Dominierende Borussen spielten schnell, dynamisch und mit vielen One-Touch-Bällen selbstbewusst nach vorne, nutzten die Räume auf den Flügeln, kamen aber auch gegen die defensiv gestaffelten Augsburger immer wieder durch die Mitte zum Zug. Diesmal auch häufiger in der Box oder aussichtsreich an der Strafraumgrenze. Was fehlte, war der entscheidende Punch ins Tor.

Defensiv standen Elvedi und Ginter bombensicher, ließen bis auf einen guten Angriff des FCA nichts zu. Aber auch Oscar Wendt stand seinen Mann mit großer Entschlossenheit - sehr zweikampfstark, auch mit ungewöhnlich vielen Kopfballduellen, die er gewann. An ihm und seinen Nebenleuten sah man durchweg den Willen, dass heute der berühmte Bock umgestoßen werden sollte - um jeden Preis, so wie ich es letzte Woche thematisiert habe. Hofmann und Stindl rackerten unermüdlich, Neuhaus war stark verbessert, Lainer gewohnt kompromisslos, aber auch Thuram und Plea nahmen viel mehr und zwingender am Geschehen nach vorne teil als in den Spielen zuvor.

Allein: Es zahlte sich nicht aus. Wieder nicht. Und das, obwohl der sichere Elfmeterschütze Lars Stindl nach Foul an Thuram die Chance auf die Führung hatte, aber nicht nur den gegnerischen Torwart verlud, sondern sich selbst auch, weil er einen halben Meter neben den linken Pfosten zielte. Wer ein bisschen Erfahrung mit Fußballdramaturgie und dem blöden Fußballgott hat, weiß, dass das selten etwas Gutes für den Ausgang des Spiels bedeutet. Das war die beste von mehr als einem halben Dutzend erstklassiger Torchancen, die auf dem Augsburger Rasen liegenblieben.

Vielen der vergebenen Torabschlüssen von Neuhaus, Lazaro, Plea und Thuram fehlte vielleicht die letzte Prise Überzeugung, um den Ball noch besser und damit vielleicht unhaltbar zu platzieren - so wie es Neuhaus dann beim Ausgleich gelang, als er einmal den Überblick behielt und sehr platziert vollendete.

Wie es besser geht, zeigte der Gegner eindrucksvoll. Und die drei Gegentore waren wiederum Paradebeispiele für nahezu alle Gegentore, die der VfL in dieser Saison geschluckt hat - und das sind für eine gute Platzierung längst schon viel zu viele. 

1) Standardsituation: Beim 0:1 läuft Vargas seinem offenbar unaufmerksamen Gegenspieler Lazaro weg und köpft die Ecke von Caligiuri am kurzen Eck vor Lars Stindl ein, der den Gegner gar nicht kommen sieht. Individueller Fehler, der nicht zu reparieren ist.

2) Nicht sauber geklärte Abwehraktion: Vor dem 1:2 gibt es sogar drei- oder viermal die Möglichkeit, mit einem gewonnenen Zweikampf in der eigenen Hälfte oder im eigenen Strafraum einen Angriff einzuleiten oder sich wenigstens mit einem langen Ball aus der Situation zu befreien. Doch das gelingt nicht, der Gegner wurschtelt sich so zurück bis in den Strafraum, der letzte Pass kommt sogar halb von einem Gladbacher und Richter schaltet beim Torschuss aeinfach schneller als sein Gegenspieler.

3) Naiver Angriff, naiv verteidigter Konter: Gut, das Tor fiel kurz vor Schluss gegen eine weit aufgerückte Abwehr. Aber ich weiß nicht, wieviele Gegentore in dieser Saison schon auf diese Weise gefallen sind - Ballverlust tief in der gegnerischen Hälfte und zwei, drei schnelle Pässe bis zum Einschlag in Yann Sommers Tor. Diesmal war es Patrick Herrmann, der an der Seitenauslinie bedrängt wurde und der den Ball relativ unkontrolliert in die Mitte passt und so den Ballverlust einleitet.

Alle drei Gegentore haben etwas gemeinsam: Sie sind durch individuelle Unachtsamkeiten begünstigt, die man sonst nicht so von den Spielern kennt. Außer den Toren gab es in der Schlussphase ja noch einige haarsträubende Fehlpässe mehr, die sich hätte rächen können. Oder die zumindest verhindert haben, dass Borussia in den letzten Minuten auch das Tor des Gegners noch einmal stärker berennen konnte. Unkonzentriertheiten mit zunehmender Spielzeit, erlahmende oder harmloser werdende Angriffsbemühungen in der Schlussphase, schlechte Befreiungen aus der Bedrängnis - das alles gepaart mit vielen Gegentoren gerade in der zweiten Halbzeit.

Und da drängt sich mir ein Verdacht auf: Die Mannschaft hat auch ein Kräfteproblem. Die ersten 45 Minuten lief das Bällchen auch heute sicher, setzte Borussia dem Gegner auch läuferisch enorm zu. Da und auch in den Sprints zeigte sich Gladbach heute wie ich finde klar verbessert. Doch nach einer Stunde gehen dann merklich die Körner aus, die Unkonzentriertheiten häufen sich; aber auch die überhasteten Abschlüsse, wie bei Plea und Lazaro, die heute nach dem 0:1 immer wieder unnötig Schüsse von der Strafraumgrenze nahmen, die leicht zu blocken waren.

Woran das liegt, dass dem VfL in der entscheidenden Saisonphase in der "Crunchtime" die Körner ausgehen? Es hat sicher viele Gründe. Es hat vielleicht mit der ausgesetzten alten Saison und der um Wochen nach hinten verschobenen neuen Saison im Jahr 2020 zu tun und mit den nicht optimalen Erholungsphasen im Sommer und im Winter. Mit der Dreifachbelastung, wo man nicht zwischendurch mal Kondition nachbolzen kann. Es hat natürlich auch mit der individuellen Formkurve der einzelnen Spieler zu tun. Auf jeden Fall scheint mir das mental eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen, genauso wie die Unruhe im Verein und bei den Fans. Vielleicht hat auch das Trainerteam Fehler in der Steuerung des Trainings gemacht. Aber das kann ich von weit weg nicht beurteilen. Ich sehe nur, dass die Steh-auf-Mentalität, mit der Borussia zeitweise glänzen konnte, derzeit nicht vorhanden scheint.  

Ein paar Sätze noch zu Marco Rose. Ich werde weiter keinen Rauswurf fordern. Denn auch wenn man viel kritisieren kann an seinem Verhalten in den vergangenen Wochen und Monaten, was seine Vertragssituation angeht und sicher auch bei der einen oder anderen sportlichen und taktischen Entscheidung. Aber seine Arbeit mit der Mannschaft scheint mir - aus der Ferne - weiterhin sachgerecht und vernünftig zu sein, und das Verhältnis zu den Spielern entgegen anderer Aussagen und Gerüchte wohl auch.

Aber man merkt deutlich, dass die herbe Kritik, die permanenten Rose-Raus-Forderungen ihre Spuren hinterlassen, bei dem Menschen Marco Rose, und auch bei den Spielern. War Rose anfangs trotzig-selbstbewusst im Umgang mit der Situation als scheidender Trainer, ließ er schon letzte Woche Unsicherheit erkennen, gab zu, dass auch ihn die Situation beschäftigt. Heute war im Interview nach dem Spiel vom Selbstvertrauen des sonst so klaren und unmissverständlichen Leaders nichts mehr übrig.

Das lag natürlich an dem erneuten Nackenschlag der unverdienten Niederlage und der Enttäuschung darüber, die man erstmal verarbeiten muss. Aber es klang heute auch so etwas wie Ratlosigkeit durch, so als überlege Rose selbst, ob er der Mannschaft noch Impulse geben kann. Es wäre absurd, ihm die heutige Niederlage in die Schuhe schieben zu wollen. Dazu hat auf dem Platz im Spiel zu viel funktioniert. Und die Tore kann der Trainer immer noch nicht selber schießen.

Aber es bleiben immer mehr Zweifel, ob sich die Trendwende schnell genug einleiten lässt, wenn die Mannschaft selbst solche Einladungen wie die der Augsburger heute nicht in drei Punkte verwandeln kann. Ich glaube, das beschäftigt auch den Trainer und sein Team gerade. Dazu passt die Aussage Roses, dass das Champions-League-Spiel am Dienstag ihm nun eigentlich nicht mehr so recht kommt, weil man lieber die Zeit hätte, um im Training an wichtigen Dingen zu arbeiten. Es scheint, als hätte man jetzt auch überall im Verein realisiert, dass längst der Blick nach unten gerichtet werden muss, wenn man die Saison noch halbwegs annehmbar beenden will.

Doch dazu braucht es endlich bessere Ergebnisse. Und so schön es war, dass heute wieder mal richtig viele Chancen herausgearbeitet wurden: Im Moment fehlt mir trotzdem die Fantasie, aus diesem am Ende doch wieder enttäuschenden Spiel(ergebnis) die große Hoffnung abzuleiten, dass gegen Man City eine Überraschung gelingt - oder wenigstens dann am kommenden Samstag der FC Schalke mit aller gebotenen Vehemenz aus dem Borussia Park geschossen wird.

P.S. Schiedsrichter Sven Jablonski hat mir heute gut gefallen: Klare Ansprache, unauffällige Spielleitung, er hatte die (faire) Partie gut im Griff und kam ohne Gelbe Karten aus.

Bundesliga, 25. Spieltag: FC Augsburg - Borussia Mönchengladbach 3:1. Tor für Borussia: 1:1 Neuhaus.


Saisonspende: 98,50 Euro bisher. 50 Cent für ein Tor kommen dazu, also jetzt 99 Euro. Ich fürchte, ich muss noch eine Nichtabstiegsprämie ausloben.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Erreichen der K.o-Phase und für jede weitere erreichte CL-Runde: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2021-03-06

Die Zwingen sind weg

 "Wir müssen es dann auch einfach mal erzwingen".

Dieser Satz von Marco Rose von der Pressekonferenz am Donnerstag ist so zutreffend wie typisch für die Krise des VfL und für das heutige Spiel, das wieder knapp verloren ging. Das mit dem Zwingen hat auch heute wieder nicht geklappt. Es ist, als ob die fußballerischen Schraubzwingen, mit denen Borussia im vergangenen Jahr sogar Gegner wie Donezk, Real, Bayern oder Inter phasenweise in die Enge treiben konnte, auf dem Weg irgendwie verloren gegangen sind.

Ich persönlich habe aber keine Lust mehr, mich an der Rolle des Trainers in dieser ganzen Sache abzuarbeiten. Ich habe keinen Einfluss darauf, was mit Marco Rose geschieht, ich fordere auch keine Trainerentlassung. Und ich habe heute durch die klaren und nüchternen Aussagen von Hans Meyer und Chris Kramer, die einiges an den Aufgeregtheiten, die derzeit unterwegs sind, gut eingeordnet haben, auch den Eindruck gewonnen, dass die Vereinsführung weiß, was sie tut. Oder dass sie es glaubt zu wissen - womit sie es immer noch viel besser beurteilen kann, als ich das aus der Entfernung je könnte. Und dass sie felsenfest davon überzeugt ist, dass dieses Thema nicht das entscheidende dafür ist, wie diese Saison bei Borussia endet. 

Das kann man für naiv halten, aber es hilft mir ja auch nicht, mich mit der Trainerfrage aufzuhalten, wenn die Probleme der Mannschaft auch so sehr deutlich auf dem Platz zu erkennen sind. Ich habe mich damit arrangiert, dass die Saison enttäuschend enden wird - zumindest, wenn man sie im Lichte des Potenzials betrachtet, dass die Mannschaft hat und derzeit nicht abzurufen in der Lage ist.
Dass es in diesem Jahr mit Dreifachbelastung und sonstigen Erschwernissen am Ende nicht für Europa oder gar mal nicht für die Einstelligkeit reichen könnte, das ist vielleicht ärgerlich, aber kein Untergang. Vielleicht ist vieles ja einfach auch doch auch dem merkwürdigen Corona-Spielbetrieb geschuldet oder es kommt einfach zu viel zusammen.

Egal. Ich schaue heute nur auf das, was auf dem Spielfeld zu sehen war. Und auch das zeigt ein (schlechtes) Muster, das mich nicht sehr optimistisch in die letzten zehn Spiele gehen lässt.

Es ist sicher nicht der so gewollte Matchplan, aber die Spielverläufe ähnelten sich zuletzt auf fatale Weise. Die erste Halbzeit verbringt die Mannschaft - je nach Gegnerdruck - überwiegend in der eigenen Hälfte und reagiert mehr auf die Angriffsbemühungen der anderen Seite als selbst zu agieren. Das sichere Verteidigen gelingt in der letzten Zeit ja auch immer besser. Die Defensive steht - so wie heute - recht sicher, selbst wenn der Gegner es, wie auch Leverkusen heute, oft leicht durchs Mittelfeld und auch immer wieder in den Strafraum schafft.

Nach der Pause beginnt dann die stärkste Phase von Borussia, die sich oft nach der ersten halben Stunde schon mal langsam an den gegnerischen Strafraum herangetastet hat. Dann erhöhen Neuhaus und Co das Tempo, spielen etwas riskanter, vertikaler und direkter und kommen so auch zu notierenswerten Chancen. Doch just in diese Phase, in der man denkt, jetzt könnte es was werden, fällt ein Ballverlust im Mittelfeld, ein schneller Gegenzug und der Rückstand für die Fohlenelf.

Das gab es auch in der Vorrunde, durchaus auch in der vergangenen Saison. Doch der Unterschied ist, dass die Mannschaft nicht in der Lage scheint, diese Rückstände wieder zu drehen. Ganz besonders nicht in der letzten Viertelstunde, und auch nicht mit frischen Kräften von der Bank.

So war es leider auch heute. Wettbewerbsübergreifend zum achten Mal in Folge, bei ganzen fünf in dieser Zeit geschossenen Toren. Und deshalb beginnt für mich heute die Zeit, in der ich in der Tabelle nach hinten schaue und nicht mehr nach vorn.
Denn es kann ja immer mal passieren, dass man durch einen Konter in Rückstand gerät - zumal wenn man in den letzten Duellen nur Hochkaräter wie Manchester, Leipzig, Dortmund und jetzt Bayer gespielt hat. Aber man muss auch in der Lage sein, den Gegner in der Schlussphase dann seinerseits so unter Druck zu setzen, dass er Fehler macht. Das ist in den vergangenen Wochen nicht zu sehen gewesen, nicht heute - und es ist auch in der gesamten Saison insgesamt zu selten zu sehen gewesen.

Ich weiß nicht, woran das liegt. Ob die Spieler einfach zu früh platt sind und nicht mehr genug Körner im Tank haben. Ob ihnen die drohende Niederlage den Schneid nimmt. Ob sich die Erfolglosigkeit oder doch das Thema Trainerwechsel und vielleicht die eigene Zukunft im Kopf festsetzt. Ob einfach zu viele Leistungsträger des vergangenen Jahres durchgeschleppt werden müssen und auch die Nachrücker zumindest keine qualitative Verbesserung bringen.
Oder ob sich die verschworene Gemeinschaft, die wir lange beobachten konnten, auch nach den Fällen Embolo und Thuram noch, sich langsam auflöst. Denn es häufen sich aus meiner Sicht die kleinen Szenen auf dem Platz, wo nicht mehr energisch abgeklatscht wird, dem Passgeber der Daumen hoch gegeben wird, auch wenn der Ball nicht ereichbar war.
Am deutlichsten zu sehen in einer Szene in der Schlussphase, wo sich Ginter und Neuhaus gegenseitig anmotzten, nachdem Neuhaus einen Freistoß lang auf die Grundlinie gespielt hatte, gedacht für eine Ablage in die Mitte, die Gladbacher Spieler aber alle zum direkten Kopfball oder Torschuss in den Strafraum einlaufen, sodass der Ball unbedrängt weit ins Aus flog, und wieder eine mögliche Chance verpasst war.

Keine Ahnung, ob das eine Rolle spielt oder etwas anderes. Fehlendes Spielglück allein ist es jedenfalls nicht mehr.

Was ich weiß, ist, dass all das zusammen noch gefährlich werden kann. Denn es zeigt sich nicht nur gegen starke Gegner. Es zeigte sich vorher - auch in siegreichen Spielen - immer wieder darin, dass man sich bei eigener Führung auch von spielerisch schlechteren Mannschaften zurückdrängen und in einen Abwehrkampf ohne Luftholmöglichkeit verwickeln ließ. Genau das, was ich jetzt gern umgekehrt beim Stand von 0:1 sehen würde. So oder so, auch da gingen schon viele Punkte verloren. Und ich sehe auch nach dem heutigen Spiel keinen Ansatzpunkt, der mir Hoffnung gibt, dass es nächsten Freitag gegen den FC Augsburg grundlegend anders läuft.

Unter diesen Voraussetzungen können wir froh sein, dass wir schon 33 Punkte auf dem Konto haben. Denn: Im schlechtesten Fall sind es nach diesem Spieltag 12 Punkte Vorsprung zum Relegationsplatz, bei 30 zu vergebenden Punkten. Dazu kommt, dass Bielefeld noch ein Nachholspiel gegen Bremen hat. Und Borussia spielt noch gegen sechs der acht Teams, die derzeit hinter ihr platziert sind. Der Abstand zu Platz 6 beträgt sieben Punkte, und derzeit fehlt mir die Fantasie, wie der VfL in kurzer Zeit nochmal so zwingend auftreten kann, wie es notwendig erscheint.

Immerhin, etwas Positives will ich auch sagen. Der immer wieder in der Kritik stehende Hannes Wolf hat heute ein starkes Spiel gemacht. Endlich, möchte man freudig sagen. Bissig, durchsetzungsfähig, lauffreudig, in den Zweikämpfen stark verbessert, mit vielen Ballgewinnen und gutem Auge. Er hat erstmals über 90 Minuten gezeigt, dass er auch über die gesamte Spielzeit ein Gewinn für Gladbach sein kann. Doch ein Makel bleibt auch heute. Er nutzte die Chancen trotz guter Schüsse nicht zum so wichtigen Tor. Und er verlor vor dem 0:1 gegen Tah im Zweikampf den Ball. Man kann ihm bei beidem keinen großen Vorwurf machen. Das kann passieren. Es trübt natürlich den Gesamteindruck. Aber es gibt auch Hoffnung, dass wir von ihm noch mehr sehen, auch wenn er auf der Stindl-Position, auf der er heute meist agierte, natürlich weiter große Konkurrenz hat. Auch Bensebaini und Lainer merkte man wie schon am Dienstag im Pokal an, dass sie bereit waren, über ihre Grenzen zu gehen.

Leider können nicht alle Spieler diesem Aufwärtstrend folgen, auch wenn man keinem mangelnden Einsatz vorwerfen könnte. Florian Neuhaus blieb auch heute unter seinen Möglichkeiten. Denis Zakaria ist weiterhin kaum wiederzuerkennen. Kaum Impulse, keine Powerläufe, kein Selbstbewusstsein - so ist er kein Gewinn für die Startelf, und es ist zu hoffen, dass Kramer schnell wieder fit ist. Was Plea und Thuram betrifft: Sie sind fleißig, laufen viel, probieren viel. Doch sie kommen kaum mal in "todsichere" Abschluss-Situationen. Es bleibt einfach vieles Stückwerk. Und das sind Dinge, die auch ein Trainer kaum von außen beeinflussen kann. Der notwendige Befreiungsschlag lässt weiter auf sich warten.  

Ein paar Worte noch zu Schiedsrichter Daniel Siebert. Eigentlich wollte ich ihn loben, denn insgesamt löste er es recht unaufgeregt. Er war kein beeinflussender Faktor im Spiel. Das ist gut. Was ihn allerdings ritt, den Bodycheck von Wendell gegen Valentino Lazaro an der Strafraumgrenze nicht als Foul zu werten, kann ich nicht nachvollziehen. Das Foul begann wahrscheinlich außerhalb des Strafraums (Sky zeigte es ja nur einmal in der Wiederholung), sodass es wohl kein Elfmeter geworden wäre (der andere später wurde ja zurecht wegen Abseits zurückgenommen). Aber kein Foul, wenn ein Spieler mit voller Wucht und ohne den Ansatz eines Versuches, den Ball spielen zu wollen in den Laufweg des Gegenspielers springt? Da bin ich schon etwas schockiert, dass so eine Fehleinschätzung auf diesem Niveau passieren kann. 

Das andere ist die für mich wieder zu großzügige Linie bei den Zweikämpfen. Weil es von Anfang an nicht unterbunden wurde, entwickelte sich nahezu jeder Zweikampf, bei dem zwei Spieler einem hohen Ball entgegengingen, zu einer unansehnlichen Schubserei und Zerrerei. Auch hier zeigte sich aber, dass die Bayer-Spieler diese Linie des Schiedsrichters besser für sich zu nutzen wussten und dies auch mehr wollten.

Bundesliga, 24. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Bayer Leverkusen 0:1.


Saisonspende: 98,50 Euro. Heute wieder nichts dazu gekommen. Acht Spiele, 3 magere Euro eingespielt. Die Gladbacher Krise schlägt sich auch merklich auf meine Saisonspende durch. Und die meisten möglichen Boni am Saisonende sind auch schon passé. Schade.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Erreichen der K.o-Phase und für jede weitere erreichte CL-Runde: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2021-03-03

"Es wird schwär, das ist klar!"

Puh, es ist gerade keine schöne Zeit für Borussia-Fans. Und das nur zweieinhalb Monate nach dem größten Erfolg in der jüngeren Vereinsgeschichte, dem Einzug in die Champions-League-K.o.-Phase. Und weil wirklich alles an diesem ganzen Theater so vermeidbar und unnötig erscheint, ist das einfach nur deprimierend. Auch für mich, weil ich ratlos bin und mir diesen Text von der Seele schreiben musste, ohne dass er einen Lösungsvorschlag enthält.

Es ist in der Tat eine gefährliche Situation: Ein Trainer auf Abruf, ein Team außer Form, viele Fans außer Rand und Band und ein sicher sehr großer Teil davon für eine schnelle Trennung vom scheidenden Trainerteam. Vorstand und Manager wiederum: unbeirrt. Tja, unser Lucien hat ja immer gewusst, dass es „schwär“ werden würde. Wie schwär es für uns alle im und um unseren geliebten Verein aber noch bis zum Saisonende werden wird, weiß keiner. Aber es scheint auch keiner zu wissen, wie man da jetzt wieder alle auf den Teppich und die relevanten Akteure ins Laufen und Tore schießen bekommt.

Was lange als Gerücht schwelte, wurde nach dem verlorenen Derby offiziell, und seitdem passt in der Wahrnehmung vieler Fans alles zusammen. Marco Rose will demnach das Gladbacher Aufbauprojekt nicht nur nächste Saison für die verhasste Namenscousine verlassen, er will vorher auch noch alles tun, damit seine Ex möglichst schlechte Chancen auf einen Neustart ohne ihn hat. 

Und deswegen wird in der Gegenwart genau hingeschaut und in der Vergangenheit gewühlt, um den Übeltäter dieses schweren Vorwurfs schuldig sprechen zu können. Wut, Verärgerung, Enttäuschung, und das Wissen, dass es immer wieder so kam und immer wieder so kommen könnte, wirkt wie ein Brandbeschleuniger, der den Furor der „Fanbasis“ anheizt - und wieder andere wie mich eher in die Resignation treibt.

Dazwischen gibt es wohltuend sachliche, meinungsstarke Wortmeldungen, die gleichwohl spätestens jetzt, nach dem Pokal-Aus, auch nur noch eine Lösung wissen: die Entlassung des Trainerteams.

Beispielhaft will ich die aktuellen Beiträge von Jonas Horvath („Schwarzweißgrün“) und „Mitgedacht“ nennen und auch hier verlinken:

Schwarzweissgrün: Resignation, Hilflosigkeit und Emotionen 

Schwarzweissgrün: Saisonabschluss im Februar 

Mitgedacht: Rettet die Saison

Sie sind, genauso natürlich wie die ebenso analytischen Kollegen von „Torfabrik“, „Fohlen hautnah“ oder „Seitenwahl“ ein ganzes Stück näher am Geschehen als ich. Und sie alle bemühen sich darum, ihre Schlussfolgerungen auf belastbarer Faktenbasis zu treffen, anders als mancher „Edelfan“, der sonst auf den Rängen seinem Unmut Luft gemacht hätte und nun eben pöbelnd durch die oft asozialen Netzwerke pflügt.

Mit Ohren in den Verein kann ich nicht dienen, das ist auch nicht der Anspruch meines Blogs. Und deshalb kann ich auch nicht endgültig bewerten, wer nun die besseren Argumente hat: Max Eberl mit seinem unerschütterlichen Festhalten am Trainer und dessen Integrität - oder die, die gehört haben, dass es zumindest zu einzelnen Spielern ein gestörtes Vertrauensverhältnis gibt und Spieler sich vom Trainer hintergangen fühlten (so „Mitgedacht“). Das werden wir ganz sicher erst am 22. Mai wissen.

Was unstrittig ist, sind die schwachen Ergebnisse seit Bekanntwerden der Rose‘schen Entscheidung. Und die allein wären ein Grund, über einen neuen Impuls - meist Trainerwechsel genannt – nachzudenken.

Ich kann, das klingt zwar paradox, Texte wie die beiden oben genannten nicht nur nachvollziehen, sondern teile sie auch zu großen Stücken. Dennoch bin ich unschlüssig, was die Schlussfolgerung angeht. Dazu habe ich zu viele offene Fragen. 

Denn wenn Max Eberl jetzt Rose und seine Assistenten Maric, Zickler und Eibenberger tatsächlich entlassen würde - wie fängt man das auf? Mit Geideck, Neuville, Polanski? Mit U23-Trainer Heiko Vogel? Mit einem externen Feuerwehrmann für die restlichen Spiele? Entfacht einer von denen einen Spirit, der zumindest in der Liga noch zu einem akzeptablen Abschluss führt? Oder laufen die Spieler dann „befreit“ durch die Stadien? In einer Mannschaft, in der sich gerade wohl einiges neu sortiert (auch was mögliche „Lebensentscheidungen“ angeht, die einen zu einem anderen Verein tragen könnten? 

Und was spricht dafür, dass eine dieser Lösungen mehr Erfolg garantiert als das, was Rose (zumindest) verspricht? Welches Risiko ist das höhere. Und wie sähen die möglichen Interimstrainer das alles überhaupt? Vielleicht sind sie ja eher im Team Eberl zu finden, weil sie die Arbeit des Rose-Trainerteams nicht in Frage stellen?

Ich gebe zu: Ich weiß es einfach nicht.

Wir sprechen hier auch nicht über einen in Trümmern liegenden Haufen Fußballer, der Schwierigkeiten hat, das Niveau der Bundesliga zu halten. Es geht um hochtalentierte junge Männer, die schon gezeigt haben, wozu sie im Positiven fähig sind. Die das auch in den vergangenen vier Wochen - bei aller berechtigten Kritik - phasenweise unter Beweis gestellt haben, auch wenn dies unzweifelhaft lange nicht ausreichend war, um Punkte zu sammeln.

 
Die jetzt aber, wo die Dreifachbelastung nahezu passé ist, vielleicht mit der stärksten Besetzung noch einmal einen konzentrierten Endspurt hinbekommen könnten. Aber folgen die Spieler Rose dabei so offen, wie vor seiner Entscheidung? Haben die Ergebnisse überhaupt mit der Trainerunruhe zu tun? Oder doch mit vielen anderen Dingen, die da reinspielen – wie Formschwächen, Verletzungen, Corona-Infektionen, Überlastung oder persönliche Fehlleistungen, die man erst wegstecken muss? 

Muss man Spielern wie Neuhaus oder Thuram nicht zubilligen, dass sie nach eineinhalb Jahren auf höchstem Niveau auch mal sichtbare Schwankungen in ihren Leistungen haben? Dass bei einer Verteidigung, die die Saison fast ohne Pause durchspielt (inklusive Länderspiele), in entscheidenden Situationen auch mal über Wochen die Frische fehlt, um ein Gegentor in letzter Konsequenz zu verhindern - weil die Fehlerkette meist ganz woanders angefangen hat?

Dass einfach alles nicht immer so funktioniert, wie man es sich vor dem Spiel zurechtgelegt hat? Auch, weil der Gegner nicht doof ist und nicht schläft? Hat nicht auch das alles mit der derzeitigen Flaute zu tun? Ist es fair, Marco Rose alles Schlechte in die Schuhe zu schieben, die Mannschaft aber weitgehend davon auszunehmen?

Es gibt in dieser Saison noch 33 Punkte zu verteilen. Es ist also auch nach vorne längst nicht alles festgezurrt in der Tabelle. Ist es realistisch, dass die wahre Borussia unter Marco Rose den „Turnaround“ schafft? Ganz ehrlich, ich wage es im Moment nicht zu behaupten.

Aber auch wenn ich die Rufe nach einer Trennung von Rose völlig nachvollziehen kann, verlasse ich mich lieber weiter auf die, die am nächsten dran sind. Dazu gehören Max Eberl und der Vorstand, in dem genügend fußballerischer Sachverstand, aber auch genug Erfahrung vorhanden ist, wie stark sich die öffentliche Meinung auch negativ auf einen Verein auswirken kann. Es ist letztlich für mich auch der Versuch, mit der Situation möglichst schonend umzugehen. Ich habe ohnehin keinen Einfluss auf die Entscheidungen bei Borussia, und ich möchte auch nicht ständig dieses Thema von Neuem wälzen, was mir durchaus nahe geht.

Die Enttäuschung über die Entscheidung des Trainerteams sitzt auch nach fast einem Monat tief bei mir, sie verletzt, weil wir alle gehofft hatten, dass mit diesem Trainer wirklich etwas aufzubauen wäre. Aber sie steht nun mal. Und der Verein Borussia Mönchengladbach wird auch das wegstecken und mit einem neuen Trainer einen weiteren Anlauf starten, um sich im oberen Tabellendrittel dauerhaft festzusetzen. Bis dahin hoffe ich auf die Professionalität aller, und darauf, dass die Saison schnell vorbeigeht, so blöd sich das anhört.

Immerhin: Was sichtbar ist, ist eine Steigerung der Mannschaft in den vergangenen Spielen. Nicht so, dass man sofort an eine Wende glauben würde, dazu waren die Verbesserungen gegen Man City und Leipzig (defensiv) und jetzt gegen den BVB (defensiv und offensiv) nicht nachhaltig genug. Aber doch so, dass wie gestern wieder eine Spielidee erkennbar wurde und auch das schnelle direkte Kombinieren aus der Abwehr heraus, das die Mannschaft in der Vorrunde ausgezeichnet hatte.

Also, „Rose raus“ fordern, das ist das eine. Aber mit welcher Alternative? Ich sehe keine, die mich sofort überzeugen würde.

Was mir aber Sorgen bereitet, und natürlich spielt das auch in die Gesamt-Gemenge-Lage mit rein, ist die Kehrseite der selbsternannten „besten Fans der Welt“.

Die Relegations-Explosion, die 10000 auf der Spanischen Treppe in Rom, die „freundliche Invasion“ in Bern, Derbys, Pokalschlachten und Spitzenspiele im Borussia Park, bei denen die Ränge die Mannschaft immer wieder zu Höchstleistungen antreiben konnten – es gab viele Gelegenheiten, bei denen Gladbach-Fans glänzten, und sich zurecht als tolle Vertreter eines tollen Vereins fühlen durften.

Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille. Und in solchen „schlechten“ Phasen sind Fans von Borussia genauso ungerecht und anmaßend wie in anderen Clubs. Und sie verletzen Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Man muss dazu nicht an Morddrohungen gegen Club-Idol Jupp Heynckes erinnern.
Da das Ablassventil Stadion weiterhin fehlt und so das Internet zur Ersatzarena mutiert, lässt sich gerade jetzt vieles an Wut, Gift und Galle, was sonst ja schnell im Nachthimmel über Mönchengladbach verhallen konnte, noch lange in sozialen Medien oder Foren nachlesen. Und das ist zum Teil widerwärtig, unter der Gürtellinie und oft auch nur sehr vereinfachend.
Es ist ja jedem unbenommen, wie er auf einen Vertrauensbruch (aka vertragsgemäße Ausstiegsklausel) reagieren will. Aber ganz ehrlich: Was da für Vokabeln gegen Menschen ins Feld geführt werden, nur weil man meint, dass man jetzt keine Rücksicht mehr auf sie nehmen müsste, das ist schwach, ganz schwach.

Es ist für mich wie gesagt eine absurde Vorstellung, dass Trainer oder Spieler sich nicht mehr voll für den Noch-Verein einsetzen, weil ihr Wechsel schon feststeht. 

Man kann alles so umdeuten, wie etwa das fröhliche Plaudern von Rene Maric mit seinem Ex-Spieler Haaland nach dem Pokal-Aus am Dienstag. Oder Roses Dortmund-Versprecher in der Pressekonferenz und seine äußerlich erkennbare Abwehrhaltung bei Interviews. Das mag ungeschickt sein, unbedacht und nicht clever, und Maric hat das ja auch eingeräumt und sich auf Twitter sogar offen der Kritik gestellt, obwohl er zuvor schon übelst beleidigt wurde. 

Aber es geht immer um Menschen, die unter Beobachtung und großem Druck stehen, und die nicht im Voraus jede Aktion, die vielleicht von Kameras eingefangen wird, von vorne bis hinten in allen Konsequenzen durchdenken können. Das soll es nicht entschuldigen, aber vielleicht ein Stück weit erklären.

Die Erklärung oder Entschuldigung eines wirklich bisher sehr nahbaren und ehrlichen Co-Trainers wie René Maric kann man für unehrlich halten, ablehnen oder akzeptieren. Oder man interpretiert es anders, das ist völlig ok. Man kann es sarkastisch kommentieren oder jemandem aus Enttäuschung das Vertrauen entziehen. Aber wenn aus solchen Szenen eine gewagte Indizienkette gebastelt wird, bin ich raus. 

Klar, das Trainerteam trägt die Verantwortung für den sportlichen Erfolg. Bleibt der aus, wird zurecht kritisiert. Aber jemandem leichtfertig und ohne eindeutige Beweise den Berufsethos oder die Anständigkeit abzusprechen? Oder Spielern, die seit Ewigkeiten bei Borussia sind und weit über 250 oder 300 Bundesligaspiele auf dem Buckel haben, die Fähigkeit abzusprechen, gegen einen Gegner wie Köln bestehen zu können? Ist das nicht einfach nur anmaßend, wenn man selbst nie auf diesem Niveau gespielt hat? 

Sollen solche plumpen Schuldzuweisungen unsere Fankultur sein? Ich habe viele Schalke-Fans immer belächelt für ihre oft irrationale Kritik und Realitätsferne, als sie selbst noch oben mitspielten. Doch in unserer jetzigen Situation – immer noch in einer der erfolgreichsten Phasen der Vereinsgeschichte, nicht kurz vor einem Abstieg - erinnert mich einiges genau an diese Fans.

Das soll mein Schlusswort sein. Nicht mehr als ein Appell, es gemeinsam noch einmal zu wuppen, es wieder besser zu machen. Denn was passiert gerade? Gewisse Boulevardmedien haben mit ihren Spekulationen über Monate kräftig mitgeköchelt an der jetzt brodelnden Suppe, die uns der Trainer und der werbende Konkurrent aus Dortmund eingebrockt haben. Und jetzt lehnen sie sich genüsslich zurück, scrollen durch die Fanforen und sozialen Medien und greifen sich raus, was sie an Fan-Wut benötigen, um weiter Öl ins Feuer zu gießen. 

Das hat Sprengkraft, natürlich über die Bild-Zeitung hinaus. Es kann nicht Ziel eines VfL-Fans sein, diesen Spielchen auch noch Vorschub zu leisten. Wir brauchen alle endlich wieder Erfolgserlebnisse auf dem Platz - also lasst uns versuchen, die Zähne zusammenzubeißen und gemeinsam da durchzugehen, egal mit wem es weitergeht. Von mir aus mit aus Protest abgewendeten Gesichtern, wenn Borussia spielt. Aber im Herzen – und fair - immer mit dabei.