2018-07-14

Aus der WM lernen

So, die WM ist fast geschafft. Und wer sich von dort Erkenntnisse für den modernen Fußball erhofft hatte, konnte angesichts der oft langweiligen Spiele depressiv werden. Wenn die WM eins bewiesen hat, dann dass der Ballbesitzfußball erledigt ist - zumindest, wenn man nicht in der Lage ist, diesen mit kontinuierlich hoch gehaltenem Tempo und perfekter Ballverarbeitung zu spielen. Gewonnen haben bei dieser WM vor allem die eher destruktiv wartenden, in der eigenen Hälfte verdichtenden Konter-Teams. Die Belgier als vielleicht fußballerisch talentiertestes Team etwa haben all ihre spielerische Klasse gebraucht, um ab und zu mal in gute Positionen zu kommen. Oft genug sind aber auch sie in Abwehr-Gummiwänden steckengeblieben, wie so viele "Favoriten" davor.

Warum ich das erzähle? Weil ich mich immer wieder an die Saison von Borussia erinnert gefühlt habe. Endlose Ballzirkulierungen ohne Gegnerberührung, wenig Geschwindigkeit und Überraschungsmomente dabei und damit auch zu wenige Lücken, die man ausnutzen konnte. Das ist die Aufgabe, an der sich Dieter Hecking nun messen lassen muss - und so wie sich das in Russland gezeigt hat, wird er mit dieser Aufgabe nicht allein sein.

Die Mannschaft ist jetzt zwei Wochen im Training und machte auf mich in den beiden Testspielen einen ordentlichen Eindruck. Das Bemühen um mehr Tempo und schärferes Passspiel ist erkennbar, auch wenn diese Freundschaftskicks natürlich kein Gradmesser sein können. Wenn man aber anschaut, wie sich die Mannschaft personell aufstellt, nachdem die wohl wichtigsten Transferentscheidungen im Kader gefallen sind, dann könnte der VfL nach vorne ein wirklich schlagkräftiges Gerüst zusammen haben.
Nach allem, was ich von Alassane Plea (bei YouTube) bisher gesehen haben, ist er nicht der Brecher, den sich manche als Mittelstürmer zurückwünschen, aber einer, der weiß, wann er wo in die Räume stoßen muss. Er ist beweglicher als Josip Drmic, kann sich im Zweikampf geschickt durchsetzen und beidfüßig abschließen. Er ist aus meiner Sicht mehr Neun als "Neuneinhalb", will sagen, er unterscheidet sich von den in Gladbach in den vergangenen Jahren ja sehr erfolgreichen Spielertypen Stindl, Raffael und Kruse. Aber er ist auch kein Kombinationshemmnis, wie es vielleicht de Jong in der starren Mittelstürmerrolle war. Denn auch das hat das WM-Turnier gezeigt: Wer nur auf Flanken von außen wartet, verhungert. Und wer sich als Stürmer zurückfallen lässt, ohne wirklich Kombinationsspieler zu sein, wird komplett aus dem Spiel genommen. Deutlich zu sehen war das am Beispiel (des mutmaßlichen Torschützenkönigs) Harry Kane, der sich in den K.o.-Spielen - gegen die richtig guten Gegner - nur noch selten gefährlich in Szene setzen konnte
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Ich traue Plea zu, dass er im Verbund mit den zentralen Spielern Stindl, Raffael, Cuisance, Hofmann und Neuhaus sehr gut harmonieren kann. Und wenn von außen - links über Wendt/Poulsen und Bennetts/Hazard/Johnson, rechts über Lang und Traoré/Herrmann - mehr gute Hereingaben kommen, kann das das Gladbacher Spiel deutlich flexibler machen. Andererseits "muss" Plea eigentlich auch bei dem Preis einschlagen, sonst bekommt Max Eberls Ruf Risse, zumindest was diese Position angeht. Denn nach de Jong, Drmic, Bobadilla wäre es dann der nächste Mittelstürmer, der nicht so funktioniert wie erhofft. Ehrlicherweise muss man aber konstatieren, dass auch dann sein "Saldo" durch Stürmer-Verpflichtungen anderen Typs - wie Reus, Hanke, Raffael, Kruse und Stindl - noch immer deutlich im Plus wäre.

Wie auch immer. Derzeit mache ich mir um die Offensive die wenigsten Sorgen. Gut: Geht Hazard noch, müsste ein Ersatz kommen, der aber nicht zwangsläufig ein schon ebenbürtiger Spieler sein müsste, sondern auch ein guter Nachwuchsmann sein könnte. Denn Fabian Johnson macht inzwischen wieder einen topfitten Eindruck, vor allem heute gegen Flensburg. Er scheint gerüstet für die neue Saison. Auch der Rest der Borussia-Offensive scheint konkurrenzfähig, auch wenn sich weiterhin um Josip Drmic (Abgang?) und Julio Villalba (Zustand? Leihe?) Fragezeichen ranken.

Auch das zentrale Mittelfeld scheint stabil, sodass es jetzt vor allem noch um die in der vergangenen Saison nicht sattelfest genug agierende Abwehr geht. Jannik Vestergaard ist quasi über Nacht und ohne wehmütig zurückzuschauen auf die Insel entschwunden, was mir wiederum den Abschied auch leicht macht. Denn das Format, dass er nicht zu ersetzen wäre, hatte er noch nicht - oder er hat es in der vergangenen Saison nicht gezeigt. Auch wenn Nico Elvedi bereits als sein Nachfolger auserkoren ist, denke ich, dass der Kaderplatz noch nachbesetzt wird. Michael Lang füllt schließlich erstmal Reece Oxfords Lücke, und hinter Doucouré steht nach wie vor ein großes Fragezeichen. Natürlich, es gibt noch Jantschke und Strobl, aber es gibt eben auch die Überlegung, öfter mal die Dreierkette zu spielen. Und wenn dann zwei Innenverteidiger mal ausfallen sollten, wird es schon wieder eng. Dass sich dadurch nochmal ein Fenster für Reece Oxford öffen könnte, wäre zwar wünschenswert, weil er den Verein schon kennt und sich für Gladbach ausgesprochen hatte, aber es ist wohl nicht sehr wahrscheinlich. Denn drei Jahre Vertragsrestlaufzeit machen ihn einfach zu teuer, vor allem, wenn man die Vorstellungen von West Ham kennt. Aber wer weiß, vielleicht lässt sich nach dem Schließen des englischen Transferfensters Ende Juli nochmal eine Leihe vereinbaren, wenn er bis dahin nicht verkauft wurde.

Theoretisch gäbe es ja auch noch die Möglichkeit, dass uns nach der hervorragenden WM-Leistung unser Stammtorwart abhanden kommt. Ich glaube zwar nicht daran, dass Yann Sommer weg will, aber falls doch, wäre für mich Ivon Mvogo ein heißer Kandidat. Er kommt in Leipzig nicht an Gulacszi vorbei, ist aber ein sehr guter Torhüter, wie man damals schon in den Spielen gegen Bern sehen konnte.

Ansonsten habe ich in den Testspielen auch ein paar gute Jungs aus dem Nachwuchs gesehen. Doch ob die eine Chance im aktuellen Kader bekommen werden, steht in den Sternen. Es ging ja auch bis jetzt nur gegen Gegner, die etwa auf dem Niveau der zweiten Mannschaft waren.
Dennoch: Meine Vorfreude auf die neue Saison steigt wieder. Das hat vor allem mit der "neuen" Borussia zu tun, ein ganzes Stück aber auch mit der fußballerisch enttäuschenden WM, die man schnell hinter sich lassen sollte (ganz unabhängig vom deutschen Abschneiden). Hoffen wir, dass das, was wir da gesehen haben, nicht die Blaupause für eine erneut eher langweilige Saison wird.
Also, Borussia: Bitte draus lernen. Schnell!

2018-07-02

Leistung first, Leibchen second

Personell sind die ersten Baustellen geschlossen, mindestens eine wichtige entwickelt sich erwartungsgemäß zur Pokerpartie. Mit der Bewertung lasse ich mir aber noch etwas Zeit. Heute will ich mich einem anderen Neuzugang widmen, der schon länger bekannt ist und nach meiner Beobachtung einen großen Teil der Fans förmlich verzückt: Es geht um den neuen Ausrüster Puma.

Ich muss sagen, ich kann den Hype, der darum gemacht wird, nicht so recht nachvollziehen. Ja, Puma und Borussia "hautnah" zusammen auf dem Platz, das erinnert an die wohl erfolgreichsten Jahre der Vereinsgeschichte. Und für den Verein ist es zweifelsohne ein Riesenschritt nach vorne, sowohl was die finanziellen Einnahmen dieses Deals betrifft als auch was die Wahrnehmung in der internationalen Fußballwelt angeht. 
Borussia ist wieder wer - das sagt es aus, wenn die Megamarke Puma deinen Verein auswählt. Insofern haben die Verantwortlichen beim VfL eine richtig gute Arbeit gemacht, die den eingeschlagenen Weg der kleinen Schritte und einer kontinuierlichen Entwicklung ohne Anfälle von Größenwahn im Erfolgsfall fortsetzt. Das finde ich klasse, wenngleich es natürlich gegenüber den Partnern wie Kappa, vor allem aber auch Lotto und Reebok, die in den finsteren Zeiten auf Borussia setzten, ein wenig schade ist. Aber so ist das Geschäft, das wissen diese Firmen auch, und letztlich haben sie die Partnerschaft mit einem solchen Traditionsclub eben jenen Mechanismen des Marktes zu verdanken.

So weit, so gut. Was mir nicht so ganz klar ist, ist die Aufregung um die neuen Trikots. Egal, wer der jeweilige Ausrüster war, bei mir war die erste Reaktion auf ein neues Trikot meist Enttäuschung, die sich dann, wenn man die Dinger dann mal selbst in der Hand hatte, in der Regel einer positiveren Einschätzung wich. Letztlich waren alle Trikots der vergangenen Jahre ganz  hübsche Dinger. Immer mit der bekannten, aber unausweichlichen Einschränkung, die jede Trikotästhetik empfindlich störte: die Postbank-Werbung. 
Was konnte man also nun mehr erwarten? Klar war, dass auch Puma den gelben Balken nicht wegzaubern können würde. Besonders innovativ fand ich die Fußballtrikots der Herzogenauracher in den vergangenen Jahren allerdings ohnehin nicht, im Gegensatz zu anderen Segmenten ihrer Kollektion. 

Das Video zum Heimtrikot

Was Puma nun geliefert hat, bestätigt mich eher noch in dieser Einschätzung. Denn bis auf das weiße Heimtrikot, das abgesehen von Kleinigkeiten legendäre Jerseys der 70er und Anfang der 80er Jahre kopiert und neu auflegt, kommt das Design der anderen Trikots und Funktionsbekleidung von der Stange. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Zebraärmel beim neuen Trainingsanzug, den ich persönlich durchaus gelungen finde, auch bei Arsenal und Newcastle zu finden sind. Zu Borussia passen sie allerdings thematisch gar nicht so gut wie zu den "Magpies" (Elstern) aus Newcastle oder von mir aus zum MSV aus Duisburg. 
Das Design des Torwarttrikots ist identisch mit dem des BVB und von Arsenal. Und auch wenn der melierte Stoff des ganz hübschen Auswärtstrikots auch bei Arsenal und angedeutet bei Dortmund auftaucht - immerhin habe ich noch nicht das gleiche Trikot in anderen Farben mehrfach bei anderen Clubs gesehen. Insofern ist Puma zum Auftakt kein Risiko eingegangen. Und der "Clou", beim Heimleibchen auf Retro zu setzen, war nun wirklich vorhersehbar. Insofern kann ich die Aufregung um die neue Spielkleidung auch nicht im Geringsten teilen.

Schöner Stoff und pfiffiges Design hin oder her - Trikots allein schießen keine Tore und gewinnen keine Meisterschaft. Wäre das so, hätten wir dies mit Kappa schaffen müssen, deren Vorgänger Bremen und Dortmund nach meiner Erinnerung jeweils in solchen Trikots Meister wurden. Nun ja. Aber darum sollte es hier auch nicht gehen. Was mich wie gesagt etwas überrascht, ist, dass sich so viele Fans von der geschickten Marketingmasche unter dem Motto "GladToBeBack" so euphorisieren lassen, wo doch nun in erster Linie mal die (neue) Mannschaft verlorenes sportliches Terrain zurückerobern müsste, bevor man die stolzen Zeiten der alten Fohlen anhand eines (auch noch irre teuren) Stückes Stoff beschwört. Die Sehnsuch danach mag es geben. Aber der VfL im Jahr 2018 ist nicht die legendäre Fohlenelf von damals und wird es auch neu eingekleidet nicht. Und Puma? Ist ein Sponsor und Ausrüster. Mehr war er damals auch nicht. Doch die PR-Arbeit von heute will uns das weismachen. Ob das gelingt? Ich bin mir nicht sicher, vor allem, wenn ich so angesprochen werden soll wie in diesem Puma-Video (ich hoffe, es lässt sich abrufen)

StayFolish

Bei mir wirkt das jedenfalls nicht. Vielleicht bin ich dafür zu alt. Mich packt man so, auch wenn ich mir bewusst bin, dass auch das zu einer Marketingstrategie des Vereins zählt:


Kurz gesagt: Wenn die Mannschaft und die Fans in der neuen Saison die Liebe, den Teamgeist, den Einsatz so rüberbringen, wie es dieses Video aussagt, dann ist es mir piepsegal, was sie dabei anhaben. Wenn nicht, haben wir bald wichtigere Themen als das aktuelle Trikot.