2020-06-27

Unbeirrt durchs Ziel

Sie haben es wahrgemacht! Unsere Borussia spielt in der nächsten Saison nicht nur europäisch, sondern in der Königsklasse. Mehr geht derzeit nicht, das muss man anerkennen. Und mehr kann und will wohl auch keiner verlangen, der sich realistisch mit den fest zementierten Kräfteverhältnissen im Profifußball beschäftigt. 

Ganz klar: Heute ist nicht der Zeitpunkt für einen normalen Spielbericht, auch nicht für eine Analyse der Stärken und Schwächen einzelner Spieler in dieser Partie. Heute wird gefeiert, runtergeschaltet, der Triumph genossen. Borussia hört später im Jahr wieder die Champions-League-Hymne im Stadion. Ich hoffe, mit uns Fans. 

Und das ist auch der einzige Wermutstropfen im Freudenbecher heute. Normalerweise hätte ich heute wie viele andere im Stadion gesessen, die Mannschaft nach vorne geschrien und im Anschluss den verdienten Applaus für was auch immer verteilt. 

Vor allem aber hätten wir Spielern wie Fabian Johnson, Tobias Strobl und unserem "Papi" Raffael die Ehre erweisen können, die ihnen zum Abschied zustand. Alles drei feine Menschen, tolle Fußballer, die sich für Borussia zerrissen haben, mit denen wir Erfolge und Misserfolge durchlebt haben. Die Gladbach besser gemacht haben. Die die Farben Borussias in der Liga und in Europa gut vertreten haben - man denke nur an die sensationelle Halbzeit, als Raffael den großen FC Barcelona fast im Alleingang durcheinanderwirbelte. Wer wäre nicht der Meinung, dass wir dieses Spiel gewonnen hätten, wenn Raffael nicht in diesem Spiel verletzt ausgeschieden wäre? 
Doch jetzt sind Raffael, Fabi und Tobi - leider - am Ende ihres Weges bei Borussia angekommen, so bedauernswert wie nachvollziehbar es aus der sportlichen Sicht des Vereins auch ist. Ich hätte ihnen deshalb gern heute im Stadion dafür gedankt, das hätten sie wirklich verdient gehabt.

Auch wenn für Platz 3 heute nur ein Augsburger Tor mehr gegen Leipzig gefehlt hat: Marco Rose hat mit seinem Team im ersten Jahr mehr eingelöst als zu erwarten war. Er hat vergangenen Sommer innerhalb von wenigen Wochen eine funktionierende Mannschaft geformt, die das verkörpert, was sich jeder Fan wünscht: Eine Einheit, in der jeder für den anderen einsteht. Eine Mannschaft, der man gern beim Fußball spielen zusieht, bei der selbst die Arbeit, das Pressing und die Balleroberung, oft spielerisch aussieht.
Ein Kollektiv, das den Mannschafterfolg über eigene Individualinteressen und Extravaganzen stellt. Eine sympathisch auftretende Mannschaft, die sich auf dem Platz aber auch zu wehren weiß. Und die trotz teilweise harscher Benachteiligung durch Schiedsrichter nicht ihren Kompass verliert und sich nicht zu den gleichen Unsportlichkeiten verleiten lässt, wie sie mancher Gegner an den Tag gelegt hat. Eben eine geile Truppe, so wie es Marco Rose neulich schon so treffend und doch so selbstverständlich formuliert hat.

Ohne die Leistung von Trainern und Spielern in den Vorjahren kleiner reden zu wollen als sie waren: Das Spieljahr 2019/20 war, vielleicht auch mit bedingt durch die schwierigen äußeren Bedingungen im letzten Saisondrittel, der größte Schritt nach vorne für den VfL seit der Relegationsrettung 2011 und der damit verbundenen Wiedergeburt einer verschüttet geglaubten Gladbacher Tradition - der Tradition, erfolgreichen Fußball spielen zu können
Ich habe ja vor einem Jahr früh meine Zweifel geäußert, ob der nicht zwingend erscheinende Wechsel von Hecking zu Rose überhaupt zu Gladbachs gewohntem Stil im Umgang mit Menschen passt. Und dass dieser Weg auch riskant sein könnte, falls sich der Erfolg nicht schnell genug einstellt. 

Doch dass dem nicht so sein wird, davon hat mich Marco Rose nach seinem ersten Auftritt im Borussia Park schnell überzeugt. So wichtig Top- und Mentalitätsspieler wie Thuram, Bensebaini und Embolo auf dem Rasen auch sind - der Transfer auf der Trainerposition (und in dessen Staff) war der wichtigste für den heute zu feiernden Saisonerfolg. Das Präsidium des VfL und Manager Max Eberl haben im Interesse des Vereins eine richtige und notwendige Entscheidung getroffen, das wird heute niemand mehr bestreiten. Und dafür kann man ihnen nicht genug danken.

Wenn Platz fünf schon ein hervorragendes Ergebnis gewesen wäre - Platz 4 ist die Krönung der Saison. Das klingt komisch, wenn man zwischenzeitlich auch mal wochenlang an der Tabellenspitze gestanden hat. Doch zu einer Saison gehören Aufs und Abs, Lernprozesse und Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Und davon gab es so viele - seltsame Schiedsrichterentscheidungen, viele Verletzungen, Rückschläge wie das bittere Aus in den Pokalwettbewerben - alles Dinge, die eine nicht so in sich gefestigte Mannschaft nachhaltig erschüttern können. Beispiele dafür boten einige der Konkurrenten in diesem Spieljahr zur Genüge.

Yann Sommer und Co. - auch Marco Rose und sein Team -  fanden aber imer wieder den richtigen Ansatz, sich von Rückschlägen nicht beeindrucken zu lassen. Das zeigt sich an einigen eindrucksvollen Zahlen der Saison.

Bestes Beispiel: Nur einmal in 34 Spieltagen gelang es zwei Gegnern hintereinander, Borussia zu schlagen. Kurz vor Ende der Saison waren das Freiburg und die Bayern, beide Niederlagen kamen auf recht unglückliche Weise zustande. Und Gladbach? Hatte zu dem Zeitpunkt Platz 4 verspielt. Doch was folgte, war ein eindrucksvoller Endspurt: Drei Spiele, drei Siege, neun Punkte, 8:2 Tore (wobei es durchaus auch die doppelte Anzahl erzielter Tore hätten sein können). Und das ohne Unterschiedsspieler wie Marcus Thuram, Alassane Plea und Denis Zakaria. Im entscheidenden Moment waren dafür Routiniers wie Stindl, Herrmann oder Hofmann zur Stelle.

Was also war anders als früher? Jeder VfL-Fan befürchtete spätestens drei Spieltage vor Schluss insgeheim schon die Neuauflage des sprichwörtlichen Gladbacher Hangs zur Tragik - dass im entscheidenden Moment doch das zum Greifen nahe Ziel verpasst wird - wie zuletzt beim Last-Minute-K.o. gegen Basaksehir in der Euro-League Ende des Jahres.

Auch heute war es im Spiel zweimal ganz nah dran an einer ähnlichen Ernüchterung. Hätte Hertha mit einem der beiden (!) Torschüsse den Ausgleich gemacht, wäre es vielleicht noch eng geworden. Und das, obwohl Borussia den Gegner zuvor beherrscht hatte und längst mit vier oder fünf Toren hätte führen können oder müssen. Doch es  gehört zur Qualität und Reife der Mannschaft, dass dies nicht geschah. Wie es überhaupt in dieser Saison nur ganz selten so war, dass Borussia auf dem Platz keine Antworten fand.

25 von 34 Spielen unbesiegt, davon 20mal gewonnen, das ergibt die 65 Punkte, die Gladbach zuletzt 1983/84 erspielte - mit einem gewissen Lothar Matthäus im Mittelfeld. 
Die Rose-Elf stellt die drittbeste Abwehr, den besten Torwart der Liga und den viertbesten Sturm(und hat in meiner subjetiven Wahrnehmung auch die allermeisten Tore oft sehenswert herausgespielt). 
In der Heimtabelle ist der VfL hinter den Bayern Zweiter (letztlich auch nur wegen des späten Siegtreffers der Münchner), auswärts immerhin Siebter - was für ältere Fans schon einer mittleren Sensation gleichkommt. 

Selbst in der Kartenstatistik kam es nicht so schlimm, wie mancher es aufgrund des physisch fordernderen Spiels vielleicht befürchtet hatte. Trotz dreier mehr oder weniger unberechtigter gelb-roter Karten liegt der VfL hier im sicheren Mittelfeld.

Auch interessant: Der VfL setzte mit 25 Spielern die zweitwenigsten Akteure ein. Schaut man auf die Zahlen, kam Marco Rose aber mit einem 18-Kader durch die Saison: Die restlichen Spieler - Raffael, Traoré, Johnson sowie die jungen Doucouré, Bennetts und Müsel sowie der dann verliehene Jordan Beyer blieben alle unter 10 Kurz-Einsätzen (1 bis 271 Spielminuten). Vor dem Hintergrund der teilweise langen Ausfälle eine bemerkenswerte Statistik.

So, das war's in dieser Saison. Mit der CL-Quali sind die Weichen für eine gute Ausgangsposition gestellt, ungeachtet dessen, was Corona uns (und dem Fußball) noch alles abverlangen wird, finanziell wie gesellschaftlich. Es ist heute also einen Tick wahrscheinlicher geworden, dass Borussia auch beim Anpfiff der Saison 2020/21 mit allen Leistungsträgern auflaufen kann - und vielleicht die Abgänge noch etwas hochwertiger kompensiert werden können.

Das Konzept der Liga mit dem Restart unter Corona-Bedingungen ist gelungen, mit einigen Abstrichen war es ein Erfolg, die Saison so reibungslos zu Ende bekommen zu haben. Ich habe mich bei den Spielen, die seitdem ausgetragen wurden, ja bewusst auf das Sportliche konzentriert, weil es auch nichts bringt, ständig auf die Risiken hinzuweisen, die dieses Vorgehen mit sich bringen kann. 
Dennoch bin ich davon keineswegs abgerückt. Ich habe nach wie vor Angst davor, dass die Spieler unbewusst und unentdeckt Langzeitschäden davontragen könnten. Und ich sehe mit Grausen, wie eng der Terminplan in den kommenden Monaten und im kommenden Jahr gestrickt werden muss, damit alle Großereignisse stattfinden können - und das vor dem Hintergrund einer unklaren weiteren Entwicklung der weltweiten Pandemie.

Immerhin. Jetzt ist erstmal Zeit zum durchatmen. Wir haben uns das alle verdient. Und können das schöne Gefühl mitnehmen, dass wir uns endlich mal auf die Champions League freuen dürfen - weil diesmal wieder der geilste Club der Welt mitspielt. Das tut gut. Und deshalb werde ich heute mit einem Grinsen im Gesicht einschlafen. Und morgen ebenso aufwachen. Danke Borussia, danke Marco Rose, danke an alle, die an diesem Erfolg mitgewirkt haben, an welcher Stelle auch immer. Ihr seid Borussia! Wir sind Borussia! Und zum Bersten stolz darauf.  


Bundesliga 2019/20, 34. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hertha BSC 2:1 (Tore für Borussia: 1:0 Hofmann, 2:0 Embolo)

2020-06-20

Schlampiger Sieg

Das war noch ein guter Tag in der Saison von Borussia Mönchengladbach. Und weil in Berlin die Hertha zugleich Borussias CL-Kontrahenten Leverkusen in Schach hielt, kann der VfL am nächsten und zugleich letzten Bundesliga-Spieltag aus der sehr guten Ausgangslage sogar noch eine ganz hervorragende Saison machen. Denn durch den Erfolg der Rose-Elf in Paderborn und Leverkusens Pleite sind es zwei Punkte und neun Tore, die zwischen den beiden Clubs und der Qualifikation für die Champoions League oder die Euro League liegen.

Das ist wahnsinnig gut. Aber es bedeutet zugleich, dass der letzte Schritt nicht leichter wird als jeder einzelne zuvor. Denn es ist auch eine gefährliche Ausgangslage, wie wir wissen. Es ist noch nicht so lange her, da standen Stindl und Co. schon einmal vor der fast identischen Aufgabe. Ein Sieg oder ein Unentschieden reichte, doch am Ende verlor Borussia das letzte Gruppenspiel der Euro League gegen Basaksehir in der Nachspielzeit mit 1:2 - und war eiskalt erwischt und von einer auf die andere Minute draußen aus dem Wettbewerb. 
Bevor also jemand schon den Schampus kalt stellt, weil es für die Hertha nächste Woche "ja um nichts mehr geht" - denkt daran, es muss immer erst noch gespielt werden.

Damit komme ich zum heutigen Spiel, das schon viel von einem typischen 34.-Spieltag-Kick hatte. Alle waren in Spiellaune, es gab mehr Räume auf beiden Seiten als gewohnt, und wenn es eine Mannschaft mal richtig ernstgemeint hätte, hätte es am Ende gut und gerne eine hohe einstellige Klatsche für den bereits feststehenden Absteiger gegeben. 

Es gab aber (wieder) nur ein vergleichsweise knappes Ergebnis - ein 3:1, das vielleicht die Kräfteverhältnisse im Mittelfeld, aber nicht ansatzweise das Verhältnis der erstklassigen Torchancen ausdrückte. Denn Paderborn hatte eigentlich nur die eine, die zum Tor durch den Ex-Borussen Sven Michel führte ("Ausgerechnet..."), während es den Borussen um Breel Embolo und Patrick Herrmann gefiel, eine Großchance nach der anderen zu versemmeln. 
Auch nach dem hochverdienten Platzverweis von Hünemeier änderte sich an dieser Schlampigkeit im Abschluss nichts. Und als dann Laszlo Benes endlich mal den Ball zum vermeintlichen 4:1 über die Linie wuchtete, pfiff ihm der Kölner Keller das verdiente Erfolgserlebnis wegen einer äußerst fraglichen Abseitsentscheidung weg - die man passenderweise auch in keiner Wiederholung noch einmal nachvollziehbar präsentiert bekam. 
Das ist besonders ärgerlich, weil ein Zweifel bleibt. Schließlich hatte der Assistent von Schiri Tobias Welz schon beim 3:1 von Stindl eine Abseitsentscheidung signalisiert, die nicht stimmte. Und sein Kollege auf der anderen Seite brachte Borussia in der ersten Hälfte um einen erfolgversprechenden Angriff, weil er auch da zu schnell und zu Unrecht die Fahne hob.

Zum Gück ohne direkte Auswirkung, aber dennoch ärgerlich: Nach der Fußspitzenabseits-Szene von Hofmann gegen die Bayern war das jetzt schon das zweite Tor innerhalb kürzester Zeit, das mit Berufung auf eine Regel annulliert wurde, die dereinst ganz sicher nicht dafür geschaffen wurde, dass heute mit moderner Technik fingerdicke Abseitsstellungen 40 Meter vor dem Tor abgemessen werden. Aber das ist zum Glück nichts, das uns heute groß besorgen muss. Es wird uns aber weiter begleiten, da bin ich sicher.

Denn das Spiel heute hat gezeigt, dass beim VfL auch der "zweite Anzug" passt. Stindl (3), Hofmann (2) und Herrmann (1) heißen die Torschützen der englischen Woche - auf sie ist genauso Verlass wie auf Elvedi-Vertreter Jantschke oder den lange nicht zur Startelf zählenden Chris Kramer, der auch heute viel für die Mannschaft arbeitete und seinen Anteil daran hat, dass nur ein Gegentor aus den vergangenen zwei Spielen zu Buche schlägt.

Ansonsten muss man über das Spiel nicht viele Worte verlieren, es war eine solide Leistung und wird bald schon vergessen sein. Borussia stand trotz der einen oder anderen Leichtfertigkeit (etwa Bensebaini) sicher, agierte nach vorne ganz gut, aber auch oft ungenau und manchmal geradezu fahrig. 
Ich hatte dennoch nie das Gefühl, dass Paderborn dem VfL heute hätte gefährlich werden können, auch wenn die Gastgeber durchaus gute Leute auf dem Platz hatten. Selbst mit dem zwischenzeitlichen Ausgleich verließ mich dieses Gefühl nicht. Die Mannschaft wohl auch nicht - sie schüttelte sich nur kurz, und dann ging es wieder nach vorn, dem Sieg entgegen.


Und jetzt? Bleibt noch eine Woche Vorfreude auf ein Finale, wie wir es uns eigentlich erträumt haben. Platz 5 ist sicher, Platz 4 in Reichweite - und selbst Platz 3 ist theoretisch noch möglich. Hoffen wir, dass dieser letzte Schritt ein großer wird. Gut ist es so oder so. Denn die Gelder aus der Champions League würden dem Verein zwar eine wichtige finanzielle Basis für die nach wie vor unklare Corona-Lage später im Jahr verschaffen. Doch die Euro League täte der sportlichen Entwicklung der Mannschaft vielleicht noch etwas besser. Also, gebt alles! Wir sind auf alles vorbereitet.

P.S. Ach ja, da gab es ja auch noch zwei schöne Personalien heute. Torben Müsel feierte sein Debüt als Fohlen, darauf hat er - wie Keanan Bennetts und Mamadou Doucouré zuvor - lange warten müssen. Und in Sinsheim lief der an Union Berlin ausgeliehene Moritz Nicolas ebenfalls zum ersten Mal als Bundesligaspieler auf. Dass er zum Einstand von Hoffenheim gleich vier Tore eingeschenkt bekam, ist nicht so schön. Aber nach dem, was ich gesehen habe, war das nicht seine Schuld. Also Kopf hoch, Moritz! Und noch viele weitere Spiele im Oberhaus, vielleicht auch irgendwann für unsere Borussia. 


Bundesliga 2019/20, 33. Spieltag: SC Paderborn - Borussia Mönchengladbach 1:3 (Tore für Borussia: 0:1 Herrmann, 1:2 Stindl FEM, 1:3 Stindl)

2020-06-16

Routiniert abgekocht

Wie schnell sich die Laune wieder aufhellen lässt. Am Samstagabend noch wütend und hadernd, nach den Hiobsbotschaften der Tage danach schon fast gleichgültig, und am Dienstagabend wieder obenauf: Borussia ist immer für Überraschungen gut. Und der Saison-Endspurt macht vielleicht doch wieder Spaß.

So souverän, wie unser VfL heute den VW-Namensvetter aus dem Borussia Park geschossen hat, so kurz kann ich heute meine Analyse machen. Das war über die gesamte Spielzeit Dominanz in Reinkultur, die Gäste aus Golfsburg hatten keine einzige nennenswerte Torchance, und auf der anderen Seite kann man höchstens monieren, dass es nicht noch drei-, vier Mal öfter im Kasten von Koen Casteels geklingelt hat.

Au dem Rasen zwischen den beiden Torhütern ließ die Elf von Marco Rose nichts anbrennen, defensiv nicht, nicht einmal bei Standardsituationen, etwa gegen den unbequemen Kleiderschrank Weghorst, auch später nicht gegen die verstärkte Offensive mit Ginczek und Brekalo. Ginter und Elvedi kochten ihre Gegner mit bemerkenswerter Eleganz ab, Lainer und Wendt hielte die Außen draußen, und Kramer, Neuhaus und Hofmann machten in der Mitte dicht.

Nach vorne ging es zügig und klug, und das hatte sehr viel mit den drei Routiniers Hofmann, Stindl und Ibo Traoré zu tun. Sie waren durch die Ausfälle von Thuram, Plea, Raffael, Johnson, Strobl und Besebaini besonders gefordert - auch, weil klar war, dass Breel Embolo noch kein ganzes Spiel mit seiner gewohnt intensiven Spielweise durchstehen würde.

Und die alten Hasen lieferten. Schön, dass sich Jonas Hofmann endlich mal wieder für seinen enormen Aufwand belohnte. Das hat er wirklich verdient, nicht zuletzt, weil viele Fans bei Niederlagen immer die Schuld zuerst bei ihm oder bei Oscar Wendt suchen.

Das Herz geht auf, wenn man Traoré wieder mal im Vollbesitz seiner Kräfte und steigendem Selbstvertrauen über den Platz flitzen sieht. 
Toll, mit welch breiter Brust Flo Neuhaus unterwegs ist und sogar erfolgreich die Spielmacher-Rolle von Denis Zakaria adaptiert - als Dirigent tief aus der eigenen Hälfte heraus ist der Junge im Moment Dreh- und Angelpunkt im Spiel.

Hidden Champion war für mich heute aber ein weiterer Routinier - der Kapitän. Körperlich robuste Gegner, hakelige Zweikämpfe - da blüht Lars Stindl meist auf. Heute eroberte er nicht nur viele Bälle im Mittelfeld sehenwert und leitete sie gut weiter. Er hatte seine stärksten Szenen wie so oft nicht vor dem gegnerischen Tor, wie beim beruhigenden 3:0, sondern als Wühler im Mittelfeld-Pressing und an der Wurzel der Tor-Entwicklung, quasi als Torvorvorbereiter.
Insgesamt eine durchweg bärenstarke Leistung der gesamten Mannschaft (bis auf Sommer, der hatte kaum Gelegenheit, sich auszuzeichnen), eine Leistung, die zudem nach jetzigem Stand auch nicht durch weitere verletzungsbedingte Ausfälle getrübt wird. Zwar fehlt Nico Elvedi in Paderborn gelbgesperrt, doch in Tony Jantschke, Ramy Bensebaini und auch dem heute wieder in der Schlussphase eingewechselten Mamadou Doucouré sollten Alternativen zur Verfügung stehen.

Ich werde weiterhin keine Rechnungen anstellen, für was jetzt dieser Sieg oder die zwei Niederlagen zuvor am Ende reichen werden. Dafür ist die Liga noch immer zu unberechenbar. Aber ich habe meinen Frieden mit der Saison auch längst gemacht. Alles, was jetzt noch (besser) kommen könnte, wäre das Sahnehäubchen auf das erste Rose-Jahr.

Fehlt noch der obligatorische Schiedsrichterblock. Robert Schröder zeigte eine sehr vernünftige Spielleitung, mit wenigen Ausnahmen, die angesichts des klaren Sieges nicht mehr ins Gewicht fallen. Die Wolfsburger gingen gewohnt rücksichtslos in die Zweikämpfe und kamen mit vier Gelben Karten dennoch etwas zu glimpflich davon. Wout Weghorst hätte für seinen unmotivierten Check gegen Yann Sommer zwingend Gelb sehen müssen, dann wäre er kurz darauf mit einem zweiten üblen Tritt vorzeitig duschen gegangen. Und den früh verwarnten Pongracic verschonte der Unparteiische im weiteren Spielverlauf so lange, dass Trainer Glasner ihn doch noch rechtzeitig vom Feld holen konnte. Bis dahin hatte der Kroate eigentlich schon drei Verwarnungen gesammelt. Das kann ich heute aber locker verschmerzen: dank eines klaren, hochverdienten Zu-Null-Spiels, das einfach Spaß gemacht hat. Ach ja: Glückwunsch, Keanan Bennetts, endlich ist auch dein Bundesligadebüt fälig gewesen! Das mit der Frisur muss ich in meinem Alter ja nicht mehr verstehen ;-)



Bundesliga 2019/20, 32. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - VfL Wolfsburg 3:0 (Tore für Borussia: 1:0 Hofmann, 2:0 Hofmann, 3:0 Stindl)

2020-06-13

An der unsichtbaren Grenze

Ich wollte mich nicht ärgern. Ganz bestimmt nicht heute. Und nicht gegen Bayern München, wo man Punkte ja nie einkalkulieren kann. Es gibt - aufs Ganze gesehen - ja auch nichts, worüber man sich grämen müsste.

Borussia hat eine tolle Saison gespielt, kann nach diesem Spieltag (drei Spiele vor dem Ende) nicht mehr schlechter als Platz fünf abschneiden. Die Mannschaft hat sich im Vergleich zur Vorsaison, als es unter Dieter Hecking am Ende ja auch der fünfte Platz wurde, enorm weiterentwickelt - kämpferisch, spielerisch, im ganzen Auftreten, auch Punkte- und Toremäßig (derzeit 56 Punkte, 58:38 Tore, damals nach 34 Spieltagen 55 Punkte, 55:42 Tore). 
Die Fohlen der Saison 2019/20 werden von ausnahmslos jedem Konkurrenten ernstgenommen, nicht mehr oft nur stark geredet wie in der Vergangenheit. 
Das erste Jahr unter Marco Rose hat tatsächlich gehalten, was wir uns davon versprochen haben. Es war ein großer Schritt nach vorn. Nicht zu vergessen: Der VfL war acht Spieltage hintereinander Tabellenführer und hat schon jetzt die beste Punktebilanz seit 36 Jahren auf dem Konto.

Aber, und damit komme ich zu dem, was mich auch heute so angefressen zurücklässt: Es reicht wahrscheinlich auch in diesem Sommer nicht zu mehr, als Dieter Hecking mit einer deutlich biedereren Spielweise zum Abschied eingefahren hat. Natürlich weiß man nicht, ob und wie die Arbeit des Trainerteams in den kommenden Spielzeiten Früchte trägt. Doch bewertet man das, was heute an der Tabelle ablesbar ist, dann frustriert mich, dass selbst die in dieser Saison gesehenen Fortschritte am Ende nicht ausreichen, um über 34 Spieltage auf Augenhöhe der - finanziell weit besser ausgestatteten - Topteams zu bleiben.
Bis zur Corona-Pause war noch alles im Lot, der erste Sieg nach dem Wiederanpfiff gegen Frankfurt schien dann vieles möglich zu machen. Doch trotz teilweise weiter sehr guten Auftritten gab es seit diesem Spiel aus fünf Partien nur noch magere vier Punkte und 6:7-Tore. Wenn jemand fragt, wo am Ende die Champions-League-Quali liegengeblieben ist, sollte der VfL sie verfehlen: dort.

Während Bayern München immer gewinnt, wenn es muss, Dortmund und Leverkusen auch Spiele für sich entscheiden, in denen sie die drei Punkte nicht verdient haben und Leipzig fast unbeeindruckt durch die Endphase der Saison pflügt, geht den Borussen offenbar die Puste aus, wenn es darauf ankommt. Das ist nicht auf die Fitness gemünzt oder auf die Qualität der Leistungen. Es geht allein um den Ertrag, der nicht mit dem Aufwand Schritt hält. Wie heute. Und damit bin ich beim Thema.

Borussia hat auch heute über 60 Minuten ein taktisch richtig starkes Spiel gezeigt. Sie hatten die Bayern weitgehend im Griff, ließen nur wenig richtig gefährliche Aktionen zu (die dann aber auch mit etwas Glück und den Klasseparaden von Yann Sommer nicht zu Gegentoren führten), dominierten das Spiel mit mehr Ballbesitz, cleverem Pressing und Verschieben in der Verteidigung und guten spielerischen Mitteln, die Schwächen des Rekordmeisters aufzuzeigen. 
Auf der anderen Seite des leeren Stadions hatte der VfL in der ersten Hälfte mehr und die besseren Chancen, und auch in der zweiten Hälfte blieben genügend Gelegenheiten, das Ergebnis freundlicher zu gestalten. 

Zugleich aber war es fast vom Anpfiff an absehbar, dass dieses Spiel enden würde, wie es endete - mit einer Niederlage. 

Ich klage nicht über den späten Zeitpunkt des 1:2, schließlich gelang dem VfL im Hinspiel der Siegtreffer gar noch in der Nachspielzeit. 
Ich rege mich auch nicht mehr darüber auf, dass ein astreines Tor wegen einer akademisch ausgemessenen Abseitsstellung von vielleicht 7,67 Zentimetern zurückgepfiffen wird. Auch Borussia hat von so einem spielfernen Unsinn schließlich schon profitiert, wenn man etwa an Reus' Zentimeter-Abseits im Zurücklaufen denkt, das Hazard sein erstes Tor gegen uns kostete. 

Nein, es geht mir um die Dinge, in denen die Waage sich inzwischen verlässlich zu Gunsten des Gegners neigt.
Der Ausgang des heutigen Spiels war leider schon nach zwei Minuten relativ sicher vorauszusagen. Wenn nicht vorher, da vergangene Woche Schiri Markus Schmidt in Freiburg einen Teil unseres Sturms unter bemerkenswerten Umständen für das Spitzenspiel bei den Bayern eliminiert hatte.
Doch nach zwei Minuten kam heute im verletzten Marcus Thuram der zweite Top-Ausfall hinzu. 

Und als der heutige Schiedsrichter Felix Zwayer in dieser Szene beim (als letzter Mann) foulenden Jerome Boateng schon gnädig alle Augen zudrückte und nicht einmal eine Gelbe Karte zeigte, war auch die Linie für heute klar. Es war die absolute Anti-Tobias-Stieler-Commitment-Respekt-Linie. 

Zwayer interessierte sich nicht für das ständige Klammern von Bayern-Abwehrspielern gegen Thuram-Ersatz Embolo, genausowenig für das aggressive Wutgebrüll der Münchner bei jeder gegen sie gerichteten Entscheidung und das konsequente Ballwegschleppen nach Freistoßpfiffen für Borussia. Und als Goretzka, der schon zweimal ohne Konsequenzen heftig ausgeteilt hatte, sich nach einer Entscheidung gegen ihn lautstark beschwerte, den Ball mitnahm und ihn dann genervt hinter sich warf, passierte: nichts. 

Prinzipiell bin ich mit einer lockeren Linie ja einverstanden, zumal sie dem Spiel heute nicht schadete. Aber wenn auf der anderen Seite immer wieder übertriebene Maßregelungen zu Sperren von Gladbacher Spielern führt und führen und die "Mia-san-Mia"-Nationalspielersammlung sich dagegen quasi alles erlauben kann, muss man sich nicht wundern, dass jede Saison eben so endet, wie sie endet. Oder dass ein Dauernöler wie Thomas Müller es erst nach 30 Saisonspielen zu einer Sperre wegen fünf gelber Karten schafft, während ein Stürmer wie Alassane Plea für ein Foul und ansonsten diskutable nonverbale Missfallensbekundungen gleich zwei Platzverweise (= vier Verwarnungen) kassiert.

Wie auch immer: Thuram war früh raus aus dem Spiel. Also musste Rose nach zehn Minuten schon den gerade genesenen Breel Embolo bringen, der von seiner Spielweise einerseits kein Stürmer wie Plea oder Thuram ist, die Bälle gut festmachen und für Entlastung sorgen können. Zum anderen fehlte ihm nach drei Wochen Pause natürlich die Kraft für ein volles Spiel. Er machte seine Sache dafür wirklich fantastisch. Und er wird sich auch am meisten selbst darüber ärgern, dass er seine Doppelchance in der ersten Halbzeit nicht genutzt hat. 
Aber mit nur einem halbfitten statt dreier körperlich starker und schneller Stoßstürmer konnte Borussia am Ende die eigenen Ausfälle schlechter kompensieren als der FCB die von Lewandowski und Müller. Zumal auch im zentralen Mittelfeld die Verletzungen von Zakaria und Strobl einige taktische Optionen nehmen und noch dazu bayernerfahrene Routiniers wie Raffael und Johnson nicht zur Verfügung standen.
Die über lange Zeit sehr stark besetzte Gladbacher Bank kann in dieser entscheidenden Saisonphase daher leider auch offenbar nicht mehr den kleinen Unterschied machen.

Zur Halbzeit musste dann auch noch Nico Elvedi in der Kabine bleiben, und auch wenn Tony Jantschke ihn bravourös vertrat - in Elvedi fehlt natürlich im Spielaufbau und gegebenenfalls auch bei Standards vorne jemand, der den Unterschied machen kann.
 
Und so war eigentlich klar, dass irgendwann im Verlauf des Spiels die Entlastung bei einem erhöhten Bayern-Druck verloren gehen würde und sich das Team in der eigenen Hälfte nicht mehr dauerhaft würde befreien können. Und so war es dann in den letzten 20 Minuten - auch, weil mit den zuvor geschonten Coman und Davies deutlich mehr Power ins Bayern-Spiel kam, während bei Borussia nicht mehr entscheidend personell nachgelegt werden konnte. Auch deshalb ging die tapfere Abwehrschlacht nicht gut. 
Zusammen mit der mäßigen Bilanz beim "Zählbaren" - den Bayern das erste Tor geschenkt (diesen Fehler hat Sommer allerdings schon so oft wieder gut gemacht, dass man ihn den verunglückten Pass in die Beine von Zirkzee nicht unter die Nase reiben muss), das zweite unglücklich zugelassen und vorne selbst nicht eiskalt genug - reicht das unter dem Strich eben nicht zu Punkten in München. Zumindest nicht heute.

Zumal man einräumen muss, dass die Münchner sich gerade in der ersten Stunde auch den Luxus erlaubten, nicht ihre bestmögliche Mannschaft auf den Platz zu schicken und dabei vielleicht auch die Prioritäten nicht ganz richtig setzten. So hatte Trainer Hansi Flick im Vorfeld der Partie zwar deutlich gemacht, dass es gegenüber der Konkurrenz ungehörig sei, jetzt das erreichbare Ziel "100 Saisontore" als Zusatzziel auszugeben. 

Ich empfinde es aber als fast genauso herablassend, dass er heute den Zweite-Mannschafts-Spieler Mickael Cuisance von Beginn an aufstellte (manch einer wird ihn noch kennen). Er schien diese Woche pünktlich und auch mit gebundenen Schuhen trainiert zu haben, sonst wäre das wohl nicht möglich gewesen. Dass seine Mitspieler ihm dann aber auch noch - wohl wegen der so unschön geendeten Trennungsgeschichte mit Gladbach - eine Halbzeit lang impertinent jeden Ball zuzuspielen versuchten und ihn möglichst in gute Torschussposition bringen wollten war so auffällig wie fruchtlos. Aber es zeigte, dass auch bei einem so fokussierten Verein manchmal eine kleine Demütigung des Gegners höher eingeschätzt wird als die schnelle Sicherung von drei Punkten auf dem Weg zur Meisterschaft.
Immerhin: Nach 62 Minuten hatten die Münchner gemerkt, dass es so nichts werden würde, wechselten Coman für den jungen Franzosen ein und sendeten damit das Signal: Wir machen jetzt ernst.

Ernst meinte es Sky heute offenbar auch damit, als FC-Bayern-TV wahrgenommen zu werden. Dass Wolff Fuss sich zur Halbzeit dazu hinreißen ließ, das (hochverdiente) 1:1 als "nicht ganz unverdient" für Gladbach zu bezeichnen, war nur ein deutlicher Hinweis, dass man vielleicht doch ein kleines bisschen sauer war, dass die Bayern heute die Meisterschaft doch noch nicht perfekt machen konnten. Ich habe jedenfalls selten ein so einseitiges Pro-Bayern-Geschwafel erlebt, dem sich nur der anwesende Fußball-Eggsberde Loddar Maddäus ein wenig entziehen konnte. Als Christoph Kramer im Interview dann statt zum eigenen Team zu den neu antrainierten Muskeln des gegnerischen Spielers Goretzka befragt wurde, schlug das dem Fass dann den Boden aus. Einfach unerträglich.

So, genug gelästert. Und um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin hochzufrieden mit dem Abschneiden von Borussia in dieser Saison, egal welcher Platz es auch werden sollte. Aber unter Berücksichtigung aller Umstände - Schwächephasen und veritable Krisen bei den großen Titelanwärtern BVB und FC Bayern, Schwächen der erheblich finanzstärkeren Clubs aus Wolfsburg, Schalke und Leverkusen und einem Schritthalten (inklusive beschissen werden) gegenüber dem ganz normalen Brauseclub aus Leipzig - wäre mehr drin gewesen. 
Wenn Gladbach die Unerschütterlichkeit aus der Hinrunde hätte durchhalten können. Wenn Verletzungen immer so gut hätten kompensiert werden können, wie es immerhin zeitweise gelang.

Und wenn es nicht eine Reihe von merkwürdigen Vorkommnissen bei der Auslegung und Interpretation von geltenden geschriebenen und ungeschriebenen Regeln gegeben hätte. Ich weigere mich nach wie vor, Verschwörungen dahinter zu wittern. 
Aber dass nicht mit gleichem Maß gemessen wird, nicht einmal innerhalb des gleichen Spiels, das konnte man öfter beobachten, als es einem lieb war. Vor allem, weil vermeintlich neue Auslegungen gefühlt stets an Gladbacher Spielern und Verantwortlichen exekutiert wurden.
Das ist bitter, weil sich die finanziellen Ungleichheiten ohnehin schon genug auswirken. 
Wenn sich da nichts ändert, werden die Bayern nach der anstehenden 30. Meisterschaft, der 8. in Folge, in der Liga auch weiter von Titel zu Titel ziehen. Und das ungefährdet, selbst in einer bisher einzigartigen Ausnahmesituation wie der ersten Corona-Saison.


Und Teams wie Gladbach stoßen derweil immer wieder an eine unsichtbare, undurchdringliche Decke, wenn sie mal kurz zum Sprung nach ganz oben ansetzen könnten. 
Ja, das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich weiß schließlich, wo wir herkommen. Aber es ist auch frustrierend, dass auch unsere kleinen und großen Träume immer wieder auf so profane, ausrechenbare Art und Weise zerplatzen müssen. 


Bundesliga 2019/20, 31. Spieltag: Bayern München - Borussia Mönchengladbach 2:1 (Tor für Borussia: 1:1 Eigentor Pavard)

2020-06-06

Wie immer - aber anders

Am Ende war es so wie immer in Freiburg - Enttäuschung pur. Und eigentlich kann auch kein Borussia-Kenner wirklich damit gerechnet haben, dass der VfL in diesem Stadion irgendwann noch mal gewinnt. Nun scheint es ja wirklich der letzte Auftritt in der alten Kiste namens Schwarzwaldstadion gewesen zu sein. Wenigstens das lässt hoffen.

Weniger tröstlich war dagegen die Tatsache, dass sich diesmal die treuen Gladbach-Fans das Ganze wenigstens nicht live vor Ort ansehen mussten, um dann viele hundert Kilometer frustriert nach Hause fahren zu müssen. Denn diese Niederlage war pures Gift für die Champions-League-Ambitionen der Rose-Elf- und natürlich für die Hoffnungen der Fans darauf.

Dabei sah es 50 Minuten lang hervorragend aus. Nach fünf Minuten hatten die Fohlen schon mehr gute Angriffe inszeniert als in anderen Jahren im ganzen Spiel. Und bis zum Ende der ersten Halbzeit waren Ginter und Co. mit zielstrebigem Direktspiel und viel Power unangefochten Herr im Freiburger Stadion. Was fehlte, war - wie auch in den Wochen zuvor immer mal wieder - der letzte präzise Pass. Und das Tor zur Führung.
Als sich Borussia dann doch mal erfolgreich bis zum Tor von Keeper Schwolow durchgespielt hatte, sorgte ausgerechnet der erneut wie aufgedreht spielende Florian Neuhaus dafür, dass das Tor wegen Abseits nicht zählen konnte. Ob es ein Reflex war, dass er im Abseits stehend noch an den Ball ging oder ob der Ball ohne ihn vielleicht doch nicht reingegangen wäre, ist müßig. Es war eine von vielen Möglichkeiten, in Führung zu gehen, ja in Führung gehen zu müssen. Freiburg bekam jedenfalls in der ersten Halbzeit überhaupt keinen Zugriff auf die Gladbacher Spieler. Das 1:0 für Thuram und Co. schien nur eine Frage der Zeit.

Dass es dennoch nach 45 Minuten 0:0 stand, ließ bei mir erste ungute Gedanken hochsteigen. Denn in der Halbzeit kann ein Trainer auch eine ordentlich durchgeschüttelte Mannschaft neu einstellen und aus der Tatsache, dass man noch nicht zurückliegt, kann man sogar neue Stärke ziehen. Und genau das zeigten die Hausherren nach der Pause. Sie griffen vor allem nach der Einwechslung von Petersen viel früher und energischer an, was Wirkung zeigte. 
Denn vorher kamen die Borussen meist unbedrängt im Spielaufbau bis zur Mittellinie und überwanden von da aus mit vertikalen Pässen die gegnerischen Abwehrketten fast spielend. Jetzt wurde es deutlich dichter im Mittelfeld, Stindl und Co wurden viel häufiger zu unkontrollierteren Abspielen genötigt und verloren darüber ein wenig den Zugriff aufs Spiel und die Spielhoheit.
Viel zu leicht kam Freiburg dann auch zu dem Freistoß im Mittelfeld, der zum Tor des Tages führte. Und der simple Ball in der Mitte offenbarte wieder einmal die Anfälligkeit der Gladbacher Defensive bei solchen "Masseneinläufen" in den Strafraum. Eine katastrophale Zuordnung bei diesem Grifo-Freistoß machte es Petersen sehr leicht, Yann Sommer zu überwinden. Auf der anderen Seite das gewohnte Bild. Standardsituationen ohne eine daraus entstehende gefährliche Szene - auch wenn Benes in der Schlussphase in der Beziehung etwas mehr anbot als seine Kollegen zuvor.

Nach dem Rückstand glückte dem VfL nicht mehr viel, sodass Freiburg den knappen Vorsprung gegen nun wenig überlegt anstürmende Borussen relativ sicher verteidigen konnte und sogar die besseren Chancen hatte, das Ergebnis noch höher zu gestalten. Somit war der Sieg am Ende auch nicht ganz unverdient.
Das alles war aber natürlich auch einer Situation in der 68. Minute geschuldet, in der der Unparteiische der Partie einmal mehr erheblichen Einfluss auf das Spiel nahm - wie gewohnt zu Ungunsten Borussias.

Zum zweiten Mal traf es Alassane Plea, der seiner Mannschaft mit der gelb-roten Karte einen Bärendienst erwies. Aber wie schon bei der berühmten Tobias-Stieler-"Kein-Respekt"-Ampelkarte gegen Leipzig kann man sich fragen: Muss das wirklich sein?

Regeltechnisch kann man nichts dagegen sagen. Gelb für Ballwegschlagen und Gelb für ein Foul, als Plea dem Gegenspieler deutlich auf den Fuß trat. Kann man also machen. Leider konnte Schiedsrichter Markus Schmidt nicht durchgehend nachweisen, dass er diese Linie im Spiel konsequent verfolgte. In der ersten Hälfte kamen die Freiburger fast in jedem Zweikampf zu spät, was öfter für schmerzhafte Momente bei Gladbacher Spielern sorgte. Schmidt zeigte auch zu Recht dreimal Gelb gegen Waldschmidt, Kübler und Koch. Dass Waldschmidt innerhalb von wenigen Minuten gleich zweimal gelbwürdig in den Gegner sprang, hatte aber ebensowenig Konsequenzen wie die Szene, in der der schon verwarnte Kübler wegen eines Ellbogenchecks gegen Thuram zurückgepfiffen, aber nicht vom Platz gestellt wurde. 
Einigen Gladbacher Spielern unterliefen ähnliche Fouls wie Plea in der besagten Szene, ebenfalls ohne Konsequenzen. Ramy Bensebaini teilte gleich mehrfach im Spiel ordentlich aus, ohne überhaupt verwarnt zu werden.

Warum also zückte Schmidt ausgerechnet bei Pleas erstem Foul gleich Gelb? Das Spiel war in dieser Phase nicht ruppig, es war nicht außer Kontrolle, es gab keine Notwendigkeit, als Schiedsrichter ein Zeichen zu setzen. Warum also?

Die gleiche Frage stellt sich mir bei der ersten Karte für Plea. Man muss keine Entschuldigungen suchen: Den Ball wegzuschießen ist immer unnötig und dumm. Sollte man sich verkneifen. Und deshalb überwiegt auch der Ärger über den Stürmer, dass er sich überhaupt so in die Gefahr eines Platzverweises gebracht hat.
Aber war das hier eine Situation, die zwingend mit Gelb bedacht werden muss? Plea lupfte den Ball (sichtlich genervt davon, dass er zurückgepfiffen wurde) mehr spielerisch in die Höhe, er schoss ihn nicht mit Wucht weit weg oder auf die Tribüne. Da habe ich in dieser Saison schon andere Sachen gesehen, die ungeahndet blieben. Tobias Stieler wird es auf jeden Fall mit Freude gesehen haben, nehme ich an.

Klar ist: Echte "Siegermannschaften" handeln sich nicht solche Platzverweise ein (Vielleicht werden bei ihnen auch nur andere Maßstäbe angesetzt, diesen Eindruck kann man schon manchmal bekommen). Echte Champions-League-Teams verlieren auch so ein Spiel nicht, in das sie so viel investiert haben - siehe Leverkusen vor kurzem am gleichen Ort. 

Hätte Borussia heute einen rabenschwarzen Tag gehabt (es wäre lange nicht der erste im Breisgau gewesen), dann könnte man das besser akzeptieren.

Aber was die Mannschaft über fast 60 Minuten mit den Freiburgern veranstaltet hat, war einfach souverän und klasse. Und es hätte unbedingt, unbedingt, unbedingt heute zu Punkten reichen müssen. 
Gerade in den letzten Spielen schien es, als hätten Ginter und Co. inzwischen die Reife, Spiele cool nach Hause bringen zu können und sich auch in Druckphasen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. In den ausstehenden vier Spielen wird man das umso mehr benötigen, damit man die Scharte von heute vielleicht nochmal auswetzen kann. Ohne Plea wird es aber im nächsten Spiel bei den Bayern sicher nicht leichter.


Bundesliga 2019/20, 30. Spieltag: SC Freiburg - Borussia Mönchengladbach 1:0