2019-02-26

Was gerade fehlt

0:3, 1:1, 0:3 - nur ein Punkt und ein Tor aus drei Spielen, in denen man jeweils die klar dominierende Mannschaft war. Und das dann auch noch gegen unmittelbare Konkurrenten um die europäischen Plätze. Das ist ärgerlich, enttäuschend - und es macht auf den ersten Blick etwas ratlos.

Doch es gibt Gründe für den kleinen Durchhänger der Hecking-Elf. Manches kann man beeinflussen, anderes weniger - etwa die Wahrnehmungen des Schiedsrichtergespanns. Grund, in Panik zu verfallen, gibt es nicht. Und wie immer hilft es, bei der Analyse nicht nur schwarz und weiß zu sehen. Hier ein paar Gedanken, was mit im Moment bei Borussia fehlt:

1) Die Unantastbarkeit. Schwankungen sind normal. Keine Mannschaft kommt ohne Schwächephasen durch eine Saison, nicht einmal Bayern München und auch nicht Dortmund, wie man in den vergangenen Wochen gesehen hat. Eine solche Souveränität wie in dieser Saison ist bei unserer Borussia aber ohnehin kein Selbstläufer. Der VfL hat zwar einige Spiele nicht überzeugend gestaltet - auch gewonnene -, doch eine Ergebniskrise hat sich die Mannschaft in dieser Saison noch nicht erlaubt. 
Auf Niederlagen fand sie die richtige Antwort - mit einer Ausnahme: Ende Okober folgte auf die traditionelle Auswärtsniederlage in Freiburg fünf Tage später das bittere Pokalaus gegen Leverkusen.
Selbst die Reaktion auf das 0:3 gegen Berlin war völlig im Rahmen - ein starkes Auswärtsspiel in Frankfurt. Das macht Mut, dass es auch diesmal so sein wird, selbst wenn es nun gegen den Rekordmeister geht.

2) Das Spielglück. Wenn wir ehrlich sind, kann sich der VfL in dieser Saison nicht über fehlendes Glück in einigen engen Spielen beschweren. Auch das letztlich souveräne 3:0 in München wäre nicht denkbar gewesen, wenn an diesem Tag nicht vieles gepasst hätte für Gladbach. Jetzt klebt das Pech mal stärker an den Borussenstiefeln - sei es vorne bei Lattentreffern oder anderen vergebenen Chancen, oder in der Defensive bei unglücklichen Gegentoren. Da ließe sich das reingemümmelte Kreisliga-Schüsschen von Gerhardt zum 1:0 für Wolfsburg oder das glückliche Zustandekommen des da-Costa-Treffers in Frankfurt nennen.

3) Der "letzte Einsatz". Man sagt, Spielglück könne man nicht erzwingen. Da ist sicher etwas dran. Aber man kann etwas dafür tun, dass der Ball in den entscheidenden Szenen dein Freund bleibt. Dafür braucht es den gern zitierten "letzten Einsatz", das Quäntchen Geschicklichkeit im Zweikampf, das den Unterschied machen kann und macht. Jeder, der mal selbst gespielt hat, weiß, was ich meine. 
Am Beispiel des 0:2 und des 0:3 von Wolfsburg lässt sich das gut illustrieren. Hätte Nico Elvedi ein bisschen konsequenter den Weg und den Rückpass zu Sommer gesucht, hätte ihm Mehmedi nicht den Ball klauen können. Wäre der Schweizer Abwehrspieler - ohne Zweifel einer von Borussias Spieler der Saison - mit der sonst üblichen Kompromisslosigkeit ins Kopfballduell mit Brooks gegangen, hätte der den Ball nie in die Mitte bekommen, wo erneut Mehmedi gegen den (zu Recht) vor dem Zusammenprall zurückzuckenden Wendt an den Ball kam. Zwei verlorene Zweikämpfe, zwei entscheidende Gegentore. 
Gleiches gilt für das 0:2 gegen Berlin, als Selke Matthias Ginter an der Außenlinie weglief und dieser ihn nicht daran hindern konnte.

Das ist der Unterschied zu den Spielen vorher. Da wurden die allermeisten solcher Szenen von Elvedi und Ginter entschärft. Und was doch durchkam, wurde mit Können und etwas Glück durch Yann Sommer und andere Mitspieler abgeräumt. Es kann natürlich sein, dass derartige Konzentrationsfehler der anstrengenden Saison geschuldet sind. 
Nichtsdestominder müssen sie vermieden werden, sonst geht auch die Selbstverständlichkeit verloren, mit der der VfL bislang Offensive und defensive Absicherung so harmonisch auf den Platz gebracht hat.

4) Die Gier nach dem Tor. Solange es gelingt, hinten leichte Fehler zu vermeiden, kann man es sich leisten, sich den Gegner vorne zurechtzulegen, ihn müde zu spielen, um dann mit überraschenden Pass-Stafetten zum Erfolg zu kommen. Die richtige Balance zwischen dominierendem Passspiel und dem Abschluss zu finden, ist dabei nicht einfach. Die meisten Gegner verschieben inzwischen sehr effektiv und lassen Borussias Kreativen weniger Raum zum Kombinieren. Das führt manchmal zu langatmigen Ballzirkulationen im ungefährlichen Raum. Die Gefahr, in dieser Phase irgendwann mal unkonzentriert einen Fehlpass zu spielen, der hinten gefährlich werden kann, steigt gefühlt mit jedem weiteren Pass.

Dennoch finden die Gladbacher Spieler ja immer wieder gute Lösungen und spielten sich auch zuletzt pro Spiel eine gute Handvoll erstklassiger Chancen heraus. Wären immer drei davon drin, müsste ich den Text hier gar nicht schreiben. Auch hier gilt: Manchmal klebt das Pech am Schuh, man wählt die falsche Option oder stellt sich einfach nur mal dusselig an. Aber das ist es nicht allein.

Noch mehr gute Ansätze scheitern vorher - bevor der letzte Pass zum Torschuss kommt. Und da beschleicht mich in den vergangenen Wochen das Gefühl, dass die Spieler nach einer immer noch besseren Schussposition des Mitspielers suchen, um den Abschluss "möglichst sicher" zu gestalten. Wenn das gelingt, so wie bei Neuhaus oder Hazard am Samstag, ist das toll anzusehen. Wenn der angespielte Kollege die 100-prozentige Chance dann nicht nutzt, umso bitterer. 

Ich will nicht sagen, dass vor dem Tor die Verantwortung abgeschoben werden soll, danach sieht es nicht aus. Aber es wäre sicherlich nützlicher, ab und zu einfach gieriger den eigenen Torerfolg anzupeilen. Damit meine ich nicht mal so sehr die eben genannten Szenen, sondern die, in denen dann der Querpass nicht ankommt, obwohl man selbst hätte schießen können. 
Ich will nicht dahin zurück, dass ein Thorgan Hazard aus allen Lagen aufs Tor prügelt, egal wie sinnvoll es ist. Aber in einer Mannschaft, die mit so vielen Spielern gesegnet ist, die eine tolle Übersicht auf dem Feld haben, wäre es klasse, wenn sie auch im letzten Drittel des Spielfelds öfter kühlen Kopf bewahrten.

5) Gute Standards. Ganz ehrlich - ich habe lange keinen mehr gesehen. In der Vorrunde flogen riehenweise gute Ecken und Freistöße in den Strafraum, sie wurden auch mal trickreich flach in den Rückraum gepasst. Im Moment klappt da gar nichts. Und das ist gerade in Spielen fatal, wo es über Kombinationsfußball nicht so recht zündet.

6) Die Form. Matthias Ginter mit Schwächen im Spielaufbau und in der Antizipation mancher Situationen, Alassane Plea, der völlig von der Rolle scheint, egal ob es um Schnelligkeit, Zweikampf oder Torabschluss geht. Dazu Hazard und Stindl mit "Ladehemmung" und ein paar durch die schnelle Entwicklung zu Stammspielern durchaus nachvollziehbare Durchhänger bei jungen Spielern wie Flo Neuhaus oder Mickael Cuisance. Und: Erfahrene Spieler, die nicht sofort gleichwertig in die Bresche springen, auch weil ihnen die Spielpraxis fehlt (Drmic, Johnson). Eine solche Kombination ergibt eine Schwächung der Gesamtleistung, was sich in dieser Liga nicht sofort rächen muss, aber kann - an jedem Spieltag, gegen jeden Gegner.


7) Die Unterstützung der Fans. Nein, das ist jetzt vielleicht etwas zu plakativ. Grundsätzlich stimmt der Support für das Team natürlich, das hört man auch am Fernseher immer wieder. Und von einem Zerfleischen der Fangruppen wegen einiger Stadionflüchter, wie es die Blöd-Zeitung gern hätte, kann ja nun nicht die Rede sein. 
Aber ab und an denke ich doch, dass die Anfeuerung noch etwas früher, etwas vehementer ausfallen könnte. Im Moment glaube ich, dass das der Mannschaft enorm helfen würde, weil es das Quäntchen sein kann, was den Ausschlag gibt. 
Davon abgesehen: Wie realistisch und aufmunternd die Fans die beiden Niederlagen im eigenen Stadion gewichtet haben, das war ganz große Klasse. Positive Anfeuerung, das wirkt immer. Und gegen die Bayern sollte es sich von selbst verstehen, dass die Hütte brennt. Oh, hoffentlich habe ich jetzt nicht den zuständigen Minister zu Dummheiten animiert. ;-)

In diesem Sinne: Halt Pohl, Borussia!

2019-02-23

Verschenkt, verpennt, verschaukelt

Es wäre ja zu schön gewesen, wenn Borussia Mönchengladbach mal eine Saison ohne solche surrealen Phasen durchspielen könnte. Zweites Heimspiel, zweites 0:3, und so richtig weiß man nicht, warum. Borussia war heute über 85 Minuten noch spielbestimmender, noch souveräner als gegen die Hertha vor zwei Wochen. Kramer und Co. spielten quasi nur auf ein Tor, erarbeiteten sich beste Einschusschancen, die normalerweise für zwei Spiele reichen. Und scheiterten doch - und das mehr an sich selbst als an dem jeweiligen Gegner, den man freistehend anschoss.

Ich spare mir eine umfassende Analyse des Spiels, denn es würde den Spielen zuvor weitgehend gleichen. Auch heute waren es drei individuell schwach verteidigte Situationen, die zu den Gegentoren führten. Mehr aussichtsreiche Chancen hatten die Gäste auch eigentlich nicht. Yann Sommer wurde erneut dreimal überwunden, ohne dies wirklich verhindern zu können. Und: Ohne sich in der sonstigen Spielzeit groß auszeichnen zu müssen. Das sagt genug über das Spiel aus. 

Vorne die Chancen nicht genutzt, hinten bei den Gegentoren nicht griffig genug gewesen - das ist gleichbedeutend damit, dass man das Spiel nicht schuldlos verloren hat. Das gilt auch heute. Was mich allerdings rasend macht, ist, dass dazu noch eine Leistung des Schiedsrichters und seiner Videoassistenten kommt, die man so nicht stehen lassen kann. 

Robert Kampka benachteiligte Gladbach in einer Reihe von falsch bewerteten Zweikämpfen. Er besaß auch kein Maß dafür, wann ein Schiedsrichter ein Zeichen setzen muss. Dass zum Beispiel Arnold relativ früh nach seinem brutalen Sprung mit dem Ellbogen voran in Kramers Rücken ohne Karte blieb, ebenso der notorisch in die Beine tretende William, das ist schon ärgerlich. Davon allein würde ich mich aber noch nicht verschaukelt fühlen.

Es war allerdings auch nur der Anfang einer Reihe von aus meiner Sicht eklatanten Fehlleistungen. Die fingen in der zweiten Halbzeit mit einem klaren Foulelfmeter an Ginter an, der nicht gegeben wurde. Der Gladbacher wurde - im Blickfeld des Schiedsrichters - von seinem Gegenspieler Brooks mit beiden Händen von hinten umgeschubst. Für eine ähnliche Szene (ein leichtes Festhalten weit abseits des Balles) bekam Schalke diese Woche einen Foulelfmeter gegen Man City. Hier aber reagierte weder der Schiri noch Benjamin Cortus im Kölner Keller. 

Kurz darauf hätte es Handelfmeter geben müssen, als Weghorst einen Flankenball von Wendt beim Reingrätschen mit dem leicht abgestreckten Arm klar ablenkte. Hier überprüfte Cortus die Situation immerhin, kam aber zu der Annahme, das sei kein strafbares Handspiel. Warum auch immer. Kampka verzichtete auch darauf, sich die Szene selbst anzusehen. Der vom Körper leicht abgewinkelte Arm lag in dieser Situation nicht "natürlich" an, es lag damit eine Vergrößerung der Körperfläche vor. Dass er aus kurzer Entfernung angeschossen wird, ist somit das einzig Entlastende. Das nahm der Spieler durch seine Grätsche allerdings auch billigend in Kauf, um den Querpass blocken zu können.
Ich weiß nicht, wieviele Elfmeterentscheidungen ich in vergleichbarer Konstellation in dieser Saison schon in der Bundesliga gesehen habe - es waren einige. Und das hier hätte ebenfalls einer sein müssen.

Drittens: Als Casteels den Ball nach vorne prügelte, der kurz darauf zum vorentscheidenden 2:0 im Gladbacher Tor landete, setzte die versammelte Unparteiischen-Riege dann endgültig zum Tiefschlaf an. Denn Mehmedi, der den in dieser Szene zu passiven Elvedi überraschte, kontrollierte den hochspringenden Ball mit der hochgezogenen Faust - keine natürliche Armbewegung. Klarer kann man sich keinen Vorteil verschaffen. Das Handspiel war in jeder Wiederholung klar zu sehen - doch weder Kampka noch Cortus (noch irgendeiner bei Sky) überprüften die Szene nochmal. Zum Vergleich: Letzte Woche bekam Wolfsburg gegen Mainz einen Elfer, weil Gbamin den Ball mit dem am Körper anliegenden Arm leicht, aber in einer bewussten Bewegung mit nach vorne nahm - einen Ball, der ihm im Gewühl aus 30 Zentimetern Entfernung an den Arm sprang. 
Zu schlechter Letzt war dann auch noch der Einsatz des Wolfsburgers Brooks gegen Elvedi vor dem 0:3 äußerst grenzwertig. Eine nahezu identische Szene hatte er zuvor Ginter am gegnerischen Strafraum abgepfiffen. 
Das fiel ehrlicherweise dann aber kaum noch ins Gewicht. Verloren hatte Borussia das Spiel schon vorher. Natürlich zeigt uns die Erfahrung jede Woche aufs Neue, wie willkürlich die Entscheidungen vor allem beim Handspiel sind. Es wird auch nicht jeder mit meiner Meinung übereinstimmen. Aber mir war es heute in entscheidenden Szene einfach zu viel, was zu Ungunsten der Hecking-Elf ausgelegt wurde.

Das alles hätte natürlich keinesfalls mit ausschlaggebend für die Niederlage (und meinen Text) werden können, wenn Gladbach das umgesetzt hätte, was die Mannschaft in der Hinrunde und in den ersten drei Spielen nach der Winterpause ausgezeichnet hatte: Effizienz vor dem Tor, Kompromisslosigkeit und Konzentration in der Rückwärtsbewegung und im eigenen Strafraum. Doch da fehlt es inzwischen an einigen Nuancen, und dies wird derzeit brutal bestraft. 
Auf 5:0 Tore und 9 Punkte folgten zuletzt trotz zweier (guter) Heimspiele 1:7 Tore bei nur einem Punkt. Und als nächsten kommen die Bayern, die wieder im alten Modus unterwegs sind. Der komfortable Vorsprung auf die Verfolger schmilzt dramatisch, der Heimnimbus, der der Mannschaft einiges an Sicherheit und Selbstvertrauen verliehen hatte, ist erstmal weg. Der VfL ist in der ersten richtigen Krise in seiner so starken Saison. Und damit muss er schnell fertig werden. Hoffen wir, dass das Team auch auf diese Herausforderung schnell eine gute Antwort findet. Und, wenn nötig, auch mal wieder in der Schiri-Lotterie etwas mehr Glück hat.
  

Bundesliga 2018/19, 23. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - VfL Wolfsburg 0:3

2019-02-17

Weniger wäre zu wenig gewesen

Es gibt Tage, da kann man mit einem Punkt zufrieden sein. Und es gibt Tage, da muss man mit einem Punkt zufrieden sein. Heute war es etwas von beidem. 
Denn über weite Strecken der zweiten Halbzeit sah es gar nicht danach aus, als würde dem VfL noch die Korrektur eines bis dato höchst unerquicklichen Spielstands gelingen. 
Genauso war es zuvor der Witz des Tages gewesen, dass Eintracht Frankfurt nach der ersten Halbzeit mit einer 1:0-Führung in die Pause gehen durfte und nicht mit einem 0:2 oder 0:3. Und selbstredend wäre es eine höchst verdiente Genugtuung gewesen, hätte ausgerechnet Josip Drmic mit etwas mehr Ruhe in der Nachspielzeit die gefühlt erste vernünftige Flanke von Oscar Wendt in diesem Jahr zum 2:1 verwandelt.

So aber war es an einem Spieltag, an dem die Konkurrenz durch die Bank besser punktete, trotz eines überdurchschnittlich guten Auswärtsspiels, eine kleine Niederlage, zumindest, was die Tabellensituation angeht. Nach oben geht nix mehr, auch wenn man das so ein klitzekleines bisschen immer noch gehofft hatte. Und nach hinten sind die Abstände etwas enger geworden. 
Zugleich war das Spiel ein weiterer Schritt, der Mut macht. Aus vielen Gründen. 

Erstens: Das Team hat die klare Niederlage aus der Vorwoche prima weggesteckt und mögliches Krisengerede damit hoffentlich gleich im Keim erstickt. Gladbach war die klar dominierende Mannschaft, nur in der Phase nach der Halbzeit fehlte für ein paar Minuten die Ordnung im Spiel nach vorn. Da hatten die Gäste Glück, dass Frankfurt keinen besonders guten Tag erwischt hatte und außer physischer Härte und Einsatzfreude wenig zu bieten hatte. Mit zunehmender Spielzeit und den Einwechslungen kehrte auch die Zielstrebigkeit ins Gladbacher Spiel zurück.

Zweitens: Die immense Geduld, immer wieder anzulaufen, ein Spiel nie abzuschenken, zeichnet Stindl und Co. diese Saison einfach aus. Und sie wird auch in den meisten Fällen belohnt, so wie heute. Man kann es nicht oft genug sagen - es ist kaum zu zählen, wieviele Punkte die Hecking-Elf in vergleichbaren Spielen in den Jahren zuvor noch abgegeben hat oder hätte.

Drittens: Trotz mehrerer Änderungen in der Startelf passte der VfL-Anzug auch heute. Kapitän Stindl gab heute als "Acht- bis Neuneinhalber" einen hervorragenden Jonas Hofmann, war überall zu finden, sicherte Bälle und inszenierte viele Spielzüge. Fabian Johnson spielte trotz fehlender Spielpraxis solide hinten rechts, auch Drmic passte sich in einer unangenehmen Phase für einen Einwechselspieler gut ein. Herrmann brachte mit Johnson viel Bewegung auf der linken Seite. Kramer ordnete das Spiel umsichtig, ging geschickt in die Zweikämpfe und agierte auf dem Top-Niveau, das wir von Tobi Strobl in der Hinrunde gewohnt waren. Strobl zeigte bei seinem Kurzauftritt ebenfalls aufsteigende Form und leitete nicht zuletzt das 1:1 durch einen tollen Steilpass ein.
Der Adressat dieses Passes, Denis Zakaria, setzte heute endlich das fast perfekt um, was auf der Achterposition von ihm verlangt wird - Handlungsschnelligkeit, gute Bewegungen auf engem Raum, Überraschungsmomente, Torgefahr. Es war heute vielleicht sogar sein bisher bestes Spiel für Borussia. Umso mehr wird er sich ärgern, dass er die leichte Chance in der ersten Halbzeit nicht schon zu seinem Tor genutzt hat - dann wäre für Borussia wohl vieles leichter geworden.
Ein bisschen Sorgen mache ich mir im Moment nur um Matthias Ginter. Während der erneut bärenstarke Nico Elvedi und an seiner Seite Oscar Wendt seit Wochen eine ganz sichere Bank sind, wirkt Ginter ab und an fahrig oder ungeschickt im Zweikampf. Wie im Spiel letzte Woche leistete er sich auch einige unerklärliche Aussetzer - etwa, als er sich von Haller einen Ball klauen ließ, den er eigentlich schon sicher hatte und damit einen gefährlichen Konter ermöglichte. Ginter strahlt seit seiner (sehr) schnellen Rückkehr nach der schweren Verletzung nicht immer die Ruhe aus, die man aus der Hinrunde kannte.
 
Viertens: Gladbach ist derzeit auswärts kaum zu bezwingen. Insgesamt nur vier Niederlagen aus zwölf Auswärtspartien (Hertha, Leipzig, Freiburg, Dortmund), das ist etwas, woran sich erfahrenere VfL-Fans immer noch gewöhnen müssen. Aber 2019 sind es schon sieben von neun möglichen Punkten, bei 4:1 Toren, das ist stark, zumal dies gegen Leverkusen, Schalke und Frankfurt gelang.

Fünftens: Es wird auch gepunktet, wenn das Spielglück mal nicht so im Bunde ist mit Borussia. Wenn der Ball in den Fifty-Fifty-Situationen überdurchschnittlich häufig zum Gegner springt statt zum eigenen Mann. Oder der Schiedsrichter die engen Entscheidungen stets gegen die eigene Mannschaft auslegt. Davon profitierten heute eher die gewohnt heftig in die Zweikämpfe gehenden Gastgeber, aber auch der VfL hat von diesem "Spielglück" schon öfter in dieser Saison profitiert. Was ich konkret meine? Zum Beispiel das eher zufällig zustandegekommene Tor von da Costa, bei dem sowohl Kramer als auch Yann Sommer jeweils nur ein paar Zentimeter gefehlt haben, um die Situation zu bereinigen. Und auf der anderen Seite Hinteregger, der einen Flankenball ganz leicht, aber entscheidend vor dem einschussbereiten Patrick Herrmann abfälschte.

Und der Schiri? In den letzten Partien des VfL, die Deniz Aytekin geleitet hat, fand ich ihn nicht so schlecht. Heute hatte er allerdings keine Linie, was gegen einen körperbetonten Gegner immer gefährlich ist. Gleichwertige Szenen ließ er bei Frankfurt meist laufen, bei Gladbach wurde dann zu oft abgepfiffen. Das war nichts Spielentscheidendes, aber ärgerlich ist es allemal. 
Festzustellen, ob Aytekin grobe Fehler machte oder Günther Perl im Kölner Keller mal wieder eingeschlafen war, war heute allerdings nicht immer einfach. Denn die Sky-Bildregie zeigte mehrere strittige Szenen gar nicht mehr in der Wiederholung. Abseits wird aus meiner Beobachtung heraus inzwischen durchweg deutlich seltener nochmal aufgelöst. Aber heute galt das auch für wichtiges Szenen wie das relativ grobe Foul an Herrmann in der Schlussphase an der Strafraumgrenze, wo Aytekin Vorteil laufen ließ (und Gelb hätte zeigen müssen). Und dann dieser Eckball, bei dem Ginter offenbar niedergerungen wurde und sich anschließend den Hals hielt, an dem ihn offenbar jemand getroffen und ihn heruntergezogen hatte. Ob das nun Foul war oder alles in Ordnung - ich weiß es bis jetzt nicht.

Gehen wir also leicht positiv aus diesem Wochenende heraus und haken dieses schwere Spiel gegen einen komplizierten Gegner als halbwegs gelungen ab. 
Nun aber wird es ganz heiß. Die nächsten vier Wochen bis zur nächsten Länderspielpause werden hart: mit Wolfsburg und Bayern zu Hause und dann in Mainz und gegen Freiburg gegen zwei kaum weniger unangenehme Gegner. 
Immerhin: Die Psyche und die Physis für diese schweren Wochen scheinen stabil. Die Defensive war heute schon wieder auf dem Niveau, das Gladbach vor dem Hertha-Spiel ausgezeichnet hat. Wenn der VfL nun auch die Effizienz vor dem Tor wiederfindet, ist die Champions-League-Teilnahme in vier Wochen greifbar. Wenn nicht, ist auch noch nichts verloren. Damit das Behaupten von Platz drei klappt, dafür hat die Mannschaft bis zum heutigen Tag schon sehr sehr viel investiert. Und ich glaube, sie ist gefestigt genug, das Erreichte auch zu verteidigen. Oder sagen wir: Ich hoffe es.



Bundesliga 2018/19, 22. Spieltag: Eintracht Frankfurt - Borussia Mönchengladbach 1:1 (Tor für Borussia: 1:1 Zakaria)

2019-02-09

Ein Schock mit Folgen

Das es irgendwann so weit sein würde, war klar. Nun ist der Borussia Park nach langer Zeit mal wieder gestürmt worden. Eine (für das Abschneiden in der Liga allerdings völlig unwichtige) Rekordjagd nach Heimsiegen ist damit beendet. Schade drum.
Das "Wie" war nicht schön. Bei allen drei Gegentoren wurde so schwach verteidigt wie seit langem nicht mehr. Und das Spielglück, das in den vergangenen Wochen doch häufiger mit Borussia im Bunde war als mit dem Gegner, war heute in den entscheidenden Duellen, etwa vor den Toren, auf der Gästeseite zuhause.

All das kann man sich nicht aussuchen. Aber es gibt weit größere Katastrophen, zumal sich trotz der Niederlage die Gesamtsituation nicht dramatisch verändert hat. 
Und ja, wenn schon, dann gönne ich es Pal Dardai mehr als anderen, gegen uns zu gewinnen. Weil er in seiner Analyse auch in der Niederlage stets fair bleibt und nicht, wie unsere anderen Gegner zuletzt, die Schuld bei anderen sucht.
Das am Ende deutlich verlorene Spiel ist eine vielleicht gar nicht so unwillkommene Warnung, vor allem nach dem unsäglichen Gladbach-ist Meisterschaftkandidat-Hype diese Woche in den Medien. Klar ist: Eine Leistung wie heute reicht für gehobene Ansprüche - etwa auf einen europäischen Startplatz - einfach nicht aus. Der Sieg der Hertha war hochverdient, wenn er auch (durch das Tor aus dem Nichts) eher glücklich aufs Gleis gehievt wurde.

Zwanzig spielerisch sehr ansehnliche Minuten zu Beginn des Spiels ließen jedenfalls nicht darauf schließen, dass Hertha heute Stiche bekommen würde. Gladbach kombinierte sicher, bestimmte Tempo und Spiel, hatte gute Chancen, die zu eigensinnig vergeben wurden. 
Doch der frühe Tritt von Grujic auf den Knöchel von Jonas Hofmann änderte das - mit etwas Verzögerung. Hofmann, bis dahin Pulsgeber und Herz des Gladbacher Spiels, musste nach einer guten halben Stunde raus. Das war bitter, weil er in der Anfangsphase defensiv viele Bälle abgelaufen und vorne immer wieder intelligente Pässe in die offenen Räume zwischen dem Berliner Mittelfeld und der Abwehr gespielt hatte. Dies brachten die Hertha enorm ins Schwimmen. Seinen Kollegen wollten solche gefahrbringenden Pässe im Anschluss jedenfalls nicht mehr gelingen. 
Das Pendel neigte sich ab da zugunsten der Gäste. Das lag sicher auch daran, dass Dardai reagiert hatte und sein Team deutlich besser verteidigte als zu Beginn - und dies mit allen Mitteln (was der wenig konsequente Schiedsrichter Petersen leider nicht immer mitbekam).  

Aber noch mehr hatte der Umschwung im Spiel damit zu tun, dass die Heimmannschaft erst von dem von Kalou hervorragend herausgedribbelten 0:1 und dann von Hofmanns Aus wie gelähmt wirkte. Bis zur Halbzeit ging im Anschluss nichts mehr, selbst dem sonst so chirurgisch genau verteidigenden Nico Elvedi unterliefen leichte Fehler. 
Der neu aufs Feld geschickte Mickael Cuisance war allerdings die traurige Gestalt, die das Aus-der-Hand-gleiten des Spiels quasi "in persona" darstellte. Sichtlich gehemmt ging er ins Spiel, spielte erst nur vorsichtige Quer- und Rückpässe und versemmelte dann gleich die erste Aktion, in der er kreativ werden wollte, kläglich - einen überrissenen Pass in den Strafraum. Es blieb nicht das letzte Missverständnis. Später kam noch der fahrlässige Ballverlust am gegnerischen Strafraum dazu, der zum 0:2 führte. Von dem frechen mutigen jungen Kerl, der uns schon so viel Spaß gemacht hat, ist derzeit nicht viel übrig. Schade für ihn, schade für uns. Aber auch das kann passieren. 
Auch über die "Leistung" von Alassane Plea deckt man besser heute den Mantel des Schweigens. Unerklärlich, wie fehlerhaft und verunsichert der Stürmer im Moment agiert. Hoffentlich fangen sich unsere beiden Franzosen schnell wieder.

Doch damit nicht genug. Denn die Berliner verstanden es wie schon im Hinspiel, eine der Stärken Borussias heute zu einer Achillesferse zu machen: die Mittelfeldzentrale und die Rückwärtsbewegung im Defensivverbund. Dort sah Tobi Strobl auch heute mehrfach schlecht aus. Immer wieder wurde der Sechser überspielt, Strobl musste hinter Mann und Ball herlaufen, dazu kamen Stellungsfehler (Kopfballchance von Hertha zu Beginn) und vor allem beim 0:2 ein ganz schwaches Verteidigungsverhalten. Erst joggte er nach Cuisance' Ballverlust nur zurück. Erst als er erkannte, dass Ginter Selke nicht halten konnte, setzte er zum Sprint an, verlor dabei aber Duda aus dem Auge, der sich in seinem Rücken frei lief und unbedrängt einschießen konnte. 
Auch Matthias Ginter und Michael Lang hatten keinen guten Tag erwischt, nicht nur vor dem 0:2. Auch das muss man Spielern mal zubilligen, es sind schließlich Menschen. Wenn aber am Ende nur Sommer und mit  Abstrichen Elvedi, Stindl und Hazard Normalform bescheinigt werden kann, dann ist das zu wenig für einen Erfolg - selbst gegen einen Gegner, der noch 120 Minuten gegen die Bayern vom Mittwochabend in den Knochen hatte.

So bleibt positiv nur festzuhalten, dass wenigstens das Gladbacher Publikum auf der Höhe war, zumindest in der zweiten Halbzeit. In der Schockphase in Hälfte eins hätte ich mir zwar mehr und lautere Unterstützung der Fans gewünscht. Doch die Reaktion auf den Knockout zum 0:3 war ganz groß. Denn die Mannschaft von Dieter Hecking hat es sich wirklich verdient, dass man ihr die Wertschätzung über das bisher Geleistete gerade in einem solchen Moment vor Augen führt. Und dass sie an diesem Tag dennoch alles versucht hat, kann man ihr durchaus abnehmen. Dicker Daumen hoch für die "Die Seele brennt" und die "Elf vom Niederrhein" von den Rängen und die großartige Unterstützung in dieser Phase! 
Und sonst: Spiel abhaken, draus lernen - weiter geht's!
  


Bundesliga 2018/19, 21. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hertha BSC 0:3

2019-02-02

Vier legendäre Minuten

Hecking raus!!
Wisst ihr noch? Vor genau einem Jahr verlor Borussia ein enges Spiel gegen Leipzig kurz vor Schluss mit 0:1 und hatte damit drei von vier Spielen der Rückrunde verloren. Es folgten unmittelbar darauf noch zwei weitere bittere Niederlagen gegen Stuttgart und Dortmund. Letztlich zu viel, um sich noch in der Spitzengruppe der Bundesliga etablieren zu können. Und auch wenn in dieser Phase viel Pech neben dem Platz und viel Unvermögen auf dem Rasen zusammenkam (wer mag, kann es bei mir hier in den alten Texten noch mal nachlesen): Es formierten sich immer mehr Fans, die dem Trainer dafür die Schuld gaben.

Und ein Jahr später?

Borussia spielt - Stand jetzt - die beste Saison seit den siebziger Jahren, hat einmal mehr Bayern München in der Tabelle überholt und ist nicht einmal utopisch weit von Platz eins weg. 10 Punkte und 10 Tore Vorsprung sind es bis Platz 5, 12 Punkte und 21 Tore zu Platz 7. Der Klassenerhalt darf getrost als gebucht abgehakt werden. Der Trainer hat Wort gehalten, und er kann sich nach seinem spielerischen Neustart mit der Mannschaft getrost an seinen Taten messen lassen. Der Blick auf diese angenehme Zwischenbilanz ist aber nur ein Grund, warum ich meinen Text heute mit einem besonderen Hochgefühl und großer Genugtuung verfasse.

Nö, Borussia Mönchengladbach 2019 ist bis jetzt noch nicht wieder so brillant, so spielerisch überzeugend wie die Borussia der zweiten Jahreshälfte 2018. Aber sie vereinigt derzeit Dinge, die VfL-Fans in dieser Kombination von ihrer Mannschaft kaum kennen. 
Trotz dreier sehr unterschiedlich verlaufenen Spiele steht hinten noch die Null - zum zehnten Mal in der Saison, also in jedem zweiten Spiel. 
Neun Punkte und 5:0 Tore sind für sich schon eine astreine Bilanz. Wenn man weiß, dass die zudem bei zwei für Borussia traditionell schweren Auswärtshürden errungen wurden, nötigt mir das schon hohen Respekt vor der Mannschaft ab.
Und dann diese Abgezocktheit, selbst in Phasen, wo nicht alles klappt. Fast schon beängstigend ist die stoische Selbstverständlichkeit, mit der die Hecking-Elf ihr Spiel durchzieht, egal ob es nun eine Abwehrschlacht wie in Leverkusen ist oder das geduldige Mürbe-Spielen eines Defensiv-Riegels wie gegen Augsburg und heute auf Schalke. 

Wenn das Erfolg hat, wie im Moment, ist das ein hervorragendes Gefühl. Aber bis dahin ist es äußerst anstrengend, auf dem Platz, auf den Stadiontribünen und vor dem Fernseher. Wenn die Belohnung dafür ist, dass sich von Spiel zu Spiel mehr das Gefühl verfestigt, dass in diesem Jahr etwas Großes möglich ist, will ich das aber gern auf mich nehmen. Und mit dieser langen Vorrede will ich endlich auf das Spiel von heute einschwenken.

Das war längst nicht so gut, als dass es meine überschwänglichen Worte von weiter oben rechtfertigen würde. Aber: Borussia ist bislang nicht nur mit dem Fußballgott im Bunde, was das Verletzungspech angeht, sondern auch mit dem Spielglück. Das bezieht sich auf die kleinen, oft entscheidenden Situationen im Spiel (wie einen Platzverweis) oder auf manche Schiedsrichterentscheidungen, die einem Spiel eine falsche Richtung geben können (habe ich schon oft moniert, wenn es gegen uns lief). Das bringt dann Punkte, die das Team in anderen Jahren oft liegengelassen hat.

Aber es betrifft auch Dinge wie die Tatsache, dass sich drei wichtige Stammspieler des Gegners in der Woche vorher verletzt haben. Das gönne ich keinem Gegner. Andererseits ist diese Misere wahrscheinlich die beste Entschuldigung, die Schalke für diesen schwachen Auftritt heute vorbringen kann. In einem Heimspiel über 90 Minuten kaum ein vernünftiger Angriff, nur zwei Schüsse, die überhaupt einer Torchance nahe kamen, kein Pressing, das Gladbach in irgendeiner Weise hätte in Verlegenheit bringen können. Schalke war im Vergleich zu den Jahren zuvor nicht wiederzuerkennen. 
Und da dem VfL gerade in diesen Duellen zuletzt so viel Ungerechtigkeit und Pech zuteil wurde, fand ich den Ausgang dieses vom fußballerischen Glanz her überwiegend mauen Spiels umso befriedigender. Sowohl wie der Gegner von den Toren ins Mark getroffen wurde als auch die Art und Weise waren klasse, wie Elvedi (erneut der Beste auf dem Platz) und Co. dem Heimpublikum in der Schalker Turnhalle die Harmlosigkeit ihrer Stars über 90 Minuten vorführten - ohne dass der VfL dafür selbst restlos überzeugend spielen musste.

Denn eins ist auch klar: Mit dieser abgeklärten, aber doch oft sehr gebremsten Darbietung hätte Gladbach heute gegen wenige andere Teams der Liga gewonnen. Jedenfalls gegen keins, dass sich gewehrt hätte. Der VfL konnte es sich sogar leisten, zwei Totalausfälle mitzuschleppen. Alassane Plea sah überhaupt kein Land, er scheint in ein kleines Leistungsloch gefallen zu sein. Und der bisher so überragende Tobi Strobl stand völlig neben sich. Schwache Spieleröffnung mit haarsträubenden Fehlpässen, in den Zweikämpfen kaum auf der Höhe - das war nix. Die Art und Weise, wie Strobl die Gelbe Karte nehmen musste, weil ihm der Gegenspieler einmal mehr entwischt war, war symptomatisch. Ich hätte da schon zur Halbzeit gehandelt. 
Auch Ginter und Zakaria spielten deutlich unter ihrem Niveau - dennoch geriet Gladbach gegen diesen Gegner kaum in Gefahr. Und hatte wieder einmal durch die Einwechselspieler Entscheidendes zuzusetzen. Kramer und Neuhaus schossen nicht nur die Tore, sie brachten auch wieder mehr Struktur in das Spiel gegen die zehn Schalker, das zuvor immer mehr zu zerfasern drohte.

Auch wenn die Partie wirklich keinen Schönheitspreis verdient hatte, bot sie doch etwas Besonderes. Etwas, was ich (glaube ich) noch nie gesehen habe - nicht einmal von den Bayern, Barcelona oder anderen Übermannschaften. Es geht um die Minuten zwischen dem 1:0 und dem 2:0. In der 85. Minute das 1:0 zu erzielen und dann zu versuchen, das Spiel so über die Bühne zu bekommen, das kenne ich. Das geht auch gern mal schief. 
Aber heute? Nach dem Schalker Anstoß eroberte der VfL den Ball und gab ihn über Minuten nicht mehr her. Das ist die absolute Machtdemonstration, die maximale Demütigung für einen Gegner im eigenen Stadion - und das nicht mal aus Überheblichkeit, sondern aus einem Gefühl der Sicherheit und des Selbstvertrauens heraus, das dann genau so auch zu Ende spielen zu können. 
Es wäre toll, zu erfahren, wieviele Pässe Borussia in diesen etwa vier Minuten hintereinander zum eigenen Mann brachte, bevor wie auf einen unsichtbaren Wink plötzlich der Angriff nach vorne ging und der Ball nach weiteren vier Kontakten zum zweiten Mal im Schalker Tor lag. Das war die Höchststrafe für die Blau-Weißen und: Chakka! Das tat mir richtig gut - unter anderem als Rache für das skandalöse Ausscheiden in der Euro-League gegen die Glück(s)-auf-Ritter, das ich im Stadion miterleiden musste. Danke dafür!

P.S. Neue Mode scheint zu werden, dass die gegnerischen Trainer von der schwachen Leistung ihrer Teams abzulenken versuchen, indem sie angebliche Regelverstöße bei Gladbacher Toren monieren. Der eigenen Glaubwürdigkeit zuliebe sollten sie das lassen. Wenn Domenico Tedesco heute jammert, der Freistoß, der zum Zweikampf geführt hat, in Folge dessen Torwart Nübel rot sah, sei von einer falschen Stelle ausgeführt worden, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Wir erinnern uns: Der Schalker foult, will es nicht wahrhaben, läuft noch weiter, schnappt sich den Ball, nimmt ihn mit in Richtung Schalker Hälfte und lässt ihn etwa drei Meter (nicht zwölf, Herr Tedesco!) von der eigentlichen Foulsituation zu Boden fallen. Warum um alles in der Welt sollte ein Schiedsrichter die Mannschaft, die in Ballbesitz ist, jetzt noch dafür bestrafen, dass der Gegner sich unsportlich verhalten hat, indem er den Ball nicht freigibt und ihn in der Absicht, Zeit zu schinden, vom Tatort wegträgt. Ich bin wirklich kein Fan von Schiedsrichter Marco Fritz. Aber hier nicht nochmal zu intervenieren und damit die gefoulte Mannschaft ein zweites Mal zu benachteiligen, gehört für mich zu einer vorbildlichen und souveränen Spielleitung, die vollkommen im Sinne des Fußballs ist. Gut so, Herr Fritz! Dass viele Schiedsrichter solche Szenen lieber einmal mehr zurückpfeifen als sie laufen zu lassen, stimmt natürlich auch. Das ändert aber nichts daran, dass ein Freistoß aus Regelsicht ein Vorteil für die ausführende Mannschaft sein soll und eben keineswegs für die, die gefoult hat.


Bundesliga 2018/19, 20. Spieltag: FC Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach 0:2 (Tore für Borussia: 0:1 Kramer, 0:2 Neuhaus)