2019-02-17

Weniger wäre zu wenig gewesen

Es gibt Tage, da kann man mit einem Punkt zufrieden sein. Und es gibt Tage, da muss man mit einem Punkt zufrieden sein. Heute war es etwas von beidem. 
Denn über weite Strecken der zweiten Halbzeit sah es gar nicht danach aus, als würde dem VfL noch die Korrektur eines bis dato höchst unerquicklichen Spielstands gelingen. 
Genauso war es zuvor der Witz des Tages gewesen, dass Eintracht Frankfurt nach der ersten Halbzeit mit einer 1:0-Führung in die Pause gehen durfte und nicht mit einem 0:2 oder 0:3. Und selbstredend wäre es eine höchst verdiente Genugtuung gewesen, hätte ausgerechnet Josip Drmic mit etwas mehr Ruhe in der Nachspielzeit die gefühlt erste vernünftige Flanke von Oscar Wendt in diesem Jahr zum 2:1 verwandelt.

So aber war es an einem Spieltag, an dem die Konkurrenz durch die Bank besser punktete, trotz eines überdurchschnittlich guten Auswärtsspiels, eine kleine Niederlage, zumindest, was die Tabellensituation angeht. Nach oben geht nix mehr, auch wenn man das so ein klitzekleines bisschen immer noch gehofft hatte. Und nach hinten sind die Abstände etwas enger geworden. 
Zugleich war das Spiel ein weiterer Schritt, der Mut macht. Aus vielen Gründen. 

Erstens: Das Team hat die klare Niederlage aus der Vorwoche prima weggesteckt und mögliches Krisengerede damit hoffentlich gleich im Keim erstickt. Gladbach war die klar dominierende Mannschaft, nur in der Phase nach der Halbzeit fehlte für ein paar Minuten die Ordnung im Spiel nach vorn. Da hatten die Gäste Glück, dass Frankfurt keinen besonders guten Tag erwischt hatte und außer physischer Härte und Einsatzfreude wenig zu bieten hatte. Mit zunehmender Spielzeit und den Einwechslungen kehrte auch die Zielstrebigkeit ins Gladbacher Spiel zurück.

Zweitens: Die immense Geduld, immer wieder anzulaufen, ein Spiel nie abzuschenken, zeichnet Stindl und Co. diese Saison einfach aus. Und sie wird auch in den meisten Fällen belohnt, so wie heute. Man kann es nicht oft genug sagen - es ist kaum zu zählen, wieviele Punkte die Hecking-Elf in vergleichbaren Spielen in den Jahren zuvor noch abgegeben hat oder hätte.

Drittens: Trotz mehrerer Änderungen in der Startelf passte der VfL-Anzug auch heute. Kapitän Stindl gab heute als "Acht- bis Neuneinhalber" einen hervorragenden Jonas Hofmann, war überall zu finden, sicherte Bälle und inszenierte viele Spielzüge. Fabian Johnson spielte trotz fehlender Spielpraxis solide hinten rechts, auch Drmic passte sich in einer unangenehmen Phase für einen Einwechselspieler gut ein. Herrmann brachte mit Johnson viel Bewegung auf der linken Seite. Kramer ordnete das Spiel umsichtig, ging geschickt in die Zweikämpfe und agierte auf dem Top-Niveau, das wir von Tobi Strobl in der Hinrunde gewohnt waren. Strobl zeigte bei seinem Kurzauftritt ebenfalls aufsteigende Form und leitete nicht zuletzt das 1:1 durch einen tollen Steilpass ein.
Der Adressat dieses Passes, Denis Zakaria, setzte heute endlich das fast perfekt um, was auf der Achterposition von ihm verlangt wird - Handlungsschnelligkeit, gute Bewegungen auf engem Raum, Überraschungsmomente, Torgefahr. Es war heute vielleicht sogar sein bisher bestes Spiel für Borussia. Umso mehr wird er sich ärgern, dass er die leichte Chance in der ersten Halbzeit nicht schon zu seinem Tor genutzt hat - dann wäre für Borussia wohl vieles leichter geworden.
Ein bisschen Sorgen mache ich mir im Moment nur um Matthias Ginter. Während der erneut bärenstarke Nico Elvedi und an seiner Seite Oscar Wendt seit Wochen eine ganz sichere Bank sind, wirkt Ginter ab und an fahrig oder ungeschickt im Zweikampf. Wie im Spiel letzte Woche leistete er sich auch einige unerklärliche Aussetzer - etwa, als er sich von Haller einen Ball klauen ließ, den er eigentlich schon sicher hatte und damit einen gefährlichen Konter ermöglichte. Ginter strahlt seit seiner (sehr) schnellen Rückkehr nach der schweren Verletzung nicht immer die Ruhe aus, die man aus der Hinrunde kannte.
 
Viertens: Gladbach ist derzeit auswärts kaum zu bezwingen. Insgesamt nur vier Niederlagen aus zwölf Auswärtspartien (Hertha, Leipzig, Freiburg, Dortmund), das ist etwas, woran sich erfahrenere VfL-Fans immer noch gewöhnen müssen. Aber 2019 sind es schon sieben von neun möglichen Punkten, bei 4:1 Toren, das ist stark, zumal dies gegen Leverkusen, Schalke und Frankfurt gelang.

Fünftens: Es wird auch gepunktet, wenn das Spielglück mal nicht so im Bunde ist mit Borussia. Wenn der Ball in den Fifty-Fifty-Situationen überdurchschnittlich häufig zum Gegner springt statt zum eigenen Mann. Oder der Schiedsrichter die engen Entscheidungen stets gegen die eigene Mannschaft auslegt. Davon profitierten heute eher die gewohnt heftig in die Zweikämpfe gehenden Gastgeber, aber auch der VfL hat von diesem "Spielglück" schon öfter in dieser Saison profitiert. Was ich konkret meine? Zum Beispiel das eher zufällig zustandegekommene Tor von da Costa, bei dem sowohl Kramer als auch Yann Sommer jeweils nur ein paar Zentimeter gefehlt haben, um die Situation zu bereinigen. Und auf der anderen Seite Hinteregger, der einen Flankenball ganz leicht, aber entscheidend vor dem einschussbereiten Patrick Herrmann abfälschte.

Und der Schiri? In den letzten Partien des VfL, die Deniz Aytekin geleitet hat, fand ich ihn nicht so schlecht. Heute hatte er allerdings keine Linie, was gegen einen körperbetonten Gegner immer gefährlich ist. Gleichwertige Szenen ließ er bei Frankfurt meist laufen, bei Gladbach wurde dann zu oft abgepfiffen. Das war nichts Spielentscheidendes, aber ärgerlich ist es allemal. 
Festzustellen, ob Aytekin grobe Fehler machte oder Günther Perl im Kölner Keller mal wieder eingeschlafen war, war heute allerdings nicht immer einfach. Denn die Sky-Bildregie zeigte mehrere strittige Szenen gar nicht mehr in der Wiederholung. Abseits wird aus meiner Beobachtung heraus inzwischen durchweg deutlich seltener nochmal aufgelöst. Aber heute galt das auch für wichtiges Szenen wie das relativ grobe Foul an Herrmann in der Schlussphase an der Strafraumgrenze, wo Aytekin Vorteil laufen ließ (und Gelb hätte zeigen müssen). Und dann dieser Eckball, bei dem Ginter offenbar niedergerungen wurde und sich anschließend den Hals hielt, an dem ihn offenbar jemand getroffen und ihn heruntergezogen hatte. Ob das nun Foul war oder alles in Ordnung - ich weiß es bis jetzt nicht.

Gehen wir also leicht positiv aus diesem Wochenende heraus und haken dieses schwere Spiel gegen einen komplizierten Gegner als halbwegs gelungen ab. 
Nun aber wird es ganz heiß. Die nächsten vier Wochen bis zur nächsten Länderspielpause werden hart: mit Wolfsburg und Bayern zu Hause und dann in Mainz und gegen Freiburg gegen zwei kaum weniger unangenehme Gegner. 
Immerhin: Die Psyche und die Physis für diese schweren Wochen scheinen stabil. Die Defensive war heute schon wieder auf dem Niveau, das Gladbach vor dem Hertha-Spiel ausgezeichnet hat. Wenn der VfL nun auch die Effizienz vor dem Tor wiederfindet, ist die Champions-League-Teilnahme in vier Wochen greifbar. Wenn nicht, ist auch noch nichts verloren. Damit das Behaupten von Platz drei klappt, dafür hat die Mannschaft bis zum heutigen Tag schon sehr sehr viel investiert. Und ich glaube, sie ist gefestigt genug, das Erreichte auch zu verteidigen. Oder sagen wir: Ich hoffe es.



Bundesliga 2018/19, 22. Spieltag: Eintracht Frankfurt - Borussia Mönchengladbach 1:1 (Tor für Borussia: 1:1 Zakaria)

2019-02-09

Ein Schock mit Folgen

Das es irgendwann so weit sein würde, war klar. Nun ist der Borussia Park nach langer Zeit mal wieder gestürmt worden. Eine (für das Abschneiden in der Liga allerdings völlig unwichtige) Rekordjagd nach Heimsiegen ist damit beendet. Schade drum.
Das "Wie" war nicht schön. Bei allen drei Gegentoren wurde so schwach verteidigt wie seit langem nicht mehr. Und das Spielglück, das in den vergangenen Wochen doch häufiger mit Borussia im Bunde war als mit dem Gegner, war heute in den entscheidenden Duellen, etwa vor den Toren, auf der Gästeseite zuhause.

All das kann man sich nicht aussuchen. Aber es gibt weit größere Katastrophen, zumal sich trotz der Niederlage die Gesamtsituation nicht dramatisch verändert hat. 
Und ja, wenn schon, dann gönne ich es Pal Dardai mehr als anderen, gegen uns zu gewinnen. Weil er in seiner Analyse auch in der Niederlage stets fair bleibt und nicht, wie unsere anderen Gegner zuletzt, die Schuld bei anderen sucht.
Das am Ende deutlich verlorene Spiel ist eine vielleicht gar nicht so unwillkommene Warnung, vor allem nach dem unsäglichen Gladbach-ist Meisterschaftkandidat-Hype diese Woche in den Medien. Klar ist: Eine Leistung wie heute reicht für gehobene Ansprüche - etwa auf einen europäischen Startplatz - einfach nicht aus. Der Sieg der Hertha war hochverdient, wenn er auch (durch das Tor aus dem Nichts) eher glücklich aufs Gleis gehievt wurde.

Zwanzig spielerisch sehr ansehnliche Minuten zu Beginn des Spiels ließen jedenfalls nicht darauf schließen, dass Hertha heute Stiche bekommen würde. Gladbach kombinierte sicher, bestimmte Tempo und Spiel, hatte gute Chancen, die zu eigensinnig vergeben wurden. 
Doch der frühe Tritt von Grujic auf den Knöchel von Jonas Hofmann änderte das - mit etwas Verzögerung. Hofmann, bis dahin Pulsgeber und Herz des Gladbacher Spiels, musste nach einer guten halben Stunde raus. Das war bitter, weil er in der Anfangsphase defensiv viele Bälle abgelaufen und vorne immer wieder intelligente Pässe in die offenen Räume zwischen dem Berliner Mittelfeld und der Abwehr gespielt hatte. Dies brachten die Hertha enorm ins Schwimmen. Seinen Kollegen wollten solche gefahrbringenden Pässe im Anschluss jedenfalls nicht mehr gelingen. 
Das Pendel neigte sich ab da zugunsten der Gäste. Das lag sicher auch daran, dass Dardai reagiert hatte und sein Team deutlich besser verteidigte als zu Beginn - und dies mit allen Mitteln (was der wenig konsequente Schiedsrichter Petersen leider nicht immer mitbekam).  

Aber noch mehr hatte der Umschwung im Spiel damit zu tun, dass die Heimmannschaft erst von dem von Kalou hervorragend herausgedribbelten 0:1 und dann von Hofmanns Aus wie gelähmt wirkte. Bis zur Halbzeit ging im Anschluss nichts mehr, selbst dem sonst so chirurgisch genau verteidigenden Nico Elvedi unterliefen leichte Fehler. 
Der neu aufs Feld geschickte Mickael Cuisance war allerdings die traurige Gestalt, die das Aus-der-Hand-gleiten des Spiels quasi "in persona" darstellte. Sichtlich gehemmt ging er ins Spiel, spielte erst nur vorsichtige Quer- und Rückpässe und versemmelte dann gleich die erste Aktion, in der er kreativ werden wollte, kläglich - einen überrissenen Pass in den Strafraum. Es blieb nicht das letzte Missverständnis. Später kam noch der fahrlässige Ballverlust am gegnerischen Strafraum dazu, der zum 0:2 führte. Von dem frechen mutigen jungen Kerl, der uns schon so viel Spaß gemacht hat, ist derzeit nicht viel übrig. Schade für ihn, schade für uns. Aber auch das kann passieren. 
Auch über die "Leistung" von Alassane Plea deckt man besser heute den Mantel des Schweigens. Unerklärlich, wie fehlerhaft und verunsichert der Stürmer im Moment agiert. Hoffentlich fangen sich unsere beiden Franzosen schnell wieder.

Doch damit nicht genug. Denn die Berliner verstanden es wie schon im Hinspiel, eine der Stärken Borussias heute zu einer Achillesferse zu machen: die Mittelfeldzentrale und die Rückwärtsbewegung im Defensivverbund. Dort sah Tobi Strobl auch heute mehrfach schlecht aus. Immer wieder wurde der Sechser überspielt, Strobl musste hinter Mann und Ball herlaufen, dazu kamen Stellungsfehler (Kopfballchance von Hertha zu Beginn) und vor allem beim 0:2 ein ganz schwaches Verteidigungsverhalten. Erst joggte er nach Cuisance' Ballverlust nur zurück. Erst als er erkannte, dass Ginter Selke nicht halten konnte, setzte er zum Sprint an, verlor dabei aber Duda aus dem Auge, der sich in seinem Rücken frei lief und unbedrängt einschießen konnte. 
Auch Matthias Ginter und Michael Lang hatten keinen guten Tag erwischt, nicht nur vor dem 0:2. Auch das muss man Spielern mal zubilligen, es sind schließlich Menschen. Wenn aber am Ende nur Sommer und mit  Abstrichen Elvedi, Stindl und Hazard Normalform bescheinigt werden kann, dann ist das zu wenig für einen Erfolg - selbst gegen einen Gegner, der noch 120 Minuten gegen die Bayern vom Mittwochabend in den Knochen hatte.

So bleibt positiv nur festzuhalten, dass wenigstens das Gladbacher Publikum auf der Höhe war, zumindest in der zweiten Halbzeit. In der Schockphase in Hälfte eins hätte ich mir zwar mehr und lautere Unterstützung der Fans gewünscht. Doch die Reaktion auf den Knockout zum 0:3 war ganz groß. Denn die Mannschaft von Dieter Hecking hat es sich wirklich verdient, dass man ihr die Wertschätzung über das bisher Geleistete gerade in einem solchen Moment vor Augen führt. Und dass sie an diesem Tag dennoch alles versucht hat, kann man ihr durchaus abnehmen. Dicker Daumen hoch für die "Die Seele brennt" und die "Elf vom Niederrhein" von den Rängen und die großartige Unterstützung in dieser Phase! 
Und sonst: Spiel abhaken, draus lernen - weiter geht's!
  


Bundesliga 2018/19, 21. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hertha BSC 0:3

2019-02-02

Vier legendäre Minuten

Hecking raus!!
Wisst ihr noch? Vor genau einem Jahr verlor Borussia ein enges Spiel gegen Leipzig kurz vor Schluss mit 0:1 und hatte damit drei von vier Spielen der Rückrunde verloren. Es folgten unmittelbar darauf noch zwei weitere bittere Niederlagen gegen Stuttgart und Dortmund. Letztlich zu viel, um sich noch in der Spitzengruppe der Bundesliga etablieren zu können. Und auch wenn in dieser Phase viel Pech neben dem Platz und viel Unvermögen auf dem Rasen zusammenkam (wer mag, kann es bei mir hier in den alten Texten noch mal nachlesen): Es formierten sich immer mehr Fans, die dem Trainer dafür die Schuld gaben.

Und ein Jahr später?

Borussia spielt - Stand jetzt - die beste Saison seit den siebziger Jahren, hat einmal mehr Bayern München in der Tabelle überholt und ist nicht einmal utopisch weit von Platz eins weg. 10 Punkte und 10 Tore Vorsprung sind es bis Platz 5, 12 Punkte und 21 Tore zu Platz 7. Der Klassenerhalt darf getrost als gebucht abgehakt werden. Der Trainer hat Wort gehalten, und er kann sich nach seinem spielerischen Neustart mit der Mannschaft getrost an seinen Taten messen lassen. Der Blick auf diese angenehme Zwischenbilanz ist aber nur ein Grund, warum ich meinen Text heute mit einem besonderen Hochgefühl und großer Genugtuung verfasse.

Nö, Borussia Mönchengladbach 2019 ist bis jetzt noch nicht wieder so brillant, so spielerisch überzeugend wie die Borussia der zweiten Jahreshälfte 2018. Aber sie vereinigt derzeit Dinge, die VfL-Fans in dieser Kombination von ihrer Mannschaft kaum kennen. 
Trotz dreier sehr unterschiedlich verlaufenen Spiele steht hinten noch die Null - zum zehnten Mal in der Saison, also in jedem zweiten Spiel. 
Neun Punkte und 5:0 Tore sind für sich schon eine astreine Bilanz. Wenn man weiß, dass die zudem bei zwei für Borussia traditionell schweren Auswärtshürden errungen wurden, nötigt mir das schon hohen Respekt vor der Mannschaft ab.
Und dann diese Abgezocktheit, selbst in Phasen, wo nicht alles klappt. Fast schon beängstigend ist die stoische Selbstverständlichkeit, mit der die Hecking-Elf ihr Spiel durchzieht, egal ob es nun eine Abwehrschlacht wie in Leverkusen ist oder das geduldige Mürbe-Spielen eines Defensiv-Riegels wie gegen Augsburg und heute auf Schalke. 

Wenn das Erfolg hat, wie im Moment, ist das ein hervorragendes Gefühl. Aber bis dahin ist es äußerst anstrengend, auf dem Platz, auf den Stadiontribünen und vor dem Fernseher. Wenn die Belohnung dafür ist, dass sich von Spiel zu Spiel mehr das Gefühl verfestigt, dass in diesem Jahr etwas Großes möglich ist, will ich das aber gern auf mich nehmen. Und mit dieser langen Vorrede will ich endlich auf das Spiel von heute einschwenken.

Das war längst nicht so gut, als dass es meine überschwänglichen Worte von weiter oben rechtfertigen würde. Aber: Borussia ist bislang nicht nur mit dem Fußballgott im Bunde, was das Verletzungspech angeht, sondern auch mit dem Spielglück. Das bezieht sich auf die kleinen, oft entscheidenden Situationen im Spiel (wie einen Platzverweis) oder auf manche Schiedsrichterentscheidungen, die einem Spiel eine falsche Richtung geben können (habe ich schon oft moniert, wenn es gegen uns lief). Das bringt dann Punkte, die das Team in anderen Jahren oft liegengelassen hat.

Aber es betrifft auch Dinge wie die Tatsache, dass sich drei wichtige Stammspieler des Gegners in der Woche vorher verletzt haben. Das gönne ich keinem Gegner. Andererseits ist diese Misere wahrscheinlich die beste Entschuldigung, die Schalke für diesen schwachen Auftritt heute vorbringen kann. In einem Heimspiel über 90 Minuten kaum ein vernünftiger Angriff, nur zwei Schüsse, die überhaupt einer Torchance nahe kamen, kein Pressing, das Gladbach in irgendeiner Weise hätte in Verlegenheit bringen können. Schalke war im Vergleich zu den Jahren zuvor nicht wiederzuerkennen. 
Und da dem VfL gerade in diesen Duellen zuletzt so viel Ungerechtigkeit und Pech zuteil wurde, fand ich den Ausgang dieses vom fußballerischen Glanz her überwiegend mauen Spiels umso befriedigender. Sowohl wie der Gegner von den Toren ins Mark getroffen wurde als auch die Art und Weise waren klasse, wie Elvedi (erneut der Beste auf dem Platz) und Co. dem Heimpublikum in der Schalker Turnhalle die Harmlosigkeit ihrer Stars über 90 Minuten vorführten - ohne dass der VfL dafür selbst restlos überzeugend spielen musste.

Denn eins ist auch klar: Mit dieser abgeklärten, aber doch oft sehr gebremsten Darbietung hätte Gladbach heute gegen wenige andere Teams der Liga gewonnen. Jedenfalls gegen keins, dass sich gewehrt hätte. Der VfL konnte es sich sogar leisten, zwei Totalausfälle mitzuschleppen. Alassane Plea sah überhaupt kein Land, er scheint in ein kleines Leistungsloch gefallen zu sein. Und der bisher so überragende Tobi Strobl stand völlig neben sich. Schwache Spieleröffnung mit haarsträubenden Fehlpässen, in den Zweikämpfen kaum auf der Höhe - das war nix. Die Art und Weise, wie Strobl die Gelbe Karte nehmen musste, weil ihm der Gegenspieler einmal mehr entwischt war, war symptomatisch. Ich hätte da schon zur Halbzeit gehandelt. 
Auch Ginter und Zakaria spielten deutlich unter ihrem Niveau - dennoch geriet Gladbach gegen diesen Gegner kaum in Gefahr. Und hatte wieder einmal durch die Einwechselspieler Entscheidendes zuzusetzen. Kramer und Neuhaus schossen nicht nur die Tore, sie brachten auch wieder mehr Struktur in das Spiel gegen die zehn Schalker, das zuvor immer mehr zu zerfasern drohte.

Auch wenn die Partie wirklich keinen Schönheitspreis verdient hatte, bot sie doch etwas Besonderes. Etwas, was ich (glaube ich) noch nie gesehen habe - nicht einmal von den Bayern, Barcelona oder anderen Übermannschaften. Es geht um die Minuten zwischen dem 1:0 und dem 2:0. In der 85. Minute das 1:0 zu erzielen und dann zu versuchen, das Spiel so über die Bühne zu bekommen, das kenne ich. Das geht auch gern mal schief. 
Aber heute? Nach dem Schalker Anstoß eroberte der VfL den Ball und gab ihn über Minuten nicht mehr her. Das ist die absolute Machtdemonstration, die maximale Demütigung für einen Gegner im eigenen Stadion - und das nicht mal aus Überheblichkeit, sondern aus einem Gefühl der Sicherheit und des Selbstvertrauens heraus, das dann genau so auch zu Ende spielen zu können. 
Es wäre toll, zu erfahren, wieviele Pässe Borussia in diesen etwa vier Minuten hintereinander zum eigenen Mann brachte, bevor wie auf einen unsichtbaren Wink plötzlich der Angriff nach vorne ging und der Ball nach weiteren vier Kontakten zum zweiten Mal im Schalker Tor lag. Das war die Höchststrafe für die Blau-Weißen und: Chakka! Das tat mir richtig gut - unter anderem als Rache für das skandalöse Ausscheiden in der Euro-League gegen die Glück(s)-auf-Ritter, das ich im Stadion miterleiden musste. Danke dafür!

P.S. Neue Mode scheint zu werden, dass die gegnerischen Trainer von der schwachen Leistung ihrer Teams abzulenken versuchen, indem sie angebliche Regelverstöße bei Gladbacher Toren monieren. Der eigenen Glaubwürdigkeit zuliebe sollten sie das lassen. Wenn Domenico Tedesco heute jammert, der Freistoß, der zum Zweikampf geführt hat, in Folge dessen Torwart Nübel rot sah, sei von einer falschen Stelle ausgeführt worden, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Wir erinnern uns: Der Schalker foult, will es nicht wahrhaben, läuft noch weiter, schnappt sich den Ball, nimmt ihn mit in Richtung Schalker Hälfte und lässt ihn etwa drei Meter (nicht zwölf, Herr Tedesco!) von der eigentlichen Foulsituation zu Boden fallen. Warum um alles in der Welt sollte ein Schiedsrichter die Mannschaft, die in Ballbesitz ist, jetzt noch dafür bestrafen, dass der Gegner sich unsportlich verhalten hat, indem er den Ball nicht freigibt und ihn in der Absicht, Zeit zu schinden, vom Tatort wegträgt. Ich bin wirklich kein Fan von Schiedsrichter Marco Fritz. Aber hier nicht nochmal zu intervenieren und damit die gefoulte Mannschaft ein zweites Mal zu benachteiligen, gehört für mich zu einer vorbildlichen und souveränen Spielleitung, die vollkommen im Sinne des Fußballs ist. Gut so, Herr Fritz! Dass viele Schiedsrichter solche Szenen lieber einmal mehr zurückpfeifen als sie laufen zu lassen, stimmt natürlich auch. Das ändert aber nichts daran, dass ein Freistoß aus Regelsicht ein Vorteil für die ausführende Mannschaft sein soll und eben keineswegs für die, die gefoult hat.


Bundesliga 2018/19, 20. Spieltag: FC Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach 0:2 (Tore für Borussia: 0:1 Kramer, 0:2 Neuhaus)

2019-01-26

Gelungenes Puppenspiel

Zweites Spiel der Rückrunde, zweites Mal Zittern bis zum Schluss. Es war wieder ziemlich anstrengend, für Spieler wie Fans. Die Unterschiede zum Leverkusen-Spiel waren zwar erwartbar, aber nicht in dieser Deutlichkeit. Ich denke, was der VfL heute in der ersten Halbzeit gezeigt hat, war nahe dran am perfekten Borussia-Spiel - solange man die Chancenverwertung ausklammert. 
In der zweiten Halbzeit klappte dann sehr viel weniger, ohne dass das unbedingt am Gegner lag. Dafür gingen zwei Bälle rein, die normalerweise nicht unbedingt reingehen. Unter dem Strich also alles richtig gemacht, allem Gejammer des Gäste-Trainers über eine angebliche Abseitsstellung Stindls beim 1:0 zum Trotz.

Gut ist: Augsburg war wohl noch nie so chancenlos gegen uns wie heute. Es wäre lächerlich gewesen, wenn die Puppenspieler etwas Zählbares mitgenommen hätten. Möglich wäre es natürlich trotzdem gewesen, weil die Hecking-Truppe nicht frühzeitig einen 3:0 oder 4:0-Vorsprung herausgeschossen hatte. Aber das will ich nicht kritisieren, es hat ja geklappt - und das zählt.

Was mir heute auffiel, ist, dass Thorgan Hazard nicht so richtig vermisst wurde. Das heißt nicht, dass ich ihn nicht lieber in der Mannschaft hätte. Es heißt aber, dass Alternativen da sind, die funktionieren. Jedenfalls für den Moment. Denn ich muss auch Abstriche machen. 

Der nominell für Hazard ins Team gekommene Ibo Traoré hat aus meiner Sicht zwar eine sehr auffällige und fleißige Leistung gezeigt, aber leider auch wieder eine mit Fehlern. Es scheint so, als wolle Hazards bester Kumpel in seine bisher eher wenige Spielzeit möglichst viel Tolles packen. Dabei verkrampft er zusehends. Er ist irgendwie nicht in der Lage, einen Ball mal direkt weiterzuleiten. Immer muss erst ein Richtungswechsel, eine Finte gemacht werden. Das Problem: Das macht das Spiel oft langsamer, als es sein müsste. Heute kamen einige schlampige Pässe dazu und in den Szenen, in denen er sich gut in Szene dribbeln konnte, zeigte er Nerven. Bei seiner Riesenchance in der ersten Halbzeit hätte er zum großen Helden werden können, wenn er den Ball nicht aufs kurze Eck gedroschen, sondern auf seine Technik vertraut oder sogar butterweich in die Mitte gelegt hätte. Da standen Stindl und Plea, die weniger Mühe mit einem Torschuss gehabt hätten. Ich denke, dass Ibo erst zu der Lockerheit zurückfinden muss, die ihn immer ausgezeichnet hat, um wieder eine ernsthafte Stammkraft im Team zu werden.

Zweiter "Problemfall" ist Mickael Cuisance. Wenn es stimmt, dass er ungeduldig ist und auf einen Wechsel oder eine Ausleihe gedrängt hat, muss man hoffen, dass er zur Vernunft kommt. Denn der Auftritt heute zeigte genau, warum er derzeit nicht in der ersten Elf steht. Und das liegt allein an ihm selbst. Auch ein so beschlagener Techniker wie der junge Franzose muss lernen, das Risiko seiner Aktionen abzuwägen. 
Es nützt nichts, vorne einen Ball akrobatisch in den Strafraum zu heben, wenn man damit beim Stand von 1:0 einen gefährlichen Gegenangriff riskiert. Insgesamt führten seine ambitionierten und auch pfiffigen Versuche dreimal zu Kontern, einmal davon half er sich mit einem plumpen Foul in einer sehr gefährlichen Zone etwa 30 Meter vor dem Tor. Mit solchen Dingen spielt man sich eher aus dem Fokus des Trainers als hinein. Das ist ärgerlich für ihn, weil er natürlich auch wieder einige sehr erfrischende Aktionen anzubieten hatte, die dadurch verblassen.

Ansonsten gab es wenig zu meckern. Schön, dass sich mit Herrmann und vor allem Oscar Wendt zwei alte Recken mal wieder mit einem Tor für gute Leistungen belohnen konnten. 
Viele gute Aktionen in der Offensive litten leider aber darunter, dass die Abnehmer, etwa mehrfach der heute ungewohnt zweikampf- und abschlussschwache Alassane Plea, die Vorlagen nicht nutzen konnten. Auch dem Elfmeter ging zum Beispiel eine sehenswerte Kombination voraus, in der Neuhaus sehr schön freigespielt wurde und sich mit einer tollen Bewegung in Position bringen konnte.

Aus einer sehr soliden Mannschaft ragten für mich heute einmal mehr Tobi Strobl und dann vor allem Nico Elvedi heraus. Wer die Spiele in dieser Saison aufmerksam beobachtet hat, wird mir vielleicht auch recht geben, wenn ich sage, dass sich in der Abwehr eine kleine Wachablösung vollzogen hat. Der "Chef" ist derzeit nicht Matthias Ginter, sondern der unglaublich gelassen, selbstbewusst und zweikampfstark auftretende Elvedi, der heute vielleicht sein bestes Spiel für Borussia überhaupt gemacht hat. 124 Ballkontakte und 113 Pässe (90 Prozent angekommen) zeigen, dass der Schweizer zentraler Anspielpunkt im Gladbacher Aufbau geworden ist (Ginter kam heute auf 102 Ballkontakte). Und er erledigt seine Aufgaben im Eins-gegen-Eins kühl und zuverlässig. 

Zwar hatte Ginter heute eine leicht bessere Zweikampfbilanz. Aber Elvedi strahlt aus meiner Sicht noch etwas mehr Sicherheit aus und er initiert auch die besseren Angriffe aus der eigenen Hälfte heraus (wofür sich übrigens dann Strobl perfekt als Absicherung fallenlässt). Ich habe jedenfalls kaum noch Angst, wenn ein Gegenangriff über Wendts linke Seite kommt. Das liegt sicher an Oscars guter Form, mehr noch aber an Elvedi, der viele Bälle mit gutem Auge abläuft und die Mannschaft auch mal wachrüttelt, wie mit seiner gekonnten Grätsche an der Außenlinie in jener Phase, als Borussia nach der Pause für ein paar Minuten etwas ratlos und unsicher wirkte.


Soviel zu Borussia. Ich habe ja jetzt länger nicht mehr über den Schiedsrichter gemeckert. Heute gab es wieder einmal Grund dafür, und leider nicht zum ersten Mal wegen Harm Osmers. Ich weiß nicht, warum in Spielen gegen Kloppertruppen wie Augsburg immer wieder solche inkonsequenten Schiris auf dem Platz stehen. Der FCA war so wie immer - überhart in den Zweikämpfen, teilweise mit kleinen Unsportlichkeiten und natürlich mit dreistem Zeitspiel - solange es ihm nutzt. Das weiß jeder. Trotzdem kann sich ein Rani Khedria drei zwingend mit Gelb zu bestrafende Aktionen erlauben und bekommt nur eine Karte. Ein Finnbogason war so genervt davon, dass er kein Land gesehen hat, dass er gefühlt mehr Fouls sammelte als Ballkontakte. Aber Gelb bekam er ebensowenig wie einige andere, die auf rüde Art ihre Gegner umgrätschten.
Und dass in der Szene, wo Hahn Sommers Abstoß blockt, auch unser Torwart Gelb bekommt, lässt mich nur noch mit dem Kopf schütteln. 
Getoppt wurde das nur noch davon, dass beim Elfmeter Gregoritsch ungestraft neben dem Tor rumturnen durfte. Ob das den schlechten Elfer von Hofmann beinflusst hat, ist dabei eigentlich egal. Aber wenn ein Schiedsrichter sowas in seinem direkten Blickfeld nicht unterbindet, dann ist er in so einem Spiel einfach fehl am Platz. Zumal er trotz eines Elfmeters und dem schon in der ersten Halbzeit erheblichem Zeitspiel der Gäste eine Sekunde zu früh (!) abpfiff. In Hälfte zwei gönnte er dagegen Augsburg volle drei Minuten, die sie vor dem 1:0 ganz allein zusammengetrödelt hatten. Somit blieb Osmers' beste Entscheidung heute die (eigentlich selbstverständliche), das 1:0 nicht wegen Abseits zurückzunehmen. Aus meiner Sicht steht Stindl zwar passiv im Abseits, aber klar hinter dem Torwart, der in seiner Aktion nicht behindert wird. Dem Abwehrspieler auf der Torlinie wird genausowenig die Sicht genommen und das kleine Zucken von Stindls Bein wäre nur dann ein Kriterium, wenn er den Ball berührt hätte. Sicherlich glücklich, dass so ein Hoppelball den Weg ins Tor findet, aber kein Grund für eine Annullierung.
(Edit: Der Hinweis eines Lesers ist richtig, dass Stindls Versuch, an den Ball zu kommen, laut Regel auch dann strafbar wäre, wenn er den Ball nicht berührt, aber den Torwart oder den Abwehrspieler hinter ihm irritiert. Das ist mir schon klar, habe ich aber hier nicht korrekt formuliert. Aus Transparenzgründen lasse ich es aber mit dieser Ergänzung hier im Original so stehen. Ich bleibe aber bei meiner Einschätzung, dass Stindl nicht aktiv im Abseits stand. Denn auch wenn er im Blickfeld des zurücklaufenden Danso steht, ist erheblicher, dass der flach gespielte Ball vom vor Stindl liegenden Torwart verdeckt wird und vor allem dessen - von Stindl nicht beinflusste - Abwehraktion dazu führt, dass der Ball eine andere Richtung bekommt und wohl dann auch für den Abwehrspieler nicht mehr zu erreichen ist.)

Warum mich die Leistung der Unparteiischen trotz des Sieges noch aufregt? Weil wir schon so viele Punkte gegen solche unangenehmen Gegner verloren haben, in denen Schiris nicht auf der Höhe waren. Und trotz des überlegenen Spiels hätte das auch heute passieren können. Das hat ja der Warnschuss beim Konter von André Hahn gezeigt, der in früheren Jahren ziemlich sicher gesessen hätte. 

Allerdings zeigt sich, dass Elvedi und Co. mit solchen Gegnern deutlich besser umgehen können als in den vergangenen Jahren. Und das ist ein weiteres Indiz dafür, dass wir in diesem Jahr dranbleiben können an den beiden Großen der Liga. Die Bilanz, zweimal ohne Gegentor und die volle Punktzahl, wird der Mannschaft weiter Auftrieb geben. 
Denn nächste Woche wird es in der Schalker Grube sicher nicht leichter - vor allem mit all den Merkwürdigkeiten, die wir in den vergangenen Jahren mit diesem Gegner erlebt haben. 
Allerdings fährt es sich dorthin nun deutlich leichter, weil auch eine Niederlage den VfL tabellarisch nicht gleich unter Druck setzen würde. Wäre aber auch ein guter Zeitpunkt, die Bilanz in der Turnhalle mal etwas aufzubessern.     

Bundesliga 2018/19, 19. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Augsburg 2:0 (Tore für Borussia: 1:0 Wendt, 2:0 Herrmann)

2019-01-20

Tüchtiges Glück

Huiuiuiuiuiui.... War das knapp und zugleich so wichtig zum Auftakt der Rückrunde. 

Ich habe mich in der Pause diesmal nicht zu meinem Eindruck aus der Vorbereitung geäußert, weil ich a) die beiden Spiele im Trainingslager nicht gesehen habe und b) die Erkenntnisse aus dem Telekom-Cup ziemlich überschaubar waren. Zumindest ließen diese beiden Halbzeiten aber vermuten, dass die Mannschaft nicht völlig von der Rolle sein würde, wenn es wieder um Punkte geht. Und so war es heute auch.

Drei wichtige Auswärtspunkte im Sack, und das gegen einen Gegner, der in der Restsaison noch zum Konkurrenten um Europa-Startplätze werden kann. Da gibt es erstmal nichts zu meckern. Dass das Spiel zu Null ausging, war ebenfalls ein sehr guter Fingerzeig für die Rückrunde. Es glich aber schon einem Wunder. Das Spiel heute hätte mit nur etwas konsequenteren Pillen-Akteuren genauso bitter enden können wie die DFB-Pokal-Pleite im Herbst. Das muss man einfach so sagen. In der ersten Halbzeit vielleicht noch nicht, da kamen die gefährlichen Aktionen der Hausherren fast ausnahmslos durch Distanzschüsse zustande, mit denen Yann Sommer kaum Probleme hatte. 
In der zweiten Hälfte aber gab es so viele Strafraumszenen in der Gladbacher Hälfte, dass es wirklich verwunderlich war, dass nicht doch ein Ball irgendwie in Netz fiel - oder ein Spieler strafwürdig zu Fall gebracht wurde, worauf es die Bosz-Schützlinge das eine oder andere Mal auch anlegten. 

Leverkusen war über 90 Minuten nicht nur die Mannschaft mit der Masse an besten Torchancen, sie hatten deutlich mehr Ballbesitz, waren viel laufstärker, zweikampfstärker und auch sonst in allen Statistiken vorn. Doch das berühmte Tor mehr, das machte Borussia. Und das ist es, was mir heute das gute Gefühl vermittelte, dass die Mannschaft der Hinrundenplatzierung vielleicht sogar über die gesamte Saison gerecht werden könnte. 
Wir wissen alle, dass das in den vergangenen Jahren oft das Manko war. Überlegen geführte Spiele gingen ähnlich unglücklich verloren (übrigens auch gegen diesen Gegner) wie es die Bayer-Akteure heute mal selbst erlebten. Und wie oft hielt Borussias Defensive in den entscheidenden Momenten gegen stark aufspielende Mannschaften nicht stand.

Das scheint diese Saison anders zu sein. Auch in knappen Spielen wird oft gepunktet, die unnötigen Punktverluste halten sich in Grenzen. Das ist sehr beruhigend - aber erst nach dem Abpfiff. Bis dahin kostet es unglaublich Nerven. Deshalb ist mein einziger Kritikpunkt heute, dass die zwei, drei richtig guten Kontermöglichkeiten nicht zum beruhigenderen 2:0 genutzt wurden, sodass wir bis zum letzten Moment um den Sieg zittern mussten.

Ansonsten habe ich, was Einstellung und kämpferische Leistung betrifft, eine tadellose Vorstellung gesehen - herausragend dabei für mich heute wieder Kapitän Stindl und Jonas Hofmann, die nicht nur gewohnt viel liefen, sondern auch immer wieder Bälle gewannen. Im Spiel nach vorne ging es in der ersten Halbzeit meist noch zu langsam. Wenn die Pässe aber konzentriert gespielt wurden, sah das Kombinationsspiel schon wieder ziemlich gut aus. Probleme machten sich die Borussen selbst dann, wenn sie einen auf "Hacke, Spitze, eins, zwei, drei" machten oder schlampige Anspiele fabrizierten. Das führte mehrmals zu gefährlichen Ballverlusten (Hazard, Hofmann, Plea) und Kontern der Gastgeber.

Zum Glück war die Hintermannschaft heute fast immer rechtzeitig zur Stelle, und wenn nicht, kam der erneut eiskalte Goalie Yann Sommer ins Spiel. Besonders herausheben muss man in der Abwehr sicher Oscar Wendt, der sich gegen Bailey und Bellarabi bärenstark behauptete und Nico Elvedi, der hinten bombensicher stand und zudem nach vorne einige sehr gute Pässe in die Schnittstelle auf Hofmann oder Stindl spielte. Ganz stark. 
Matze Ginter und Michael Lang spielten natürlich auch nicht schlecht, aber ganz so gut wie ihre Partner auf links kamen sie nicht zurecht, vor allem in der zweiten Hälfte nicht. 
Tobias Strobl hatte wenig Möglichkeiten zu glänzen, weil er vor allem gefordert war, aufziehendes Unheil vom VfL-Tor wegzuhalten. Stark in der Defensive, nach vorne nicht so spielbestimmend wie sonst. Gut, dass ihm in der Schlussphase Chris Kramer zur Seite gestellt wurde, um die Lücken zu schließen. Denis Zakaria fand ich defensiv heute sehr ansprechend und auch in den Zweikämpfen deutlich verbessert. Nach vorne zeigte er auch einige Male seine Geschicklichkeit. Dennoch würde ich einem ausgeruhten Florian Neuhaus auf der Position neben Hofmann weiterhin den Vorzug geben, weil er einfach ein besseres Auge für den Mitspieler hat.
Stindl habe ich schon gelobt, Thorgan Hazard war wieder fleißig wie immer, wollte bei seinen Aktionen aber oft wieder mit dem Kopf durch die Wand und fand dann seinen Meister in den Bayer-Abwehrspielern. Und zu Alassane Plea muss man wohl nichts weiter sagen. Viel unter dem Radar unterwegs, nur einmal im Blickpunkt - und dann genetzt. Mehr braucht es nicht für einen Stürmer.

So kann es weitergehen. Dass da heute wieder eine "Bestbesetzung" auf dem Platz stand, war klar zu erkennen, vor allem im Vergleich zu den letzten Spielen vor der Winterpause. Und wenn die Spieler auch von heute mitnehmen, dass es jedesmal aufs Neue ein harter Kampf wird, dann muss es gegen Augsburg nächste Woche auch nicht unbedingt ein Zittern bis zum Schluss werden. 
Der Grundstein für eine Fortsetzung des Höhenfluges ist jedenfalls mit dem heutigen Erfolg gelegt. Mit tüchtigem Glück zwar - aber wie Sieg zustande kam, interessiert morgen schon keinen mehr.      

Bundesliga 2018/19, 18. Spieltag: Bayer Leverkusen - Borussia Mönchengladbach 0:1 (Tor für Borussia: 0:1 Plea)