2019-06-05

The times they are a changing (III): Alles neu dank neuem Trainer?

Es hat ein bisschen gedauert mit dem dritten Teil meiner kleinen "Veränderungs-Serie". Ich habe mir bewusst die Zeit gelassen und auch noch die offizielle Präsentation von Marco Rose abgewartet, bevor ich mich der Trainerposition widmen wollte.

Normalerweise ist es so, dass sich ein gut geführter Verein ein Konzept gibt, das eine Spielidee, taktische Schwerpunkte und eine Philosophie im Umgang mit dem Markt umfasst, das von der Jugend bis zu den Profis vermittelt und vorgelebt wird und das natürlich zu dem Verein und seinen (finanziellen) Möglichkeiten passen soll. Innerhalb dieser Vorgaben muss sich dann ein Trainer bewegen. Denn auch wenn dieser mit einer noch so guten Idee zu einem Verein kommt, wäre es fahrlässig, daraufhin alles im Verein auszurichten. Schließlich kann niemand garantieren, ob dieser Trainer auf Dauer im Verein tätig sein wird. Er muss ersetzbar sein, daher muss immer die Philosophie des Vereins vor der des Trainerteams stehen. Es mag Ausnahmen geben, aber Gladbach gehört bislang sicher nicht dazu.

Angesichts der doch abrupten Kurskorrektur ist denkbar, dass das neue Trainerteam künftig eine etwas stärkere Rolle und mehr Einfluss auf die Entscheidungen im Club bekommt als die Trainer zuvor. Das ist nicht ganz ungefährlich, kann aber mittel- bis langfristig auch ein Erfolgsfaktor sein.

Nun hat die Verpflichtung von Marco Rose unter der VfL-Anhängerschaft große Erwartungen und Hoffnungen geweckt, nicht zuletzt aufgrund der eher uninspirierten Rückrunde der Fohlenelf. Darüber ist die Arbeit von Dieter Hecking und seinem Team sicher ein wenig zu negativ bewertet worden. Aber darum geht es mir heute nicht.

Es geht mir darum, klarzumachen, dass eine zu hohe Erwartungshaltung eine gefährliche Entwicklung in Gang setzen könnte, wenn es nicht gleich in der nächsten Runde deutlich besser läuft als unter Hecking.
Auch wenn Rose und seinem Team der Ruf vorauseilt, eine Mannschaft hervorragend einstellen zu können und sie bislang tolle Arbeit in Salzburg abgeliefert haben: Der neue Trainer hat hier mehr Arbeit, als man wahrscheinlich in einer einzigen Sommervorbereitung erledigen kann. Und im Herbst kommt dann wieder die Phase, wo wir uns endlich wieder auf Spiele im Drei-oder-vier-Tage-Takt freuen können. Das bedeutet zugleich, dass kaum Feinarbeit im Training stattfinden kann. Wir kennen das ja noch aus der Favre- und Schubert-Zeit. Und das kann schnell zum Nachteil werden - wenn noch nicht alles rund läuft.

Ich nehme die kommende Saison deshalb als Übergangsjahr, als ersten Teil eines Neuaufbaus, der wahrscheinlich erst abgeschlossen ist, wenn ein Großteil der heutigen Spieler nicht mehr im Kader stehen werden. Ein fachkundiger guter Bekannter, Fan der falschen Borussia, ist überzeugt, dass Marco Rose ein Glücksfall für uns ist. Er hat die Verpflichtung Roses mit der Phase in Dortmund verglichen, als Jürgen Klopp zum BVB kam und eine am Boden liegende Mannschaft erst stabilisiert und dann völlig neu ausgerichtet hat (und dies in Liverpool auf anderem Niveau wiederholt hat).

Der Unterschied von Dortmund damals zu Gladbach heute: Aufgrund der schnell in Unzufriedenheit umschlagenden Stimmung in den letzten Wochen hoffe ich, dass die Fans dem neuen Trainer auch bei uns die nötige Zeit einräumen, die Mannschaft neu aufzubauen. Das bedeutet auch, die Erwartungshaltung ohne Murren herunterzuschrauben, wenn nicht gleich alles glatt läuft - und vielleicht nicht gleich wieder einen Europapokalplatz zu erwarten. Klar, vielleicht läuft es auch gleich besser. Aber möglicherweise auch nicht. Und dann ist die "Einstelligkeit", die von der Vereinsführung immer wieder hervorgehoben wird, diesmal als Ziel wohl auch absolut angemessen.

Aber was kann man vom Team Rose nun denn genau erwarten? Vor allem das, was wir zuletzt vermisst haben: Die Gier, den Ball zu erobern - den Siegeswillen, der sich schon in der Körpersprache ausdrückt. Schnelles Spiel, mehr Stress für den Gegner im Aufbau, selbst deutlich zielstrebigeres Spiel nach vorn. Also im Prinzip das fehlende Puzzlestück im gewohnten ballbesitzbetonten, aber oft zu wenig "tödlichen" Spiel nach vorn. Das zusammenzubringen ist eine große Aufgabe. Doch erstens hat Borussia unter Favre, Schubert und auch unter Hecking in der Vorrunde vieles von dem schon mal gezeigt. 
Und zweitens: So fokussiert und gewinnend, wie sich Marco Rose vergangene Woche in Gladbach vorgestellt hat, kann man ihm auch zutrauen, dass er sein Team genau so formt - selbst wenn man sich das bei dem einen oder anderen, der jetzt im Kader steht, noch nicht immer vorstellen kann.

Ich jedenfalls bin schon etwas beruhigter, seit ich Rose bei der Pressekonferenz gesehen habe. Dass er fähige Leute mitbringt, ist unstrittig: den begabten Taktiker René Maric, den Stürmercoach Alexander Zickler (der bei mir aber eigentlich immer noch eher als Chancentod abgespeichert ist, er wurde ja wohl erst in der schwachen Ösi-Liga zum "Tormonster"), aber auch den Fitness-Coach Patrick Eibenberger. Ich gehe davon aus, dass der jetzige Kader auch in dieser Hinsicht lernfähig und anpassungsfähig erweisen wird. Besonders für die wendigen Hofmann, Zakaria, Benes, Neuhaus, aber auch für Cuisance (wenn er seine Spielmacherallüren zügelt), sehe ich in aktiven Pressingpositionen im Mittelfeld und als Ausgangspunkt für wendige Umschaltmomente gute Chancen unter Rose. 
Inwiefern von außen Spieler dazu kommen, die in dieses System noch besser passen könnten, kann man erst sagen, wenn auch beim VfL der Transfermarkt ins Rollen gekommen ist. Sicher ist, dass auf den Außenpositionen noch Bedarf ist, wohl auch für einen weiteren Stürmer. Wir werden sehen. Aber vertrauen wir in dieser Hinsicht erstmal auf Max Eberl und Marco Rose. Und fahren die Vorfreude auf die neue Saison langsam wieder hoch.

2019-05-19

Spiegelbild der Saison


Er war ein gutes Spiegelbild der gesamten Saison, der letzte Auftritt der Fohlenelf in diesem Spieljahr. Eine gute Halbzeit, die mit einem eher unverdienten Tiefschlag endete. Und eine ziemlich schwache zweite Hälfte, die einmal mehr illustrierte, warum am Ende im und rund um den Borussia Park - trotz des sehr guten Abschneidens - eher gedrückte Stimmung herrschte und nicht die angemessene Feierlaune angesichts der bevorstehenden Europareisen.
Die Saison ist endlich rum, dieses Gefühl scheint uns alle zu einen. Und deshalb will ich auch nicht noch einmal an den Einzelheiten dieses Spiels abarbeiten und was wann wie hätte anders laufen sollen und müssen. Für mich gab es einen starken Auftritt in den ersten 25 Minuten und insgesamt eine tolle Körpersprache und geschicktes Zweikampfverhalten, mit dem Dortmund nicht zurecht kam. Erst nach und nach ließ sich der VfL mehr und mehr in die eigene Hälfte zurückfallen und überließ den Gästen damit mehr Spielkontrolle. Das war schlecht und sorgte dafür, dass sich der BVB in der Phase vor der Halbzeit auch mal gefährlicher vor den Gladbacher Tor zeigte.
Dass das Tor dann noch vor der Halbzeit fiel, war nicht gänzlich überraschend, aber zu diesem Zeitpunkt nicht verdient. Die beste Chance hatte bis dahin Ibo Traoré mit seinem Lattenschuss gehabt. 
Ich halte das Tor auch für irregulär, weil aus meiner Sicht der Ball schon im Toraus gewesen ist. Beweisen lässt sich das allerdings nicht.  Es bleibt allerdings rätselhaft, warum Schiedsrichter Gräfe, wenn er nach Ansicht der Videobilder das Tor schon gelten lässt, als Begründung ausgerechnet anführt, dass er sich dann letztendlich auf den Eindruck seines Linienrichters verlässt, der den Ball auch nicht im Aus gesehen hat. Nur damit das klar ist: Dieser Assistent stand Luftlinie gute 40 Meter weg vom Ball, hatte ein Torgestänge in seinem Sichtfeld und stand sicher auch zu diesem Zeitpunkt nicht direkt auf der Torlinie. Und: Er hatte in unmittelbarer Nähe bereits zweimal Bälle durchgewunken, bei denen ich aus 70 Metern Entfernung sehen konnte, dass zwischen Seitenlinie und Ball der Rasen durchscheint. 
Man kann heilfroh sein, dass dieses Tor und das Ergebnis im Borussia Park weder für uns noch für die Meisterschaftsentscheidung relevant wurde. Das hätte ein ziemliches Theater gegeben.
Sei‘s drum, an diesem Tor allein kann man nicht festmachen, was im Anschluss mit der Mannschaft passierte. Sie schien wie gelähmt und fiel in den Modus der vergangenen Wochen zurück. Harmlos, nervös, fehlerhaft und wieder viel zu passiv, was dem BVB erlaubte, zu schalten und zu walten, wie er wollte. Zum Glück war auch für Dortmund bald klar, dass es nichts würde mit der Meisterschaft, sonst hätten sie die Schwächen der Gladbacher sicher noch konsequenter ausgenutzt.
Trösten kann uns, dass selbst ein Sieg gegen Dortmund wohl nichts an der Endplatzierung geändert hätte. Aber genauso haarscharf rutschte die Hecking-Elf an einem schlechteren Platz vorbei: weil Wolfsburg trotz 8:1 (!) am Ende ein Tor fehlte, und weil Hoffenheim auf der Ziellinie erneut patzte. 
Deshalb hätten wir eigentlich Grund haben müssen, ausgelassen zu feiern. Denn Platz 5 ist für Borussia immer noch eine wahnsinnig gute Platzierung, die wir wohl vor der Saison sofort unterschrieben hätten. Doch das Gefühl ungetrübter Freude stellte sich aufgrund der vergangenen Auftritte und der schwachen zweiten Hälfte nicht so recht ein. 
Dazu kommt ein eher schwaches Bild, was wir heute im Stadion auf den Rängen abgegeben haben. Wenn wir immer fordern, dass sich die Mannschaft und der Trainer verbessern müssen – wir müssen das auch. Zumindest, wenn wir unseren Ruf als tolle Fans behalten wollen.
Die ersten 20 Minuten waren klasse, da ging das ganze Stadion mit, weil einfache Anfeuerungen gestartet wurden und das Team mit dem richtigen Feuer auf dem Rasen agierte und lautstarke Rückmeldung von den Rängen bekam. Balleroberungen wurden gefeiert, von den Gästefans war nichts zu hören. 
Dann aber brach die Stimmung zusammen, das Stadion wurde ruhiger und ruhiger und es gelang kein gemeinsames Anfeuern mehr. Für mich auf der Südtribüne sah das so aus, dass der harte Kern im Norden nicht mehr direkt auf die Dynamik im Stadion einging und fortan nicht mehr die einfachen Gesänge durchs Stadion schickte. So wurde im ganzen Spiel weder der VfL-Wechselgesang gestartet noch „Die Seele brennt“, was sicher heute angemessen gewesen wäre. 
Stattdessen wurden längere Sprechchöre angesagt, die im Süden wenn überhaupt nur bruchstückhaft ankamen. Damit war der Faden zwischen den willigen Fans gerissen. Ich kenne mich mit den Notwendigkeiten nicht aus, wie sie in der Nordkurve herrschen. Aber ich merke (und sehe), dass dort ein Teil der Fans irgendwann ihre eigene Party macht (die die Spieler sicher auch mitbekommen), der Rest der Nordkurve aber nur halbherzig einsteigt und das übrige Stadion so nicht mitgenommen wird. Selber etwas zu starten, ist von außerhalb der Nordkurve kaum möglich, und das führt dazu, dass die Power erlahmt und wie heute dann der Gästeblock viel zu bestimmend wird.
Daran müssen wir arbeiten, genauso wie an dem Umgang mit Spielern und der eigenen Erwartungshaltung. Wenn ich sehe, dass am letzten Spieltag 15 Minuten vor Schluss Hunderte die Blöcke verlassen und so der Mannschaft den verdienten Applaus nach Schlusspfiff für eine lange und letztlich gelungene Saison verweigern, ist das armselig.
Richtig ärgern kann ich mich darüber, dass Thorgan Hazard in seinem letzten Spiel für uns mit einem gellenden Pfeifkonzert zur Auswechslung begleitet wird. Geht’s noch? Der Junge hat Gladbach über fünf Jahre fraglos verstärkt, er hat viele Tore geschossen, viele vorbereitet und sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Auch wenn er auch gestern unglücklich agierte und fast Angst davor zu haben schien, dass er vor dem Dortmunder Tor zum Abschluss kommen könnte: Das rechtfertigt niemals einen solch bitteren Abschied. Das hat er nicht verdient, das ist unterste Schublade und ich schäme mich dafür. Auch dieses Verhalten unserer Fans hat mir heute ein bisschen die Freude über das glückliche Ende der Saison vermiest. 
Freunde, das darf so nicht weitergehen. Wir müssen wieder kompromisslos zusammenhalten und die Mannschaft bedingungslos unterstützen. Absichtlich spielt keiner schlecht oder stellt schlecht auf. Aber wir haben mit in der Hand, ob sich die Mannschaft etwas zutraut oder nicht. Das bleibt auch so, wenn ein neuer Trainer kommt, auf den wir große Hoffnung setzen. Ohne das Stadion und die treuen Auswärts-Fans wird keine Erfolgsgeschichte daraus. Darüber müssen wir in der Sommerpause nachdenken - und die richtigen Schlüsse ziehen. Ich bin gerne mit meinen Möglichkeiten bereit, dazu beizutragen. 

Bundesliga 2018/19, 34. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Borussia Dortmund 0:2

2019-05-13

Unverhofftes Glück

Fußball lässt sich nicht berechnen. Zwei Tage vor dem Nürnberg-Spiel schrieb ich von Schadensbegrenzung. Wohl nur die kühnsten Optimisten hätten widersprochen, dass es nur noch darum gehen konnte, die Teilnahme am Europapokal zu sichern - egal wie und zur Not auch als Siebter über drei Qualirunden. Und jetzt? Nach diesem verrückten Spieltag steht Borussia wieder auf Platz vier und hat es selbst in der Hand, die Champions League zu erreichen. Unfassbar!


Eigentlich ist das ein Grund zum Jubeln. Und so wie ich meine Timelines verfolgt habe, ist da meist schon wieder mehr als nur die Erleichterung zu spüren - logischerweise vor allem bei vielen, die in Nürnberg mit dabei waren. Mir fällt es deutlich schwerer, meiner Freude schon freien Lauf zu lassen. Denn das, was sich da tabellarisch am Wochenende getan hat, hatte nur zu einem kleinen Teil mit Borussia Mönchengladbach zu tun. 
Es hatte mit Eintracht Frankfurt zu tun, das offenbar auf der Zielgeraden erschöpft zusammenbricht. Es hatte mit Mainz und Schalke zu tun, die gegen unsere Konkurrenten punkteten, obwohl es für sie in der Saison um nichts mehr geht. Es hatte mit Stuttgart zu tun, das sich gegen Wolfsburg in die Relegation rettete. Und es hatte viel mit dem 1. FC Nürnberg zu tun, der noch einmal ein gutes Beispiel dafür ablieferte, warum er mit dem Schlusspfiff als Absteiger feststand.

Und der VfL? Bis zu dem toll herausgespielten, aber doch eher zufällig ins Spiel gefallenen Führungstreffer durch Josip Drmic war der Auftritt in Nürnberg wieder einmal eine Enttäuschung. Und das angesichts der 10000 Gladbacher im Stadion und angesichts der großen Worte, die vorher von Spieler- und Trainerseite wieder gesprochen worden waren. Borussias Spiel der ersten Stunde war langsam, abwartend, verhalten, schlampig und weitgehend ungefährlich für das gegnerische Tor. 
Der auffällige Ibo Traoré mühte sich, Esprit in die Angriffe zu bringen, ansonsten waren Kampf und Krampf Trumpf im Hecking-Team. Besonders ärgerlich: die vielen selbstverschuldeten Ballverluste (Kramer, Beyer, Neuhaus), die taktische Fouls (und zum Glück nicht immer gleich Verwarnungen) nach sich zogen.

In der Defensivarbeit unterließ man es gleich, den angeschlagenen Gegner durch aggressives Pressing ab und zu mal etwas durcheinanderzubringen, meist wurde erst an der Mittellinie konsequent angegriffen. Trotzdem kam Nürnberg immer wieder viel zu leicht zu Chancen. Dafür reichte meist der kleine personeller Kniff des gegnerischen Trainers, den schnellen Misidjan über rechts stürmen zu lassen. Der ließ Oscar Wendt auf dem Flügel ein ums andere richtig alt aussehen. Und so war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann diese Schwachstelle in der Gladbacher Defensive auch zum Gegentor führen würde.

Dass es anders kam, lag an der Harmlosigkeit des Clubs, den man wirklich nur als glückliche Fügung betrachten kann. Wahrscheinlich hätte jede andere Mannschaft sich nicht so lange bitten lassen. Als dann das 1:0 gefallen war und auch dem letzten Nürnberger klar war, dass der Abstieg unabhängig vom eigenen Ergebnis unvermeidbar war, ließen die Clubberer auf dem Platz sichtlich die Flügel hängen und Gladbach gewähren. Die Tore waren alle sehr schön herausgespielt - aber eben auch gegen einen Gegner, der es geschehen ließ. Nichts, auf das man sich besonders viel einbilden kann.
Borussia spürte das Nachlassen des Gegners, und zog dennoch nicht den Schluss darauf, dass sich hier heute noch eine weitere Chance auftat - nämlich die in der Rückrunde verhunzte gute Tordifferenz wieder konkurrenzfähig zu machen. Ein 4:0 ist gut, doch bei konsequenter Chancenauswertung und besseren Kontern wären zwei bis drei weitere Tore auch noch drin gewesen.

Gut, man soll vielleicht auch nicht zu viel auf einmal verlangen, zumal mir der Gegner schon leid tat, weil er nicht unter Wert, aber am Ende für diesen Spielverlauf zu hoch geschlagen wurde. Dennoch bin ich lange noch nicht davon überzeugt, dass die wahre Borussia am Samstag auch noch den letzten Schritt gehen und mit einem Sieg über den BVB Platz 4 sichern kann. Denn weder das 2:2 gegen Hoffenheim noch das vieles verdeckende 4:0 in Nürnberg sind geeignet, Hoffnung zu verbreiten, dass jetzt der Schalter wieder umgelegt ist und der VfL zum Saisonabschluss nochmal das Niveau der Hinrunde erreichen könnte.

Bei der Defensivleistung der letzten Spiele kann einem gegen die Dortmunder Offensive (natürlich wieder mit Reus) nicht wohl sein. Und die vorhandenden Abwehrschwächen der Schwarz-Gelben würden mit dem zuletzt oft so ideenlosen Spiel von Hazard und Co. wohl eher nicht aufgedeckt werden können. 

Aber: Fußball lässt sich nicht berechnen. Deshalb ist es genausogut möglich, dass der VfL am Ende die drei Punkte im Sack hat. Vieles wird davon abhängen, wie der Spieltag läuft. Ob die Bayern führen und die Meisterschaft locker klar machen, ob Dortmund mit der Titelchance vor Augen kurz vor dem Ziel doch noch nervös wird. Wie der Schiedsrichter das Spiel leitet. Und vieles mehr.

Sicher ist, das hat auch das Spiel gegen Düsseldorf am Samstag wieder gezeigt: Selbst eine klare Führung ist beim BVB noch kein Selbstläufer. Und das Team ist nicht so gefestigt, dass es kritische Situationen einfach eiskalt abschüttelt (sonst wäre es wohl längst Meister).

Wir können das halbwegs entspannt angehen. Platz 7 sollte aufgrund der Konstellation mit drei Punkten und zehn Toren Vorsprung auf Wolfsburg zu vermeiden sein, alles andere ist ein guter Abschluss einer unter dem Strich doch sehr gelungenen Saison. Das rückte aufgrund der ärgerlichen Auftritte in den vergangenen Wochen in den Hintergrund. Aber eine Saison, die auf einem europäischen Startplatz endet, ist eine erfolgreiche. Da geht kein Weg dran vorbei, auch wenn seit Februar eine noch komfortablere Tabellenposition verspielt wurde. 

Dazu kommt: Bis jetzt 13 Spiele zu Null, das ist mehr als jedes dritte. 7 Auswärtssiege - wer kann sich an so etwas bei Borussia erinnern? Und dann war da auch noch die tolle Heimserie, die dann leider so bitter dahinging. 
Insgesamt steht am Ende also eine Bilanz, die sich innerhalb der Zeit seit dem Wiederaufstieg sehen lassen kann. Es wird damit ein guter Abschied von Dieter Hecking und Thorgan Hazard werden, die sicher auch mit dem verdienten Applaus entschädigt und mit Genugtuung den Borussia Park verlassen können - nach allem, was ihnen in den vergangenen Wochen so um die Ohren gepfiffen ist. Und es wird wie so oft sein: In ein paar Wochen wird man nicht mehr sehen, wieviel Nerven uns die Rückrunde gekostet hat. Es bleibt das Erreichen des Europapokals und eine weitere Platzierung im ersten Tabellendrittel. Das ist für Borussia noch immer keine garantierte Platzierung. Und das wird sie auch unter dem neuen Trainer Marco Rose nicht sein.

Die erfreuliche Entwicklung, die die vier Punkte aus den vergangenen beiden Spielen möglich gemacht haben, sind eng mit Spielern verknüpft, die lange in der zweiten Reihe standen. Da ist natürlich Josip Drmic, dem ich die Erfolgserlebnisse (unabhängig von ihrer Wichtigkeit für Borussia) so gewünscht habe wie keinem anderen. Und ich hoffe, dass für so einen Spieler in der kommenden Saison vielleicht doch noch ein Plätzchen im Kader bleibt. 
Dass er ein Kämpfer ist, hat er auf und neben dem Platz bewiesen, dass er ein feiner Charakter ist, auch. Und wenn man seine Bilanz in den letzten drei Saisons bei Borussia mal ehrlich bewertet, ist er auch ein effektiver Stürmer. Drei Jahre voller Verletzungen und Nichtberücksichtigungen, da blieben insgesamt nur 863 Spielminuten. In dieser Zeit, umgerechnet weniger als zehn Spiele, schoss er sechs Tore und legte drei Tore auf. Die vier Tore nach seinem Comeback im vergangenen Saisonfinale brachten dem VfL zwar kein Happyend. Dieses Jahr kann man aber gerade ihm dafür danken, schon zweimal zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.

Der zweite Spieler, der in dieser Saison gerade zur rechten Zeit aufdreht, ist Ibo Traoré. Er brachte gegen Hoffenheim Belebung, gegen Nürnberg war er lange der einzige Lichtblick im Spiel und am Ende für mich auch der beste Mann, nicht zuletzt, weil er die Tore zwei und drei in toller Manier vorbereitete. Das war wieder der Traoré, auf den wir - vor allem verletzungsbedingt - so lange gewartet haben.

Auch Jordan Beyer hat mir bei seinem Comeback gegen Hoffenheim gut gefallen, seine Startelfnominierung in Nürnberg war insofern auch berechtigt. Im Spiel gegen den Club brachte er sich aber mitunter selbst in blöde Situationen und wirkte längst nicht so souverän wie eine Woche zuvor. Nach seinem kometenhaften Aufstieg in der Hinrunde bekam er gerade gegen Dortmund im Dezember deutlich seine Grenzen aufgezeigt. Das könnte in der wenig gefestigten Abwehr des VfL diesmal auch wieder passieren. Deshalb bin ich sehr gespannt, ob Dieter Hecking ihn auch im letzten Saisonspiel bringen wird. Nichtsdestotrotz hat seine Übersicht und (meist) Ballsicherheit der Mannschaft zuletzt geholfen und gutgetan.

Und dann war da noch Jonas Hofmann, der mir gegen Hoffenheim und in der ersten Hälfte gegen Nürnberg gefehlt hat. Auch er scheint nach einem Tief (nach toller Vorrunde und Verletzung) wieder freier im Kopf zu sein. Mit dem Pass zum 1:0 hat er eindrucksvoll gezeigt, was eine gute Idee auf dem Spielfeld auslösen kann. Und wer weiß: Vielleicht klappt das ja auch gegen Dortmund. Ich wäre entzückt. Aber bis auf Weiteres übe ich mich noch in Zurückhaltung und Skepsis, was das Saisonfinale angeht. Und lasse mich gern positiv überraschen.

Keiner im Stadion hat jedenfalls keinen Grund, sich irgendwo hängenzulassen. Egal, was passiert: Das erste Ziel ist erreicht, und es gibt ein spannendes Ausgangsszenario mit Titelchancen für Dortmund und mit der CL vor den glänzenden Gladbacher Augen. Es gibt am letzten Spieltag daher auch keinen Grund mehr zu pfeifen, selbst wenn es nicht gut liefe. 
Denn über das ganze Jahr gesehen haben die Jungs und das scheidende Trainerteam es sich natürlich verdient, dass man sie noch einmal unterstützt, als gäbe es kein Morgen. Vielleicht ist ja auch der neue Trainer schon mal im Stadion. Sein Team spielt ja erst Sonntagabend wieder. Dann bekäme er im besten Fall einen Vorgeschmack, was die Borussia-Familie kann. Das wäre sicher nicht das Schlechteste.   



Bundesliga 2018/19, 33. Spieltag: 1. FC Nürnberg - Borussia Mönchengladbach 0:4 (Tore für Borussia: 0:1 Drmic, 0:2 Eigentor Mühl, 0:3 Hazard, 0:4 Zakaria)

2019-05-07

Schulterschluss zur Schadensbegrenzung

Ich habe mich lange dagegen gewehrt, dieses Wort zu schreiben, weil ja die CL-Qualifikation und Europa allgemein von Spieltag zu Spieltag noch immer nicht vollständig verdaddelt waren (und sind). Aber sowohl das Spiel am Samstag, die Entwicklung dahin als auch die fortschreitende Selbstzerfleischung aller, die doch eigentlich das gleiche Ziel haben, lässt es mich jetzt aussprechen: Es geht in dieser Saison nur noch um eins: Schadensbegrenzung. In jeder Hinsicht.

Nicht nach dem Motto "alles andere als ein Euro-League-Platz wäre eine Katastrophe". Ich wünsche es mir natürlich nicht, aber ich kann auch mit einem weiteren Jahr ohne Dreifachbelastung umgehen. Dafür habe ich Borussia zu lange an der Klippe zur zweiten Liga entlangtaumeln sehen. Aber damit die Saison auch dann noch ohne Bitterkeit endet, müsste eine wichtige Bedingung erfüllt sein. Das Team auf dem Platz müsste sich in den beiden letzten Spielen soweit rehabilitieren, dass man den Spielern (und den Trainern) nach dem Schlusspfiff am 18. Mai ohne Bauchgrimmen den verdienten Respekt und Dank für die gesamte Saison ausdrücken kann. Denn durch den Sinkflug der vergangenen Wochen geht im Moment auch all das Gute unter, was wir in dieser Spielzeit gesehen haben. Und das ist schade und ärgerlich.

Wir alle haben etwas Besseres verdient als das, was derzeit für Borussia steht. Ärger in der Kurve, schwache Spiele, Spieler, die tief verunsichert sind und mit den Gedanken vielleicht auch schon bei Dingen der neuen Saison (wechseln oder bleiben, setzt der neue Trainer noch auf mich?), ein Trainer auf Abruf, der nicht aus seiner Haut kann (und sich jetzt aus meiner Sicht auch nicht mehr verbiegen sollte), Kritik am Management. 
Und klare Misstöne und Missverständnisse zwischen Mannschaft und Fans. Die Fans sind sich am Samstag offensichtlich nicht einig gewesen, wie sie auf die hilflose Vorstellung ihrer Mannschaft reagieren sollten. Die Spieler auch nicht. Das führt dann zu Unmut auf beiden Seiten. Das Zögern auf dem Weg zur Nordkurve, das Umkehren in die Kabine, die unbeholfen-trotzige Aussage von Matthias Ginter, man müsse sich nicht alles gefallen lassen, und die Fanschelte von Dieter Hecking macht das gegenseitige Verständnis auch nicht eben leichter. Denn jeder fühlt sich aus seiner Sicht zu Unrecht angegriffen.

Und doch hilft es niemandem, sich daraufhin noch tiefer in die Schützengräben zurückzuziehen und der Mannschaft das Vertrauen zu entziehen, oder sich auf Hecking, Eberl oder den wechselwilligen, außer Form befindlichen, aber dennoch sehr engagierten Hazard einzuschießen. Wenn wir ein versöhnliches Ende dieser Saison wollen - und ich glaube, das gibt es keinen, der das nicht will - müssen wir alles, was negativ ist, ausblenden und gemeinsam alles auf Attacke setzen. 

Das heißt nicht "vergessen" - nach der Saison gibt es genug Zeit, das eine oder andere nochmal aufzuarbeiten - aber jetzt ist es besser, alles Schlechte wegzuschieben und nach vorne gucken. Ich weiß zwar nicht, wie ich angesichts der letzten beiden Spiele einen Leistungsschub herbeireden könnte. Aber es muss doch gehen, sich noch zweimal voll reinzuwerfen, mit Willenskraft und dem Mut der Verzweiflung. Und der Erinnerung daran, dass jeder einzelne im Gladbach-Kader viel besser spielen und kämpfen kann, als es zuletzt zu sehen war.

Es geht nur noch um 180 Minuten Vollgas, aber um sechs Punkte und die Chance, bei einer vollen Punktzahl einen der Plätze 4 bis 7 zu belegen.
Das wäre für das Fan-Wohlbefinden gut, für die Psyche der Spieler, für die Vereinskasse und es würde auch dem Manager bei der Kaderplanung für die Saison 19/20 sehr helfen. Es gibt also für keinen einzigen in der Borussia-Familie einen nachvollziehbaren Grund, sich hängenzulassen. Motzen können wir nach Saisonende immer noch.

Wichtiger ist es aber, dass die Mannschaft selbst diesen Entwicklungsschritt macht. Nach dem glücklichen Comeback im Hoffenheim-Spiel würde ein erfolgreiches "Saison-Finale" erheblich dazu beitragen. Natürlich gilt das auch für die Chance, nächstes Jahr international zu spielen. 
Und falls mich jemand angesichts meiner harschen Kritik der letzten Spiele falsch verstanden hat: Ich glaube selbstverständlich nicht, dass hier irgendjemand absichtlich schlecht spielt oder coacht. Mir fehlten nur einfach schlüssige Erklärungen für die bescheidenen Auftritte, die über das lapidare "nicht ins Spiel gefunden" hinaus gehen. Diese Gründe jetzt noch zwei Wochen weiter zu wälzen, habe ich nicht vor. Es hilft jetzt nur noch, "Neustart" zu drücken und zu hoffen, dass das hakende Getriebe danach frieer läuft.

Und dabei ist mir wichtig, 

- dass Gladbach sich erhobenen Hauptes aus der Saison verabschiedet (am liebsten mit einem internationalen Startplatz)

- dass die Trennung von Dieter Hecking anständig verläuft und nicht nachgekartet wird. Er hat die Mannschaft in einer schwierigen Phase schnell stabilisiert und phasenweise hervorragend eingestellt -auch in dieser Saison. Dass sich das in den vergangenen drei Spielzeiten am Ende nicht so ausgezahlt hat, wie es das zwischenzeitlich versprach, hat unterschiedliche Gründe. Das Trainerteam muss man davon nicht freisprechen. Es ist aber auch nicht der Hauptschuldige und sollte daher auch einen verdienten und respektvollen Abgang ermöglicht bekommen.

- dass auch Thorgan Hazard hier nicht mit Pfiffen weggeschickt wird. Der Junge hat hier stets alles gegeben, wenngleich er auch nicht immer sein Potenzial ausgeschöpft hat. Dass er kein Söldner ist, sieht man vielleicht gerade auch an den Problemen, die er auf dem Platz hat - seit der Wechsel nach Dortmund nahezu feststeht und er keinen Weg gefunden hat, das offen zu kommunizieren. Er (und sein Manager-Vater) haben sich in manchen Äußerungen ungeschickt verhalten, das ist so. Er macht es Max Eberl auch nicht unbedingt leicht, einen möglichst hohen Verkaufspreis zu erzielen. Das wäre zwar wünschenswert für einen Spieler, der hier über Jahre gesehen hat, wie der Verein wirtschaftet und wirtschaften muss. Aber man kann es ihm nicht zum Vorwurf machen, denn er erfüllt ansonsten ja alle Pflichten aus seinem Vertrag. Das sollte - genauso wie die guten Spiele, die er für uns gemacht hat - nicht ganz vergessen werden. Ich glaube zwar nicht, dass Thorgan seinen Vertrag im kommenden Jahr noch bei uns beendet, aber falls doch, kommt es natürlich auch jetzt schon darauf an, nicht alles Porzellan zwischen ihm und den Fans zu zerschlagen. Ihn auszupfeifen, wie dies wohl vor und beim Hoffenheim-Spiel geschah, sollte aus meiner Sicht deshalb ein einmaliger Ausrutscher bleiben. Denn dafür habe ich nun wirklich kein Verständnis.

- dass sich der Verein (inkl. Fans) soweit wieder zusammenrauft, dass Marco Rose mit seinem Team am 1. Juli hier nicht einen Scherbenhaufen vorfindet. Denn auch wenn man jetzt alles, was schiefgelaufen ist, auf Hecking und andere schieben würde, die dann nicht mehr da sind, dann macht es dem neuen Trainer die Arbeit nicht leichter. 
Der startet hier schon mit einer großen Portion Vorschusslorbeeren, die er sich aber erst wirklich verdienen muss. Wenn dann der Start und der Umbruch nicht so glatt laufen sollte wie erhofft, und die Unzufriedenheit bricht gleich wieder durch, dann können sich auch hier ganz schnell Abwärtsspiralen entwickeln, die den Verein nachhaltig beschädigen können. 
Denn eins ist doch klar: Mit seiner Entscheidung, Hecking für Rose vor die Tür zu setzen, geht Max Eberl ins Risiko wie nie zuvor. Es kann alles noch so fundiert und gut geplant sein: Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, greifen die Mechanismen des Marktes und die zukunftsweisende Ausrichtung geht den Bach runter. Das will keiner, aber in einem intakten Verein mit einem geerdeten Umfeld sind die Chancen, dass es gut läuft, am höchsten.

Also, lange Rede, kurzer Sinn: Auf geht's, Borussia! Schulterschluss, Hand auf die Raute und einfach nochmal für zwei Spiele zusammenreißen und alles gemeinsam für den Erfolg geben! Ich hoffe so, dass die Saison noch versöhnlich endet.

2019-05-04

Taumelnd Richtung Ziel

Eine Halbzeit wie ein Absteiger, eine Halbzeit nervös wie ein Abstiegskandidat: Wer gedacht hatte, das Stuttgart-Spiel sei der Tiefpunkt der Rückrunde gewesen, erlebte in Gladbach heute eine böse Überraschung.

"Ratlos, mutlos, hilflos, erfolglos" - das notierte ich mir zur Halbzeit als mögliche Überschrift für meinen Spieltagstext. Bis auf letzteres veränderte sich auch in den zweiten 45 Minuten nicht viel. Dennoch nenne ich den Text so, wie es seit Wochen schon heißen könnte: Taumelnd Richtung Ziel. Wobei offen ist, ob die Ziellinie noch überschritten wird, bevor der Läufer auf der Aschenbahn alle Viere von sich streckt oder nicht. 


Wenn ich beim Fußball nicht aufgeregt mitgehe, schimpfe, juble, Dampf ablasse, sondern nur ruhig,  kopfschüttelnd und wie paralisiert zuschaue, dann ist es weit gekommen. Heute war so ein Tag, an dem ich den Fernseher wohl um 16.15 Uhr einfach ausgemacht hätte, wenn ich diesen Blog nicht hätte.

Was war das für ein Jammerbild: Allein Torwart Yann Sommer hielt Borussia bis zur Halbzeit überhaupt noch erträglich im Spiel, über 90 Minuten verhinderten er (und die Unfähigkeit der Gästestürmer) ein in der Luft liegendes Debakel für Borussia. Und das gegen einen Gegner, der defensiv auch nicht besonders überzeugend auftrat. Man merkte es nur auch lange nicht, weil die Sinsheimer Defensive kaum vor Probleme gestellt wurde.


Ja, es fielen sogar zwei Tore für den VfL, das erste Mal übrigens seit dem 2:0-Sieg auf Schalke; das war am 2. Februar, dem 20. Spieltag. Viel mehr muss man zur Misere in der Rückrunde wohl nicht sagen, denn nach diesem Spiel war Gladbach Zweiter und hatte 13 Punkte Vorsprung auf die TSG, die damals den 8. Rang einnahm. 
Mit den beiden Toren sicherte sich die Hecking-Elf heute immerhin einen Punkt, den man nach dem heutigen Auftritt nun wirklich nicht erwarten konnte. Es war zugleich der zweite glückliche Punkt gegen diesen Gegner nach dem 0:0 im Hinspiel. Wenigstens etwas.

Neben einem verheerenden Eindruck, den der Großteil des Teams in Sachen Zweikampfsstärke, Schnelligkeit, Selbstvertrauen und Frische macht, gab es sogar kleine Lichtblicke:

1) Die Mannschaft lebt, sie quälte sich zweimal nach Rückstand zurück ins Spiel. Sie gab nicht auf.

2) Josip Drmic wurde für seine Geduld, seine Professionalität und seine untadelige Arbeitseinstellung belohnt, er schoss wieder einmal ein enorm wichtiges Tor für einen Arbeitgeber, der nur noch auf ihn setzt, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt. Wenn man gesehen hat, wie er nach seiner Einwechslung heute geackert hat, und wie effizient er bei seinen wenigen Kurzeinsätzen nach der Rückkehr von seiner schweren Verletzungszeit war, fragt man sich einmal mehr: Warum eigentlich?

3) Der Punkt war unabhängig davon, wie unverdient er war, zu wenig für gehobene Ansprüche. Er war aber doch vielleicht Gold wert, weil so wenigstens Hoffenheim auf Miniabstand gehalten werden konnte. Das verhinderte, dass der Spruch "Wir haben es immer noch selbst in der Hand" schon seit 17.15 Uhr Makulatur ist, weil Borussia sich dann schon vor dem Sonntagsspiel von Leverkusen nur noch drei Tore vor PLatz 8 befunden hätte. Eins ist aber sicher: Tritt die Mannschaft in Nürnberg erneut so zittrig auf, ist es nächste Woche soweit.

4) Durch das 2:2 gegen Dortmund kann Bremen unsere Borussia nicht mehr einholen. Das bedeutet, es wird keinen Platz-9-Hattrick geben. Das kann zwar kein Trost sein, wenn man nach dem Verlauf der Saison noch droht, zum Schluss noch ganz aus den Europa-Startplätzen zu fallen. Aber wir sind ja schließlich daran gewöhnt, bescheiden zu bleiben. 

5) Es gibt sie noch, die Hoffnungsträger. Es war zwar nicht ganz nachvollziehbar, warum Hecking zur Halbzeit Jordan Beyer für den einzigen Verteidiger in Normalform (Jantschke) brachte (Edit: Dass beide Spieler verletzt draußen bleiben mussten, war mir zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht bekannt gewesen). Aber der 18-Jährige, der uns schon in der Hinrunde so viel Freude gemacht hat, zeigte heute die vielleicht abgeklärteste Leistung von allen, die das Rautentrikot trugen. 
Auch Ibo Traoré, der zur Halbzeit den wohl angeschlagenen Patrick Herrmann ersetzte, brachte frischen Wind und ein wenig Unbekümmertheit ins Spiel. Nicht zuletzt hatte er seine Füße auch bei den Angriffen im Spiel, die zu den Toren führten. Auch Traoré hatte in den paar Einsätzen, die er zwischen seinen vielen Verletzungen hatte, nie mehr so richtig überzeugen können. Heute bewies er wieder, dass er helfen kann.


Das alles reicht aber natürlich nicht aus, um beruhigt oder gar positiv gestimmt in die letzten zwei Saisonwochen zu gehen. Im Gegenteil.

Denn objektiv betrachtet ist die Mannschaft ein Torso. Der einzige Leader steht im Tor und hat als Kapitän zu wenig Möglichkeiten, im Spielgeschehen mal ein Zeichen zu setzen. Ginter, Wendt, Strobl, Hazard - die Spieler, von denen man Führungsqualitäten erwarten könnte, blieben über weite Strecken des Spiels genaus das wieder schuldig. Tony Jantschke war überhaupt der einzige Verteidiger, der in der ersten Halbzeit eng und zweikampfstark an seinen Gegenspielern klebte. Elvedi und Ginters Zweikampfführung dagegen war erschreckend schwach. Strobl war mit den ganz eng anlaufenden Gegnern heillos überfordert, Hazard traute sich nichts und Plea hing in den ersten 60 Minuten völlig in der Luft - sowohl, was das Spiel nach vorne anging als auch beim Pressing in der gegnerischen Hälfte, bei dem keinerlei konsequentes und abgestimmtes Anlaufen zu beobachten war. 
Das wurde in der zweiten Hälfte nur ein bisschen besser. Erst mit der Einwechslung von Josip Drmic waren die Räume für die Stürmer so effektiv zu beackern, dass man Hoffenheim schon in der eigenen Hälfte unter Druck setzen konnte. 

Ausgerechnet die Youngster Neuhaus und Zakaria versuchten gefühlt als einzige verzweifelt, das Spiel in den Griff zu bekommen und auch mal schnell zu machen. Der Rest aber schaute diesen Bemühungen oft eher interessiert zu, ohne sich dem Mitspieler als Anspielstation zu zeigen. Geradezu erschreckend, wie einmal Neuhaus in der Mitte der eigenen Spielhälfte von TSG-Spielern verfolgt und attackiert wurde und dringend einen Partner für den Pass suchte. Doch keiner bewegte sich in Räume, wo er anspielbar gewesen wäre. Das kennt man aus der B-Klasse, nicht aber aus der Bundesliga.
 

Was dann doch mal nach vorne ging (weil auch Hoffenheim schludrig verteidigte), wurde kläglich zunichte gemacht durch schwache letzte Pässe, Flanken, die nicht durchkamen oder leichte Ballverluste. Auch das erste Tor war letztlich begünstigt durch einige Zufälle. Aber darüber will ich mich nicht beschweren, das mussten wir bei Gegentoren ja auch immer wieder beklagen. Und die Fehlerkette beim 1:2 war auch nicht weniger schlimm als die der Gäste beim 1:1.
 

Wieder ist die Frage: Wie bekommt man eine solche schwache Leistung bis zum nächsten Samstag aus den Klamotten? Und warum vertrauen die Spieler nicht darauf, was sie (erwiesenermaßen) können, sondern haben Angst vor dem, was sie falsch machen könnten?
Ich habe keine Antwort darauf. Ich weiß nur, dass die Pfiffe des Publikums dabei keine Hilfe sind. Wobei ich heute gestehen muss, dass ich das Pfeifkonzert in der Halbzeit heute zwar nicht gutheiße, aber doch gut nachvollziehen konnte. Es passte zu dieser erschreckend schwachen Leistung auf dem Platz.

Soll ich noch was zum Schiedsrichter sagen? Ich weiß ja nicht, ob es heute irgendeine positive Auswirkung auf das Gladbacher Spiel gehabt hätte, aber Sascha Stegemann verlor nach einer guten ersten Halbzeit das Gespür für die persönlichen Strafen merklich. Der Hoffenheimer Stefan Posch hatte schon in der ersten Halbzeit foultechnisch einiges auf dem Kerbholz und sich dann kurz vor der Pause die hochverdiente Gelbe Karte abgeholt. Als er dann um die 60. Minute herum Neuhaus mit offener Sohle auf den Knöchel trat, hätte sein Arbeitstag zwingend beendet sein müssen. Das hätte man mit glatt Rot bewerten können, zwingend aber mit der zweiten Verwarnung. Doch Stegemann sah gar kein Foul und sein Kollege Zwayer in Köln griff ebenfalls nicht ein. Unverständlich, zumal Neuhaus kurz zuvor für ein Foul, bei dem er zuerst aber deutlich den Ball gespielt hatte, mit Gelb bestraft worden war. Posch hingegen hatte nur den Fuß des Gegners getroffen. Die fehlende Konsequenz des Schiris in dieser Szene sorgte dafür, dass Hoffenheims Trainer Nagelsmann schnell genug handeln und Posch gegen einen unbelasteten Spieler auswechseln konnte.

Auch Kerem Demirbay hätte normalerweise vorzeitig duschen gehen müssen. Er hatte lange mit Fouls und häufigem Reklamieren um eine Karte gebettelt, ehe er in der 78. Minute für Ballwegschlagen Gelb sah. In der Schlussphase kam ein gelbwürdiges Foul in der Nähe des Strafraums dazu, doch Stegemann verzichtete auch hier auf die fällige Karte.

Nochmal zurück zu Borussia: Wie gehen wir jetzt in die Woche? Ich schlage vor, mit Minimalzielen. Heute wurde Platz 9 abgewendet, mit einem Sieg in Nürnberg bliebe der Abstand zu Platz 7 mindestens bei einem Punkt stehen. Und am 34. Spieltag wäre es dann ein Endspiel für mehrere Teams. Und auch wenn die anderen (bis auf Frankfurt) einen vermeintlich leichteren Gegner haben als der VfL - zumindest bestünde dann die Gelegenheit, mit einem beherzten Spiel (fast) alles vergessen zu machen, was sich in den vergangenen Wochen so schmerzhaft in der Fanseele eingebrannt hat. Ich gebe zu: So richtig kann ich nach dem heutigen Auftritt daran nicht glauben. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.


Bundesliga 2018/19, 32. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - TSG Hoffenheim 2:2 (Tore für Borussia: 1:1 Ginter, 2:2 Drmic)