2019-08-24

Handlungsschnell ins Glück

Hui, ein bisschen stolperig, aber auch der zweite Schritt in die Saison ist gelungen. Der VfL startet mit vier Punkten aus zwei Spielen und das ist das, was in ein paar Wochen noch übrig sein wird an Erinnerungen an das Auftaktprogramm gegen Schalke und Mainz. Doch dazu später mehr.

Da ich mich ja oft genug mit Schiedsrichtern beschäftige, deren Leistung mir nicht gefallen hat, will ich heute die lobenden Worte für Martin Petersen auch mal an den Anfang stellen. Es gelang ihm heute, ein sehr umkämpftes Spiel mit durchaus vielen Fouls sehr gelassen, souverän und ohne nennenswerte Fehler zu pfeifen. Die großzügige Linie bei Zweikämpfen hielt er auf beiden Seiten ziemlich gerecht durch. Die Verwarnungen gingen in Ordnung und auch bei den paar kniffligen Situationen, in denen vor allem Mainzer Spieler im Strafraum zu Boden gingen, lag er in Echtzeit richtig.

Dass das Spiel dennoch oft nicht besonders ansehnlich war, weil in außerordentlich vielen Zweikämpfen "Handarbeit" Trumpf war, war nicht sein Fehler. Es wurde für meine Begriffe heute besonders intensiv geklammert, gezogen und am Gegner gerissen. Und leider war Borussia darin noch etwas aktiver als die Gastgeber. 
Das Halten des Gegners wird ja meist dann nötig, wenn Fehler in der Ballannahme, im Stellungsspiel oder im Zweikampf ausgebügelt werden müssen. Und da sind wir schon mitten in der Analyse. Denn Fehler hat das Team um (die erneut nahezu fehlerlose Nummer eins) Yann Sommer heute eindeutig zu viel gemacht. Der Spielaufbau funktionierte nur phasenweise - und das waren eher wenige Phasen. Häufiger sorgte das hohe Pressing des Karnevalsvereins für leichte Ballverluste oder gar panikartiges Ballwegschlagen. Ein Leckerbissen war so nun wirklich nicht zuzubereiten. Allerdings zeigte Mainz ähnliche Schwächen, wenn es mal schnell nach vorne ging. 
Das Spiel war daher fußballerisch deutlich schwächer als die Partie gegen Schalke. Doch während der Gegner der vergangenen Woche seinen Defensivverbund bis zum Schluss dicht hielt, gelang das den Mainzern nicht. Das lag allerdings nicht an einer spielerischen oder konditionellen Überlegenheit der Gladbacher. Denn es war ein insgesamt ausgeglichenes Spiel. Borussia hatte beim Zustandekommen der ersten beiden Tore heute schlicht mehr Schwein. 


Aber der Sieg war eben auch nicht nur Glücksache. 
Und das ist das, was sich neben den wichtigen drei Punkten als gute Erkenntnis aus diesem Spiel mitnehmen lässt. Denn an der Basis aller drei Tore stand ein wichtiges Utensil erfolgreicher Mannschaften: Handlungsschnelligkeit. Beim Ausgleich war es Florian Neuhaus mit dem schnell ausgeführten Freistoß, dann der heute wieder sehr starke Laszlo Benes mit seinem guten Laufweg und dem Luftzweikampf, in dessen Verlauf der Ball etwas glücklich zu Plea und dann zum Torschützen Stefan Lainer kam, der ebenfalls schneller schaltete als seine Gegner.
Vor dem 2:1 war es Breel Embolo, der den Freistoß rausholte, indem er bei seinem Weg durchs Mittelfeld plötzlich die Lücke erkannte, ganz durchzulaufen. So war er nur noch durch ein Foul zu stoppen.

Und beim 3:1 waren es Embolo, Neuhaus und Plea, die mit wachem Kopf einen der besten Gladbacher Konter des ganzen Jahres kreierten. Da hatte Mainz in allen drei Szenen im entscheidenden Moment nichts gegenzusetzen.
Nicht zu vergessen, dass beim VfL auch im Tor ein sehr aufmerksamer Kapitän steht, der so manchen Patzer reparieren kann, wie Lainers Aussetzer mit dem schlimmen Ballverlust kurz vor der Halbzeit.

Dass in der Mannschaft vor allem fußballerisch noch erheblich mehr schlummert, dürfte jedem klar sein. Da ist Marco Rose noch ziemlich weit entfernt vom Idealzustand. Allerdings ist auf das Korsett bereits Verlass, und zum Glück reichte das am Anfang der Saison gegen zwei nicht zu unterschätzende Teams zu einem ungeschlagenen Start. Es könnte also schlechter aussehen. 
Natürlich darf man nicht ausblenden, dass gerade heute das Glück in manchen Szenen eher die Raute geküsst hat als das gegnerische Wappen. Dafür muss man sich nicht entschuldigen, man muss es nur richtig einordnen. Es wird auch Spiele geben, da fällt dem Gegner der Ball so vor die Füße wie heute Stevie Lainer. 

Andererseits gehört zur Wahrheit auch, dass in Jonas Hofmann und Strobl/Kramer wichtige Figuren in der Raute fehl(t)en und Zakaria es als Ersatz auf der Sechs richtig gut macht. Dennoch glaube ich, dass er auf der Acht noch effektiver sein wird. 
Es lässt sich festhalten, dass wir einen ganz starken Torwart und eine schon ziemlich robuste und widerstandsfähige Abwehrreihe haben. Die Innenverteidiger haben ihre Anfangsnervosität überwunden. Oscar Wendt zeigt, dass er seinen Platz nicht kampflos räumen wird und für mich spielt er gerade stärker als in jedem Spiel der gesamten letzten Saison. Lainer überzeugt durch seine Physis und gute Flanken, die leider aber noch zu selten eigene Spieler erreichen. Nach hinten merkt man ihm bisweilen noch an, dass er aus einer "langsameren" Liga kommt; auch an der Passpräzision muss er noch feilen.
Die Stürmer und Flo Neuhaus arbeiten hart, aber oft noch umsonst, vor allem, wenn es um das hohe Pressing geht, da klappt der Zugriff noch nicht wie gewünscht. Wie gut ist es da, wenn man den Sieg von der Bank einwechseln kann wie mit dem frischen Embolo heute. 
Einziger "Verlierer" heute war für mich Fabian Johnson. Er rackert zwar unermüdlich, doch insgesamt merkt man ihm schon an, dass ihm die vielen harten Zweikämpfe nicht schmecken, denen er auf der Achterposition nicht entkommen kann. 
Wenn Kramer nun wieder fit ist, könnte es sein, dass er nächste Woche rausrotiert wird. Denn Benes, Zakaria und Neuhaus sollten im Mittelfeld gesetzt sein. Das bedeutet auch, dass sich in Raffael, Herrmann und Traoré weitere namhafte Spieler erstmal hinten anstellen müssten. 
Dass es in der Mannschaft trotz der großen Konkurrenz stimmt, war allerdings auch heute wieder zu beobachten. Vor allem nach dem 3:1 von Embolo, als gefühlt alle Gladbacher auf dem Spielfeld und von der Bank zur Eckfahne rannten, um den leidgeprüften Schweizer zu herzen. Das war für mich definitiv die schönste Szene eines spielerisch-stressigen, aber gelungenen Fußball-Nachmittags. So kann es doch weitergehen, oder?  

Bundesliga 2019/20, 2. Spieltag: FSV Mainz 05 - Borussia Mönchengladbach 1:3 (Tore für Borussia: 1:1 Lainer, 1:2 Plea, 1:3 Embolo)

2019-08-17

Besser als die Null

Gut, ein 0:0 zum Bundesliga-Auftakt in einem Heimspiel ist nicht das Ergebnis, auf das man sich eine Sommerpause lang gefreut hat. Angesichts der Leistung der neuen Borussen-Elf wäre ein Sieg heute sicherlich auch verdienter gewesen. Doch die Leistung des kämperisch überragenden Stefan Lainer und seiner nicht weniger engagierten Kollegen lässt mich zufrieden meine erste Spielbilanz niederschreiben. Denn die war erheblich besser als es die Nullen auf dem Spielbogen nahelegen.

Der Grund dafür ist einfach: Gegenüber den Testspielen und dem Pokalspiel in Sandhausen präsentierte sich der VfL auf allen Baustellen deutlich sicherer und verbessert. Defensiv erstickten die zuletzt etwas unsicheren Elvedi und Ginter sowie die beiden Außenverteidiger (nicht nur Lainer, sondern auch ein sehr konzentrierter Oscar Wendt) nahezu alle Schalker Möglichkeiten schon im Keim. Die Gäste kamen durch Raman in der ersten sowie Burgstaller und Caligiuri in der zweiten Halbzeit letztlich zu genau drei passablen Torchancen. Sie alle verfehlten dabei jeweils das Tor aber deutlich, sodass Yann Sommer einen relativ ruhigen Abend verbrachte. Wäre Schalke in Führung gegangen, hätte es ein hässliches Spiel werden können. So aber war es eine sehr solide und souveräne Defensivleistung der Borussia. Das macht Mut.  

Offensiv gab es Licht und Schatten. Schalke präsentierte sich mit Ausnahme des neuen Trainers David Wagner gewohnt unsympathisch - fröhlich im Austeilen, weinerlich im Einstecken, verschwenderisch im Zeitspiel - und verlegte sich im Verlaufe des Spiels immer stärker auf jene unerquickliche Mauertaktik, mit der die Mannschaft unter Tedesco vor zwei Jahren relativ unverdient Vizemeister geworden war. Das sorgte nach einer ausgeglichenen Anfangsphase zwar für ein deutliches Ballbesitzplus für Gladbach. Daraus machte Marco Roses Mannschaft aber unter dem Strich zu wenig.

Was richtig gut war, waren viele erzwungene Ballergewinne tief in der Schalker Hälfte. Da war die Idee des Rose-Fußballs schon gut erkennbar. Viel besser war das Verhalten der gesamten Mannschaft in der Rückwärtsbewegung. Gut war auch, dass dabei deutlich weniger Fouls unterliefen als in den Spielen zuvor.

Zu oft fand der entscheidende letzte Pass am und in den Strafraum aber noch keinen Adressaten. Die Abstimmungsschwierigkeiten sind noch unübersehbar. So schlug Lainer schon klasse Flanken in den Strafraum, und aus dem Mittelfeld kamen viele ambitionierte Steilpässe. Allein zum Torschuss oder der kontrollierten Verwertung solcher Bälle reichte es zu selten. Deshalb hatte Borussia am Ende zwar die erheblich besseren Einschusschancen als der Gegner (zweimal Plea inklusive Pfostentreffer, Thuram, Raffael), aber eben auch nicht viel mehr Hochkaräter auf dem Konto.

Es braucht also noch einiges an Feinarbeit, bis im Spiel nach vorn die Rädchen reibungslos ineinandergreifen. Aber das muss man dem Team und dem Trainer zugestehen, das dauert einfach seine Zeit. 
Zumal die personellen Voraussetzungen heute auch noch nicht optimal waren. Sowohl Embolo als auch Thuram sind konditionell noch lange nicht bei 100 Prozent. Gerade der Franzose pumpte schon in der ersten Halbzeit zeitweise ganz schön, nachdem er viele Pressingläufe tief in der Schalker Hälfte hinter sich hatte. Wenn die beiden aber voll im Saft stehen, kann dieses Trio eine richtige Waffe werden. Heute zeigten aber auch Johnson, Raffael und kurz vor Schluss Traoré, dass sie sich nahtlos einfügen können.
Durch den Abgang von Cuisance (kein Wort mehr dazu von mir, hoffe ich) und die Ausfälle von Kramer, Strobl und Hofmann wurde vor diesem Spiel leider unerwartet das wirklich gut besetzte zentrale Mittelfeld erheblich ausgedünnt. 
Dadurch war Denis Zakaris auf der Sechser-Position defensiver gebunden als zuletzt, und für Laci Benes war es das erste Spiel in dieser personellen Konstellation. Beide lösten ihre Aufgabe aus meiner Sicht sehr, sehr anständig und kompromisslos. Bei Benes blitzt auch schon wieder die Torgefahr auf, die ihn ganz am Anfang seiner Zeit in Gladbach schon einmal gezeigt hatte. Damit hat er möglicherweise dem spielerisch etwas stärkeren Florian Neuhaus noch etwas voraus. 

Unter dem Strich überwiegt in meinen Augen ohne Zweifel an diesem Samstagabend das Positive. Eine Grundstabilität ist erreicht, auch das zweite Pflichtspiel zu Null absolviert. Nun kommt es darauf an, die Genauigkeit im Spiel nach vorn und beim Torschuss zu verbessern. Wie schnell das geht, muss abgewartet werden.

Am meisten musste ich mich ohnehin heute über die schwachen Leistungen vom neuen Sky-Dampfplauderer Buschmann (ich glaube immer, ich bin im Fifa-Computerspiel gelandet) und dem angeblichen Spitzenschiedsrichter Dr. Felix Brych ärgern. Letzterer ignorierte konsequent die vor der Saison noch einmal ausdrücklich kommunizierte Möglichkeit, nach Fouls weiterspielen zu lassen und Akteure bei der nächsten Spielunterbrechung zu verwarnen. Das ersparte Schalke drei bis vier Gelbe Karten, von denen eine gegen Stambouli schon in der ersten Hälfte zu Gelb-Rot geführt hätte. Einmal unterbrach er dafür entgegen der Regelhüter-Empfehlung einen Gladbacher Konter, um Caligiuri für ein taktisches Foul zu bestrafen. 
Ansonsten gab es traditionell Grund, sich über eine Reihe von Zweikampf-/Foulbeurteilungen zu ärgern, wobei er da durchaus beide Teams benachteiligte. Da am Ende nichts Spielentscheidendes dabei war, konnte ich mich wenigstens nach Spielschluss schnell wieder entspannen. 

Zur Stimmung im Stadion will ich heute noch nicht viel sagen, weil das vor dem Fernseher täuschen kann. Allerdings hat die "Seele" als Einlaufhymne heute für mich leider schon einen großen Nachteil offenbart. Denn sie ist von einem gut gefüllten Gästeblock wie den Schalkern heute leicht zu stören. Aber da fehlt vielleicht auch einfach noch ein bisschen Textsicherheit außerhalb der Nordkurve und mehr Power insgesamt beim Intonieren. 

Nun schaue ich aber erst mal gespannt darauf, wieviel Borussia vielleicht bis nächste Woche in Mainz noch draufpacken kann. Und darauf freue ich mich nach dem heutigen hoffnungsvollen Auftritt schon.

Bundesliga 2019/20, 1. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Schalke 04 0:0

2019-08-10

Durchatmen, Haken dran

Puh. Das war ein harter Abend zum Saisonauftakt. Erst die Unwetterunsicherheit, der verspätete Anpfiff, ein klatschnasser Platz und ein Gegner, der selbst in aussichtslosen Spielsituationen keinerlei Rücksicht auf die eigene und die Gesundheit des Gegners zu nehmen bereit war. Am Ende steht - nach ungefähr 100 umkämpften Minuten - das knappste aller Ergebnisse auf der Habenseite des VfL. 
Und obwohl der Zweitligist für meinen Geschmack Borussias Schwächen viel zu oft und zu deutlich aufzeigte und man sich daher auch über einen anderen Spielausgang nicht hätte beschweren können, bin ich mit diesem ersten Schritt in die Saison ziemlich zufrieden.


Das hat zum einen damit zu tun, dass ich glaube, dass keine Borussia-Startelf der vergangenen vier Saisons diesen Charaktertest heute bestanden hätte. Na klar, niemand durfte erwarten, dass der Erstligist in dieser Konstellation mal schnell über den klassentieferen Gegner hinwegfidelt. Sandhausen hat zwar nicht die ganz große Klasse, um zum Beispiel um den Aufstieg mitzuspielen. Dennoch ist es ein berüchtigter Gegner, vor allem im eigenen Stadion.
Und einer, der anderen alles abverlangen kann.
Die Borussias der vergangenen Jahre wären aber vielleicht dennoch nicht in der Lage gewesen, ausreichend gegenzuhalten - weil es ihrem Spiel überhaupt nicht entsprach.

Der Sieg heute war ein Sieg des Willens und der richtigen Einstellung. Sicher nicht schön, aber ehrlich erkämpft (auch wenn Sandhausens Präsident da seine deutlich abweichende Meinung exklusiv für sich hatte). Gegen einen bekannt kampfstark bis ruppigen Gegner, der schon zwei Wettkampfwochen voraus ist,  bis zum ende erfolgreich gegenzuhalten, und das auf einem kräfteraubenden Boden - darauf darf man stolz sein.
 
Ich habe ein paar vielversprechende Angriffskombinationen gesehen, in den Neuzugängen Embolo und Thuram zwei Spieler, die uns richtig Wumms nach vorne verleihen können - zusammen natürlich mit dem leichtfüßigeren Alassane Plea, der auch heute wieder eine erstaunliche Frühform zeigte und dafür mit jeder Menge Tritten des Gegners bestraft wurde. 
Nach Hofmanns Ausscheiden, der viele Angriffe von der Linksverteidigerposition aus startete, änderte sich die Spielstruktur, leider zum schlechteren. Embolo, der für ihn reinkam, ist ein ganz anderer Spielertyp, und auch Fabian Johnson, der die linke Achterposition wenig später übernahm, hat bei weitem nicht die Spielmacherqualitäten wie Hofmann. Weil auch Neuhaus selten in die richtigen Räume kam, bekam Borussia kaum noch sauber aufgezogene Spilzüge aus der eigenen Hälfte hin. Unter Druck verlegte man sich wieder einmal auf lange Bälle, die schnell wieder zurück kamen. Das wird Marco Rose sicher nicht geschmckt haben.

Die schwache Passquote kann man bei solchen äußeren Bedingungen beiseite lassen. Relevanter ist da schon die dünne Zweikampfquote von defensiven Schlüsselspielern wie Ginter (50 Prozent), Elvedi, Wendt (je 42) und Lainer (38). Allerdings muss man zugeben, dass die wuchtigen Sandhausener Spieler bei den vielen langen Bällen schwer zu verteidigen sind. Und letztlich gelang es doch immer wieder, im Verbund mit dem hellwachen Yann Sommer die Bälle zu klären. Auch wenn das oft nicht sehr souverän aussah.    

Entscheidend war gestern nur das Weiterkommen. Das hat die Mannschaft sich verdient, auch wenn hier und da ein bisschen Glück dabei war. Natürlich gab es einiges zu sehen, was man sich gegen Schalke am nächsten Samstag nicht leisten darf. Dazu gehört das unentschlossene Pressing in manchen Situationen, was dem Gegner gefährliche Lücken offenbart, die er in seinem Spiel nach vorn nutzen kann. Genauso verfiel man in der zweiten Halbzeit zeitweise wieder in alte Muster, zirkulierte den Ball zu langsam in den eigenen Reihen und verpasste damit einige Chancen für überraschende Pässe für die gut in die Spitze startenden Stürmer. Ich verzichte aber darauf, das hier im einzelnen zu sezieren, weil die Partie in Sandhausen einfach unter sehr ungewöhnlichen Bedingungen stattfand. Im Vordergrund steht, dass unter das Erreichen der nächsten Runde im DFB-Pokal ein Häkchen gemacht werden kann. Und das gegen den sicher unbequemsten Gegner, den man als Bundesligist in der Auftaktrunde bekommen konnte und unter Leitung eines Schiedsrichter-Gespanns um Robert Hartmann, das nicht immer (vor allem in der Schlussphase) auf der Höhe war, aber zum Glück keine spielentscheidenden Fehler machte. 


DFB-Pokal 2019/20, 1. Runde: SV Sandhausen - Borussia Mönchengladbach 0:1 (Tor für Borussia: 0:1 Thuram)

2019-08-07

Vorfreude und ein kleines bisschen Angst

Ein paar Stunden noch, dann gilt's - die neue Saison steht unmittelbar vor der Tür. Und wer jetzt vorhersagen kann, wie Borussia in die neue Spielzeit startet, hat meine volle Hochachtung.

Ich kann es beim besten Willen nicht, allen Testspieleindrücken zum Trotz. Ich erwarte einen harten Kampf im Pokal gegen einen gefährlichen und giftigen Gegner aus der zweiten Liga. Und ich erwarte einen schwierigen Bundesliga-Start, der mit dem nötigen Quäntchen Glück ähnlich erfolgreich sein könnte wie der in der vergangenen Saison. Der aber auch voll in die Hose gehen könnte.

Um die Offensive mache ich mir dabei wenig Sorgen, auch wenn neben dem schon im vollen Saft stehenden Alassane Plea die beiden wuchtigen Sturmkandidaten Breel Embolo und Marcus Thuram noch nicht fit sein dürften für 90 Minuten. Ich könnte mir daher vorstellen, dass Patrick Herrmann gute Chancen haben könnte, gegen Sandhausen in der Startelf zu stehen. Davon abgesehen ist der VfL offensiv mit Hofmann, Neuhaus, Zakaria, Cuisance und Raffael so durchsetzungsfähig besetzt, dass man gegen jede gegnerische Defensive Lösungen finden kann.

Doch es gibt einige Punkte, die die Mannschaft in den Testspielen noch nicht oder nur phasenweise zufriedenstellend lösen konnte. Natürlich lässt sich da nicht einfach ein Schalter umlegen und alles funktioniert plötzlich. Aber es sind die Baustellen, die über einen guten Start in die Saison oder einen Fehlstart entscheiden.

1) Die Rückwärtsbewegung bei Ballverlusten oder dann, wenn der Gegner das VfL-Pressing mit langen Bällen überwinden kann. Das kollektive Verteidigen in solchen Situationen war schon unter Hecking oft fehleranfällig, viele Gegentore entsprangen solchen Situationen. Unter Rose stört Borussia oft noch früher, steht noch höher und hat dadurch längere Wege nach hinten, wenn es brennt. Die Probleme mit solchen Gegenangriffen waren in allen Testspielen unübersehbar. Das Gute ist, dass das Team daran kontinuierlich arbeitet und die Automatismen zunehmend greifen werden. Dennoch bleibt hier ein nicht geringes Risiko. Sandhausen wird unserem Team da richtig auf die Zähne fühlen.

2) Wie gefestigt ist der VfL mental bei Rückschlägen? Marco Rose hat deutlich gemacht, dass er dem Team das Selbstvertrauen und den Glauben an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten einimpfen will. Das ist entscheidend, wenn ein Pressing schiefgeht und etwa in einen Rückstand mündet. Ist dann der Wille und das Vertrauen da, dennoch genauso weiter zu spielen oder zieht sich die Mannschaft dann auf das vermeintlich sichere (aus der Vorsaison noch eingeübte) Ballbesitzspiel zurück? So war es etwa phasenweise gegen Angers und Bilbao, als lange gar nichts passierte, weil der Ball mehr oder weniger zirkulierte und der Gegner durch geschicktes Verschieben in der Defensive den Borussenstürmern jede Stärke nahm.
Ich bin gespannt, wie Elvedi und Co damit in den ersten Pflichtspielen umgehen. Denn mentale Stärke ist in der Mannschaft ohne Zweifel vorhanden. Doch es kommt noch mehr als vorher darauf an, auch die Schritte mehr zu laufen, die richtig wehtun - weil man vollends überzeugt ist, dass man genau darüber letzten Endes auch zum Erfolg kommen wird.

3) Der Zugriff in der Abwehr. Ginter und Elvedi, aber auch Tobi Strobl oder Stefan Lainer wirkten in einigen Spielen nicht so fokussiert, verloren relativ viele entscheidende Zweikämpfe. Auf diese Sicherung muss sich Borussia im Rose-Offensiv-Modus aber mehr denn je verlassen können. Denn auch wenn Yann Sommer schon wieder in blendender Verfassung ist: Alles kann selbst er nicht halten.

4) Die Foul-Quote. Aggressiv zu Werke gehen und Bälle erobern, ohne zu viele Fouls zu ziehen - das ist ein Schlüssel zum Erfolg unter Marco Rose. Borussia verursachte in den Vorbereitungsspielen für meinen Geschmack viel zu viele vermeidbare Fouls. Die sind zwar meist nicht böse und auch kaum taktischer Natur. Aber wir alle wissen, wie wenig berechenbar mancher Schiedsrichter in der Liga ist. Oft reicht die reine Häufung von Fouls - gerade bei den zentralen Mittelfeldspielern -, um sie zu verwarnen und damit zu einem Teil auch aus dem körperbetonten Spiel zu nehmen. Das muss nicht sein.

5) Konzentration auf schnörkelloses Spiel. Borussia hat in der Vorbereitung eine Reihe toller Tore erzielt. Vor allem gelang das dann, wenn ganz einfach gespielt wurde. Paradebeispiel waren die beiden Tore gegen Chelsea, an denen jeweils Plea entscheidenden Anteil hatte. Viel ging zwischendrin aber auch ins Leere, weil die Laufwege nicht stimmten oder Dinge versucht wurden, die zwar schön aussahen, aber zu ambitioniert waren. Schnelle Pässe, klatschen lassen, einfache Laufwege und präzise Pässe in den Lauf sowie klare Abschlüsse, die nicht in gefährliche Gegenangriffe verwandelt werden können: Das klingt zwar selbstverständlich, ist aber in den Testspielen kein Selbstläufer gewesen. 

Ich bin wirklich gespannt, ob es in den ersten Spielen gelingt, all diese "Schwächen" sofort in den Griff zu bekommen. Die anderen Mannschaften schlafen ja schließlich auch nicht. Deshalb behalte ich erstmal meine leichte Skepsis bei, um mich hoffentlich positiv überraschen lassen zu können. Ich bin fest davon überzeugt, dass Marco Rose und sein Team der Mannschaft ihre Spielidee vermitteln können. Es könnte aber eben ein paar Spieltage dauern, bis alles ineinander greift. Und in der Bundesliga gibt es keine Gegner, die Schwächen bis dahin nicht rigoros ausnutzen wollten. 

Wie gelingt der Saisonstart also? Ich denke und hoffe, dass in der ersten Pokalrunde noch nicht Schluss sein wird, dann aber mit einem eher knappen Ergebnis und demr einen oder anderen Portion Sand im Getriebe. Das Auftaktprogramm in der Bundesliga ist mit Schalke, Mainz, Leipzig und K*** auch nicht ohne. Wenn Borussia da mit sechs Punkten (plus x) rauskäme (inklusive natürlich der drei Derby-Pflichtpunkte), wäre es nicht die schlechteste Ausgangsposition. 
Das ist defensiver, als es die Vorschusslorbeeren für das Team Rose und die ohne Zweifel durch die Neuzugänge merklich verstärkte Mannschaft vielleicht von außen erwarten lassen. 
Aber ich glaube, dass den meisten Gladbach-Fans durchaus klar ist, dass es auch unter diesen verbesserten Voraussetzungen nicht in Schallgeschwindigkeit von Null auf Hundert gehen wird. Geduld und Nachsicht sollte für die kommende Saison vielleicht sogar das wichtigste Utensil des VfL-Fans sein. 

Also: Auf eine gute Saison 2019/20! Die Seele brennt - egal wann sie gespielt wird!

2019-07-20

Erste Blüten an Borussias neuer Rose

Drei Wochen sind es noch bis zum Saisonstart mit dem DFB-Pokal-Erstrundenspiel, und nun beende auch ich meine - diesmal länger als üblich ausgefallene - Sommerpause. 
Wenn ich ehrlich bin, hatte ich schon ein schlechtes Gewissen, noch nichts geschrieben zu haben, wo die Mannschaft mit dem neuen Trainerstab nun doch schon fast drei Wochen im Training ist. Aber es gab noch nichts, was ich unbedingt loswerden musste. Und dann gab es noch einen zweiten Grund, der meine Vorfreude auf die neue Spielzeit bisher arg gedämpft hat und weiter dämpft. Dazu später mehr.

Dieses Jahr war bei Gladbach einiges deutlich anders als in den Sommerpausen zuvor. Die Transfers stockten lange, dann kamen die etwas überraschenden Zugänge Max Grün, Stefan Lainer und Breel Embolo, die bei näherem Betrachten aber eigentlich ziemlich schlüssig sind. 
Dazu gehört natürlich der erfahrene Grün als Backup im Tor für den sinnvollerweise ausgeliehenen Moritz Nicolas. Auch dass Marco Rose einen seiner bisherigen Spieler mitbringen würde, um auf dem Platz einen zu haben, der seine Vorstellungen "auf dem kurzen Dienstweg" vermitteln kann, hatte ich wohl einkalkuliert - dabei aber wie fast alle eher auf Xaver Schlager oder Fredrik Gulbrandsen getippt.
Und dass Max Eberl Spieler, die er haben will, auch gern mal im zweiten Anlauf (zudem billiger und vielleicht sogar williger) holt wie bei Embolo, hat er ja schon mehrfach bewiesen - etwa bei Drmic, Kruse, Ginter oder Hofmann. Embolos Verletzungshistorie sehe ich dabei als nicht so entscheidend an, weil die meisten seiner Verletzungen - ähnlich wie bei Lars Stindl - durch spieltypische Einflüsse zustande kamen und nicht unbedingt auf eine chronische körperliche Schwachstelle weisen. Ich denke, dass wir an dem Schweizer viel Freude haben werden.
 
Nun kommt ja auch noch für die Offensive Marcus Thuram, womit man Max Eberl schon jetzt und wieder einmal richtig gute Arbeit bescheinigen kann. Alle drei Zugänge bringen große Qualität neu in den Kader. Und auch für die Verteidigerposition wird es am Ende wohl noch einen Spieler geben, der ins Konzept und Budget passt.
Im Gegenzug werden wohl auch Spieler noch gehen, meine Tipps wären Poulsen (Leihe) und Michael Lang. Sollte sich die Situation um Mika Cuisance noch zuspitzen, halte ich auch seinen Verkauf nicht für ausgeschlossen (gegen entsprechende Weiterverkaufsbeteiligungen). Denn auch wenn er im Testspiel wieder einmal sein großes Können zur Schau stellte und ein schönes Tor erzielte, agierte er für meine Begriffe bisweilen auch wieder eigensinnig und fehlerbehaftet (er wurde von Rose mehrfach korrigiert). Vor allem bleibt seine auch öffentlich geäußerte Anspruchshaltung ein schwelender Brandherd. Denn er ist bei weitem nicht der einzige, der sich begründete Hoffnung auf einen Stammplatz in der Mittelfeldraute ausrechnen darf - aber er ist der einzige, der eine Drohkulisse ("Sonst bin ich weg") dafür aufbaut. Ich habe großes Vertrauen, dass Marco Rose mit seiner ruhigen, aber verbindlichen Art die richtigen Worte für das ungeduldige Riesentalent finden wird. Doch ob der Franzose es auch verinnerlicht, dass er keine Extrawurst gebraten bekommt, und daraus die richtigen Schlüsse zieht, muss sich zeigen.

Die Befürchtung, die viele (auch ich) hatten, dass die Anforderungen von Marco Rose nicht mit allen vorhandenen Spielern kompatibel sein könnten, habe ich in den vergangenen Tagen leichten Herzens verworfen. 
Und ich habe mich dabei auch ein wenig geschämt und geärgert, dass ich mit meinen Zweifeln langjährigen Borussen wie Wendt, Jantschke, Johnson oder Herrmann (und nicht zum ersten Mal) quasi abgesprochen habe, dass sie in ihrem Beruf natürlich genauso lernfähig sind wie wir in unseren "Allerweltsberufen". Und dass sie ihre Aufgaben auch unter anderen taktischen Vorgaben mehr als ausreichend zu erfüllen vermögen. 
Man tut als Außenstehender jemandem leicht mal unrecht, schreibt manchmal Spieler zu früh und leichtfertig ab. Doch bisher haben gerade diese Spieler ja unter jedem Trainer wieder ihre Chance bekommen. Ich hätte das also von Beginn an entspannter sehen können.

Ich habe bis jetzt noch relativ wenig live sehen können, in Gänze nur das Testspiel gegen Basaksehir und ein paar Szenen aus den Testspielen zuvor. Doch das, was da zu sehen war, hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, sich nicht nur auf die Neuzugänge zu konzentrieren, sondern darauf, wie gerade die altgedienten Spieler mit dem Rose-System zurecht kommen. Ein Beispiel ist Alassane Plea, der ein Dreh- und Angelpunkt im Spiel nach vorne ist, obwohl ihm mancher schon Fluchtgedanken angesichts der künftigen Spielweise unterstellte. 
Doch auch die eben Genannten - Herrmann, Johnson, Wendt und Jantschke, natürlich auch Maestro Raffael, haben mir gezeigt, dass sie bereit sind für Roses Borussia. Na klar, Testspiele sind Testspiele, und gerade Jantschke hatte gegen den Erdogan-Club bei einigen schnellen Gegenangriffen auch seine Probleme. Doch insgesamt war das schon sehr flüssig.
Das 5:1 gegen Basaksehir war hochverdient und sehr ansehnlich - mit tollen Toren. Aber man darf es wie immer nicht zum Maßstab nehmen. Die Jahre zuvor haben oft schon gezeigt, dass gerade die jungen Spieler und die U23-Gäste sich dort ganz hervorragend verkauft haben, um dann in der ganzen Saison bei den Profis unberücksichtigt zu bleiben (und das sicher nicht grundlos). 

Der klarste Hinweis darauf, dass das Basaksehir-Spiel nicht zu ernstgenommen werden darf, ist der, dass in beiden Halbzeiten komplett andere Teams auf dem Feld standen. Ein Stevie Lainer konnte nur deshalb so beiendruckend oft die Linie rauf und runter rasen, weil er wusste, dass er dies an diesem Tag nur 45 Minuten lang würde tun müssen. Und so war es auch bei den anderen. Keiner der Spieler würde in dieser Intensität über 90 Minuten gehen können. Das verzerrt den Eindruck also schon. Andererseits zeigt es uns Fans ganz deutlich, wie laufen könnte, wenn es gut läuft. Und wie heftig die Rose-Elf den Gegner gerade in Halbzeit eins permanent durch frühes Angreifen unter Stress setzte und zu Fehlern zwang, war bemerkenswert.

Die Nachteile waren allerdings genauso deutlich zu sehen. Wenn sich die technisch starken Türken der ersten Angriffswelle des VfL mal entziehen konnten und den Ball präzise lang auf den Flügel legten, überspielten sie mit einem Streich ziemlich leicht gleich sieben oder acht Gegenspieler, sodass es hinten mehrfach zu kitzligen Eins-gegen-Eins-Situationen kam, in denen die Innenverteidiger nicht immer souverän aussahen. 
Tony Jantschke hat genau das auch in einem Interview angesprochen, mit dem Verweis auf das verlorenen Düsseldorf-Spiel aus der Rückrunde, wo die Fortuna genau über diese Schnittstellen-Bälle zum Erfolg kam. An solchen Dingen wird natürlich weiter gearbeitet, so dass bis Saisonstart hier eine deutlich stabilere Absicherung stehen sollte. 

Auf jeden Fall verspricht diese Art Fußball aber ein deutlich lebendigeres, intensiveres und spektakuläreres Spiel, als wir es in der Rückrunde zu sehen bekamen. Und das ist das, auf das wir uns freuen können, unabhängig davon, ob es schon von Anfang an so Früchte trägt wie erhofft. Darauf, das in Pflichtspielen zu sehen, bin ich sehr gespannt und voller Vorfreude.

Wie ich anfangs schon schrieb, ist ansonsten meine Ungeduld und euphorische Freude auf eine neue Saison sehr gebremst. Und das hat natürlich mit der Entwicklung auf dem Transfermarkt zu tun, der den erhofften Wettbewerb auf nationaler und internationaler Ebene - der den Fußball überhaupt nur trägt -, letztlich zu einer Farce und einem Lotteriespiel für viele Vereine macht. Darauf genauer einzugehen, behalte ich mir für eine andere Gelegenheit vor, sonst wird der Text hier viel zu lang. Aber wer aufmerksam verfolgt, welche willkürlich aufgerufenen perversen Summen nun auch schon abseits der absoluten Topklubs fließen, weiß, worauf ich hinaus will. 
So wird zum Beispiel aus einem vor kurzem noch auf Leihspieler angewiesenen Club wie Frankfurt nun einen "Krösus", der einen dreistelligen Millionenbetrag einsetzen kann, für den er zugebenermaßen sein Erfolgstrio im Sturm ersetzen muss. Doch auch der VfL ist ja nicht bis zum Transferschluss Anfang September nicht sicher. Wenn jemand in England oder anderswo späte Transferpanik bekommt und für Elvedi oder Ginter 50 Millionen Euro auf den Tisch blättern würde, müsste sich der Verein damit beschäftigen und eigentlich einschlagen. 
Das alles macht einen berechenbaren Wettbewerb unmöglich. Fair ist er ohnehin nicht, weil ja auch ein Verein wie Borussia - in anderem Maßstab - längst handelt wie die Großen. Aber zu dieser übergeordneten Problematik vielleicht später noch mehr. 

Nun gilt es aber erstmal, die Entwicklung der Rose-Schützlinge in der Vorbereitung weiter zu beobachten. Und da steigt die Vorfreude auf die neue Saison ja doch irgendwie wieder - von Tag zu Tag.

2019-06-05

The times they are a changing (III): Alles neu dank neuem Trainer?

Es hat ein bisschen gedauert mit dem dritten Teil meiner kleinen "Veränderungs-Serie". Ich habe mir bewusst die Zeit gelassen und auch noch die offizielle Präsentation von Marco Rose abgewartet, bevor ich mich der Trainerposition widmen wollte.

Normalerweise ist es so, dass sich ein gut geführter Verein ein Konzept gibt, das eine Spielidee, taktische Schwerpunkte und eine Philosophie im Umgang mit dem Markt umfasst, das von der Jugend bis zu den Profis vermittelt und vorgelebt wird und das natürlich zu dem Verein und seinen (finanziellen) Möglichkeiten passen soll. Innerhalb dieser Vorgaben muss sich dann ein Trainer bewegen. Denn auch wenn dieser mit einer noch so guten Idee zu einem Verein kommt, wäre es fahrlässig, daraufhin alles im Verein auszurichten. Schließlich kann niemand garantieren, ob dieser Trainer auf Dauer im Verein tätig sein wird. Er muss ersetzbar sein, daher muss immer die Philosophie des Vereins vor der des Trainerteams stehen. Es mag Ausnahmen geben, aber Gladbach gehört bislang sicher nicht dazu.

Angesichts der doch abrupten Kurskorrektur ist denkbar, dass das neue Trainerteam künftig eine etwas stärkere Rolle und mehr Einfluss auf die Entscheidungen im Club bekommt als die Trainer zuvor. Das ist nicht ganz ungefährlich, kann aber mittel- bis langfristig auch ein Erfolgsfaktor sein.

Nun hat die Verpflichtung von Marco Rose unter der VfL-Anhängerschaft große Erwartungen und Hoffnungen geweckt, nicht zuletzt aufgrund der eher uninspirierten Rückrunde der Fohlenelf. Darüber ist die Arbeit von Dieter Hecking und seinem Team sicher ein wenig zu negativ bewertet worden. Aber darum geht es mir heute nicht.

Es geht mir darum, klarzumachen, dass eine zu hohe Erwartungshaltung eine gefährliche Entwicklung in Gang setzen könnte, wenn es nicht gleich in der nächsten Runde deutlich besser läuft als unter Hecking.
Auch wenn Rose und seinem Team der Ruf vorauseilt, eine Mannschaft hervorragend einstellen zu können und sie bislang tolle Arbeit in Salzburg abgeliefert haben: Der neue Trainer hat hier mehr Arbeit, als man wahrscheinlich in einer einzigen Sommervorbereitung erledigen kann. Und im Herbst kommt dann wieder die Phase, wo wir uns endlich wieder auf Spiele im Drei-oder-vier-Tage-Takt freuen können. Das bedeutet zugleich, dass kaum Feinarbeit im Training stattfinden kann. Wir kennen das ja noch aus der Favre- und Schubert-Zeit. Und das kann schnell zum Nachteil werden - wenn noch nicht alles rund läuft.

Ich nehme die kommende Saison deshalb als Übergangsjahr, als ersten Teil eines Neuaufbaus, der wahrscheinlich erst abgeschlossen ist, wenn ein Großteil der heutigen Spieler nicht mehr im Kader stehen werden. Ein fachkundiger guter Bekannter, Fan der falschen Borussia, ist überzeugt, dass Marco Rose ein Glücksfall für uns ist. Er hat die Verpflichtung Roses mit der Phase in Dortmund verglichen, als Jürgen Klopp zum BVB kam und eine am Boden liegende Mannschaft erst stabilisiert und dann völlig neu ausgerichtet hat (und dies in Liverpool auf anderem Niveau wiederholt hat).

Der Unterschied von Dortmund damals zu Gladbach heute: Aufgrund der schnell in Unzufriedenheit umschlagenden Stimmung in den letzten Wochen hoffe ich, dass die Fans dem neuen Trainer auch bei uns die nötige Zeit einräumen, die Mannschaft neu aufzubauen. Das bedeutet auch, die Erwartungshaltung ohne Murren herunterzuschrauben, wenn nicht gleich alles glatt läuft - und vielleicht nicht gleich wieder einen Europapokalplatz zu erwarten. Klar, vielleicht läuft es auch gleich besser. Aber möglicherweise auch nicht. Und dann ist die "Einstelligkeit", die von der Vereinsführung immer wieder hervorgehoben wird, diesmal als Ziel wohl auch absolut angemessen.

Aber was kann man vom Team Rose nun denn genau erwarten? Vor allem das, was wir zuletzt vermisst haben: Die Gier, den Ball zu erobern - den Siegeswillen, der sich schon in der Körpersprache ausdrückt. Schnelles Spiel, mehr Stress für den Gegner im Aufbau, selbst deutlich zielstrebigeres Spiel nach vorn. Also im Prinzip das fehlende Puzzlestück im gewohnten ballbesitzbetonten, aber oft zu wenig "tödlichen" Spiel nach vorn. Das zusammenzubringen ist eine große Aufgabe. Doch erstens hat Borussia unter Favre, Schubert und auch unter Hecking in der Vorrunde vieles von dem schon mal gezeigt. 
Und zweitens: So fokussiert und gewinnend, wie sich Marco Rose vergangene Woche in Gladbach vorgestellt hat, kann man ihm auch zutrauen, dass er sein Team genau so formt - selbst wenn man sich das bei dem einen oder anderen, der jetzt im Kader steht, noch nicht immer vorstellen kann.

Ich jedenfalls bin schon etwas beruhigter, seit ich Rose bei der Pressekonferenz gesehen habe. Dass er fähige Leute mitbringt, ist unstrittig: den begabten Taktiker René Maric, den Stürmercoach Alexander Zickler (der bei mir aber eigentlich immer noch eher als Chancentod abgespeichert ist, er wurde ja wohl erst in der schwachen Ösi-Liga zum "Tormonster"), aber auch den Fitness-Coach Patrick Eibenberger. Ich gehe davon aus, dass der jetzige Kader auch in dieser Hinsicht lernfähig und anpassungsfähig erweisen wird. Besonders für die wendigen Hofmann, Zakaria, Benes, Neuhaus, aber auch für Cuisance (wenn er seine Spielmacherallüren zügelt), sehe ich in aktiven Pressingpositionen im Mittelfeld und als Ausgangspunkt für wendige Umschaltmomente gute Chancen unter Rose. 
Inwiefern von außen Spieler dazu kommen, die in dieses System noch besser passen könnten, kann man erst sagen, wenn auch beim VfL der Transfermarkt ins Rollen gekommen ist. Sicher ist, dass auf den Außenpositionen noch Bedarf ist, wohl auch für einen weiteren Stürmer. Wir werden sehen. Aber vertrauen wir in dieser Hinsicht erstmal auf Max Eberl und Marco Rose. Und fahren die Vorfreude auf die neue Saison langsam wieder hoch.

2019-05-19

Spiegelbild der Saison


Er war ein gutes Spiegelbild der gesamten Saison, der letzte Auftritt der Fohlenelf in diesem Spieljahr. Eine gute Halbzeit, die mit einem eher unverdienten Tiefschlag endete. Und eine ziemlich schwache zweite Hälfte, die einmal mehr illustrierte, warum am Ende im und rund um den Borussia Park - trotz des sehr guten Abschneidens - eher gedrückte Stimmung herrschte und nicht die angemessene Feierlaune angesichts der bevorstehenden Europareisen.
Die Saison ist endlich rum, dieses Gefühl scheint uns alle zu einen. Und deshalb will ich auch nicht noch einmal an den Einzelheiten dieses Spiels abarbeiten und was wann wie hätte anders laufen sollen und müssen. Für mich gab es einen starken Auftritt in den ersten 25 Minuten und insgesamt eine tolle Körpersprache und geschicktes Zweikampfverhalten, mit dem Dortmund nicht zurecht kam. Erst nach und nach ließ sich der VfL mehr und mehr in die eigene Hälfte zurückfallen und überließ den Gästen damit mehr Spielkontrolle. Das war schlecht und sorgte dafür, dass sich der BVB in der Phase vor der Halbzeit auch mal gefährlicher vor den Gladbacher Tor zeigte.
Dass das Tor dann noch vor der Halbzeit fiel, war nicht gänzlich überraschend, aber zu diesem Zeitpunkt nicht verdient. Die beste Chance hatte bis dahin Ibo Traoré mit seinem Lattenschuss gehabt. 
Ich halte das Tor auch für irregulär, weil aus meiner Sicht der Ball schon im Toraus gewesen ist. Beweisen lässt sich das allerdings nicht.  Es bleibt allerdings rätselhaft, warum Schiedsrichter Gräfe, wenn er nach Ansicht der Videobilder das Tor schon gelten lässt, als Begründung ausgerechnet anführt, dass er sich dann letztendlich auf den Eindruck seines Linienrichters verlässt, der den Ball auch nicht im Aus gesehen hat. Nur damit das klar ist: Dieser Assistent stand Luftlinie gute 40 Meter weg vom Ball, hatte ein Torgestänge in seinem Sichtfeld und stand sicher auch zu diesem Zeitpunkt nicht direkt auf der Torlinie. Und: Er hatte in unmittelbarer Nähe bereits zweimal Bälle durchgewunken, bei denen ich aus 70 Metern Entfernung sehen konnte, dass zwischen Seitenlinie und Ball der Rasen durchscheint. 
Man kann heilfroh sein, dass dieses Tor und das Ergebnis im Borussia Park weder für uns noch für die Meisterschaftsentscheidung relevant wurde. Das hätte ein ziemliches Theater gegeben.
Sei‘s drum, an diesem Tor allein kann man nicht festmachen, was im Anschluss mit der Mannschaft passierte. Sie schien wie gelähmt und fiel in den Modus der vergangenen Wochen zurück. Harmlos, nervös, fehlerhaft und wieder viel zu passiv, was dem BVB erlaubte, zu schalten und zu walten, wie er wollte. Zum Glück war auch für Dortmund bald klar, dass es nichts würde mit der Meisterschaft, sonst hätten sie die Schwächen der Gladbacher sicher noch konsequenter ausgenutzt.
Trösten kann uns, dass selbst ein Sieg gegen Dortmund wohl nichts an der Endplatzierung geändert hätte. Aber genauso haarscharf rutschte die Hecking-Elf an einem schlechteren Platz vorbei: weil Wolfsburg trotz 8:1 (!) am Ende ein Tor fehlte, und weil Hoffenheim auf der Ziellinie erneut patzte. 
Deshalb hätten wir eigentlich Grund haben müssen, ausgelassen zu feiern. Denn Platz 5 ist für Borussia immer noch eine wahnsinnig gute Platzierung, die wir wohl vor der Saison sofort unterschrieben hätten. Doch das Gefühl ungetrübter Freude stellte sich aufgrund der vergangenen Auftritte und der schwachen zweiten Hälfte nicht so recht ein. 
Dazu kommt ein eher schwaches Bild, was wir heute im Stadion auf den Rängen abgegeben haben. Wenn wir immer fordern, dass sich die Mannschaft und der Trainer verbessern müssen – wir müssen das auch. Zumindest, wenn wir unseren Ruf als tolle Fans behalten wollen.
Die ersten 20 Minuten waren klasse, da ging das ganze Stadion mit, weil einfache Anfeuerungen gestartet wurden und das Team mit dem richtigen Feuer auf dem Rasen agierte und lautstarke Rückmeldung von den Rängen bekam. Balleroberungen wurden gefeiert, von den Gästefans war nichts zu hören. 
Dann aber brach die Stimmung zusammen, das Stadion wurde ruhiger und ruhiger und es gelang kein gemeinsames Anfeuern mehr. Für mich auf der Südtribüne sah das so aus, dass der harte Kern im Norden nicht mehr direkt auf die Dynamik im Stadion einging und fortan nicht mehr die einfachen Gesänge durchs Stadion schickte. So wurde im ganzen Spiel weder der VfL-Wechselgesang gestartet noch „Die Seele brennt“, was sicher heute angemessen gewesen wäre. 
Stattdessen wurden längere Sprechchöre angesagt, die im Süden wenn überhaupt nur bruchstückhaft ankamen. Damit war der Faden zwischen den willigen Fans gerissen. Ich kenne mich mit den Notwendigkeiten nicht aus, wie sie in der Nordkurve herrschen. Aber ich merke (und sehe), dass dort ein Teil der Fans irgendwann ihre eigene Party macht (die die Spieler sicher auch mitbekommen), der Rest der Nordkurve aber nur halbherzig einsteigt und das übrige Stadion so nicht mitgenommen wird. Selber etwas zu starten, ist von außerhalb der Nordkurve kaum möglich, und das führt dazu, dass die Power erlahmt und wie heute dann der Gästeblock viel zu bestimmend wird.
Daran müssen wir arbeiten, genauso wie an dem Umgang mit Spielern und der eigenen Erwartungshaltung. Wenn ich sehe, dass am letzten Spieltag 15 Minuten vor Schluss Hunderte die Blöcke verlassen und so der Mannschaft den verdienten Applaus nach Schlusspfiff für eine lange und letztlich gelungene Saison verweigern, ist das armselig.
Richtig ärgern kann ich mich darüber, dass Thorgan Hazard in seinem letzten Spiel für uns mit einem gellenden Pfeifkonzert zur Auswechslung begleitet wird. Geht’s noch? Der Junge hat Gladbach über fünf Jahre fraglos verstärkt, er hat viele Tore geschossen, viele vorbereitet und sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Auch wenn er auch gestern unglücklich agierte und fast Angst davor zu haben schien, dass er vor dem Dortmunder Tor zum Abschluss kommen könnte: Das rechtfertigt niemals einen solch bitteren Abschied. Das hat er nicht verdient, das ist unterste Schublade und ich schäme mich dafür. Auch dieses Verhalten unserer Fans hat mir heute ein bisschen die Freude über das glückliche Ende der Saison vermiest. 
Freunde, das darf so nicht weitergehen. Wir müssen wieder kompromisslos zusammenhalten und die Mannschaft bedingungslos unterstützen. Absichtlich spielt keiner schlecht oder stellt schlecht auf. Aber wir haben mit in der Hand, ob sich die Mannschaft etwas zutraut oder nicht. Das bleibt auch so, wenn ein neuer Trainer kommt, auf den wir große Hoffnung setzen. Ohne das Stadion und die treuen Auswärts-Fans wird keine Erfolgsgeschichte daraus. Darüber müssen wir in der Sommerpause nachdenken - und die richtigen Schlüsse ziehen. Ich bin gerne mit meinen Möglichkeiten bereit, dazu beizutragen. 

Bundesliga 2018/19, 34. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Borussia Dortmund 0:2