2019-12-13

Schmerzlich unvollendet

Wie soll man das in Worte fassen? 
  • mit Trauer und Verzweiflung, dass es doch wieder ein Spiel mit typisch Gladbacher Tragik war, das den VfL unsanft aus dem Europa-Rennen kickte?
  • mit milder Einsicht, dass es über die sechs Gruppenspiele am Ende einfach dieses bisschen zu wenig war, was die Rose-Elf auf den Platz brachte?
  • mit der Annahme, dass das Glück am Ende einfach aufgebraucht war, wie es Stefan Lainer treffend bemerkte?
  • mit dem Lamentieren darüber, dass vorne die größten Chancen nicht genutzt wurden, sodass deutlich weniger individuelle Fehler in der Abwehr die Niederlage besiegeln konnten?
  • mit der Wut darüber, dass ausgerechnet diese überalterte Mannschaft und der unsympathische Club ohne Fans statt unserer Borussia weiterkommt?  
  • mit dem Ärger darüber, dass auch diesmal nicht nur das Können und Fehler der Spieler den Ausgang des Spiels bestimmten, sondern auch der Schiedsrichter und der fehlende Videoassistent (der an anderer Stelle zugleich ein Glück für uns war)? Ein Handelfmeter und ein Foulelfmeter waren es diesmal, die der spanische Unparteiische geflissentlich übersah. Und natürlich ein nicht gepfiffener Freistoß für Gladbach am gegnerischen Strafraum, der den Gegner letztlich in den Ballbesitz brachte, der zum zweiten Tor führte. Von der durch die türkischen Spieler straflos verbummelten Nachspielzeit ganz zu schweigen.
Vermutlich ist es ein bisschen von allem, was uns nun wurmt und was der fröhlichen Euphorie der vergangenen Wochen einen bösen Dämpfer verpasst. Es fällt mir schwer, dieser Riesenchance nicht nachzutrauern. So nachvollziehbar es ist, dass man mit einer negativen Tordifferenz, acht Punkten und der ausgeglichenen Bilanz von Siegen, Unentschieden und Niederlagen ausscheidet; so unverdient war es unter dem Strich nach den imponierenden Energieleistungen seit dem Auftaktspiel.

Und das gilt umso mehr für dieses Spiel, in dem Basaksehir über weite Strecken relativ wenig zu melden hatte. Die erste Halbzeit war eine souveräne Sache für Borussia, mit dem Makel, dass sich die Mannschaft im sicheren Ballbesitz manchmal scheinbar wieder zu wohl fühlte und zu oft quer und langsam statt schnell und steil nach vorne spielte. 
Wie anfällig die türkische Abwehr war, zeigten ihr die Gladbacher Offensivspieler immer wieder. Zu selten brachten sie aber den entscheidenden Pass sauber an. Dennoch gab es genug Möglichkeiten, vor der Pause das 2:0 zu erzielen. Stattdessen fiel der unverdiente Ausgleich, als von den Borussen nicht konsequent genug nachgesetzt wurde und Kahveci eher aus Verzweiflung den Ball aufs Tor drosch. Der Schuss war keineswegs raffiniert. Ich meine, dass er von Elvedi noch ganz leicht abgefälscht wurde und deshalb Yann Sommer so schlecht aussehen ließ.
Doch auch das hätte eigentlich kein Problem sein müssen, auch wenn man den Spielern anmerkte, dass es sie auf dme Weg in die Kabine beschäftigte.

Basaksehir kam auch besser aus der Halbzeitpause als der VfL, doch im Anschluss bekamen die Rose-Schützlinge das Spiel wieder besser in den Griff. Das änderte sich erst in den letzten 20 Minuten mit den offensiven Wechseln der Gäste und vielen langen Bällen, mit denen der bullige Stürmer Crivelli dann auch langsam ins Spiel fand. Zuvor war er als einzige Spitze völlig wirkungslos gewesen. 

Hätte Borussia darauf defensiv anders reagieren sollen? Hätte Rose statt Plea und Stindl noch einen zentralen kopfballstarken Spieler wie Tobi Strobl bringen sollen, um dem zweiten Stürmer Demba Ba zu begegnen und den langen Bällen und Flanken etwas entgegenzusetzen? Wäre der robuste Embolo für einen möglicherweise entscheidenden Konter besser noch länger auf dem Platz geblieben? Und war es gut, weder Benes noch Hofmann als Optionen auf der Bank zu haben? 
Das ist alles Spekulation. Denn sowohl Alassane Plea als auch Marcus Thuram hatten kurz vor Schluss noch ihre Riesenchancen zum entscheidenden Tor. Wenn man die nicht nutzt, kann sich das eben rächen. Und so war es heute. Nicht Borussia wirkte wie so oft in der Schlussphase frischer und entschlossener - diesmal zeigte der Gegner gerade da Killerqualitäten, als die Gladbacher für kurze Zeit ihre Ordnung suchten. Es ist umso ärgerlicher, dass auch das zweite Gegentor ein so einfaches und so vermeidbares war. Aber auch das ist Fußball.

Es bleibt uns nichts anderes, als auch diesen Wettbewerb schweren Herzens abzuhaken. Und das im Wissen, dass man in diesem Spiel eigentlich nicht so viel falsch gemacht hat. Was aber wichtiger ist: Man darf nicht zulassen, das dieses Spiel der Saison einen Knacks verpasst. Es wäre in Gladbach nicht das erste Mal, dass ein tragisches Ausscheiden die Mannschaft aus dem Tritt bringt. 
Aber: Unter Marco Rose hat es bis jetzt immer die richtige Reaktion gegeben. Nach dem Fehlstart in der Euro League erarbeitete sich das Team sehr schnell eine defensive Undurchlässigkeit, die nach dem 0:4 gegen Wolfsberg nicht so selbstverständlich schien. Nach dem doppelten Nackenschlag in Dortmund in Liga und Pokal blieb die Mannschaft in der Spur. Auch das 0:2 gegen Union wurde routiniert weggesteckt.

Deshalb bin ich zuversichtlich, dass sich nach dem späten Misserfolg heute nicht gleich nagende Zweifel in den Köpfen der Spieler einnisten. Schon am Sonntag wartet eine Aufgabe, mit deren Lösung eine weitere psychologische Hürde genommen werden könnte: Ein Sieg in Wolfsburg. Zwei gab es in der Liga, zuletzt 2003, davor 1998. Seither ist die Reise zu VW für Gladbach-Fans die wohl frustrierendste Veranstaltung, neben den traditionell ebenso fruchtlosen Reisen in den Breisgau. Also: Mund abputzen und weiter geht's! Adieu Europa - wir hoffen auf ein Wiedersehen im kommenden Jahr.


Europa League 2019/20, Gruppenphase, 6. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Basaksehir Istanbul 1:2 (Tor für Borussia: 1:0 Thuram)

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