2019-12-07

Goldfinger und die tapferen Siegerlein

Wow, ich bin immer noch ganz hin und weg. Das war eindeutig einer der schönsten Siege in meiner Fankarriere. Nicht, weil mancher ihn glücklich nennen wird. Es gab schon deutlich glücklichere Siege gegen den Rekordmeister. Nein, das heute war ein besonderer Sieg für mich. Am Ende des Textes versteht ihr sicher, warum.


Klar, glücklich war für Gladbach, dass die Bayern nach 45 Minuten nicht mit zwei Toren in Führung lagen. Am Ende des Spiels aber hatte sich die Mannschaft von Marco Rose drei Punkte gesichert, die sie sich redlich verdient hat. Dabei will ich gern zugeben, dass das Spiel auch eine andere Wendung hätte nehmen können. Aber der Reihe nach.

In den ersten Minuten war der VfL gut im Spiel gewesen. Zehn Minuten lang beschäftigte man die Gäste mit gutem Pressing vorwiegend in deren eigener Hälfte. Danach kamen die Bayern allerdings dem Strafraum der Gladbacher immer näher, fanden besser den Weg zwischen den Abwehrlinien des Gegners. Borussia verlor den Zugriff in den Zweikämpfen, sodass sich ein passintensives "Handballspiel" der Bayern um den Strafraum herum entwickelte, bei dem die Münchner sich ein ums andere Mal erstklassige Chancen herauskombinierten, die zum Glück alle ihr Ziel verfehlten oder von Yann Sommer zunichte gemacht werden konnten. 
So herausragend wie glücklich war allerdings sein Einsatz beim vermeintlichen 0:1, als dem Schweizer der Ball durchrutschte und er ihn nur noch mit einem Finger seiner Hand hinter der Linie anhalten konnte. Doch genau dieser Stopp-Punkt war entscheidend. Denn dadurch war der Ball, den jeder schon im Tor gesehen hatte, doch noch mit ein paar Millimetern auf der Torlinie und somit eben kein Tor. An dieser Stelle ein großes Dankes-Halleluja an den Erfinder der Torlinientechnik. Vor deren Einführung wäre das zu 100 Prozent als Tor durchgegangen. 

Also, ganz klar: Es war mit viel Einsatz erkämpftes Glück, dass die Bayern erst in der zweiten Hälfte zur Führung trafen - zum Glück so zeitig, dass Borussia noch darauf reagieren konnte (haben wir in unserer Spielhistorie mit den Roten ja auch oft genug schon anders erlebt). Doch auch wenn es bis dahin so aussah, als würde das Bayern-Spiel so dominant weitergehen (zur Halbzeit 15:1 Torschüsse, über 60 Prozent gewonnene Zweikämpfe und fast 70 Prozent Ballbesitz), begann letztlich mit dem 0:1 ein anderes Spiel. Der VfL wurde nach einer Stunde Spielzeit mutiger und wehrte sich besser.

Hatte Bayern-Trainer Flick zuvor die Gladbacher Stärken in seinem Matchplan einfach nur gut gekontert, sodass die auf mehreren Positionen veränderte Startelf der Borussen nicht so recht in die eigenen Räume kam? Oder fehlten im Spiel der Rose-Elf einfach nur Details - etwa ein zweikampfstarkes, ballsicheres und flinkes Element wie Breel Embolo?
Auf jeden Fall wurde das Spiel mit seiner Einwechslung ein anderes. Bayern wurde vorsichtiger, zog sich etwas zurück, Gladbach verlagerte das Pressing wieder weiter nach vorn und zwang den Gegner zu Fehlern und kombinierte mit solchen Erfolgserlebnissen von Minute zu Minute besser und kam zu eigenen Chancen. 
Die vorher so souveränen Bayern gaben das Heft des Handelns aus der Hand. Außer dem Führungstreffer kam in der zweiten Halbzeit von Lewandowski und Co. fast nichts Gefährliches mehr aufs Tor von Yann Sommer, und die Statistik verschob sich ganz erheblich zugunsten der Gastgeber. Am Ende waren die Gladbacher über zwei Kilometer mehr gelaufen, hatten die Zweikampfquote auf 55 Prozent gesteigert (!) und natürlich ein Tor mehr geschossen als der Gegner.

Es ist natürlich etwas unfair, aus der geschlossen füreinander kämpfenden Gewinnermannschaft einzelne Spieler herauszustellen. Denn gewonnen und dazu beigetragen haben alle, vom unermüdlichen Stefan Lainer über Marcus Thuram (der wieder an der Entstehung der Tore beteiligt war, auch hinten in der Abwehr rackerte und über 11 Kilometer lief) bis zum heute gewohnt fleißigen, aber etwas unglücklich agierenden Capitano Lars Stindl. Dennoch sind mir drei Spieler aufgefallen, die heute vielleicht den Unterschied gemacht haben.

Dass sich Matchwinner Ramy Bensebaini ein Extralob verdient hat, versteht sich von selbst. Der Kopfball zum 1:1 (toll freigeblockt beim Eckball von Marcus Thuram) war Extraklasse und schulbuchmäßig. Der Elfmeter sowieso: Eiskalt und unhaltbar verwandelt gegen Manuel Neuer, der zwar in der richtigen Ecke war, aber dennoch keine Abwehrchance gegen diesen präzisen Linksschuss hatte. Darüber hinaus räumte der Algerier aber auch souverän und fast immer fair gegen Müller und Coman auf der linken Abwehrseite auf. Und fand Zeit für gute Wege nach vorne. Das war eine glatte Eins mit Sternchen.

Der zweite ist einer, der diese Saison noch nicht so häufig glänzen konnte: Jonas Hofmann war in vielen Szenen gewohnt unspektakulär unterwegs. Er machte dabei aber die ganz wichtigen Wege zwischen Defensive und Offensive. Am Ende standen 12,6 Kilometer auf seinem Tacho, also deutlich mehr als zehn Prozent der gesamten Mannschaftslaufleistung (117,88 km). Dazu kamen 91 Prozent seiner Pässe an, und - nicht selbstverständlich im offensiven Mittelfeld - er gewann 53 Prozent seiner Zweikämpfe. Nicht unterschlagen sollte man zudem den Eckball-Assist zum 1:1. Es ist müßig, darüber zu philosophieren, ob Flo Neuhaus das heute ähnlich gut gemacht hätte. Sicher ist, dass auch mit Jonas Hofmann wieder voll zu rechnen ist. Und das ist ein gutes Gefühl, so wie es selten besser war, wenn man einen Blick auf die bestens besetzte Gladbacher Bank geworfen hat. 

Der dritte herausragende Spieler war für mich Nico Elvedi, der zusammen mit Matze Ginter das Torungeheuer Lewandowski zähmen konnte. Doch Elvedi machte dabei einen so abgeklärten Eindruck, dass er mich wirklich einmal mehr tief beeindruckt hat. Dazu 91 Prozent Passquote und 86 Prozent gewonnene Zweikämpfe (!), das ist gegen diesen Gegner sensationell.

Ja, und weil ich gerade so euphorisch bin, will ich dann doch mal etwas wagen. Vor einigen Wochen habe ich nur geschmunzelt und mich herzlich darüber gefreut, dass im Überschwang der Hochgefühle (über die ungewohnte Tabellenführung) plötzlich jemand den Hashtag #DeutscherMeisterwirdnurderVfL in Umlauf brachte - ich glaube, es war Peter Bahner bei Twitter, der damit anfing und dies schon mit diversen möglichen Feier-Szenarien im kommenden Mai garnierte. 

Nun sind wir in der Saison zwar erst unwesentlich weiter. Es kann alles auch innerhalb von ein paar Wochen wieder ganz anders aussehen. Doch wenn ich diese Mannschaft hier mit denen der vergangenen Jahre unter Favre, Schubert oder Hecking vergleiche, scheint mir ein Einbruch in den Leistungen, wie wir ihn zuletzt mehrmals erlebt haben, deutlich weniger wahrscheinlich. 
Das liegt auch daran, was die Spieler selbst an Selbstverständlichkeit und eigenem Anspruch nach außen signalisieren und transportieren, wie das Trainerteam sie dabei stützt - und dass sie diese Versprechung bislang auch zu halten imstande sind. Da steht keine Elf, die bereit ist, sich den Schneid abkaufen zu lassen, wie es uns in den vergangenen Jahren oft gegen die Bayern oder Dortmund, aber auch gegen kämpferisch anspruchsvolle Teams, gegangen ist. 
Diese Mannschaft führt nach Fehlstart die Tabelle in ihrer Euro-League-Gruppe an. Sie hat in der Liga erst dreimal verloren, und das jeweils auf Augenhöhe, etwa mit direkten Konkurrenten wie Leipzig und Dortmund. 
Diese Mannschaft gewinnt Spiele immer wieder zwischen der 85. und 95. Spielminute, und das trotz Dreifachbelastung (und einer Reihe von verletzten Stammspielern über viele Wochen hinweg). 

Die Borussia der zweiten Jahreshälfte 2019 - das ist eine Spitzenmannschaft. Und sie hat das Zeug dazu, dies auch bis in die Endphase der Saison zu bleiben. Und das kann bedeuten, dass sie bis zuletzt in Reichweite der Meisterschaft sein kann. Etwas Besseres kann man über Gladbach kaum sagen. Man muss das nicht gleich erwarten - aber man kann es für möglich halten.
 
Dieser Sieg heute war mehr als nur die Verteidigung der Tabellenführung und ein schöner, süßer Sieg über einen ungeliebten Favoriten der Liga, der uns schon so oft gequält hat. Dieser Sieg war das Signal, dass sich Marco Roses Mannschaft hinter niemandem verstecken muss. Und dass es nicht automatisch immer so enden muss wie es bei Gladbach immer endet - mit einem Seufzer und der Feststellung, dass man wieder mal ganz nah dran war. Diesmal fühlt es sich anders an. Eine Garantie gibt es nicht. Aber es lohnt sich langsam, daran zu glauben. Denn der Glaube kann bekanntlich Berge versetzen. Pack mas - Mia san Borussia! Oder so ähnlich.
            
Bundesliga 2019/20, 14. Spieltag: Borussia  Mönchengladbach - FC Bayern München 2:1 (Tore für Borussia: 1:1 Bensebaini, 2:1 Bensebaini FEM)

P.S. Zum Glück ohne Konsequenzen, aber wer mal einen Schulungsfilm zum sprichwörtlichen Bayern-Bonus bei Schiedsrichtern sucht, sollte eine Aufzeichnung des heutigen Spiels nehmen. Stichwort: Wer wann für was Gelb bekommt und wer nicht. 
Den Herren Lewandowski (Frust-Grätsche von hinten gegen die Wade des Gegners, weit und breit kein Ball in der Nähe) und Martinez (mit Anlauf und beiden Beinen voran in den Gegner rutschen) wiederum ist zu wünschen, dass ihnen nie ein anderer so in die Parade fährt. Oder ihr Gegenspieler so viel Glück hat wie sie heute, dass dem jeweiligen Gegner nichts Schlimmeres passiert ist. Aber jetzt ist es für heute auch gut. Schiedsrichter Marco Fritz hat aus meiner Sicht ja auch schon mal noch schlechter gegen uns gepfiffen als heute.

Kommentare:

  1. Schön wars... Erst das kollektive Bibbern in der Kurve, Gemurmel - "Elfmeter, Elfmeter"... "wer schießt? - Ich kann nicht hinsehen - mein Herz, ich halts nicht aus...", dann der riesige Jubel und das kollektive Ausflippen. Das sind die Momente, wo einem wieder so richtig klar wird, WARUM man da immer und immer wieder hinfährt.

    Und ja, es stimmt, dieses Mal blieb der Seufzer "...und dann kam es am Ende doch so wie immer" aus. Irgendwas hat der Trainer da mit den Köpfen veranstaltet, denn die Mannschaft glaubt bis zum Schluss, bis der Abpfiff kommt, daran, dass doch noch irgendwas geht. Es ist begeisternd, das zu sehen und zu spüren. Als Beispiel sei hier Sommer genommen, der wirklich alles herausholt - auch den überlangen Finger - damit der Ball nicht die Linie überquert. Wie viele andere hätten da wohl einfach hinterhergeguckt? Man weiß es nicht, aber das war einfach dieser Wille, es egal wie zu versuchen.

    Von daher gefällt mir die Überschrift dieses Blogeintrags auch ganz besonders...Alles ein wenig... nun ja: Märchenhaft!

    Und noch eine Woche auf Platz 1. Ich glaube, ich träume...

    Gruß, Fohlen

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    1. Kann wohl jeder unterschreiben. Und zack: Kaum geschrieben, schon dreht sich das Ganze im nächsten Spiel wieder. Seufz...

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  2. "Wenn ich mit meinen Gedanken ein wenig zu entspannterem Denken beitragen kann, umso besser. Wenn nicht, auch gut. Dann geht es wenigstens mir besser - wenn ich es niedergeschrieben habe."

    Mach dir mal keine Sorgen, dein absolut brillanter Spielbericht trägt zur Entspannung bei. Von deiner Sorte Schreiber müsste es mehr geben. :-)

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    1. Das ist ein wirklich zauberhaftes Kompliment, vielen Dank!

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