2023-01-28

Wer gewinnt, hat Recht

Lernfähigkeit - das hatte ich nach den beiden Niederlagen dieser Woche angemahnt und gefordert. Und Borussia, so scheint es, hat das beherzigt. Jedenfalls kann man Spiel und Ergebnis von heute so bewerten. Das 4:1 beim neuen Lieblingsgegner passte ergebnistechnisch - nach dem 5:1 und 3:1 der vergangenen beiden Partien gegen den Hopp-Club im Borussia Park - perfekt in die Reihe. Verdient war der erste Auswärtssieg der Saison (und unter Trainer Daniel Farke) allemal.

Der Auswärtsfluch ist damit erstmal erledigt, auch das ist wichtig. Nicht nur, weil aus immer mehr Kleiderschränken langsam schon wieder die "Auswärtsdeppen"-Fan-Shirts geholt wurden, die für eine weit dunklere Borussen-Epoche stehen. Nein, es ist gut, dass dieses boulevard-affine Thema nun abgeräumt ist und man sich ganz auf andere Baustellen konzentrieren kann.

Zum Beispiel, dass man die Vorlage von heute gegen die beiden folgenden Kellerkinder-Gegner Schalke und Hertha nicht gleich wieder leichtfertig herschenkt, weil man noch ein paar Tage selbstverliebt auf den erst dritten Sieg schaut, der in den letzten zehn Spielen (inkl. DFB-Pokal) gelungen ist.
Es wäre fatal, wenn jetzt jemand glaubt, die Mannschaft sei mit diesem Spiel sofort wieder zurück in der Spur. Dafür war sie bisher zu launisch, und auch heute war noch nicht alles so glänzend, wie es das Ergebnis glauben machen will. Aber es gilt auch: Wer gewinnt, hat Recht.

Der Sieg gegen die TSG heute war vor allem Verdienst zweier Herren, die perfekt aufeinander eingespielt wirkten, obwohl sie zuletzt gar nicht so viele Minuten gemeinsam auf dem Platz gestanden hatten: Jonas Hofmann verwandelte zwei perfekt getimte und damit nicht wegen Abseits abzuerkennende Vorlagen von Lars Stindl. Und er revanchierte sich später beim vorentscheidenden dritten Tor seinerseits mit einem Assist für den Kapitän. Und auch ansonsten belebten die Routiniers das Gladbacher Offensivspiel wie in den richtig guten Zeiten.

Wo gegen Leverkusen (mit später und wirkungsvoller Einwechslung Stindls) und Augsburg (ohne beide) sehr viel statisches, abwartendes Spiel in der Hälfte des Gegners und wenig Bewegung in der vordersten Reihe zu beobachten war, stellten Stindl - mit seinem Absinken ins Mittelfeld und gewohnt guter Ballverteilung - sowie Hofmann, Kramer und Thuram mit vielen Positionswechseln und variablem Anlaufen den Gegner häufig vor Probleme.

Auch defensiv stand Borussia heute sehr viel stabiler, war aktiver und auch unter Druck längst nicht so fahrig wie zuletzt. Jonas Omlin zeigte auch heute, dass er ein sicherer Rückhalt ist, gerade für eine Mannschaft, die nicht immer ganz sattelfest wirkt. Ich habe in den drei Spielen seit Yann Sommers Weggang eigentlich noch keinen Moment gehabt, in dem ich gedacht hätte, dass Yann da "besser" reagiert hätte als sein Landsmann. Zudem wirken seine langen Bälle noch etwas gefühlvoller und gewollter auf den Punkt. Das fiel heute besonders auf, weil seine Kollegen diese Bälle im Spiel auch besser verarbeiten konnten als zuletzt.

Es war also insgesamt ein sehr verdienter Sieg, den man allerdings auch richtig einordnen muss. Denn der Gegner - durch diverse Misserfolge wie Borussia nicht gerade vor Selbstvertrauen strotzend -, war ein deutlich leichter zu bespielender als die beiden anderen in dieser Woche. Die Elf von André Breitenreiter verzichtete darauf, Borussia mit den gleichen Mitteln wie Augsburg und Leverkusen zu bespielen - oder sie konnte es als ebenfalls eher ballbesitzorientierte Mannschaft schlicht nicht so effektiv.

Die Hoffenheimer ließen den Gegner in der ersten Halbzeit weitgehend gewähren und stressten die VfL-Akteure nicht so, dass diese sich lieber in ihr Sicherheitspass-Schneckenhaus zurückziehen wollten, statt schnell und präzise den Weg nach vorne zu suchen. Dennoch plätscherten die ersten Minuten ähnlich torungefährlich dahin wie die in Augsburg. Mit dem Unterschied, dass Borussia nicht nur Dominanz im Ballbesitz hatte, sondern diesmal relativ früh den ersten Punch setzen konnte - mit dem ersten gelungenen Angriff kam der VfL zur ersten Führung in diesem Jahr. dank eines eiskalten Jonas Hofmann an der Kante des Abseits und der hilfreichen Überprüfung durch den VAR.

Das Aber: Direkt danach hätte Hoffenheim diesen Vorteil beinahe sofort wieder zunichte gemacht. Zwei Spieler düpierten vom Anstoß an im mehrfachen Doppelpass nahezu die gesamte Gladbacher Mannschaft, die auf den schnellen Durchbruch mental offensichtlich nicht eingestellt war. Mit etwas Glück und geballtem Einsatz wurde das Gegentor gerade noch abgewendet, das dem Spiel möglicherweise eine andere Dramaturgie gegeben hätte. Denn im weiteren Verlauf hatten die Kraichgauer auch noch zwei weitere hervorragende Chancen. Doch sie vergaben sie eher kläglich.
Borussia hingegen machte aus maximal sechs richtig guten Chancen heute vier Tore, das zweite und dritte dabei zu sehr hilfreichen Zeitpunkten. Das gelingt nicht immer, und nicht immer wehrt sich der Gegner auch so verhalten gegen eine drohende Niederlage.

Hoffenheim probierte u.a. mit der Einwechslung von Bebou und Dabbur zwar einiges, um das Spiel zu drehen. Doch die Bemühungen nach vorne blieben wenig strukturiert, wirkten eher wild, und da die Zweikämpfe häufig ungeschickt geführt wurden, spielten viele Foulpfiffe Gladbach diesmal in die Karten. Am Ende stand die Bilanz laut kicker bei erstaunlichen 23:10 Fouls.

Doch Borussia ließ sich mit zunehmender Spielzeit auf dieses Spiel zu sehr ein und war in der zweiten Hälfte wieder einmal zu wenig in der Lage, die eigene Dominanz im Spiel mit dem Ball weiter durchzubringen und für Entlastung zu sorgen.
Der Anschlusstreffer kam deshalb auch jetzt nicht so sehr aus dem Nichts wie das Gladbacher 1:0 in der ersten Hälfte. Doch der Treffer brachte die Borussen nicht ins Wanken, und weil das 3:1 durch Lars Stindl schnell folgte, war die Zitterphase diesmal erfreulich kurz.
Besonders gefreut habe ich mich auch für Luca Netz und Hannes Wolf, die mit Pleas und Konés Vorarbeit den Konter zum 4:1 lehrbuchhaft im Tor versenkten.

Darauf lässt sich aufbauen, und mit dem klaren Sieg hat die Farke-Elf sich selbst heute wohl den größten Gefallen getan. Denn mit einer weiteren Pleite - mit dazugehöriger Verunsicherung, Unruhe im Fanlager und dem steigenden Druck, gewinnen zu müssen - in das Heimspiel gegen einen abgeschlagenen Tabellenletzten zu gehen, das wäre eine schon sehr unschöne Situation gewesen.

Umso wichtiger ist es, die Trainingswoche gut zu nutzen und mitzunehmen und daruaf aufzubauen, was heute gut war. Gelingt das, dann könnten wir alle wieder etwas entspannter in die nächsten Wochen gehen. 

Bleibt der Blick auf den Schiri. Benjamin Brand pfiff viel, meist auch richtig. In der ersten Halbzeit allerdings entschied er dreimal auf Freistoß für Hoffenheim in aussichtsreicher Position, obwohl die Gladbacher Spieler deutlich vor dem Zusammenprall den Ball gespielt hatten. Das wurde aber im Spielverlauf mangels Hoffenheimer Torgefahr nicht zu einem Problem. Das gilt auch für die Tatsache, dass er (und der VAR) Angelino nach dessen Tritt von hinten mit offener Sohle in Kramers Wade mit einer Verwarnung davon kommen ließ, obwohl dieses rücksichtslose Foul nach den Regeln deutlich eher Rot als Gelb war.

Etwas merkwürdig fand ich, dass eine gut sichtbare Abseitsstellung von Dabbur vor dem 1:2 in der Berichterstattung dann überhaupt keine Rolle mehr spielte. Gut, es war nicht spielentscheidend.
Aber Dabbur, der bei der Freistoßflanke im Abseits gestanden hatte, wurde aus meiner Sicht aktiv, weil er sich zum auf den langen Pfosten bewegenden Ball hin orientierte. Das beeinflusste das Verteidigungsverhalten von Ramy Bensebaini, der somit nun einen Gegner im Rücken und auch den in seine Richtung vor ihm laufenden Dabbur beachten und verteidigen musste. Dabbur bremste nach vier Schritten zwar ab und orientierte sich dann wieder in Richtung Tormitte. Doch aus meiner Sicht reichte diese Bewegung aus, um aus der straflosen Abseitsstellung eine aktive und damit strafbare Abseitsstellung zu machen.
Letztlich haben alle diese Anmerkungen etwas sehr Gutes gemeinsam: Man muss sich gar nicht mehr darüber aufregen, weil sie das Spiel nicht weiter beeinflussten.

Saison 2022/23, Bundesliga, 18. Spieltag: TSG Hoffenheim - Borussia Mönchengladbach 1:4. Tore für Borussia: 0:1 Hofmann, 0:2 Hofmann, 1:3 Stindl, 1:4 Wolf.

Vier schöne Tore geben einen Vier-Euro-Schubs, Spendenstand somit jetzt 87 Euro. Danke, Jungs!

Das gilt in der Saison 22/23: Für jedes erzielte Tor von Borussia in Bundesliga oder DFB-Pokal zahle ich 1 Euro. Für jedes Tor von Tony Jantschke oder Christoph Kramer: 10 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 10 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg: 10 Euro. Einstelliger Tabellenplatz am Saisonende: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Deutsche Meisterschaft: 122 Euro. DFB-Pokalsieg: 50 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2023-01-26

Lernfähig?

Alles wie immer in Augsburg. Alles wie immer, wenn Borussia mit phlegmatischem, uninspiriertem Spiel unter den eigenen Möglichkeiten bleibt.
Und jeder weiß ja eigentlich schon, dass die Mannschaft das Spiel am Ende durch ein spätes, meist schlecht verteidigtes Gegentor verliert, weil sie gegen zweikampfstarke und -willige, gern tiefstehende, konterstarke und unangenehme Gegner traditionell keine Mittel findet - egal, wer auf dem Platz steht.
Und doch gelingt es dem VfL zuverlässig, auch diese gedämpften Erwartungen noch zu enttäuschen.

Insofern spare ich mir heute auch ausschweifende Analysen und beschränke mich auf einzelne Beobachtungen. Dass das Spiel so enden musste wie befürchtet, war gar nicht ausgemacht. Wie gegen Leverkusen kam Borussia nämlich recht gut ins Spiel, stand bei den Konterversuchen der Augsburger sogar recht stabil. 

Bis auf den von Jonas Omlin schön parierten Berisha-Schuss und das am Ende wegen Fußspitzen-Abseits (etwas glücklich) zurückgenommene Tor in der 36. Minute hatten die Gastgeber in den ersten 45 Minuten keine wirklich gefährliche Szene vor dem Gladbacher Tor. Es wurden in der Anfangsphase viele Zweikämpfe im Gegenpressing gewonnen, es gab einige gute Ballgewinne, die zu Torchancen hätten führen können. Auch der Spielaufbau war noch zügig und durchdacht, individuelle Fehler wurden vermieden.

Aber: Die Pässe in die Spitze wurden wieder dermaßen unpräzise, teilweise schlampig gespielt, dass keinerlei Torgefahr daraus resultierte. Für den ersten Torschuss von Koné (ungefährlich) und den zweiten (gefährlichen) von Lainer brauchte es 18 bzw. 19 Minuten. Beide Schüsse wurden außerhalb des Strafraums abgegeben, gefährliche Szenen im Sechzehner gab es auch im weiteren Spielverlauf nicht mehr - auch das weitgehend eine Parallele zum Spiel gegen Bayer. 

Sei es wie es will: Nach der Pause, ohne den K-o.-geschossenen Chris Kramer, gingen auch die guten Ansätz flöten und es wurde daraus kurz gesagt ein gruselig schlechter Auftritt ohne Tempo und Ideen. Dass der entscheidende Treffer nicht früher fiel, war dabei nicht unbedingt der Leistung der Borussen zu verdanken, sicher aber den Paraden vom wieder tadellosen Jonas Omlin. Die verstand es aber auch nach dem 0:1 nicht, wenigstens nochmal 10 Minuten soviel Druck in Richtung des FCA-Tores zu entwickeln, dass der Gegner vielleicht nochmal nervös geworden wäre - anders als gegen die Leverkusener am Sonntag.

Schiedsrichter Daniel Schlager wurde im Spiel nach dem Deliberate-Play-Desaster beim vermeintlichen Ausgleich in Bochum diesmal nicht zu einem nennenswerten Faktor im Spiel. Das ist eine gute Nachricht. Er hätte es aber werden können, in der 36. Minute. Zum Glück bewahrte ein Mini-Abseits Gladbach am Ende vor dem Rückstand (vielleicht wäre ein früherer Rückstand aber an diesem Tag auch besser gewesen, wer weiß?.).

Doch es geht mir hier um den Körpereinsatz gegen den Torwart in der Szene, den Schlager nicht ahndungswürdig fand. Tatsächlich kann man sagen, dass das Reinschieben des Augsburgers in den hochspringenden Jonas Omlin noch im Rahmen des Erlaubten war und Omlin den Ball möglicherweise hätte festhalten können. Einen VAR-Einsatz hätte dies sicher auch nicht gerechtfertigt, weil es keine klare Fehlentscheidung war.
Aber es fehlt mir in solchen Szenen bei Schiedsrichtern zu oft die Verhältnismäßigkeit und das Feingefühl für die Auswirkungen eines solchen Zweikampfs. Wer hochspringt, kann mit einem leichten Schieben ganz einfach aus dem Gleichgewicht gebracht werden und Gefahr laufen, unkontrolliert zu Boden gehen zu müssen. Nachvollziehbar, dass ein Torwart dann den Ball loslässt. 

Um solche Szenen fußballgemäß zu bewerten, sollte man dann am besten vor allem auf die Intention des angreifenden Spielers achten. Das tat Schlager hier nicht. Jeffrey Gouweleeuw ging sichtbar nicht in den Zweikampf mit Omlin, um an den Ball zu kommen oder ein Tor zu erzielen. Er wurde nicht von einem Gegenspieler ungewollt in den Zweikampf hineingeschoben. Er sprang auch nicht mit hoch, sein Ziel war es einzig und allein, den Torwart zu unterlaufen und am sauberen Abfangen der Flanke zu hindern.
Insofern ist es für mich sonnenklar, dass ein solcher Körpereinsatz immer abgepfiffen gehört, auch wenn er leicht ist. Unter Feldspielern macht man es im übrigen auch, in den allermeisten Fällen. Geholfen hätte es gleichwohl nicht, wäre dieses kleine, zunächst schadensbegrenzende Abseits nicht gewesen, für das zugegebenermaßen von den beteiligten Spielern niemand etwas konnte.

Nach zwei ernüchternden Pleiten zum Jahresbeginn steht nun am Samstag das Spiel in Sinsheim an, bei dem Daniel Farke und sein Team bereits ordentlich unter Druck stehen. Und die Frage ist die gleiche wie vor Augsburg: Immer so weiter, Borussia? Und wie geht eigentlich Lernfähigkeit?

Saison 2022/23, Bundesliga, 17. Spieltag: FC Augsburg - Borussia Mönchengladbach 1:0.

Null, nix. Der Spendenstand bleibt bei 83 Euro.

Das gilt in der Saison 22/23: Für jedes erzielte Tor von Borussia in Bundesliga oder DFB-Pokal zahle ich 1 Euro. Für jedes Tor von Tony Jantschke oder Christoph Kramer: 10 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 10 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg: 10 Euro. Einstelliger Tabellenplatz am Saisonende: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Deutsche Meisterschaft: 122 Euro. DFB-Pokalsieg: 50 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2023-01-22

Nach-Katar-Kater

Die sogenannte Fußball-Weltmeisterschaft in der Wüste, die die Bundesliga-Saison aus niederen Beweggründen unangemessen lange unterbrochen hat, ist für vieles verantwortlich zu machen. Daran, das Borussia sich einmal mehr an Bayer Leverkusen die Zähne ausbiss, allerdings nicht.

Der Neustart in den Rest der Hinrunde brachte neben dem schmerzlichen Verlust unserer langjährigen Nummer 1 einige unschöne und doch nicht ganz neue Erkenntnisse. Immerhin: Yann Sommer ist zwar weg, doch er wurde (heute) durch Jonas Omlin ohne Qualitätsverlust ersetzt. Der neue Schweizer war an den drei Gegentoren schuldlos, einmal konnte er sich mit einer waghalsigen Aktion auszeichnen, viel mehr bekam er nicht zu tun.
Das war aber noch die beste Nachricht. Die zweitbeste Nachricht war, dass Lars Stindl ein längst hergeschenktes Spiel noch einmal zum Leben erwecken konnte, indem er zweimal Dinge tat, die er sonst nur noch selten tut: Bälle aus mehr als elf Metern unter Zuhilfenahme von Pfosten und Latte platziert ins gegnerische Tor zu schießen.

Der Rest ist so frustrierend wie er fast absehbar war. Natürlich wissen wir alle, dass Bayer Leverkusen kein Team für die untere Tabellenhälfte ist. Und doch: Borussia lief den Bayer-Kickern nach 15 defensiv konzentrierten Minuten - wie immer in den vergangenen Jahren - einmal mehr willig in die Konterfalle. Der Gegner brauchte wenig mehr zu tun, als konsequent tief und gut gestaffelt in der eigenen Hälfte zu stehen, dort Bälle zu erobern, mit denen man die pfeilschnellen Diaby, Adli oder Frimpong dann vorne füttern konnte.

Dass die Gäste sich so zwischen der 20. und 70. Minute eine 3:0-Führung ersprinten konnten, die gut und gerne auch zwei Tore mehr hergegeben hätte, war aber nicht gottgegeben. Denn nach besagter Anfangsphase, wo Borussia früh und recht erfolgreich anlief und auch einige Ballgewinne, aber nur weitgehend ungefährliche Abschlüsse verzeichnete, ebneten vor allem individuelle Fehler den Weg für das Team von Xabi Alonso. Das Spielgerät wurde bei allen Gegentoren in der gegnerischen Hälfte verloren, aber Gegner und Ball wurden nicht gestellt - bis der Ball im Tor war. Das hatte auch unter Farke schon erheblich besser geklappt als in diesem Spiel.

Beim dritten Tor war es zum Beispiel Plea, der den Ball im Zweikampf wenigstens ins Seitenaus hätte klären können. Dann hätte Koné die Chance gehabt, den Angriff mit einem taktischen Foul zu unterbinden, konnte sich das aber nicht leisten, weil er zuvor für ein dummes Ballwegdreschen schon die Gelbe Karte gesehen hatte.
Beim ersten Tor verblüffte Bensebaini mal wieder mit Kreisklasse-Abwehrverhalten, beim zweiten tat es ihm Nico Elvedi mit einem falsch eingeschätzten Ball und dem dann verlorenen Laufduell gegen Adli gleich - wobei der Angreifer sich den Luxus erlauben konnte, noch einen Bogen um Elvedi zu laufen und dieser ihn trotzdem nicht am platzierten Schuss hindern konnte.

Trotz einer kurzen Druckphase um den Dreifachwechsel (Wolf, Stindl und Scally für Ngoumou, Kramer und Lainer) in der 56. Minute sah es nie wirklich danach aus, als könnte Borussia dem Spiel noch eine andere Wendung geben. Der VfL verschob zu langsam, passte sich die Bälle in ungefährdeten Zonen zu und fand keine Idee, wie man den Bayer-Riegel knacken könnte.
Die Gäste verwalteten das Ergebnis ohne große Mühe und in jedem in Richtung der Gladbacher Hälfte gedroschenen langen Balles lag die Drohung eines weiteren Gegentores durch die Sprinter in Rot, so wie eben im vorentscheidenden 0:3 in der 67. Minute.

Bewegung kam in die unerfreuliche Angelegenheit erst mit den letzten beiden Wechseln. Wie so oft in letzter Zeit brachte die Hereinnahme von Patrick Herrmann (und das Comeback von Flo Neuhaus) im Zusammenspiel mit dem agilen Capitano Stindl nochmal Impulse in kämpferischer Hinsicht, und auch bei den Standards.
Dass es nochmal knapp wurde, lag aber vor allem an Lars Stindls präzisen Treffern, dem es auch gelang, den Rest der noch nicht nach Hause geeilten Zuschauer nochmal aus der Lethargie zu holen. Ich möchte nicht vom Fernseher aus das Publikum kritisieren. Aber es wirkte doch sehr gedämpft, was da vor allem in jenen Phasen von den Rängen kam, wo der Mannschaft ein Impuls und Lautstärke von außen gutgetan hätte. Es brauchte das überraschende 1:3, um das Stadion zu wecken und einen Rahmen zu schaffen, in dem auch die Gäste von außen nochmal beeindruckt werden konnten. 

Hätte das Spiel noch länger gedauert, vielleicht hätte es noch zum Ausgleich gereicht - denn erst da war Borussia so dominant, wie sie mancher Aktive hinterher am Mikro gerne darstellen wollte. Mehr als ein 2:3, so ehrlich muss man sein, wäre aber nach diesem Spiel nicht ok gewesen - wenngleich uns das bei einem gewonnenen Punkt natürlich egal gewesen wäre.

In den Interviews sahen Spieler und Trainer sich selbst jedenfalls gar nicht so schlecht. Viel Platz für Selbstkritik war nicht erkennbar. Doch wenn ein Team mit europäischem Format bis auf den Topstürmer komplett ist, und man doch über 70 Minuten keine Durchschlagskraft, kaum gefährliche Aktionen nach vorne, sondern höchstens nach hinten kreiert - trotz Vorteilen im Ballbesitz, im Passspiel, in den Zweikämpfen und mit einer für den Farke-Ball weit überdurchschnittlichen Laufleistung von 121 Kilometern - dann ist das einfach zu wenig.

2:3 gegen Leverkusen - das klingt am Ende ok, das klingt verschmerzbar. Es klingt aber auf jeden Fall deutlich besser, als es war. Und das ist etwas, was hoffentlich intern auch so aufgearbeitet wird.

Schiedsrichter Harm Osmers war heute übrigens bei weitem nicht so schlecht wie befürchtet (und auch schon erlebt). Klar, manche Zweikampfbewertungen, auf die er klare Sicht aus wenigen Metern hatte, waren wieder unterirdisch. Aber es gab nichts Dramatisches zu bemängeln.

Ärgerlich war vor allem der Schlussakkord, als Herrmann kurz vor Ende der Nachspielzeit in Strafraumnähe einen Einwurf auf Stindl schnell ausführen wollte, sich der Leverkusener Hincapié aber just in diesem Moment auf den Boden sinken ließ, um eine Verletzung vorzutäuschen und das Spiel zu verzögern. Osmers fiel sofort auf das Schauspiel rein, unterbrach das Spiel noch, bevor der Ball zu Stindl kam - und das hatte Folgen.
Das Schauspiel des Leverkuseners erboste Stindl so, dass er den gerade wieder aufgesprungenen Gegner leicht schubste, woraufhin Knöchelbrecher Bakker bei der folgenden Rudelbildung dem Gladbacher Kapitän an den Kragen wollte. Beide wurden verwarnt und Stindl fehlt somit gelbgesperrt am Mittwoch in Augsburg. Es war die zweite wirklich unnötige gelbe Karte dieses Spiels.

Das ist insofern bitter, weil wir nicht wissen, ob Marcus Thuram bis dahin wieder fit (oder nicht doch nach Paris oder sonstwohin gewechselt) ist. Damit fehlt also eine weitere Alternative für die Zehnerposition oder die Rolle in vorderster Spitze. Die heute wieder durchwachsen ausgefallene Lösung mit Chris Kramer, Florian Neuhaus, Alassane Plea oder Hannes Wolf wären weitere Alternativen auf der Zehn. Für besondere Durchschlagskraft nach vorn stehen aber alle nicht.
Genau wie Nathan Ngoumou, dem das heute als Thruam-Ersatz angesichts des tiefstehenden Gegners auch kaum vorzuwerfen war. Er braucht Tiefe im Spiel, um seine Schnelligkeit einzubringen, ein Wandspieler ist er nicht. Und wenn der Spielaufbau so langsam und ratlos ist wie heute über weite Strecken der Partie, gibt es weder für ihn Räume noch für andere. Dass sich das im nächsten Spiel angesichts des Gegners Augsburg ändert, ist nicht zu erwarten. Es wird spannend zu sehen, wie Daniel Farke die Erkenntnisse von heute nutzen wird, damit Weigl und Co. bei den Puppenspielern besser aussehen können.       

Saison 2022/23, Bundesliga, 16. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Bayer Leverkusen 2:3. Tore für Borussia: 1:3 Stindl, 2:3 Stindl.

Zwei späte Tore, die ein verlorenes Spiel nochmal spannend gemacht haben, bringen immerhin 2 Euro ein. Gesamtstand ist nun 83 Euro.

Das gilt in der Saison 22/23: Für jedes erzielte Tor von Borussia in Bundesliga oder DFB-Pokal zahle ich 1 Euro. Für jedes Tor von Tony Jantschke oder Christoph Kramer: 10 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 10 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg: 10 Euro. Einstelliger Tabellenplatz am Saisonende: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Deutsche Meisterschaft: 122 Euro. DFB-Pokalsieg: 50 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

2023-01-16

Kann auch gut werden

Helau und ein gutes neues Jahr! Eine knappe Woche ist es noch bis zum Wiederanstoß in der Bundesliga, und auch ich bin mit meinem Blog wieder rechtzeitig aus dem langen Winterschlaf erwacht. Die wenigen Testspielminuten gegen unterklassige Gegner waren zum Teil ansprechend, gegen St. Pauli aber dann auch mal nicht so. Aber das ist nicht entscheidend. Was zählt, findet ab Sonntag statt, wo als erster Gegner Bayer Leverkusen in den Borussia Park reist.

Positiv ist anzumerken (toi, toi, toi), dass beim VfL derzeit der Trainingsplatz voll ist wie selten. Mal keine langwierigen Verletzungen und damit große Auswahl für Trainer Daniel Farke, was die Startelf für Sonntag angeht. Hoffentlich bleibt es so, denn wenn man so in die Bundesliga schaut, da gab es bei vielen Vereine zuletzt einige schwere Verletzungen. Hoffentlich bleiben wir davon diesmal verschont. Gut ist auch, dass die Mannschaft die Vorgaben von Daniel Farke jetzt schon ein gutes halbes Jahr einübt und damit sichtbare Fortschritte gemacht hat. 

Es wäre also grundsätzlich alles bereit für einen guten Start ins Jahr 2023 - der wiederum im Idealfall so beflügeln kann, dass die Mannschaft die lukrativen europäischen Startplätze in der Tabelle bis zuletzt in Reichweite behalten kann. Den Kader dazu hat Borussia (noch) - er müsste nur stabiler als bisher seine Leistungsvermögen abrufen. 

Aber das war es dann auch fast schon mit den mutmachenden Nachrichten für den zweiten Teil der Saison.

Denn leider spielen dabei auch andere Teams eine Rolle, und selbst Clubs wie Augsburg haben in diesem Winter transfertechnisch schon wieder große Anstrengungen unternommen. Es ist nicht gesagt, dass sich das nicht auszahlt. Aber es wird insgesamt sicher nicht leichter, sich wie gewohnt in der Konkurrenz zu behaupten - wenn man selbst zum Beispiel eben nicht die Transferfäden in der Hand hält, so wie es bei Borussia derzeit der Fall ist.

Ich hätte mir gewünscht, dass sich um diese Zeit, wenige Tage vor dem Start, auf personeller Seite schon mehr geklärt hätte - so oder so -, weil dies auch meinen Ausblick auf die Restsaison erleichtert hätte. Aber es sieht nach einem zähen Transferfenster in beide Richtungen bis zum 31. Januar aus. Und dazu nach relativ kleinen Brötchen, die Borussia so oder so wird backen müssen.

Reagieren statt agieren, das ist das neue Los auf dem Tansfermarkt für Borussia Mönchengladbach. Das kann man beklagen, es ist schlecht, aber es ist nun mal so. Es bleibt nur, das Beste daraus zu machen. Und dass sie dies versuchen, kann man Daniel Farke, Roland Virkus und dem Verein getrost abnehmen. Ob das ausreicht, wird sich zeigen. Ich bin da eher skeptisch - ohne dass ich dafür jemanden kritisieren könnte oder wollte.

Yann Sommer: Abgang ok, und tut doch weh

Immerhin: Eine Personalie steht kurz vor der Klärung, und trotz des Gepokers der vergangenen Tage zweifele ich nicht daran, dass unser tapferer Bayernschreck Yann Sommer ins Tor der Münchner wechseln wird, weil deren schlechtester Skifahrer die Zeit bis zu seinem verdienten Ruhestand erst noch mit einer längeren Verletzungsauszeit überbrücken möchte.

Das ist einerseits ein schwerer Schlag für Gladbach. Andererseits ist es aufgrund der auslaufenden Vertragssituation ein fast unvermeidlicher Abgang, der zumindest eine kostenneutralen hochwertigen (und jüngeren) Ersatz erlaubt. Dennoch: In Yann Sommer verabschiedet sich DER Rückhalt und Punkteretter der jüngeren Gladbacher Erfolgsgeschichte und einer der Garanten des Aufschwungs der Zehner-Jahre. Das ist kaum hoch genug zu bewerten.

Ob sein Nachfolger, vermutlich ja Sommers Landsmann Jonas Omlin aus Montpellier, sofort in diese Fußstapfen treten kann, muss sich zeigen. Es ist auf jeden Fall gewagt, mitten in der Saison die Nummer eins hinter einer nicht immer sattelfesten Abwehr auszutauschen. Zumal es, anders als bei den Bayern, nicht von einer langwierigen Verletzung erzwungen, sondern durch nüchterne Abwägung finanzieller Vor- und Nachteile getrieben ist.

Um das klar zu sagen: Ich kritisiere den Wechsel nicht, ich denke sogar, dass er für alle Seiten am Ende eine vernünftige Sache ist. Zwar halte ich es nicht für ausgemacht, dass Sommer in der Bayern-Elf und deren Abwehr in gleicher Weise brillieren kann wie bei uns. Aber wenn es sein Wunsch ist, seine persönliche Titelbilanz aufzufrischen, und sei es mit nur "halb" erspielten Trophäen, dann kann man ihm das nicht übelnehmen.
Torschlusspanik führt manchmal zu seltsamen Entscheidungen, und ob sich diese für den Schweizer auszahlt, liegt nicht nur allein an ihm. Denn sollte Neuer zurückkommen, werden die Karten ab Sommer neu gemischt. Man darf gespannt sein, ob sich das bisweilen doch sehr amateurhaft agierende Bayern-Management die Kraft hat, sich dann für das Leistungsprinzip und gegen den Platzhirschen zu entscheiden.

Ich hätte Yann Sommer natürlich gern als Legende bis zu seiner Rente im Gladbach-Tor gesehen. Aber nun wird es anders kommen und ich habe absolut keinen Grund für "hard feelings". Ich wünsche ihm alles Gute für seinen finalen Karriereplan, aber gegen Gladbach soll es für die Bayern natürlich weiterhin nichts zu holen geben.

Abschiedstour für wichtige Achsen-Spieler 

Verabschieden müssen wir uns auch im Sommer von Ramy Bensebaini und Marcus Thuram, und dies wohl ohne einen einzigen Cent Ablöse. Das ist bis jetzt zwar unausgesprochen, aber ebenso unausweichlich. Beide werden Lücken hinterlassen, die Borussia nicht auf einen Schlag adäquat füllen kann. Ohne eine re-investierbare Summe aus dem Verkauf der beiden Nationalspieler wird es allerdings sogar schwer werden, jemanden nach Gladbach zu holen, der in diese Aufgabe auf absehbare Zeit hineinwachsen kann, so wie es mit Manu Koné der Fall war. 

Dass diese beiden Spieler in diesem Jahr Kandidaten für einen ablösefreien Wechsel sein würden, war schon vor der Saison absehbar. In diesem Fall gilt - wie bei Ginter und Zak - allerdings: Der Verein kann wenig tun, wenn der Spieler seinen Vertrag erfüllen will, um dann den entsprechend lukrativeren nächsten Schritt machen zu können. Man kann es schade finden, dass diese Spieler das Prinzip der soliden Gladbacher Entwicklung - Spieler billig kaufen, entwickeln und teurer wieder verkaufen - zwar kennen, aber in ihren Karriereerwägungen nicht berücksichtigen.
Aber: Beide Spieler haben ihre Leistungen - mit normalen Schwankungen - immer gebracht, haben Top-Einstellung und werden auch bis zum Abpfiff der Saison gerne und mit vollem Einsatz für Borussia auflaufen. Dann haben sie ihren Vertrag erfüllt und dürfen - müssen - auch ohne Groll verabschiedet werden. So gehört es sich, auch wenn es weht tut.

Spielerischer Aderlass

Die Folgen sind für Borussia allerdings einschneidend. Innerhalb eines Jahres hat der Verein dann in Zakaria, Ginter, Embolo und Sommer vier absolute Topspieler des Kaders deutlich unter Wert abgegeben. Im Sommer werden in Bensebaini und Thuram zwei weitere hinzukommen. Und möglicherweise wird angesichts dieser Aussichten auch noch der eine oder andere folgen, der eigentlich einen laufenden Vertrag hat.

Ein Kandidat dafür ist Manu Koné, der schon einige Begehrlichkeiten geweckt hat, dem aber sicher noch ein Jahr mehr bei Borussia für seine Entwicklung gut täte. Da er aber mit dem wohl größten Profit im Sommer zu verkaufen wäre und zugleich sehr ehrgeizig ist, könnte es ein reales Szenario sein, ihn schon nach der Saison abzugeben - um die Löcher auf anderen Positionen stopfen zu können. Auch das wäre nachvollziehbar für beide Seiten, und vernünftig wäre es wohl aus finanziellen Erwägungen auch. Sportlich dagegen würde es einen qualitativen Aderlass bedeuten, der durch neue Spieler auf kurze Sicht kaum auszugleichen wäre. 

Zumal ein großes Fragezeichen hinter den Verbleib von Leihspieler Julian Weigl zu setzen ist. Um ihn aus dem Vertrag in Portugal herauszukaufen, braucht Borussia auf jeden Fall Geld - wahrscheinlich im zweistelligen Millionenbereich, zudem ist Weigl kein Geringverdiener. Gelingt dies, wäre es ein wichtiger Schritt zu einer neuen Mannschaftsachse. Wenn nicht, dann wäre dies ein Ausweis Gladbacher Ohnmacht aus dem Transfermarkt. 

Und mit diesem Szenario konfrontiert, könnten weitere Spieler ins Grübeln kommen, ob ihr Weg nicht doch woanders mehr Erfolg verspricht. Jonas Hofmann und Alassane Plea haben sich ihre Vertragsverlängerung mit deutlich erhöhten Gehältern bezahlen lassen. Ziemlich sicher aber auch mit relativ niedrigen Ausstiegsklauseln. Ganz sicher kann sich Borussia also auch ihres Verbleibs nicht sein - wenn es schlecht läuft.

Dann wäre da noch Lars Stindl, der aus familiären Erwägungen mit einem Auslaufen des Vertrags in Gladbach liebäugelt, was ihm in Gladbach angesichts seiner Verdienste sicher niemand übel nehmen würde, obwohl es schwierig wäre, einen Charakter wie ihn im Teams zu ersetzen.

Und was macht Tobi Sippel, dessen Vertrag ebenfalls im Sommer ausläuft. Er ist nach Yann Sommers Verletzung durch zwei durchwachsene Spiele und anschließende Blessuren etwas unglücklich auf Position drei im Tor zurückgefallen und hat bei Fans, aber vielleicht auch beim Trainer, an Ansehen verloren. Bisher war auf ihn immer Verlass gewesen, ich hätte ihm normalerweise auch zugetraut, für ein halbes Jahr die Nummer eins zu geben. Die letzten Patzer haben an diesem Nimbus gekratzt, und das merkt er auch selbst, wie er im Interview durchblicken ließ. Geht es für ihn hier noch ein Jahr weiter? Auch angesichts der Reihe junger guter Torleute, die auf dem Sprung stehen wie Olschowsky, Kersken oder Brüll, oder auch Moritz Nicolas, bei dem sich bald entscheiden muss, wohin es für sie geht.

Und dann reden wir noch nicht von Leistungsträgern wie Neuhaus und Elvedi, deren Vertrag 2024 endet, die idealerweise also vorzeitig verlängern oder im kommenden Sommer verkauft werden müssten. 

Hoffen auf das Beste

So weit, so schlecht. Dieses Szenario ist ein reales, das unabhängig vom Erfolg in der Rückrunde eintreten kann, und in Teilen sicher eintreten wird. Die Aufgabe für Virkus und Co. im kommenden halben Jahr und danach könnte also kaum größer sein. Und sie war auch nie in der Ära Eberl so dramatisch wie derzeit.

Aber Fußball wäre nicht Fußball, wenn nicht auch alles ganz anderes laufen könnte. Gesetzt den Fall, Borussia spielt - mit Thuram und Bensebaini - eine (sehr) gute Rückrunde und qualifiziert sich für einen europäischen Wettbewerb: Dann könnte dies nicht nur Koné, Hofmann und Plea von Wechselgedanken abbringen und dem Verein finanziellen Spielraum verschaffen. 

Es würde auch für den beim Zweitligaspitzenreiter Burnley auf der britischen Insel aufblühenden Jordan Beyer ein Argument sein, nicht den Verlockungen der Premier League folgen zu wollen, sondern zur Stammkraft in seinem Heimatverein zu werden. Sollten die "Clarets" ihn halten wollen, wäre das sportlich-perspektivisch natürlich ein herber Verlust für Borussia. Er würde dank seines langfristigen Vertrages in Gladbach allerdings auf jeden Fall eine relativ hohe Ablösesumme einbringen.

Eine gute Rückrunde und ein europäischer Startplatz könnte dann auch die Verpflichtung von Spielern im typischen Mönchengladbacher Beuteschema erleichtern, die in die entstehenden Lücken hineinstoßen und schnell in tragende Rollen reinwachsen. Es könnte sich insofern alles, was im Moment vielleicht noch schwer vorstellbar scheint, doch wieder einrenken. Die aktuelle Mannschaft scheint intakt, das Team wirkt lern- und leistungsbereit.  

Wenn das Konzept und die Spieler passen, kann Borussia auch über diese Saison hinaus große Freude machen - mit einem dann verjüngten, aber entwicklungsfähigen Team und etwas reduzierter Anspruchshaltung drumherum. Der Trainer ist sicher ein wichtiger Faktor dafür, dass das gelingen kann. Mit Glück und Geschick auf und neben dem Platz kann also vieles wieder gut werden. Als alte Gladbacher Unke sehe ich zwar noch nicht so recht, dass es so kommt, aber denkbar ist es.

Natürlich wünsche ich es mir sehr. Und hoffe, dass mit dem Anpfiff am Sonntag ein erster großer Schritt in diese Richtung gelingt. Also: Haut rein, Jungs!