2019-02-26

Was gerade fehlt

0:3, 1:1, 0:3 - nur ein Punkt und ein Tor aus drei Spielen, in denen man jeweils die klar dominierende Mannschaft war. Und das dann auch noch gegen unmittelbare Konkurrenten um die europäischen Plätze. Das ist ärgerlich, enttäuschend - und es macht auf den ersten Blick etwas ratlos.

Doch es gibt Gründe für den kleinen Durchhänger der Hecking-Elf. Manches kann man beeinflussen, anderes weniger - etwa die Wahrnehmungen des Schiedsrichtergespanns. Grund, in Panik zu verfallen, gibt es nicht. Und wie immer hilft es, bei der Analyse nicht nur schwarz und weiß zu sehen. Hier ein paar Gedanken, was mit im Moment bei Borussia fehlt:

1) Die Unantastbarkeit. Schwankungen sind normal. Keine Mannschaft kommt ohne Schwächephasen durch eine Saison, nicht einmal Bayern München und auch nicht Dortmund, wie man in den vergangenen Wochen gesehen hat. Eine solche Souveränität wie in dieser Saison ist bei unserer Borussia aber ohnehin kein Selbstläufer. Der VfL hat zwar einige Spiele nicht überzeugend gestaltet - auch gewonnene -, doch eine Ergebniskrise hat sich die Mannschaft in dieser Saison noch nicht erlaubt. 
Auf Niederlagen fand sie die richtige Antwort - mit einer Ausnahme: Ende Okober folgte auf die traditionelle Auswärtsniederlage in Freiburg fünf Tage später das bittere Pokalaus gegen Leverkusen.
Selbst die Reaktion auf das 0:3 gegen Berlin war völlig im Rahmen - ein starkes Auswärtsspiel in Frankfurt. Das macht Mut, dass es auch diesmal so sein wird, selbst wenn es nun gegen den Rekordmeister geht.

2) Das Spielglück. Wenn wir ehrlich sind, kann sich der VfL in dieser Saison nicht über fehlendes Glück in einigen engen Spielen beschweren. Auch das letztlich souveräne 3:0 in München wäre nicht denkbar gewesen, wenn an diesem Tag nicht vieles gepasst hätte für Gladbach. Jetzt klebt das Pech mal stärker an den Borussenstiefeln - sei es vorne bei Lattentreffern oder anderen vergebenen Chancen, oder in der Defensive bei unglücklichen Gegentoren. Da ließe sich das reingemümmelte Kreisliga-Schüsschen von Gerhardt zum 1:0 für Wolfsburg oder das glückliche Zustandekommen des da-Costa-Treffers in Frankfurt nennen.

3) Der "letzte Einsatz". Man sagt, Spielglück könne man nicht erzwingen. Da ist sicher etwas dran. Aber man kann etwas dafür tun, dass der Ball in den entscheidenden Szenen dein Freund bleibt. Dafür braucht es den gern zitierten "letzten Einsatz", das Quäntchen Geschicklichkeit im Zweikampf, das den Unterschied machen kann und macht. Jeder, der mal selbst gespielt hat, weiß, was ich meine. 
Am Beispiel des 0:2 und des 0:3 von Wolfsburg lässt sich das gut illustrieren. Hätte Nico Elvedi ein bisschen konsequenter den Weg und den Rückpass zu Sommer gesucht, hätte ihm Mehmedi nicht den Ball klauen können. Wäre der Schweizer Abwehrspieler - ohne Zweifel einer von Borussias Spieler der Saison - mit der sonst üblichen Kompromisslosigkeit ins Kopfballduell mit Brooks gegangen, hätte der den Ball nie in die Mitte bekommen, wo erneut Mehmedi gegen den (zu Recht) vor dem Zusammenprall zurückzuckenden Wendt an den Ball kam. Zwei verlorene Zweikämpfe, zwei entscheidende Gegentore. 
Gleiches gilt für das 0:2 gegen Berlin, als Selke Matthias Ginter an der Außenlinie weglief und dieser ihn nicht daran hindern konnte.

Das ist der Unterschied zu den Spielen vorher. Da wurden die allermeisten solcher Szenen von Elvedi und Ginter entschärft. Und was doch durchkam, wurde mit Können und etwas Glück durch Yann Sommer und andere Mitspieler abgeräumt. Es kann natürlich sein, dass derartige Konzentrationsfehler der anstrengenden Saison geschuldet sind. 
Nichtsdestominder müssen sie vermieden werden, sonst geht auch die Selbstverständlichkeit verloren, mit der der VfL bislang Offensive und defensive Absicherung so harmonisch auf den Platz gebracht hat.

4) Die Gier nach dem Tor. Solange es gelingt, hinten leichte Fehler zu vermeiden, kann man es sich leisten, sich den Gegner vorne zurechtzulegen, ihn müde zu spielen, um dann mit überraschenden Pass-Stafetten zum Erfolg zu kommen. Die richtige Balance zwischen dominierendem Passspiel und dem Abschluss zu finden, ist dabei nicht einfach. Die meisten Gegner verschieben inzwischen sehr effektiv und lassen Borussias Kreativen weniger Raum zum Kombinieren. Das führt manchmal zu langatmigen Ballzirkulationen im ungefährlichen Raum. Die Gefahr, in dieser Phase irgendwann mal unkonzentriert einen Fehlpass zu spielen, der hinten gefährlich werden kann, steigt gefühlt mit jedem weiteren Pass.

Dennoch finden die Gladbacher Spieler ja immer wieder gute Lösungen und spielten sich auch zuletzt pro Spiel eine gute Handvoll erstklassiger Chancen heraus. Wären immer drei davon drin, müsste ich den Text hier gar nicht schreiben. Auch hier gilt: Manchmal klebt das Pech am Schuh, man wählt die falsche Option oder stellt sich einfach nur mal dusselig an. Aber das ist es nicht allein.

Noch mehr gute Ansätze scheitern vorher - bevor der letzte Pass zum Torschuss kommt. Und da beschleicht mich in den vergangenen Wochen das Gefühl, dass die Spieler nach einer immer noch besseren Schussposition des Mitspielers suchen, um den Abschluss "möglichst sicher" zu gestalten. Wenn das gelingt, so wie bei Neuhaus oder Hazard am Samstag, ist das toll anzusehen. Wenn der angespielte Kollege die 100-prozentige Chance dann nicht nutzt, umso bitterer. 

Ich will nicht sagen, dass vor dem Tor die Verantwortung abgeschoben werden soll, danach sieht es nicht aus. Aber es wäre sicherlich nützlicher, ab und zu einfach gieriger den eigenen Torerfolg anzupeilen. Damit meine ich nicht mal so sehr die eben genannten Szenen, sondern die, in denen dann der Querpass nicht ankommt, obwohl man selbst hätte schießen können. 
Ich will nicht dahin zurück, dass ein Thorgan Hazard aus allen Lagen aufs Tor prügelt, egal wie sinnvoll es ist. Aber in einer Mannschaft, die mit so vielen Spielern gesegnet ist, die eine tolle Übersicht auf dem Feld haben, wäre es klasse, wenn sie auch im letzten Drittel des Spielfelds öfter kühlen Kopf bewahrten.

5) Gute Standards. Ganz ehrlich - ich habe lange keinen mehr gesehen. In der Vorrunde flogen riehenweise gute Ecken und Freistöße in den Strafraum, sie wurden auch mal trickreich flach in den Rückraum gepasst. Im Moment klappt da gar nichts. Und das ist gerade in Spielen fatal, wo es über Kombinationsfußball nicht so recht zündet.

6) Die Form. Matthias Ginter mit Schwächen im Spielaufbau und in der Antizipation mancher Situationen, Alassane Plea, der völlig von der Rolle scheint, egal ob es um Schnelligkeit, Zweikampf oder Torabschluss geht. Dazu Hazard und Stindl mit "Ladehemmung" und ein paar durch die schnelle Entwicklung zu Stammspielern durchaus nachvollziehbare Durchhänger bei jungen Spielern wie Flo Neuhaus oder Mickael Cuisance. Und: Erfahrene Spieler, die nicht sofort gleichwertig in die Bresche springen, auch weil ihnen die Spielpraxis fehlt (Drmic, Johnson). Eine solche Kombination ergibt eine Schwächung der Gesamtleistung, was sich in dieser Liga nicht sofort rächen muss, aber kann - an jedem Spieltag, gegen jeden Gegner.


7) Die Unterstützung der Fans. Nein, das ist jetzt vielleicht etwas zu plakativ. Grundsätzlich stimmt der Support für das Team natürlich, das hört man auch am Fernseher immer wieder. Und von einem Zerfleischen der Fangruppen wegen einiger Stadionflüchter, wie es die Blöd-Zeitung gern hätte, kann ja nun nicht die Rede sein. 
Aber ab und an denke ich doch, dass die Anfeuerung noch etwas früher, etwas vehementer ausfallen könnte. Im Moment glaube ich, dass das der Mannschaft enorm helfen würde, weil es das Quäntchen sein kann, was den Ausschlag gibt. 
Davon abgesehen: Wie realistisch und aufmunternd die Fans die beiden Niederlagen im eigenen Stadion gewichtet haben, das war ganz große Klasse. Positive Anfeuerung, das wirkt immer. Und gegen die Bayern sollte es sich von selbst verstehen, dass die Hütte brennt. Oh, hoffentlich habe ich jetzt nicht den zuständigen Minister zu Dummheiten animiert. ;-)

In diesem Sinne: Halt Pohl, Borussia!

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