2020-06-16

Routiniert abgekocht

Wie schnell sich die Laune wieder aufhellen lässt. Am Samstagabend noch wütend und hadernd, nach den Hiobsbotschaften der Tage danach schon fast gleichgültig, und am Dienstagabend wieder obenauf: Borussia ist immer für Überraschungen gut. Und der Saison-Endspurt macht vielleicht doch wieder Spaß.

So souverän, wie unser VfL heute den VW-Namensvetter aus dem Borussia Park geschossen hat, so kurz kann ich heute meine Analyse machen. Das war über die gesamte Spielzeit Dominanz in Reinkultur, die Gäste aus Golfsburg hatten keine einzige nennenswerte Torchance, und auf der anderen Seite kann man höchstens monieren, dass es nicht noch drei-, vier Mal öfter im Kasten von Koen Casteels geklingelt hat.

Au dem Rasen zwischen den beiden Torhütern ließ die Elf von Marco Rose nichts anbrennen, defensiv nicht, nicht einmal bei Standardsituationen, etwa gegen den unbequemen Kleiderschrank Weghorst, auch später nicht gegen die verstärkte Offensive mit Ginczek und Brekalo. Ginter und Elvedi kochten ihre Gegner mit bemerkenswerter Eleganz ab, Lainer und Wendt hielte die Außen draußen, und Kramer, Neuhaus und Hofmann machten in der Mitte dicht.

Nach vorne ging es zügig und klug, und das hatte sehr viel mit den drei Routiniers Hofmann, Stindl und Ibo Traoré zu tun. Sie waren durch die Ausfälle von Thuram, Plea, Raffael, Johnson, Strobl und Besebaini besonders gefordert - auch, weil klar war, dass Breel Embolo noch kein ganzes Spiel mit seiner gewohnt intensiven Spielweise durchstehen würde.

Und die alten Hasen lieferten. Schön, dass sich Jonas Hofmann endlich mal wieder für seinen enormen Aufwand belohnte. Das hat er wirklich verdient, nicht zuletzt, weil viele Fans bei Niederlagen immer die Schuld zuerst bei ihm oder bei Oscar Wendt suchen.

Das Herz geht auf, wenn man Traoré wieder mal im Vollbesitz seiner Kräfte und steigendem Selbstvertrauen über den Platz flitzen sieht. 
Toll, mit welch breiter Brust Flo Neuhaus unterwegs ist und sogar erfolgreich die Spielmacher-Rolle von Denis Zakaria adaptiert - als Dirigent tief aus der eigenen Hälfte heraus ist der Junge im Moment Dreh- und Angelpunkt im Spiel.

Hidden Champion war für mich heute aber ein weiterer Routinier - der Kapitän. Körperlich robuste Gegner, hakelige Zweikämpfe - da blüht Lars Stindl meist auf. Heute eroberte er nicht nur viele Bälle im Mittelfeld sehenwert und leitete sie gut weiter. Er hatte seine stärksten Szenen wie so oft nicht vor dem gegnerischen Tor, wie beim beruhigenden 3:0, sondern als Wühler im Mittelfeld-Pressing und an der Wurzel der Tor-Entwicklung, quasi als Torvorvorbereiter.
Insgesamt eine durchweg bärenstarke Leistung der gesamten Mannschaft (bis auf Sommer, der hatte kaum Gelegenheit, sich auszuzeichnen), eine Leistung, die zudem nach jetzigem Stand auch nicht durch weitere verletzungsbedingte Ausfälle getrübt wird. Zwar fehlt Nico Elvedi in Paderborn gelbgesperrt, doch in Tony Jantschke, Ramy Bensebaini und auch dem heute wieder in der Schlussphase eingewechselten Mamadou Doucouré sollten Alternativen zur Verfügung stehen.

Ich werde weiterhin keine Rechnungen anstellen, für was jetzt dieser Sieg oder die zwei Niederlagen zuvor am Ende reichen werden. Dafür ist die Liga noch immer zu unberechenbar. Aber ich habe meinen Frieden mit der Saison auch längst gemacht. Alles, was jetzt noch (besser) kommen könnte, wäre das Sahnehäubchen auf das erste Rose-Jahr.

Fehlt noch der obligatorische Schiedsrichterblock. Robert Schröder zeigte eine sehr vernünftige Spielleitung, mit wenigen Ausnahmen, die angesichts des klaren Sieges nicht mehr ins Gewicht fallen. Die Wolfsburger gingen gewohnt rücksichtslos in die Zweikämpfe und kamen mit vier Gelben Karten dennoch etwas zu glimpflich davon. Wout Weghorst hätte für seinen unmotivierten Check gegen Yann Sommer zwingend Gelb sehen müssen, dann wäre er kurz darauf mit einem zweiten üblen Tritt vorzeitig duschen gegangen. Und den früh verwarnten Pongracic verschonte der Unparteiische im weiteren Spielverlauf so lange, dass Trainer Glasner ihn doch noch rechtzeitig vom Feld holen konnte. Bis dahin hatte der Kroate eigentlich schon drei Verwarnungen gesammelt. Das kann ich heute aber locker verschmerzen: dank eines klaren, hochverdienten Zu-Null-Spiels, das einfach Spaß gemacht hat. Ach ja: Glückwunsch, Keanan Bennetts, endlich ist auch dein Bundesligadebüt fälig gewesen! Das mit der Frisur muss ich in meinem Alter ja nicht mehr verstehen ;-)



Bundesliga 2019/20, 32. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - VfL Wolfsburg 3:0 (Tore für Borussia: 1:0 Hofmann, 2:0 Hofmann, 3:0 Stindl)

2 Kommentare:

  1. Mmhhhh....ob ich da wohl ein anderes Spiel gesehen habe? "Über die gesamte Spielzeit Dominanz in Reinkultur!"....Echt jetzt?
    Nur um vorweg zu schicken: Normalerweise bin ich einer von der Anti-Nörgel-Fraktion. Aber bei diesem Spiel habe ich die erste Hälfte immer gezittert. Und im Übrigen wird diese Einschätzung durch Ballbesitz- und Torschuss-Statistiken der 1. Halbzeit untermauert. Das war in der 1. Hälfte ganz und gar nicht souverän. Es war eins: Effizient.
    Wir stimmen absolut überein in Sachen Defensive und in Personalien Hofmann (einfach nur geil und auch sonst meistens unterm Radar und zu Unrecht oft beschuldigt) und Neuhaus (super Entwicklung und neuer Antreiber).
    Aber Traore? Wo war der Traore von früher (klar, erstes Spiel seit gefühlter Ewigkeit). Kaum eine einzige gelungene Aktion. Überhastet. Missverständnisse mit Mitspielern. Vlt 2, 3 gute Szenen aber auch erst in Hälfte 2. Hätte m.M.n. schon zur Halbzeit raus gemusst.
    Stindl? OK. Hat durchaus gute Aktionen gehabt und wie immer Löcher gestopft, was man oft nicht wahrnimmt. Aber ganz ehrlich - ein Schatten seiner selbst. (Bekommt eine mustergültige Ecke von Hofmann auf den Spann serviert. Den hätte er früher volley draufgeknallt, vmtl auch getroffen. Jetzt nimmt er ihn an und spielt ihn zurück...) Keineswegs mehr ballsicher! Keiner spricht von seinen Fehlpässen und Ballverlusten unter Druck, von denen 3, 4 gefährlich hätten werden können, hätten unsere Defensiven nicht Acht gegeben. "Hidden Champion"??? Im Leben nicht!!! Wer spricht über Kramer, der den weitaus offensiveren Neuhaus und Hofmann den Rücken freihält, damit diese erst diese Entfaltung ausleben können?
    Abgeklärt war Halbzeit 2 - d'accord!
    Aber nochmals....und ich entschuldige mich nun dann doch schon mal für diese Kritik....."über die gesamte Spielzeit Dominanz in Reinkultur" war das für mich ganz und gar nicht. Und dieser Satz hat mich zu meinem Kommentar veranlasst.
    Zum Ende: Auch ich fand es alles in allem ein geiles Spiel.
    Mein Fazit danach war: Schön spielen allein (siehe 60 ersten Minuten gegen Freiburg) reichen nicht. Auch reicht es nicht, einen übermächtigen Gegner zu beschäftigen (siehe Bayern).
    Fighten und dagegenhalten und auch mal unschön spielen scheinen erfolgreicher zu sein. Und das haben unsere Jungs gegen Wolfsburg getan! Und darauf bin ich stolz!

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  2. Hey Jörg, das ist doch das Schöne an diesem Sport. Man schaut das gleiche Spiel und sieht doch manches anders. Und das heißt nicht, dass einer unrecht haben muss. Ist oft ja auch ein persönliches Befinden dabei, wie man auf ein Spiel schaut. Für mich war es in der Tat eine Partie, bei der ich nicht wie sonst gezittert habe, weil ich fand, dass die Mannschaft von Minute zu Minute sicherer wurde und sie in dieser personellen Konstellation vielleicht sogar noch einen Tick fokussierter war als sonst. Zudem war Wolfsburg ziemlich einfallslos und hoffte wirklich nur auf ihren Leuchtturm vorne im Sturm. Klar, auch ein 2:0 kann noch kippen, und wenn irgendsoeine Möhre reingefallen wäre, hätte es auch noch mal anders laufen können. Aber grundsätzlich fand ich es recht entspannt.

    Was Traoré angeht, vergleiche ich ihn nicht mit seinen Glanzauftritten von vor ein paar Jahren. Das wäre, glaube ich, nach der Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren unfair. Er hat Fehler gemacht in diesme Spiel, genauso wie es die Fehlpässe von Lars gab, die du zu Recht monierst. Aber dennoch waren beide für mich ein wichtiges Puzzleteil im Spiel, weil sie auch läuferisch Dinge machen, die andere Mitspieler dann in gute Positionen bringen. Ich glaube, wenn Ibo mal fünf, sechs Spiele am Stück machen würde, wäre auch sein Selbstvertrauen ein anderes und er würde bessere Entscheidungen treffen, wenn es um 1-gegen-1, Flanke oder Schuss geht. Dennoch: Angesichts der gesamten Situation habe ich mich über seinen Einsatz gefreut und war sehr zufrieden mit ihm - Rose offenbar auch, wie ich gelesen habe. Ähnlich empfinde ich es mit Lars Stindl. Als er vor ein paar Monaten zurück in die Mannschaft kam, schien er mir wie ein Fremdkörper zu sein. Inzwischen hat er sich aus meiner Sicht erheblich gesteigert und seine Rolle gefunden. Die ist eine andere als früher - viel mehr wühlen, im Gegenpressing Fehler provozieren und dafür kommt er weniger in Abschlusspositionen. Das zeigt sich dann leider auch in manchen Szenen, wie die, die du erwähnt hast.
    Wie auch immer: Ich freue mich jedenfalls über deinen Kommentar, für den du dich ganz sicher nicht entschuldigen musst. Ich verarbeite ja auch nach dem Spiel meine Eindrücke recht schnell und sehe weder alles noch kann ich alles immer umfassend wiedergeben. Also gern auch Contra geben, wenn du oder andere meiner Sichtweise nicht zustimmen. Das belebt und es regt mich auch an, auch noch mal anders draufzuschauen. Herzliche Rautengrüße!

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