2020-06-06

Wie immer - aber anders

Am Ende war es so wie immer in Freiburg - Enttäuschung pur. Und eigentlich kann auch kein Borussia-Kenner wirklich damit gerechnet haben, dass der VfL in diesem Stadion irgendwann noch mal gewinnt. Nun scheint es ja wirklich der letzte Auftritt in der alten Kiste namens Schwarzwaldstadion gewesen zu sein. Wenigstens das lässt hoffen.

Weniger tröstlich war dagegen die Tatsache, dass sich diesmal die treuen Gladbach-Fans das Ganze wenigstens nicht live vor Ort ansehen mussten, um dann viele hundert Kilometer frustriert nach Hause fahren zu müssen. Denn diese Niederlage war pures Gift für die Champions-League-Ambitionen der Rose-Elf- und natürlich für die Hoffnungen der Fans darauf.

Dabei sah es 50 Minuten lang hervorragend aus. Nach fünf Minuten hatten die Fohlen schon mehr gute Angriffe inszeniert als in anderen Jahren im ganzen Spiel. Und bis zum Ende der ersten Halbzeit waren Ginter und Co. mit zielstrebigem Direktspiel und viel Power unangefochten Herr im Freiburger Stadion. Was fehlte, war - wie auch in den Wochen zuvor immer mal wieder - der letzte präzise Pass. Und das Tor zur Führung.
Als sich Borussia dann doch mal erfolgreich bis zum Tor von Keeper Schwolow durchgespielt hatte, sorgte ausgerechnet der erneut wie aufgedreht spielende Florian Neuhaus dafür, dass das Tor wegen Abseits nicht zählen konnte. Ob es ein Reflex war, dass er im Abseits stehend noch an den Ball ging oder ob der Ball ohne ihn vielleicht doch nicht reingegangen wäre, ist müßig. Es war eine von vielen Möglichkeiten, in Führung zu gehen, ja in Führung gehen zu müssen. Freiburg bekam jedenfalls in der ersten Halbzeit überhaupt keinen Zugriff auf die Gladbacher Spieler. Das 1:0 für Thuram und Co. schien nur eine Frage der Zeit.

Dass es dennoch nach 45 Minuten 0:0 stand, ließ bei mir erste ungute Gedanken hochsteigen. Denn in der Halbzeit kann ein Trainer auch eine ordentlich durchgeschüttelte Mannschaft neu einstellen und aus der Tatsache, dass man noch nicht zurückliegt, kann man sogar neue Stärke ziehen. Und genau das zeigten die Hausherren nach der Pause. Sie griffen vor allem nach der Einwechslung von Petersen viel früher und energischer an, was Wirkung zeigte. 
Denn vorher kamen die Borussen meist unbedrängt im Spielaufbau bis zur Mittellinie und überwanden von da aus mit vertikalen Pässen die gegnerischen Abwehrketten fast spielend. Jetzt wurde es deutlich dichter im Mittelfeld, Stindl und Co wurden viel häufiger zu unkontrollierteren Abspielen genötigt und verloren darüber ein wenig den Zugriff aufs Spiel und die Spielhoheit.
Viel zu leicht kam Freiburg dann auch zu dem Freistoß im Mittelfeld, der zum Tor des Tages führte. Und der simple Ball in der Mitte offenbarte wieder einmal die Anfälligkeit der Gladbacher Defensive bei solchen "Masseneinläufen" in den Strafraum. Eine katastrophale Zuordnung bei diesem Grifo-Freistoß machte es Petersen sehr leicht, Yann Sommer zu überwinden. Auf der anderen Seite das gewohnte Bild. Standardsituationen ohne eine daraus entstehende gefährliche Szene - auch wenn Benes in der Schlussphase in der Beziehung etwas mehr anbot als seine Kollegen zuvor.

Nach dem Rückstand glückte dem VfL nicht mehr viel, sodass Freiburg den knappen Vorsprung gegen nun wenig überlegt anstürmende Borussen relativ sicher verteidigen konnte und sogar die besseren Chancen hatte, das Ergebnis noch höher zu gestalten. Somit war der Sieg am Ende auch nicht ganz unverdient.
Das alles war aber natürlich auch einer Situation in der 68. Minute geschuldet, in der der Unparteiische der Partie einmal mehr erheblichen Einfluss auf das Spiel nahm - wie gewohnt zu Ungunsten Borussias.

Zum zweiten Mal traf es Alassane Plea, der seiner Mannschaft mit der gelb-roten Karte einen Bärendienst erwies. Aber wie schon bei der berühmten Tobias-Stieler-"Kein-Respekt"-Ampelkarte gegen Leipzig kann man sich fragen: Muss das wirklich sein?

Regeltechnisch kann man nichts dagegen sagen. Gelb für Ballwegschlagen und Gelb für ein Foul, als Plea dem Gegenspieler deutlich auf den Fuß trat. Kann man also machen. Leider konnte Schiedsrichter Markus Schmidt nicht durchgehend nachweisen, dass er diese Linie im Spiel konsequent verfolgte. In der ersten Hälfte kamen die Freiburger fast in jedem Zweikampf zu spät, was öfter für schmerzhafte Momente bei Gladbacher Spielern sorgte. Schmidt zeigte auch zu Recht dreimal Gelb gegen Waldschmidt, Kübler und Koch. Dass Waldschmidt innerhalb von wenigen Minuten gleich zweimal gelbwürdig in den Gegner sprang, hatte aber ebensowenig Konsequenzen wie die Szene, in der der schon verwarnte Kübler wegen eines Ellbogenchecks gegen Thuram zurückgepfiffen, aber nicht vom Platz gestellt wurde. 
Einigen Gladbacher Spielern unterliefen ähnliche Fouls wie Plea in der besagten Szene, ebenfalls ohne Konsequenzen. Ramy Bensebaini teilte gleich mehrfach im Spiel ordentlich aus, ohne überhaupt verwarnt zu werden.

Warum also zückte Schmidt ausgerechnet bei Pleas erstem Foul gleich Gelb? Das Spiel war in dieser Phase nicht ruppig, es war nicht außer Kontrolle, es gab keine Notwendigkeit, als Schiedsrichter ein Zeichen zu setzen. Warum also?

Die gleiche Frage stellt sich mir bei der ersten Karte für Plea. Man muss keine Entschuldigungen suchen: Den Ball wegzuschießen ist immer unnötig und dumm. Sollte man sich verkneifen. Und deshalb überwiegt auch der Ärger über den Stürmer, dass er sich überhaupt so in die Gefahr eines Platzverweises gebracht hat.
Aber war das hier eine Situation, die zwingend mit Gelb bedacht werden muss? Plea lupfte den Ball (sichtlich genervt davon, dass er zurückgepfiffen wurde) mehr spielerisch in die Höhe, er schoss ihn nicht mit Wucht weit weg oder auf die Tribüne. Da habe ich in dieser Saison schon andere Sachen gesehen, die ungeahndet blieben. Tobias Stieler wird es auf jeden Fall mit Freude gesehen haben, nehme ich an.

Klar ist: Echte "Siegermannschaften" handeln sich nicht solche Platzverweise ein (Vielleicht werden bei ihnen auch nur andere Maßstäbe angesetzt, diesen Eindruck kann man schon manchmal bekommen). Echte Champions-League-Teams verlieren auch so ein Spiel nicht, in das sie so viel investiert haben - siehe Leverkusen vor kurzem am gleichen Ort. 

Hätte Borussia heute einen rabenschwarzen Tag gehabt (es wäre lange nicht der erste im Breisgau gewesen), dann könnte man das besser akzeptieren.

Aber was die Mannschaft über fast 60 Minuten mit den Freiburgern veranstaltet hat, war einfach souverän und klasse. Und es hätte unbedingt, unbedingt, unbedingt heute zu Punkten reichen müssen. 
Gerade in den letzten Spielen schien es, als hätten Ginter und Co. inzwischen die Reife, Spiele cool nach Hause bringen zu können und sich auch in Druckphasen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. In den ausstehenden vier Spielen wird man das umso mehr benötigen, damit man die Scharte von heute vielleicht nochmal auswetzen kann. Ohne Plea wird es aber im nächsten Spiel bei den Bayern sicher nicht leichter.


Bundesliga 2019/20, 30. Spieltag: SC Freiburg - Borussia Mönchengladbach 1:0

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