Here we go again - ich komme (spät) zurück aus einer angenehmen Sommerpause, die ich (in meiner Freizeit zumindest) sehr entspannt verbracht habe. Auch, weil ich dem Fußball auf großer und kleinerer Bühne mit geringstmöglicher Aufmerksamkeit begegnet bin. Die Shit-WM habe ich genauso ausgelassen wie die ersten Trainingswochen der Borussia. Erst am Samstag bin ich zur Generalprobe der anstehenden Saison gegen Aston Villa in die aktive Beobachtung der neuen Mannschaft eingestiegen.
Und ich muss sagen: Was ich gesehen habe, hat mir gefallen. Klar, ich weiß und weise selbst oft genug darauf hin: Testspiele sind Muster ohne Wert. Die schwache Leistung des Gegners sollte auch niemanden dazu verleiten, das Spiel und den ungefährdeten Sieg gegen den aktuellen Euroleaguesieger überzubewerten.
Aber: Auch ohne die verletzten oder angeschlagenen Konoplia, Castrop, Uno und Mohya und die vor Wechsels stehenden Nico Elvedi und Nathan Ngoumou zeigte die Mannschaft von Eugen Polanski über weite Strecken des Spiels eine erstaunlich selbstbewusste und erfrischende Spielweise. Das galt auch für die zweite Hälfte, trotz vieler Wechsel auf beiden Seiten und der Einwechslung der Nachwuchshoffnungen Mathieu Nguefack, Fritz Fleck und Iaia Manco Danfa.
Insgesamt war über die 90 Minuten ein sehr konzentriertes und forderndes Spiel gegen den Ball und Gegner zu beobachten, das Aston Villa sichtlich überraschte und nervte. Und das will bei einem Team von Trainer Unai Emery schon etwas heißen. Die nerven den Gegner nämlich sonst lieber selbst.
Borussia hat beim Kaderumbau gezielt in die Pressingqualitäten investiert. Es geht in den Zweikämpfen ordentlich, aber nicht unfair zur Sache. Und, so sieht es aus, Rouven Schröder hat bei seinen Einkäufen einige spieltaktisch intelligente und schnell lernfähige Spieler hinzugewonnen.
Auch das Spiel aus der Abwehr heraus war mutig, selbstbewusst und auch auf engstem Raum unter Druck sehr passabel gelöst, das Umschalten klappte oft sehr ansprechend. Dass die Finalisierung der letzten und vorletzten Pässe zu wünschen übrig ließ, konnte den Gegner freuen, der sonst gut und gern auch 6 oder 7 Tore hätte kassieren können. Auch wenn es nur ein Testspiel war, sah das völlig anders aus als die verzweifelt aus der Abwehr herausgeprügelten langen Bälle, die bei Gegnerdruck oft genug die vergangene Saison geprägt hatten.
Die Präsenz des so lange schmerzlich vermissten Kapitäns Tim Kleindienst war unüberseh- und fühlbar, nicht nur wegen der beiden Tore, sondern auch wegen des sehr fitten Eindrucks, den er hinterließ. Mit einem gut aufgelegten Franck Honorat und den quirligen Offensiven Bolin, Hack (und natürlich Jungstar Wael Mohya) ist Borussia schwerer auszurechnen als zuletzt, zumal auch Philipp Sander mit seinen Qualitäten immer wieder mit nach vorn reinstieß und Räume öffnete, während Kevin Stöger auf der defensiveren Mittelfeldposition plötzlich das Spiel wohltuend einfach zu lenken verstand - ganz ohne Schlenker und Pirouetten und sonstigen Firlefanz. Das könnte Zukunft haben.
Klare Hoffnungsträger sind für mich daneben aber der unermüdliche Balleroberer Hugo Bolin, dem nur die Effizienz beim Torabschluss etwas abgeht - und Jan Leszczynski. Wie kompromisslos und abgeklärt der 19-Jährige Pole seine Abwehrarbeit verrichtete und auch nach vorne mit klugen Spieleröffnungen und Pässen glänzte, das war schon eine Augenweide. Da werden wir viel Spaß dran haben. Wir wissen wie bei allen jungen Spielern aber auch, dass es Einbrüche und schlechtere Phasen geben kann und wird - und dass es dann besonders darauf ankommt, Druck von dem Spieler zu nehmen, um ihn nicht zu verheizen.
Nimmt man nur das Zusammenspiel innerhalb der Mannschaft aus der Partie gegen Aston Villa zum Maßstab, sah man natürlich auch, dass Robin Hack noch ein paar Prozentchen von seiner Galaform entfernt ist. Auch, dass von den Neuzugängen vor allem Enzo Leopold und Daiki Hashioka noch ein bisschen mehr Bindung zum Team benötigen. Aber das macht noch nichts.
Den drei jungen Hüpfern Fleck, Danfa und Nguefack jedenfalls ist einiges zuzutrauen - sogar, dass letzterer sich mit etwas Glück - und seiner guten Mischung aus frecher Coolness, Robustheit im Zweikampf und der nötigen Demut, schnell lernen zu wollen und zu können - einen Platz im Spieltagskader und auf dem Platz erkämpfen könnte, der für ihn so schnell vielleicht gar nicht vorgesehen wäre. Die drei Genannten sind jedenfalls technisch, taktisch und in der Spielübersicht hervorragend ausgebildet und sollten sich über kurz oder lang ihre Chance auf Bundesligaeinsätze erfüllen können.
Shuto Machino und Joe Scally dagegen blieben einmal mehr blass. Und Florian Neuhaus durfte mit dem Aussitzen seines letzten Vertragsjahres gegen Aston Villa schon beginnen. Als einziger Feldspieler kam er an diesem Nachmittag im letzten Test vor dem DFB-Pokal-Auftakt gegen Schott Mainz am kommenden Sonntag nicht zum Einsatz. Dennoch könnte er nochmal wichtig werden, falls er Lust findet, seine Stärken mal wieder auf dem Platz zeigen zu wollen.
Der aus rätselhaften Gründen "Unvollendete" ist erstaunlicherweise nun auch schon einer der wenigen verbliebenen Problemfälle, die Rouven Schröder noch im Kader sitzen hat. Nahezu ohne Verlust hat er den auch im Nachhinein unerklärlichen Virkus-Zirkus-Transfer von Gio Reyna repariert (Abgang nach Straßburg), mit Ngoumou (Nizza) zumindest einen weiteren Großverdiener von der Payroll gebracht. Dazu wurden mit Ranos (Teneriffa), Fukuda (KSC) und Noah Pesch (RW Essen) drei entwicklungsfähige Spieler transferiert, denen man den großen Sprung im Gladbach-Kader nicht zugetraut hat, die zum Teil aber mit entprechenden Beteiligungen an zukünftigen Transfererlösen oder gar einer Rückkaufklausel abgegeben werden.
Die Leihen von Torwart Tiago Pereira Cardozo (Belgien), Jan Urbich (Braunschweig) und Niklas Swider (Viktoria Köln) ergeben Sinn, weil sie dort Spielpraxis sammeln können, die bei Borussia nicht möglich wäre.
Dazu der ablösefreie Wechsel von Marvin Friedrich und die nachvollziehbare Entscheidung, die Leihspieler Yannick Engelhardt und den Saisonretter Haris Tabakovic nicht fest zu verpflichten. Das alles ist schon eine gute Managerleistung.
Dazu kommt jetzt der Elvedi-Transfer für einen zweistellige Millionensumme, die aus menschlicher und fanemotionaler Sicht weh tut, aber eigentlch keine Diskussionen erlaubt. Weder darf man so einem treuen Spieler die letzte große Karrierechance verbauen noch dieses Geld fahrlässig liegenlassen. Ich wünsche dem Schweizer, der längst ein Borusse mit Haut und Haar ist, nur das Beste auf der Insel. Mit dem, was er in den allermeisten seiner über 300 Spiele bei Gladbach gezeigt hat, hat er auf jeden Fall das Zeug, um in der fußballerisch maßlos überschätzten englischen Geldliga eine gute Rolle zu spielen.
Auf der wünschenswerten Abgangsseite bleiben jetzt neben Neuhaus nur noch der stagnierende Joe Scally und Problemkind Tomas Cvancara, der aufgrund der jüngsten Verletzung aber kurzfristig wahrscheinlich kaum vermittelbar ist. Aber wer weiß.
Auf der Zugangsseite sehe ich nur sinnvolle Investitionen. Gute, günstige oder zumindest marktgerechte Einkäufe (Leszczynski, Herold, Leopold, Konoplia, Uno, Batz, Lidberg). Leihen, wo sinnvoll (Hashioka). Und jetzt bitte noch gezielt und mit gleichwertiger Qualität ersetzen, wo sich durch Abgänge Lücken auftun, ohne den Kader wieder aufzublähen, was ja vor allem die hochtalentierten Nachwuchsprofis um ihre Chancen bringen würde.
Das klingt alles sehr gut und durchdacht, und das ist es auch. Aber Fußball kann ein Schwein sein und die besten Vorhaben bitter durchkreuzen.
Auch nach dem Sieg gegen Aston Villa wissen wir längst noch nicht, ob der Kader in der Bundesliga mit so viel zugeführtem frischem Zweitliga-Blut wirklich eine Saison lang bestehen kann. Selbst die Leistungsträger Sander, Castrop und Kleindienst haben ja zusammen keine 180 Bundesligaspiele auf dem Buckel. Eine Borussia ohne Elvedi, Friedrich, Scally, Reyna und sogar Ngoumou verliert also enorme Liga-Erfahrung. Das kann gut gehen. Oder schief. Das kann nur der Saisonverlauf zeigen.
Genauso wie nur die Pflichtspiele zeigen können, wie die Lernkurve von Eugen Polanski in seiner (hoffentlich) ersten kompletten Bundesligasaison als Cheftrainer verläuft. Er hat dafür mit einem frischen Trainerteam und einer von den Voraussetzungen an Spiel und Kampf passenden Mischung an Spielern zur Verfügung. Und ausreichend Zeit in der Vorbereitung. Ich wünsche ihm, dass er das nutzen kann und wir uns darauf konzentrieren können, diese jungen hoffnungsvollen Spieler als eingeschworenes und taktisch gut eingestelltes Team zu sehen und entsprechend hart zu supporten.
Die Fantasie ist da, dass diese neue Mannschaft etwas mehr Spaß verbreiten und den Borussia Park wieder mal so richtig anzünden kann. Und sie ist berechtigt, sofern nicht zu viel auf einmal schief geht. Da man das ja nie weiß, ist auch ein weiteres "Jahr zum Vergessen" nicht ausgeschlossen. Mit dem Blick von heute hat die Vereinsführung allerdings in diesem Sommer einige Dinge dafür getan, dass das eben nicht noch einmal passiert. Also: Auf geht's Borussen, es geht wieder los. Neue Saison, neues Glück! Und volle Kraft nach vorn!
P.S. Natürlich gibt es auch diese Saison meine Saisonspende, und ich hoffe, dass ich mal wieder mehr "bluten" muss als in den Vorjahren - dann dank einer erfolgreicheren Performance unserer Borussia. Mein Einsatz steht hier unten:
Saisonspende: Das gilt in der Saison 26/27: Für jedes erzielte Tor von Borussia in Bundesliga oder DFB-Pokal zahle ich 1 Euro. Für Derbysiege gegen K*** gibt es 10 Euro. Gehaltener Elfmeter: 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 2 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund, Leverkusen, Frankfurt oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg: 20 Euro. Einstelliger Tabellenplatz am Saisonende: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 30 Euro. Deutsche Meisterschaft: 127 Euro. Für jede erreichte Runde im DFB-Pokal: 10 Euro. DFB-Pokalsieg: 50 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.