2018-10-21

Passende Puzzleteile und ein dummes Wort

Nun ja. Das war heute Abend - wie soll ich es sagen - eine äußerst exquisite Leistung des VfL. Und endlich mal wieder ein Tag, an dem ich (fast) nichts zu meckern habe. Im Gegenteil, ich genieße den Moment und die Tabelle, die Borussia diesmal eine ganze Woche lang auf Platz zwei sehen wird, weil uns ja auch kein indisponierter Aufsteiger mit einem Tag des offenen Tores gegen einen Konkurrenten einen Streich spielen kann - wie vor zwei Wochen Nürnberg und Leipzig.

Das 4:0 gegen Mainz war eine Demonstration neuer Gladbacher Stärke, spielerisch und zweikämpferisch ein bärenstarker Auftritt und ein weiterer Beweis, dass in dieser Saison die Puzzleteilchen auf dem Rasen einfach zusammenpassen. Das liegt natürlich an maßgeschneiderten neuen Puzzlestücken wie Lang, Neuhaus und Plea, die heute zwar nicht ganz so auffällig waren, aber eine enorm wichtige Rolle spielten, bei der Entstehung der Tore und genauso bei den Wegen nach hinten, als Balleroberer und -verteiler sowie im Defensivverbund. Es liegt natürlich auch an denen, die seit Jahren zu den Leistungsträgern zählen, wie die heute wieder herausragenden Thorgan Hazard und Lars Stindl oder an denen in der starken Abwehrmauer um Ginter und Elvedi und dem wiedererstarkten Oscar Wendt.

Dazu kommen jetzt lange (verletzungsbedingt) verschüttete Puzzleteilchen wie Tobias Strobl, der heute allein schon mit seiner Kompromisslosigkeit auf der Sechs seine Aufstellung rechtfertigte. Er agierte überdies auch gekonnt mit schnellen präzisen direkten Bällen nach vorne. Das schien mir auch ein Grund zu sein, warum er den Vorzug vor Chris Kramer erhielt, der den Ball vor dem Pass gern auch mal länger am Fuß und unter Kontrolle hat (ähnlich wie Zakaria). So blitzartige Konter wie derzeit habe ich jedenfalls bei Borussia in den vergangenen Jahren nur vereinzelt gesehen, nie jedoch in einer solchen Vielzahl in einem Spiel.

Und dann liegt es, wir sehen es Woche für Woche mehr, auch an einem Puzzleteil, das endlich an der richtigen Stelle eingesetzt wurde, nachdem es vorher jahrelang an der falschen Stelle eingeklemmt auf dem Puzzletisch lag. Jonas Hofmann hat auf die bestmögliche Art darauf reagiert, dass ihn Jogi Löw trotz dessen Top-Leistungen und dem klaffenden kreativen Krater in der Nationalelf nicht eingeladen hatte und stattdessen auf Bankdrücker anderer Vereine setzte. 
Und was macht Hofmann, der lauffreudigste Spieler der Liga, im nächsten Bundesligaspiel? Er liefert eine Galaleistung ab, verteidigt clever, klaut Bälle, zieht die Fäden in Borussias Mittelfeld und fängt auch noch an Tore zu schießen - nicht eins, nicht zwei, nein: drei! Und dass das im Moment gelingt, hat bei ihm und bei der ganzen Mannschaft ganz stark mit dem Zutrauen in die eigenen Stärken zu tun. Es hat sich also auch mental im Sommer einiges bewegt im Team, das lässt sich nach den ersten acht Spielen ziemlich gut beurteilen.

Am Beispiel Hofmanns wird das besonders deutlich. Ich weiß, es lässt sich nicht beweisen, aber ich bin mir sicher, dass er in der vergangenen Saison statt dreimal ins Tor zweimal den Pfosten getroffen hätte und ein Abwehrbein ihm beim zweiten Tor den Ball so an den Fuß gespitzelt hätte, dass er ihn vor dem leeren Tor nicht reingekriegt hätte. Ich freue mich ungemein darüber, weil ich in ihm immer einen viel besseren Spieler gesehen habe, als er es auf dem Platz nachweisen konnte. Es wäre halt schön, wenn der eine oder andere, der ihn über die Jahre immer als Flop und ähnliches geschmäht hat, grundsätzlich mal darüber ins Grübeln käme, ob man immer so leichtfertig den Stab über Spieler brechen sollte - wer in den vergangenen Jahren die Kommentare unter den jeweiligen Aufstellungen von Borussia bei Facebook oder Twitter regelmäßig gelesen hat, der weiß, was ich meine.    

Also alles in Butter heute, oder? Stimmungstechnisch im Park auf jeden Fall, sportlich natürlich auch. Sicher, es gab auch heute Situationen, mit denen das Spiel eine andere Wendung hätte nehmen können. Man denke nur an den haarsträubenden Fehlpass von Nico Elvedi in der Anfangsphase, der Mateta in der besten Mittelstürmerposition versehentlich anspielte. Da konnte Borussia von Glück sagen, dass die Gäste nicht in Führung gingen. Überhaupt waren die Gladbacher nach vorne hin zwar äußerst zielstrebig und effektiv, in der eigenen Hälfte zumindest in der ersten Halbzeit aber doch schlampiger als es als man es sich leisten sollte. Yann Sommer fiel mit überdurchschnittlich vielen ins Aus geschlagenen Bällen auf (machte das in der einen oder anderen Szene aber auch wieder wett). Auch ansonsten gab es durchaus ein paar Wackler im defensiven Aufbau, die ein ähnlich zielstrebiger Gegner, wie der VfL es heute war, mit Sicherheit besser genutzt hätte als die Mainzer. 

Dennoch hatte ich nie das Gefühl, dass das Spiel kippen könnte. Zu souverän war die Bewegung in der Defensive und zu stark die Zweikampfführung - wobei man, wenn man ehrlich ist, auch den einen oder anderen gewonnenen Zweikampf im Mittelfeld hätte abpfeifen können. Aber das ist ja genau das, was Borussias Spielern in der Vergangenheit oft etwas abging - dass sie sich nicht gut genug wehrten. Und so schön die Tore sind und das verbesserte Spiel nach vorne - diese ganzen Angriffe sind nicht denkbar ohne die Balleroberung, die sie einleitet. Und an dieser Stelle hat das Trainerteam für mich vielleicht im Sommer sogar am besten gearbeitet. Einen Konter auszuspielen und die freien Räume für den Mitspieler zu sehen, das haben Spieler wie Hazard, Stindl, Hofmann oder Plea im Blut. Den Zweikampf so zu führen, den Gegner so anzulaufen, dass man ihm den Ball klauen kann oder ihn zu einem Fehlpass verleitet, ohne dem Gegner selbst Räume zu eröffnen, das ist viel schwieriger (in der richtigen Balance) umzusetzen als ein zielstrebiger Gegenangriff.

Aber eins gab es doch, was mich heute ziemlich geärgert hat. Dass heute der erste - fernab vom Borussia Park - das Wort Meisterschaftskandidat in den Mund genommen hat. Ich mag die Analysen von Didi Hamann, er hat einen guten Blick. Und vielleicht spielen Stindl und Co. ja tatsächlich derzeit den schönsten Fußball in der Liga, das will ich gar nicht bewerten. Aber am achten Spieltag eine Mannschaft herauszuheben und neben Bayern und Dortmund zum Titelkandidaten zu erklären, ist Nonsens. Und es schadet dem, der dieses Schild umgehängt bekommt eher, als es ihm nützt. Wenn die Tabelle nach dem 25. Spieltag noch so aussehen würde, könnte man darüber vielleicht reden, aber nicht jetzt. 
Und nach meiner Erfahrung wird das nun folgende mediale Hochjubeln über die Woche die traditionelle Niederlage am Freitag in Freiburg noch ein bisschen unvermeidlicher machen. Aber was weiß ich schon? Sollte diese Mannschaft im Breisgau auch noch gewinnen, dann wäre in der Tat nichts mehr auszuschließen. ;-) 
Allen VfL-Fans jedenfalls jetzt erstmal eine weitere wunderschöne Woche auf PLATZ 2! Genießen wir die Höhenluft, solange wir können. Und sollten wir uns daran gewöhnen "müssen", kann es ebenfalls nicht schaden, sie jetzt schon mal tief einzuatmen.    

Bundesliga 2018/19, 8. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FSV Mainz 05 4:0 (Tore für Borussia: 1:0 Hofmann, 2:0 Hofmann, 3:0 Hazard, 4:0 Hofmann)

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