2022-03-05

Ein Schritt vor, drei zurück

Lerneffekt: Nahe null. Immer wieder das gleiche Systemversagen. Borussia Mönchengladbach ist in der Saison 2021/22 ein Spielball der eigenen Unzulänglichkeiten. Zum Mäusemelken. Denn es ist keine durchgängige Besserung in Sicht - trotz des immer wieder zu beobachtenden Aufflackerns individueller und mannschaftlicher Klasse.

Das - nicht nur, aber vor allem das heute - muss jeden tief besorgen, der es mit dem VfL hält. Denn zu den mittlerweile 51 Gegentoren nach 25 Spielen, von denen man jedes zweite verloren und nur sieben gewonnen hat, kommt die Erkenntnis, dass die Mannschaft es zwar immer wieder mal schafft, sich neuen Kredit zu erarbeiten und nach einem Katastrophenspiel eine vernünftige, manchmal auch gute Reaktion zu zeigen. Dass aber nichts davon auch dauerhaft in der Spiel-DNA Borussias fest verankerbar scheint. Das ist umso verwunderlicher, weil jeder von uns weiß, dass es mit genau diesen Spielern auch schon anders war.

Erschütternder Fakt bleibt nach diesem "Top"-Spiel am Samstagabend: Durch eine absolut verdiente 2:3-Niederlage beim VfB Stuttgart - nach eigener 2:0-Führung - hat die Elf von Trainer Adi Hütter es nicht nur verpasst, sich in der Tabelle nachhaltig von den direkten Abstiegsplätzen zu distanzieren. Sie hat es geschafft, sich zu blamieren und auch gleich noch selbst in die nächste Verunsicherung schießen zu lassen.  

Und das, nachdem die Mannschaft in der ersten Hälfte - zwar etwas glücklich - durch zwei wirklich sehenswerte Angriffe eiskalt und komfortabel mit 2:0 in Führung gegangen war. Doch das verunsicherte nicht etwa die gegnerische Mannschaft, die ja unter deutlich höherem Druck stand, heute im direkten Duell der Konkurrenten gewinnen zu müssen.
Nein, der VfB spielte mit Herz, Tempo, Zielstrebigkeit und Schwung einfach weiter, als sei nichts geschehen und schaffte schon drei Minuten nach dem 0:2 den Anschlusstreffer. Die Borussia spielte leider auch so weiter wie vorher. Mit der Ausnahme, dass das Offensivspiel ab da eigentlich überhaupt nicht mehr der Rede wert war.

Umso mehr allerdings die Leistung in der eigenen Spielhälfte - im Negativen. Yann Sommer und Christoph Kramer sprachen das nach der Partie auch in aller Deutlichkeit an, immerhin: "Stuttgart hat uns vorgeführt", so der Schweizer Goalie völlig zutreffend. Und hätten die Schwaben etwas mehr Effektivität an den Tag gelegt, dann hätte es auch heute wieder leicht fünf oder sechs Gegentore regnen können.

Bei dieser unerfreulichen Feststellung macht vor allem nachdenklich, dass offensichtlich auch langsam die Optionen ausgehen, wie man die Defensivschwäche in den letzten Saisonspielen noch irgendwie in den Griff bekommen will. Wie schon gegen Dortmund war die Umstellung auf die (von vielen immer wieder geforderte) Viererkette ein kompletter Reinfall, weil in den Abläufen gegen den Ball auch damit fast nichts funktioniert. Jeder Angriff des Gegner wirkt gefährlich, jede Standardsituation vor Yann Sommer riecht nach Gegentor. Der Gegner zieht, wie Stuttgart heute, das Spiel in die Breite, oder er kommt mit einfachsten Pässen durch die Mitte zum Zug, und in Gladbahcs Defensive herrscht Durcheinander - und oft genug auch reine Panik.

Heute versuchte man in der ersten Halbzeit deutlich tiefer zu stehen als gewohnt, angegriffen wurde der Gegner in den meisten Fällen erst ab der Mittellinie. Möglichkeiten genug, um die Räume für den Gegner effektiv zu verdichten und ihm das Spielmachen möglichst schwer zu machen. Um es deutlich zu sagen: Auch das funktionierte zu keiner Phase dieses Spiels zufriedenstellend. 

Zwar gelang es oft, Flanken und Zuspiele im eigenen Strafraum noch zu klären, doch auch da landete fast jeder Befreiungsschlag beim Gegner und kam postwendend zurück. Immer wieder wurde Yann Sommer von den eigenen Mitspielern gegen früh anlaufende Stürmer als Anspielstation gesucht und benötigt, immer wieder wurde er zum langen Ball gezwungen. Nur dass heute dessen Schläge auch noch außerordentlich oft direkt beim Gegner landeten. Die Folge: Borussia blieb permanent nur die Reaktion auf die Aktionen des Gegners, jeder rannte hinterher, die Entlastung fehlte und somit häuften sich auch die individuellen Fehler. 

Waren die ersten beiden Gegentore noch - höchst borussialike - jeweils (teils mehrfach) durch eigene Beine abgefälscht und begünstigt (der Ehrlichkeit halber galt das auch diesmal für die Gladbacher Tore), bewies der Siegtreffer des VfB einmal mehr, dass diese Abwehr in vielen Situationen nicht bundesligatauglich agiert und auch in entscheidenden Momenten völlig den Überblick verliert.
Bei Sosas Eindringen in den Strafraum und seinem Lauf zur Grundlinie, der in diesem Fall von Thuram nicht verhindert werden konnte (ebenso wie ungefähr 20mal davor schon von anderen Kollegen), standen sechs Verteidiger auf einer Linie am Fünfmeterraum. Und alle waren aus dem Spiel genommen durch den wahrscheinlichsten aller Pässe, nämlich den zurück in Richtung Elfmeterpunkt. Dort stand Kalajdzic völlig blank, er konnte sich den Ball sogar noch mal selbst richtig auflegen und sich die Ecke aussuchen, in die er schießen wollte. 

Da hilft dann auch kein Yann Sommer in Weltklasseform mehr, der vorher schon immer wieder beherzt und erfolgreich eingreifen konnte und musste. Nein, das ist dann einfach nur zu schlecht für die Bundesliga.    

Borussia lief das ganze Spiel über dem Gegner hinterher, Borussia ließ immer wieder die gleichen Angriffe und die gleichen Laufwege zu, als sei es von Gott bestimmt, dass der - ja ligaweit für seine Spielweise sehr bekannte - linke Außenspieler Sosa vor sich freie Räume hat und dort auf überforderte Gegner wie Joe Scally trifft, die er mühelos überlaufen kann.

Damit soll der junge Amerikaner, der nach einigen Spielen (fast) ohne Spielpraxis überraschend für den erkrankten Lainer ins Team rückte, überhaupt nicht die Schuld zugeschoben bekommen. Verteidigen ist eine kollektive Aufgabe in der Mannschaft, und vom Trainer bis zum Stürmer fiel keinem Gladbacher - über die gesamte Spielzeit - eine Lösung ein, wie man diese Abwehrseite (genauso wie die andere, die allerdings weit weniger bespielt wurde) besser absichern könnte. 

Wer Sosa ist, wer Kalajdzic ist, der die natürliche Empfangsstation für dessen Flanken ist, das weiß doch nun wirklich jeder. Und es war insofern auch sehr schade für den VfL, dass ausgerechnet diese beiden rechtzeitig wieder fit waren für dieses Spiel. Denn auch in den vorangegangenen Partien beider Teams waren es gerade diese beiden gewesen, die Gladbach enorme Probleme bereitet hatten. Aufgabe wäre gewesen, genau daraus zu lernen und ein "Gegengift" zu finden.

Einschub: Von daher finde ich auch die nun natürlich boulevard-sportjournalistische Helden-Erzählung vom märchenhaft- überraschenden Erfolg des seit neun Spielen sieglosen Vorletzten aus Stuttgart etwas albern. Denn zum Einen hatte die Mannschaft von Pellegrino Matterazzo in den vergangenen Wochen schon bewiesen, dass sie spielerisch deutlich besser performt als es die blanken Ergebnisse aussagten.
Und zum anderen hatte auch Stuttgarts Sportvorstand Mislintat vor dem Spiel zugegeben, dass er froh sei, dass der VfB nun wieder offensiv (mit Ausnahme von Silas) die "volle Kapelle" zur Verfügung hatte.
Auf das druckvolle, begeisterungsfähige Team und das spielerisch durchdachte Auftreten der Gastgeber war Borussia Mönchengladbach - warum auch immer - heute nicht oder nicht gut vorbereitet.

All das ist natürlich keine Entschuldigung für das eklatante Versagen Borussias. Natürlich kann man ein solch wichtiges Spiel am Ende auch verlieren. Und natürlich kann man - mal - einen schlechten Tag haben. Aber mir fehlt langsam die Fantasie, wie man diese ständigen Rückfälle nach halbwegs gelungenen Stabilisierungen, die auf bemerkenswerte Systemabstürze und Pleiten gefolgt sind, noch erklären und vor allem irgendwann dann doch noch in den Griff bekommen will und kann. 

Ich bin ratlos, wie eine Mannschaft in der einen Woche den Gegner mit viel Einsatz, gutem Anlaufen und auch langsam zurückkehrendem Spielwitz beherrschen kann und in der Woche darauf scheinbar alles vergessen hat, worauf es beim Fußball ankommt. Und das, obwohl man im gleichen Spiel ja sogar schon Wege gefunden hat, den Gegner zwei Bälle ins Tor zu schießen - aber selbst diese beruhigende Führung nichts dazu beiträgt, um das Spiel in den Griff zu bekommen.

Die Spieler? Sie wirken selbst verzweifelt und ratlos, über das, was sie da immer wieder über sich hereinbrechen lassen. Worte, die das Problem erklären, scheint wohl auch das Trainerteam nicht zu haben. Hat es Wege aus dieser Klemme? Die richtigen Werkzeuge? Ich konnte es im Coaching und in den Auswechslungen - nicht nur heute - nicht wirklich erkennen. Ich hoffe, es liegt an mir. Aber ich fürchte, wenn man wie wir alle heute beobachtet hat, dass selbst eine erheblich defensivere Aufstellung gegen den Ball überhaupt keine Wirkung gezeigt hat, dann sind Zweifel angebracht, ob hier jemand den Schlüssel zum sicheren Klassenerhalt in Händen hält. Oder ob er ihn wenigstens noch rechtzeitig finden wird. 

Obgleich es auch heute manches zu bekritteln gegeben hätte, verzichte ich auf mehr als diesen Satz zu Schiedsrichter Christian Dingert. Denn: Die Baustellen lagen auch heute wieder woanders als beim Schirigespann, was aber durchaus auch einige - nicht spielentscheidende Merkwürdigkeiten offenbarte.

Bundesliga, 25. Spieltag: VfB Stuttgart - Borussia Mönchengladbach 3:2. Tore für Borussia: 0:1 Plea, 0:2 Thuram.

Saisonspende: Zwei Tore steigern den Spendenstand auf 104 Euro. Das war vielleicht schon das Beste heute.

Folgendes gilt für die Saison 2021/22: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in Bundesliga oder DFB-Pokal: 1 Euro. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Deutsche Meisterschaft: 121 Euro. DFB-Pokalsieg: 50 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

5 Kommentare:

  1. Ich kann die absolute Fassungslosigkeit nur bestätigen: Borussia 2021/22 ganz schlimm. Diese Mannschaft braucht einen Kopfdoktor! Keine Interviews durch Spieler mehr! Das ist ja Leiden und Ratlosigkeit pur.

    Ich hab mir das Spiel auf Sky angesehen. Und da hatte der Loddar doch mal eine interessante Frage an Trainer Hütter: Wieso wechselst du so wenig: 18. Platz in der Buli? Ob er nicht das Gefühl habe von der Bank Impulse setzen zu können? Zu wenig Qualität auf der Bank sehe? usw. Da fiel unserem Trainer leider nichts ein, außer, dass er die Statistik gar nicht kenne (braucht man auch nicht) und dass er bei dem Spiel xy nach einer Auswechselung "bestraft" worden wäre und das Spiel verloren gegangen wäre.... Außerdem bedeutet Wechsel auch Unruhe ... usw. alles nicht falsch - wirkte aber völlig hilflos.
    Jetzt ist es nicht so, dass Wechsel mehr Erfolg bringen muss. Erster in der Statistik ist Augsburg, auch kein Himmelsstürmer zur Zeit...
    Aber etwas mehr Impulse von außen, wenn es auf dem Platz hakt bitteschön! Beim letzten Heimspiel gegen Wolfsburg ist man aus dem Park rausgegangen und konnte sagen: die Fans, der Park hat von außen unterstützt. An den richtigen Stellen unterstützt, gemurrt und dann angefeuert! Das kann ich von der Bank nicht wahrnehmen. Wer erreicht da wen?

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  2. Dem gibt es leider nichts hinzuzufügen. Sehr harte Kritik von dir, aber vollkommen berechtigt. Mit diesem Spiel hat Borussia im negativen Sinn tatsächlich in verschiedenen Bereichen noch eine höhere Eskalationsstufe erklommen. Eigentlich fast unmöglich...

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  3. Ein weiterer Offenbarungseid, eine weitere Bankrotterklärung...der (wiederholt!) vorläufige Tiefpunkt eines erneut grotesken Auftretens der gesamten Mannschaft...einfach nur noch peinlich und lächerlich...zum fremdschämen...Borussia ist auf dem bestem Wege das neue Schalke zu werden und diese sogar noch zu toppen.
    Was ist nur aus diesem einstigen Vorzeigeklub in den letzten 12 Monaten geworden...? Unfassbar !!
    Ein Verein zerstört sich selbst und keiner will es wahrhaben !!
    Der Trainer hat fertig.....

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    1. Ich halte nicht viel von vorschnellen Aktionen, aber ich fürchte mittlerweile auch dass Hütter gescheitert ist. Leider ist der Verein offenbar, aus welchen Gründen auch immer, nicht der Lage sich das unvermeidbare einzugestehen und ihn zu entlassen. Jetzt ist Virkus gefragt...

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    2. Auch ICH halte nichts von einer aktionistischen Trainerdiskussion und habe lange an A.H. geglaubt...jedoch...vor einem Jahr spielte diese Mannschaft in nahezu identischer Besetzung noch in der CL und war hier zumindest auch noch bedingt wettbewerbsfähig...und auch wenn die Leistungen zum Ende der letzten Saison schon sehr schwankend waren, scheint dieselbe Mannschaft das Fußballspielen mittlerweile völlig "verlernt" zu haben...präsentiert sich darüber hinaus sogar zeitweise amateur- u. stümperhaft...und zeigt dabei allenfalls noch Kreisklassen-Niveau.
      DAS ALLES stinkt doch zum Himmel....!!!
      Natürlich wird es für das wiederholt kollektive Versagen auch eine ganze Reihe von mannschaftsinternen Gründen geben...aber solche "Brandherde" hat ein Trainer auf diesem Niveau sowohl zu identifizieren als auch einvernehmliche Lösungen dafür zu finden.
      Die Seele brennt !!!

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