2026-10-24

Unerwartete Wiederbelebung

Na, hätte das jemand etwa nicht so getippt? Am 7. Spieltag feierte unsere Borussia den ersten Saisonsieg und damit sogar den allerersten Punkt überhaupt in dieser bisher so deprimierenden Spielzeit.

Nein, natürlich haben die allermeisten von uns diesen 3:2-Auswärtssieg beim Champions League-Teilnehmer aus Stuttgart nicht für möglich gehalten. Niemand, der die Gladbacher Profis in den vergangenen Wochen bei der Arbeit beobachtet hat, konnte schließlich daraus den dafür notwendigen (grenzenlosen) Optimismus schöpfen, dass der VfL zu mehr als der Bad Cannstadter Volksbelustigung den Weg in die Schwabenmetropole angetreten haben könnte. 

Und die Befürchtungen schienen sich schnell zu erfüllen. Ein nervöser Beginn ohne zehn potenzielle Stammspieler, mit einer absoluten Notabwehr, einem nicht eingespielten Mittelfeld und ohne einen klaren Zielspieler im Angriff, das ließ nichts Gutes erwarten. Dazu kam ein frühes Gegentor der Marke dämlich-unglücklich, eingeleitet einmal mehr durch einen schlechten Pass eines Borussen (hier: Neuhaus) und mit einem unüblich fahrigen Patzer bei der Parade von Moritz Nicolas. 

Und mit dem 0:1 und den folgenden Druckminuten der Gastgeber, die gegen eine wenig geordnete Gladbacher Elf mehrmals knapp am zweiten oder dann gar dritten Tor schnupperten, schien alles den seit Wochen gewohnten Gang zu gehen. Der Weg zur siebten Niederlage in Folge war schon eingeschlagen, was bekanntlich ein historischer negativer Bundesligarekord gewesen wäre (nicht einmal Tasmania hätte da noch grüßen lassen können). 

Und der Effekt des neuen Trainers Alexander Bessin wäre bis dahin in seinem dritten Spiel an der Seitenlinie als kaum sichtbar zu notieren gewesen, was keine allzugute Konstellation für den Rest der Saison verhieß.

Warum es anders kam, wissen die Stuttgarter sicher auch heute noch nicht. Außer, dass sie den harmlosen Gegner ab der Mitte der ersten Halbzeit offenbar doch auf die zu leichte Schulter nahmen, was ihnen zu dem Zeitpunkt niemand so recht verdenken konnte.

Ob die Spieler der Borussia schon vor dem Abpfiff so richtig realisiert hatten, was sie hier konkret auf die Siegerstraße brachte, würde ich auch bezweifeln. Sie hatten es einfach gemacht und war gelungen - against all odds.

Erst war es wohl mehr die Verzweiflung, vielleicht auch die Wut im Bauch, dass man wieder den Boden unter den Füßen leichtfertig herzugeben schien und das nächste Spiel zu verlieren drohte, der eine bemerkenswerte Trotzreaktion auslöste und die Borussen nach der verpatzten Anfangsphase noch eifriger anlaufen und giftiger in die Zweikämpfe gehen ließ. Plötzlich kamen sie sogar bis zum gegnerischen Tor, holten sich Hoffnung durch zwei, drei gute Abschlusssituationen und den Lattentreffer von Wael Mohya.

Der 17-Jährige ging an diesem Abend in dieser zusammengewürfelten letzten Aufstellung unübersehbar voran und begann zusammen mit Bolin und dem (läuferisch und taktisch) deutlich verbesserten Shuto Machino in vorderster Reihe die Stuttgarter Defensive zunehmend erfolgreicher zu stressen und zu Fehlern zu zwingen. Wer im Gladbacher Team an diesem Flutlichtabend wen mit dieser Einstellung und Konsequenz im Zweikampfverhalten ansteckte und inspirierte, ist schwer zu sgen. Aber der Funke sprang über. Selbst Florian Neuhaus war in seinem Einsatz kaum wiederzuerkennen, und in seinem Jubel nach dem Schlusspfiff sogar wieder der emotionale Flo, den man von früher in Erinnerung hatte. 

Auch wenn immer noch teilweise haarsträubende Fehler passierten und die Befreiungsschläge von Sander, Hashioka und Ullrich mitunter die blanke Hektik ausdrückten: Aus elf Einzelspielern bildete sich von Minute zu Minute mehr ein Kollektiv, das Räume schloss und die taktischen Vorgaben im Spiel gegen den Ball plötzlich besser umzusetzen verstand. Alles ein wenig vergleichbar mit einem Fischschwarm, der eng zusammen bleibt und wo jeder im Gleichklang mit dem Nebenmann arbeitet, um dem großen Räuber möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. 

Deshalb wäre es auch unfair, die Leistung einzelner Spieler nicht zu würdigen. Jeder, der für Borussia am Freitagabend auf dem Platz stand, gab bis zuletzt alles für diesen vielleicht unschätzbar wichtigen Erfolg.   

Spätestens mit dem Ausgleichstreffer, den Scally ausgerechnet mit einem feinen Hackeneinsatz vollendete, kippte das Spiel auf die Gladbacher Seite. Zwar war es da immer noch nicht sehr wahrscheinlich, dass Blessins Schützlinge dieses Remis gegen die geballte Offensivkraft des VfB Stuttgart (auf dem Feld und auf der Reservebank) bis zum Ende würden verteidigen können. 

Doch als die Borussen auch nach der Pause nicht wie üblich den Faden verloren und sogar in Führung gingen, war zu merken, dass an diesem Abend irgendetwas anders war als sonst. Die Gladbacher krallten sich an diesen Vorsprung, sie hielten gegen die im Spielverlauf nach und nach weiter verstärkte Stuttgarter Offensive stand - und sie ließen sich diesmal nicht so tief in die eigene Hälfte drücken wie so oft in den vergangenen Jahren nach knappen Führungen. 

Im Gegenteil. Abgewehrte Bälle wurden bewusst vom Torwart oder aus der Abwehr schnell und tief in die gegnerische Hälfte gefeuert, obwohl dort ja gar kein Gladbacher Zielspieler war, der die Bälle hätte festmachen können. Das Ziel war aber auch ein anderes, und das hat Blessin-Teams wohl schon vorher ausgezeichnet: mit dem langen Ball rückt die Mannschaft sofort weit raus, macht das Spielfeld sehr breit und beginnt die Hatz auf den ballführenden Spieler und seine Nebenleute. 

Das zwang Stuttgart immer wieder, direkt aus der letzten Reihe neu aufzubauen, auf die Außen auszuweichen und es verhinderte, dass der Druck bei verlorenen Bällen im Mittelfeld sofort wieder vom Gegner forciert werden konnte. Dieses Verhalten habe ich bei Borussia in den letzten Jahren nie so konsequent beobachten können. 

Und an diesem Abend war es wohl auch das erste Mal, dass die Mannschaft ihren Plan mit Mut und unbändigem Einsatz erfolgreich zu Ende spielen und den Sieg über die Zeit bringen konnte. Und das, obwohl die meisten Spieler zum Ende des Spiels stehend k.o. schienen. 

128 gelaufene Kilometer wie am Freitag wird man in den Statistiken der Borussia-Teams sicher vergeblich ein zweites Mal suchen. Das war eine ganz außerordentliche Leistung, die bei den gegebenen Umständen niemand kommen sehen konnte. 

Ob dieser Befreiungsschlag nun eine Wende zum Besseren einleitet, ist selbstverständlich völlig offen. Denn nicht jede Mannschaft lässt sich so leicht überrumpeln, wie der VfB es unerklärlicherweise an diesem Abend nach souveränem Beginn zuließ. 

Es war natürlich auch vieles nicht so gut in diesem Spiel. Darüber zu meckern, wäre angesichts des Gesamteindrucks und der personellen Möglichkeiten verfehlt. Aber daran muss dennoch weiter akribisch gearbeitet werden, um die Erfolgsschancen in anderen Spielen zu steigern. Zumal die am Freitag fehlenden Spieler auch in der nächsten Zeit noch nicht wieder alle zur Verfügung stehen werden und bei einem der stärksten am Freitag, Joe Scally, die Befürchtung besteht, dass er sich im Spiel verletzt hat und auszufallen droht.  

Und klar: Eine so euphorisierte Energieleistung wie diese lässt sich von Mohya und Co. wahrscheinlich auch nicht Woche für Woche wiederholen. Sie legte allerdings eine Waffe der Blessin-Elf offen, die Borussia jahrelang nicht besessen oder genutzt hatte, weder mit dem Champions-League-Kader noch mit einem anderen: Der unbedingte Wille, der Biss, gegen jeden noch so widrigen Widerstand anzuspielen, sich in jeden dreckigen Zweikampf oder Schuss zu werfen, nicht nachzulassen und sich nach und nach auch gegen den zunehmend genervt-ratlosen Gegner das Heft des Handelns zu erkämpfen. 

Borussia am Freitag gegen Stuttgart, das war wie ein Pokalfight eines aufgeputschen Dritt- oder Viertligisten, der gegen den Bundesligisten nichts zu verlieren hat, der den Gegner nervt und begrätscht, leidenschaftlich fightet und deshalb am Ende nicht unverdient gewinnt. Und warum? Weil sich das eigentlich überlegene Team davon erst überraschen lässt und dann keinen Schlüssel mehr findet, um die eigenen Stärken auszuspielen und so jeder Angriff am Ende planlos verpufft. 

In den letzten Jahren war Borussia oft diese favorisierte Mannschaft, die sich gern mal gegen "kleinere Teams" blamierte. Dass die "Untrainierbaren" es auch andersherum können, ist neu. 

Wenn Alexander Blessin in seinem neuen Team diesen Kick ausgelöst haben sollte, wäre das ein erster wichtiger Schritt raus aus dem Schlamassel - und etwas, an dem namhaftere Trainerkollegen in Gladbach krachend gescheitert sind. Das zu bewerten, ist noch zu früh. 

Aber der Trend der letzten drei Spiele gibt (trotz der eher enttäuschenden Auftritte gegen Köln und Hoffenheim) einen kleinen Hinweis, dass die Stabilität langsam zurückkehrt ins Team, und das, egal wie die Startelf aussieht. Und das ist schon weit mehr, als wir (oder die allermeisten von uns) vor zwei Tagen noch geglaubt oder von Borussia erwartet haben.

Dass mehr Qualität in dieser Mannschaft steckt, als sie zeigt oder aufgrund der Ausfälle zeigen kann, ist unübersehbar. Hoffen wir, dass aus dem lodernden Strohfeuer, was zur unerwarteten Wiederbelebung in Bad Cannstadt geführt hat, nun zunächst mal ein stabiles Flämmchen hervorgeht, das nicht gleich wieder verglimmt. 

Als Außenseiter, zu dem sie in der Bundesliga gerade unsanft geschrumpft wurde, kann Borussia durchaus eine neue giftige Stärke entwickeln, wenn die Spieler verinnerlichen, was sie in diesem Spiel gegen den VfB erfolgreich gemacht hat. Das ist ein besonders spannender Moment in der Vereinsgeschichte, dem wir da beiwohnen. 

Der Verein kann noch immer an seinen eigenen Fehlern dramatisch scheitern. Er kann sich aber auch am eigenen Schopf nochmal aus dem Sumpf ziehen - wenn alle mitziehen. Ob das derzeit in der Mannschaft uneingeschränkt so ist, weiß ich nicht. Aber das ist ohnehin eine Geschichte für ein anderes Mal. 

Denn nach dem Coup von Stuttgart kommt nun der DFB-Pokalgegner KSC und danach wartet mit Paderborn ein Gegner, den man schon schlagen können muss, wenn man in der Liga bleiben will. Nächste Woche wissen wir also, ob wir wieder auf dem Boden der blanken Tatsachen gelandet sind oder ob dieser Sieg ein erster Schritt aus dem Tabellenkeller, oder gar ein Aufbruchssignal gewesen sein kann. 


Bundesliga, 5. Spieltag: 1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach 2:1. Tor für Borussia: 1:1 Scally.

Bundesliga, 6. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - TSG Hoffenheim 1:2. Tor für Borussia: 1:1 Mohya. 

Bundesliga, 7. Spieltag: VfB Stuttgart - Borussia Mönchengladbach 2:3. Tore für Borussia: 1:1 Scally, 1:2 Machino, 1:3 Mohya. 


Saisonspende: Die ersten drei Punkte und fünf EUro für die 5 Tore aus den letzten drei Spielen: 18 Euro stehen auf der Spenden-Habenseite.

Das gilt in der Saison 26/27: Für jedes erzielte Tor von Borussia in Bundesliga oder DFB-Pokal zahle ich 1 Euro. Für Derbysiege gegen K*** gibt es 10 Euro. Gehaltener Elfmeter: 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 2 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund, Leverkusen, Frankfurt oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg: 20 Euro. Einstelliger Tabellenplatz am Saisonende: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 30 Euro. Deutsche Meisterschaft: 127 Euro. Für jede erreichte Runde im DFB-Pokal: 10 Euro. DFB-Pokalsieg: 50 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.