2015-09-20

Fast zu null

Prolog: Als ich am Samstagabend damit begann, meinen Text zur Derbyniederlage zu schreiben, ahnte ich, wie wohl alle Borussiafans, nichts davon, was einen Tag später passieren würde. Heute Abend nach der Arbeit wollte ich meinen Text fertigstellen, der aufzeigen sollte, wo sich die Mannschaft in den vergangenen Spielen verbessert hatte, damit deutlich wird, dass es nicht mit einem Fingerschnipps alles gut wird, aber auch kein Grund besteht, Panik zu bekommen. Seit Sonntag 19.21 Uhr ist das überholt, denn jetzt ist alles anders, es gibt eine ganz neue Situation. 

Es ist nicht meine Sache, von hier aus über die Gründe zu spekulieren, die Lucien Favre zu seinem Rücktritt (offenbar gegen den Willen des Vereins) getrieben haben. Ich möchte es jetzt auch nicht bewerten, weil ich die Hintergünde nicht kenne. Ich bin Lucien Favre so dankbar für die vergangenen Jahre, die mich nach Jahrzehnten des beständigen Misserfolgs endlich mal wieder mit erfolgreichem Fußball verwöhnt haben. Aber gerade deshalb bin ich jetzt leer und enttäuscht und frage mich nur: Warum?   

Hier ist also mein (nicht mehr bis ins Letzte ausgefeilte) Text vom Samstagabend, nur noch leicht ergänzt:

Ich halte mich nicht damit auf, dass das heute eigentlich "nominell" ein Derby war, mitunter eins der beiden wichtigsten Spiele im Saisonverlauf eines Borussen. Derbystimmung kam weder auf noch neben dem Platz auf, dafür gab es viele vertretbare und nachvollziehbare Gründe. "Nominell" steht ja beim VfL auch noch fast die gleiche Mannschaft auf dem Platz wie in der Rückrunde der vergangenen Runde - zu merken ist davon aber bekanntlich nicht allzuviel.

Also belassen wir es dabei, dass heute einfach wieder drei Bundesliga-Punkte abgegeben wurden, nicht mehr und nicht weniger. Und weil so viele eigene Fans in den sozialen Medien ihren Frust an Favre, Eberl und der Mannschaft abarbeiten, will ich mich darauf konzentrieren, das herauszustreichen, was sich im Vergleich zu den Spielen vorher verbessert hat.

Natürlich steht im Mitelpunkt der Kritik die Offensivleistung, bei der unter dem Strich erneut keine einzige wirklich hochkarätige Torgelegenheit zu notieren war. Das reicht nicht für einen Sieg, "das ist klar", würde Favre sagen. Aber für einen Punkt hätte es reichen müssen.
Positiv war, dass der von vielen schon als Fehleinkauf abgestempelte Josip Drmic mal 90 Minuten auf dem Feld stehen durfte. Nur dann ist es nämlich auch fair, seine Leistung zu bewerten. Und die war zwar unauffällig, aber keineswegs schlecht. In zwei, drei Situationen zeigte der Schweizer, dass er sich im eins gegen eins durchaus durchzusetzen versteht und den Mut und das Können hat, bei einem schnellen (!) Konter eine Abwehr auch mal zu überlaufen. Das Problem ist: Das hat die Mannschaft noch nicht verstanden, sie geben ihm diese steilen Bälle nicht.
Das Gladbacher Spiel nach vorne ist noch immer zu kompliziert, zu langsam und fehlerhaft - aber nicht mehr so fehlpassanfällig wie in den Spielen zuvor. Auch Raffael, noch immer nicht gut, hat sich stabilisiert, wenn auch auf bescheidenem Niveau.
Aber solange die Bälle auf den Flügeln zu langsam verschoben werden, gibt es keinen Raum für gute Flanken und auch nicht für gelungene Kombinationen. Nach der Halbzeit bis zum Gegentor schien es so, als könnten die Borussen das Spiel in dieser Beziehung besser in den Griff bekommen, doch das war nicht von langer Dauer.

Für mich war Drmic heute nach vorne ein Lichtblick, sagen wir lieber Hoffnungsschimmer, auch wenn er nicht zum Erfolg oder wenigstens zum erfolgversprechenden Abschluss kam.
Die deutlichsten Fortschritte waren aber in der Abwehr zu sehen, wo diesmal zwar wieder ein individueller Fehler zum entscheidenden Gegentor führte, dem Gegner darüber hinaus aber fast keine andere Torgelegenheit geboten wurde. Obwohl er etwas überraschend in der Startelf stand, und beim 0:1 zu spät kam, fand ich Andreas Christensen über die gesamte Spielzeit sehr präsent und gut. 
Mit Xhaka und Dahoud war die Zentrale erstmals auch spielerisch angemessen besetzt, wobei der junge Deutsch-Syrer mir sogar noch besser gefiel, weil er den Ball mehr forderte, sich mehr anbot und auch mehr schnelle Bewegung mitbringt als Xhaka, dem man die Vorsicht, ausgelöst durch die Misserfolge der vergangenen Wochen, noch ziemlich anmerkte. Doch auch bei ihm kommen die Pässe langsam wieder besser und präziser.


Bundesliga 2015/16, 5. Spieltag: 1. FC K*** - Borussia Mönchengladbach 1:0 (19.9.15)
 

2015-09-16

Hoffnung im Sturzflug

Was für eine Enttäuschung zum Comeback in der europäischen Königsklasse. Borussia hat natürlich verdient verloren, da gibt es keine zwei Meinungen. Aber wenn im dritten Aufeinandertreffen mit einem Verein innerhalb eines Jahres zum dritten Mal der Schiedsrichter die Weichen für den Sieg des FC Sevilla stellt, dann ist das einfach nur frustrierend und macht wütend. Auch wenn Gladbach mit Glück und viel Einsatz das 0:0 in die Halbzeit rettete und Sevilla da schon hätte führen müssen - erst der lächerliche Elfmeterpfiff gegen Yann Sommer brachte die keineswegs so sicheren Gastgeber auf die Siegerstraße.

Wieder ging gegen die Borussia die schäbige Taktik der Spanier auf. Der "gefoulte" Vitolo war schon in der ersten Halbzeit durch eine dreiste Schwalbe aufgefallen, für die er vehement einen Elfer gefordert hatte. So wie eigentlich bei jedem Kontakt im Strafraum des VfL entweder Handspiel oder Foulspiel eines Gladbachers reklamiert wurde - ohne Grundlage. Offenbar aber mit der richtigen Langzeitwirkung auf den Schiedsrichter, der in der zweiten Halbzeit dankbar auf die erstbeste Flugeinlage reinfiel. Nicht sein einziger Fehler in diesem Spiel, aber der gravierendste.

Mit dem 0:1 brach das ohnehin fragile Mannschaftsgebilde in sich zusammen. Völlig unverständlich, wie leicht Borussia sich immer wieder ausspielen ließ, wie ungeschickt ein so erfahrener Verteidiger wie Roel Brouwers in den Zweikampf beim zweiten Elfmeter ging. Bezeichnend, wie der eher unglückliche dritte Elfer zustande kam, bei dem Jantschke zu spät kam. Und unfassbar, wie sich Yann Sommer Sekunden nach einer Weltklasseparade das Slapsticktor zum 0:3 einfing.

Wäre das alles, könnte man ja dennoch mit etwas Hoffnung ins Derby gegen Köln gehen. Doch was die Mannschaft über die 90 Minuten in Sevilla für ein Bild abgab, lässt Schlimmstes befürchten.

Ja, es gab Ansätze, es gab in der ersten Halbzeit trotz vieler Löcher in der Abwehr kein Gegentor. Doch bedenklich ist, dass die im vergangenen Jahr so ballbesitzbesessene und dominante Mannschaft sich ungeschickt, träge, ängstlich und fehlerhaft im Passpiel präsentiert. Es ist ernüchternd, wie sie nicht einmal ansatzweise in der Lage ist, einen Gegner zu beschäftigen oder ihn so unter Druck zu setzen, dass man die zweiten Bälle erobern kann. Wie sie Bälle blind aus der Abwehr herausdrischt und nicht in der Lage ist, eigene Konter zu setzen. Auch wenn immer mal wieder das individuelle Können aufblitzt -  im Moment erinnert mich Borussia an die Katastrophensaison, in der Lucien Favre schließlich zur Rettung kam.

Es gibt ohne den zuletzt gesperrten, aber bislang auch wenig überzeugenden Granit Xhaka keinen Spielgestalter (nur wenn Dahoud auf dem Feld ist, sieht man eine gewisse Ordnung im Aufbauspiel). Es gibt keine gefährlichen Szenen durch Stürmer. Das kann man den Angreifern am wenigsten vorwerfen, denn die gelernten Stürmer sitzen meist auf der Bank, bis das Spiel entschieden ist. Die, die Stürmer spielen dürfen, reiben sich auf. Die Außenstürmer (diesmal Traoré und Hahn) können ihre Stärken, die Schnelligkeit nicht ausspielen, weil es keine schnellen Angriffe gibt. Und wenn ein Stürmer, wie Drmic, kurz vor Ende eingewechselt wird, bekommt er noch nicht einmal die Möglichkeit, sich auszuzeichnen. Es gibt keine Schlussoffensive, keine Bälle auf die Stürmer, keine Brechstange. Es gibt gar nichts.

Keinerlei Gefahr nach vorne und eine wackelige Abwehr - spielt Borussia auch in Köln so, kommt der VfL auch dort unter die Räder. Das hätte ich vor einer Woche so noch nicht für möglich gehalten. Im Moment kann man seine Hoffnung also nur darauf setzen, dass der Derbyfunke zündet und Extrakräfte freisetzt. Was bleibt einem auch anderes übrig?

Champions League, Gruppenphase, 1. Spieltag: FC Sevilla - Borussia Mönchengladbach 3:0
 (15.9.2015)