Hoffnung im Sturzflug

Was für eine Enttäuschung zum Comeback in der europäischen Königsklasse. Borussia hat natürlich verdient verloren, da gibt es keine zwei Meinungen. Aber wenn im dritten Aufeinandertreffen mit einem Verein innerhalb eines Jahres zum dritten Mal der Schiedsrichter die Weichen für den Sieg des FC Sevilla stellt, dann ist das einfach nur frustrierend und macht wütend. Auch wenn Gladbach mit Glück und viel Einsatz das 0:0 in die Halbzeit rettete und Sevilla da schon hätte führen müssen - erst der lächerliche Elfmeterpfiff gegen Yann Sommer brachte die keineswegs so sicheren Gastgeber auf die Siegerstraße.

Wieder ging gegen die Borussia die schäbige Taktik der Spanier auf. Der "gefoulte" Vitolo war schon in der ersten Halbzeit durch eine dreiste Schwalbe aufgefallen, für die er vehement einen Elfer gefordert hatte. So wie eigentlich bei jedem Kontakt im Strafraum des VfL entweder Handspiel oder Foulspiel eines Gladbachers reklamiert wurde - ohne Grundlage. Offenbar aber mit der richtigen Langzeitwirkung auf den Schiedsrichter, der in der zweiten Halbzeit dankbar auf die erstbeste Flugeinlage reinfiel. Nicht sein einziger Fehler in diesem Spiel, aber der gravierendste.

Mit dem 0:1 brach das ohnehin fragile Mannschaftsgebilde in sich zusammen. Völlig unverständlich, wie leicht Borussia sich immer wieder ausspielen ließ, wie ungeschickt ein so erfahrener Verteidiger wie Roel Brouwers in den Zweikampf beim zweiten Elfmeter ging. Bezeichnend, wie der eher unglückliche dritte Elfer zustande kam, bei dem Jantschke zu spät kam. Und unfassbar, wie sich Yann Sommer Sekunden nach einer Weltklasseparade das Slapsticktor zum 0:3 einfing.

Wäre das alles, könnte man ja dennoch mit etwas Hoffnung ins Derby gegen Köln gehen. Doch was die Mannschaft über die 90 Minuten in Sevilla für ein Bild abgab, lässt Schlimmstes befürchten.

Ja, es gab Ansätze, es gab in der ersten Halbzeit trotz vieler Löcher in der Abwehr kein Gegentor. Doch bedenklich ist, dass die im vergangenen Jahr so ballbesitzbesessene und dominante Mannschaft sich ungeschickt, träge, ängstlich und fehlerhaft im Passpiel präsentiert. Es ist ernüchternd, wie sie nicht einmal ansatzweise in der Lage ist, einen Gegner zu beschäftigen oder ihn so unter Druck zu setzen, dass man die zweiten Bälle erobern kann. Wie sie Bälle blind aus der Abwehr herausdrischt und nicht in der Lage ist, eigene Konter zu setzen. Auch wenn immer mal wieder das individuelle Können aufblitzt -  im Moment erinnert mich Borussia an die Katastrophensaison, in der Lucien Favre schließlich zur Rettung kam.

Es gibt ohne den zuletzt gesperrten, aber bislang auch wenig überzeugenden Granit Xhaka keinen Spielgestalter (nur wenn Dahoud auf dem Feld ist, sieht man eine gewisse Ordnung im Aufbauspiel). Es gibt keine gefährlichen Szenen durch Stürmer. Das kann man den Angreifern am wenigsten vorwerfen, denn die gelernten Stürmer sitzen meist auf der Bank, bis das Spiel entschieden ist. Die, die Stürmer spielen dürfen, reiben sich auf. Die Außenstürmer (diesmal Traoré und Hahn) können ihre Stärken, die Schnelligkeit nicht ausspielen, weil es keine schnellen Angriffe gibt. Und wenn ein Stürmer, wie Drmic, kurz vor Ende eingewechselt wird, bekommt er noch nicht einmal die Möglichkeit, sich auszuzeichnen. Es gibt keine Schlussoffensive, keine Bälle auf die Stürmer, keine Brechstange. Es gibt gar nichts.

Keinerlei Gefahr nach vorne und eine wackelige Abwehr - spielt Borussia auch in Köln so, kommt der VfL auch dort unter die Räder. Das hätte ich vor einer Woche so noch nicht für möglich gehalten. Im Moment kann man seine Hoffnung also nur darauf setzen, dass der Derbyfunke zündet und Extrakräfte freisetzt. Was bleibt einem auch anderes übrig?

Champions League, Gruppenphase, 1. Spieltag: FC Sevilla - Borussia Mönchengladbach 3:0
 (15.9.2015)

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