Mit den Puppen gespielt

Endlich die ersten Punkte der Bundesligasaison. Und das mit einer Leistungsexplosion, die uns das Leid der vergangenen Wochen wie ein Tornado von der Seele gefegt hat. Die erste halbe Stunde war wie das energische Abschütteln eines schweren Ballasts. Fabian Johnsons Schuss zum 1:0 habe ich vor dem Fernseher sowas von ins Tor geschrien - so laut, dass es noch im Nachbarort zu hören gewesen sein muss.

War dann also doch alles gar nicht so schlecht und so falsch, was sich in dieser Woche rund um den Borussia-Park abgespielt hat?

Na ja, nüchtern betrachtet hat der VfL das Spiel schon in den ersten 20 Minuten gewonnen, weil André Schuberts wohldurchdachte Taktik den Gegner vollkommen überrumpelt hat. Das frühe aggressive Pressing, das ich mir so oft unter Favre als eine taktische Möglichkeit gewünscht habe, Entschlossenheit und ein bisschen Glück im Abschluss - damit war Augsburg früh geknackt.
Dass so ein kraftraubendes, dominierendes Spiel nicht über die ganze Spielzeit durchgehalten werden kann, erklärt den Durchhänger in der Mitte des Spiels. Dort spielten sicher auch die frühen Wechsel eine Rolle, mit denen Schubert unnötiges Risiko bei den gerade genesenen Johnson und Herrmann und dem rotgefährdeten Granit Xhaka vermeiden wollte. Letztlich war es aber ein sicherer Sieg gegen biedere Gäste aus der Augsburger Puppenkiste, die Borussia heute wenig entgegenzusetzen hatten.

Die beiden lächerlichen Elfmeter, mit denen der Schiedsrichter die Augsburger wieder ins Spiel bringen wollte, haben mich dennoch fürchterlich aufgeregt. Auch weil diese Saison einfach schon zu viele Fehlentscheidungen gegen unsere Mannschaft gefallen sind.
Aber dieser ergebnistechnische Dämpfer hat auch sein Gutes, denn bei einem glatten 4:0 oder gar 6:0 wäre die Gefahr deutlich größer, dass Spieler und Fans das nächste Spiel wieder zu leicht nehmen, nach dem Motto: Geht doch! Diesen Fehler sollte keiner machen, denn Stuttgart wird besser vorbereitet sein als die Fuggerstädter.

Natürlich ist es nach einem Spiel zu früh, den Effekt des kuriosen Trainerwechsels zu bewerten. Aber André Schuberts positive Art, die Dinge anzugehen, war für die Mannschaft offenbar befreiend. Selten hat man einen Julian Korb so mutig (und erfolgreich) ins offensive Eins-gegen-Eins gehen sehen. Lars Stindl, im Spiel gegen den HSV noch ein Schatten seiner selbst, zeigte sich selbstbewusst. Wohl auch, weil er - von Favres engen Vorgaben befreit - spielen durfte, was er am besten kann. Xhaka, Raffael und besonders Mo Dahoud lenkten das Spiel exzellent, das kompromisslos-kämpferische Zweikampfverhalten ließ den Funken sofort aufs Publikum überspringen. Ein guter Alvaro Dominguez, der ohne Spielpraxis einen famosen Auftritt hinlegte, daneben ein abgeklärter Andreas Christensen, der natürlich heute auch nicht annähernd so gefordert war wie gegen Modeste letzen Samstag, und ein deutlich verbesserter Oscar Wendt - das war insgesamt eine richtig gute, laufstarke Mannschaftsleistung.

Jeder weiß, dass ein Trainerwechsel Kräfte freisetzen kann. Insofern war Lucien Favres Flucht vielleicht der Anstoß, den die Mannschaft gebraucht hat, um den Knoten zu lösen. Wissen werden wir das frühestens in einigen Wochen. Was wir aber jetzt schon wissen, ist, dass da immer noch zu 95 Prozent Favres Team auf dem Platz stand und gewann. Ich bin sicher, dass der Schweizer das Spiel heute am Fernseher verfolgt hat und sich über die gute Leistung und über den Dank der Fans gefreut hat.


Bundesliga 2015/16, 6. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - FC Augsburg 4:2 (23.9.15)
(Tore für Borussia: 1:0 Johnson, 2:0 Xhaka, 3:0 Stindl, 4:0 Dahoud)

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