Geschenkemeister

Dass sich der HSV nach dem 3:0-Coup im Borussia-Park feiern lässt, ist ihm nach den vielen Nackenschlägen und der über ihm ausgegossenen Häme in der Vergangenheit nicht übel zu nehmen. Doch so gut, wie er sich selbst sah und wie ihn der Schwätzer Wolf-Christoph Fuß bei Sky machte, war er längst nicht. Gut waren die Hamburger darin, die Geschenke von Jantschke und Co in drei Tore zu verwandeln, ganz gut standen sie ansonsten in der eigenen Hälfte gegen eine überwiegend behäbig vorgehende Borussen-Offensive. Der HSV, der sich in den vergangenen zwei Jahren in den Spielen gegen Gladbach vorgestellt hatte, war aus meiner Sicht spielerisch deutlich besser als die Mannschaft, die uns heute endgültig in die Herbst-Depression schoss.

Das macht allerdings für uns nichts besser, im Gegenteil. Wenn selbst gegen so einfallslose und mittelmäßig-biedere Teams wie Bremen und den HSV am Ende nichts herausspringt, muss man sich wirklich Sorgen machen.

Sorgen macht auf jeden Fall die löchrige Abwehr, der Martin Stranzl bis zu seiner bitteren Verletzung zwar sichtbar Orientierung gab. Doch auch er konnte die Gegentore nicht verhindern. Das Problem liegt aber woanders, gerade nicht bei dem jungen Marvin Schulz, der diesmal auf der Bank blieb, sondern bei gestandenen Spielern wie etwa Roel Brouwers, Tony Jantschke und Oscar Wendt, die sich veritable Formkrisen gönnen. Letzterer steigerte sich zwar im Spiel nach vorne, in der Rückwärtsbewegung lässt er aber einfach zu viel zu - wie vor dem Eckball zum 0:2, als er den Flankengeber wieder nur auf seinem Weg an der Linie begleitete und die Flanke zuließ, die Stranzl dann ins Aus klären musste. Jantschke steht bei allem Einsatz in entscheidenden Szenen ziemlich neben sich, Brouwers lässt seine gewohnte Routine in vielen Szenen vermissen. Und dass Harvard "Nordfights" Ellenbogen den gerade genesenen Kapitän Stranzl unfreiwillig gleich wieder ins Krankenhaus beförderte, passt ins gruselige Bild eines verkorksten Saisonbeginns.

Sorgen macht aber auch das Spiel nach vorne. Langsam, ohne Druck wird der Ball hin und her und viel zu oft wieder nach hinten geschoben, keine Mannschaft in der Bundesliga hat Probleme damit, solche Angriffsbemühungen zu kontrollieren und den Gegner vom eigenen Tor wegzuhalten.
Umgekehrt kommt Borussia so fast nie in gute Abschlusssituationen, und wenn man über den Flügel doch mal durchkommt, ist in der Mitte kein Abnehmer.
Während man sich hinten durch das frühe Anlaufen der pressenden Stürmer durchaus beeindrucken lässt, nutzt Borussia selbst dieses Mittel nur unzureichend. Sowohl Bremen als aus der HSV haben Abwehrketten, die unter Druck Fehler über Fehler produzieren. André Hahn hat das in einigen Szenen heute offengelegt, Torwart Drobny zum Beispiel brachte unter Druck keinen Ball zum eigenen Mann. Aber es fehlt die Konsequenz, diese Aggressivität auf die gegnerischen Abwehrspieler hoch zu halten und sie ihrerseits zu Fehlern zu zwingen.  

Nein, hier passt einiges nicht, und es scheint auch nicht hilfreich zu sein, dass Lucien Favre von Woche zu Woche mit einigen Borussen das Spiel "Such die Idealposition" spielt. Stindl war auch über rechts heute keine Waffe, auch Hazard hat mir in der Mitte besser gefallen. Dass Jantschke heute auf der Sechs aushelfen musste, sehe ich noch ein, doch die ersten Minuten zeigten, dass die Zusammenstellung mit Nordtveit anfangs ein völliger Rohrkrepierer war. Keiner von beiden war im Spielaufbau vorhanden, sämtliche Angriffe mussten von Stranzl und noch schlimmer, über Roel Brouwers, eingeleitet werden, weil sich keiner der Mittelfeldstrategen in Xhaka-Manier mal nach hinten fallen ließ und von dort aus den Spielzug eröffnete. Das macht selbst einem mittelmäßigen Gegner das Pressing einfach. Indirekt fiel aus dieser Lethargie heraus auch das 0:1, das den VfL heute sichtlich anknockte. Daran änderte sich nach gut 25 Minuten etwas, vor allem Nordtveit schwang sich etwas mehr zum Spielgestalter auf. Doch erst mit der Einwechslung von Mo Dahoud kam, wie schon in Bremen, auch auf dieser Position so etwas wie gepflegte Spielkultur auf.

Raffaels Platz müsste derzeit auf der Bank sein. Zu oft wählt er im Spiel die falsche Lösung, rennt in drei Gegner rein, anstatt den Pass zu spielen, spielt quer oder hält den Ball, wenn es schnell gehen müsste oder verliert Bälle, die zu gefährlichen Gegenstößen oder gar Gegentoren führen. Der feine Fußballer Raffael geht derzeit durch ein Tief, und er ist von der Körpersprache keiner, der dem Team im Moment auf dem Platz hilft. Aber er belegt einen Startelfplatz, der im Moment möglicherweise besser besetzt werden könnte.

Zu kritisieren, wie Lucien Favre aufstellt oder ob Max Eberl nur Nieten eingekauft hat, ist müßig. Das Verletzungspech ist auch etwas, was man zwar anführen kann, was aber die Mannschaft ebensowenig weiterbringt.
Was Borussia jetzt braucht, ist Teamgeist und der unbändige Wille, das Spielglück wenn nötig zu erzwingen. Die gehörige Portion Wut sollte sich ja inzwischen angestaut haben, um am Dienstag mit unbändigem Einsatz, zähem Verteidigen und schnellem Konterspiel den Grundstein für die Wende in der noch jungen Saison zu legen. Gegen Sevilla haben unsere Jungs vor ein paar Monaten auf Augenhöhe gespielt,  sie waren spielerisch besser und haben doch verloren, weil die Spanier cleverer waren.
Vielleicht führt deshalb jetzt die einfache Taktik aus der Anfangszeit Favres in Gladbach wieder in die Spur: Hinten dicht und dann schnelle Konter setzen. Daraus muss man im Moment wohl seine Hoffnung schöpfen. Alles andere wäre bei der Fehlerquote des Teams im Moment vermessen.

Bundesliga 2015/16, 4. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hamburger SV 0:3 (11.9.15)

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