Auf Null gestellt

So, die Favoritenrolle sind wir erstmal los. Und das ist das Beste an diesem ersten Spieltag der Saison.

Der "Experte" Marcel Reif hat es ja schon das ganze Spiel über mit Wonne getan, aber ich werde nicht eindreschen auf die Mannschaft, die sich heute von Reus und Co hat verprügeln lassen. Denn auch wenn man noch 20mal die beste Rückrundenabwehr ins Feld führt und diese mit dem Team von heute vergleicht, wird es davon nicht richtiger. Allen Gladbach-Fans sollte klar sein, wo der Unterschied liegt. Von Marcel Reif erwarte ich es schon lange nicht mehr.

Doch zur Analyse. Auch wenn es doof klingt: Bis zum 0:3 war das kein schlechter Auftritt des VfL. Den Toren gingen eklatante Fehler voraus, da gibt es keinen Zweifel. Doch die Spielführung war deutlich besser als bei den letzten Auftritten in Dortmund. Der BVB konnte lange nicht so ein Powerplay aufziehen wie zum Beispiel vor einem Jahr - als Kramers Eigentor am Ende eine verdiente Niederlage besiegelte, weil die Schwarz-Gelben unser Team vorher von einer Verlegenheit in die nächste gestürzt hatten und nur zu blöd waren, selbst ein Tor zu schießen.

Diesmal war es anders. Erst nach dem 0:3 war Favres Team sturmreif geschossen. Und das lag nicht daran, dass zwei U20-Innenverteidiger in der Startelf standen. Die haben auch Fehler gemacht, natürlich. Doch entscheidend war, dass viele der erfahrenen Spieler völlig neben sich standen. Raffael ein Totalausfall, Traoré und Johnson kaum besser. Xhaka und Stindl bemüht, aber immer zu spät. Jantschke ohne Zugriff auf Reus, Oscar Wendt mit den bekannten Problemen, wenn der Ball in seinen Rücken gespielt wird. Es war alles zu schnell, was auf unsere Borussen heute zurollte. Die sonst so perfekt abgestimmten Abwehrriegel zeigten Lücken und standen oft viel zu tief. Oder, wie bei den Kontertoren, fahrlässig hoch. Sie boten Dortmund die Außen an, weil sie ihnen den Kombinationsweg durch die Mitte versperren wollten. Und waren dann nicht in der Lage, sich umzustellen, als der Schuss nach hinten losgegangen war.

Aubameyang, Reus, Kagawa und Mkhitaryan haben uns heute den Spiegel vorgehalten, uns mit Tempo und zielstrebigen Aktionen auseinandergenommen, wie der VfL es letzte Saison mit seinen Gegnern gemacht hat. Und Raffael und Co. haben die Mittel gefehlt, selbst zu Chancen zu kommen. Das war deutlich und schmerzhaft. Aber man muss es nach all den guten Auftritten in der vergangenen Saison, als das Glück uns auch immer wieder hold war, auch einfach mal akzeptieren. Das 0:4 ist keine Katastrophe, es muss aber ein Einzelfall bleiben. Lucien Favre sammelt heute Nacht bestimmt noch jede Menge Videomaterial, um seinen Jungs zu zeigen, wie sie es nächste Woche besser machen können.

Für alle Fans, die jetzt schon wieder Frust schieben und ganz besonders für die statistikgeile Sportreporter-Riege sei es nochmal betont: Was vergangene Saison war, zählt nicht mehr. Es taugt auch nicht zum Vergleich. Jede Saison fängt bei Null an. Das haben unsere Borussen heute leider zu wörtlich genommen. Mehr ist aber nicht passiert.

Bundesliga 2015/16, 1. Spieltag: Borussia Dortmund - Borussia Mönchengladbach 4:0 (15.8.15)

Kommentare