Stabil ins Halbfinale

Nicht hochklassig, aber klasse aus der Affäre gezogen: Der VfL steht endlich mal wieder in einem DFB-Pokal-Halbfinale - und das verdient, mit einer abgeklärten Leistung, wenn auch nicht immer ganz souverän.

Das Team von Dieter Hecking ist ein Phänomen. Insgesamt gab es unter dem neuen Trainer bislang eine Bilanz von sieben Siegen, einem Remis und zwei Niederlagen. Fünfmal wurde zu Null gespielt und Borussia ist, wer kann das glauben?, vor allem auswärts eine Macht. Es war der sechste Erfolg in der Fremde hintereinander. 
Der hing gegen einen guten HSV heute aber bisweilen an einem seidenen Faden. Aber so ist es. Wenn es so gut läuft wie in den vergangenen Wochen, dann erwartet man von der Mannschaft insgeheim schnell mal wieder zu viel. Es kann nicht immer nur Zauberfußball sein, auch nicht oder gerade dann nicht, wenn es gegen einen Gegner geht, der gerade eine 0:8-Klatsche hinter sich hat. Daraus Folgerungen auf das nächste Spiel abzuleiten, bringen nur Sportreporter fertig, die bekanntlich in ihrer seltsamen eigenen Erwartungswelt leben.
Ein Feuerwerk musste man gegen einen angeschlagenen Gegner also nicht erwarten. Umso wichtiger war, dass es der VfL auch anders kann, wenn der Gegner den Passwirbel der Gladbacher Offensivabteilung gekonnt erstickt und selbst die Initiative ergreift wie die gut eingestellten Hanseaten in der ersten Halbzeit

Die Siege in Ingolstadt und heute in Hamburg waren nicht glanzvoll, beide Spiele hätten auch verloren gehen können. Doch das das nicht passierte, hat etwas mit der mentalen Stärke der Gladbacher Mannschaft zu tun. In der ersten Hälfte gingen heute viele Bälle im Mittelfeld verloren, in Zweikämpfen oder im unpräzisen Spiel nach vorne. Nur langsam holten sich Vestergaard und Co die Kontrolle über das Spiel zurück. Doch sie blieben konzentriert, stabilisierten sich, um den HSV dann in der zweiten Halbzeit im Stile einer Spitzenmannschaft für dessen ausgelassene Chancen der ersten Halbzeit zu bestrafen.

Natürlich, beide Tore fielen per Elfmeter. Doch beide Strafraumszenen waren auch sehenswert herausgespielt. Und wäre der VfL heute etwas zielstrebiger gewesen, hätte am Ende auch ein noch höheres (und dann zu hohes) Ergebnis auf der Anzeigetafel stehen können. So machte es ein zu schläfriges Verhalten (Jantschke und Christensen) gegen Bobby Wood kurz vor Schluss nochmal knapper als es war, was vor allem den wieder sehr sicheren Yann Sommer ärgerlicherweise um das verdiente Zu-Null brachte.   








Doch meckern ist heute fehl am Platz, der Einzug ins Halbfinale zählt, nicht das Wie. Bemerkenswert ist aber, dass wie gegen Ingolstadt vor allem das Defensivverhalten zu loben ist, auch wenn der Gegner durchaus einige hochkarätige Chancen zu verzeichnen hatte. Die Verteidigungsreihen sind wieder geschlossen, der Einsatz füreinander ist vorbildlich, die Laufleistungen außerordentlich. Borussia hat, so scheint es, die innere Balance zwischen Kunst und Arbeit wiedergefunden. Und kann es sich auch mal leisten, einen oder zwei Spieler über ein Spiel mitzuschleppen, denen nicht viel gelingt wie Mo Dahoud (im Spiel nach vorn) oder dem noch etwas zurückhaltenden Raffael heute. 

Spieler des Spiels war für mich heute Christoph Kramer, der quasi überall auf dem Platz zuhause zu sein scheint, unglaublich viele Zweikämpfe führt und meist gewinnt, Bälle sichert und das Spiel sehr gekonnt nach vorne ankurbelt. Jetzt ist er so richtig drin in seinem Element, er spielt endlich die Xhaka-Rolle, nur nicht so wie Xhaka.

Daneben will ich mal Oscar Wendt herausheben, ich habe ihn schließlich in der Hinrunde auch häufig kritisiert. Inzwischen ist er wieder eine wesentliche Stütze im Team und in der jetzigen Form kaum von Nico Schulz zu verdrängen. 
Gleiches gilt wohl auch Tony Jantschke und Julian Korb auf der rechten Abwehrseite, wobei letzterer erneut nicht mal im Kader stand. Es könnte sein, dass Juli sein Glück bald woanders versuchen wird. Denn um weiterzukommen, muss er regelmäßig spielen. Dass er das Zeug für die Bundesliga hat, weiß jeder. Dass er technisch und im Spiel nach vorne bedeutend besser ist als Tony, ist ebenfalls bekannt. 
Aber der kompromisslose "Fußballgott" hat im Moment eine enorm stabilisierende Wirkung im Hecking-Team. Und dann wären da ja auch noch Elvedi und auch Johnson, die die Korb-Position spielen könnten. Es könnte also sein, dass die nächsten vier Wochen nicht nur ein Fingerzeig für die noch erreichbaren Saisonziele der Borussia sein werden, sondern auch für personelle Veränderungen. 
Aber das sollte heute der Freude über den Halbfinaleinzug nicht die verdiente Aufmerksamkeit nehmen. Vor allem, wo Matthias Sammer am späten Abend noch das wohl bestmögliche Los herauszog: ein Heimspiel gegen Frankfurt.


DFB-Pokal 2016/17, Viertelfinale (1.3.17): Hamburger SV - Borussia Mönchengladbach 1:2 (Tore für Borussia: 0:1 Stindl FEM, 0:2 Raffael FEM) 

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