Handspiel, kein Handspiel

Drei Tage nach der Europapokal-Nacht war heute wieder grauer Ligaalltag angesagt. Umso schöner, dass auch der Ausflug in die Audistadt mit drei Punkten im Rucksack endete - Ausfährtsfahrer erleben im Moment ja wahre Höhenflüge.
Das Spiel selbst war nicht halbsogut wie es der eine oder andere am Ende gesehen haben wollte. Es war ein überaus fehlerhaftes Gekicke beider Seiten, bei dem Borussia ein kleines bisschen präziser war. 
Statt spielerischer Klasse stand vor allem heute die Kompaktheit der Hecking-Truppe im Mittelpunkt. Es war der Schlüssel zum Sieg. Viele, viele Zweikämpfe wurden in der Abwehr gewonnen. Die Viererkette mit dem Turm Vestergaard, dem eleganten Bälleablaufer Christensen, dem Fighter Jantschke und einem wieder bärenstarken Oscar Wendt zeigte sich vor allem mit fortschreitender Spielzeit immer besser gewappnet in den 1-gegen-1-Duellen. Doch so regelmäßig wie die ersten Bälle da gewonnen wurden, blieben die zweiten Bälle eine Beute der Gastgeber. So ist aus dem Spiel wenig Produktives im Gedächtnis zu behalten. Und das war auch mal in Ordnung so.
Ein typisches 0:0-Spiel also, oder eins für einen Lucky Punch. Es war die Art Spiel, das man nach Schlusspfiff abhakt und in wenigen Wochen vergessen hat. Eine Szene allerdings wird dafür sorgen, dass es in Fußballdeutschland zumindest in der kommenden Woche kein wichtigeres Thema geben wird als dieses Spiel. 

Das 1:0 durch Lars Stindl wirft natürlich Fragen auf und es lässt viele Deutungen zu. Das ist nicht gut für ein an sich einfaches Spiel wie Fußball. 
Zuallererst: Bei allem verständlichen Unverständnis - die Regelauslegung ist prinzipiell klar. Die Schiedrichterexperten von Collinas Erben posteten noch während des Spiels die gültige Vorgabe des DFB, wonach kein Handspiel vorliegt, wenn der Ball von einem anderen Körperteil an die Hand springt. Insofern war die Entscheidung, das Tor anzuerkennen, korrekt. Denn so klar wie die Tatsache, dass der Ball von der Hand Stindls ins Tor ging ist, dass der von Matip aus vielleicht eineinhalb Metern Entfernung verlängerte Ball Stindl zunächst gegen die Brust sprang. Eine aktive, unnatürliche Bewegung des Arms ist auch nicht zu verzeichnen.


Da ich aber ein Gerechtigkeitsfanatiker bin, kann ich mit solchen realitätsfremden Dingen nur schlecht umgehen. Ich stehe oft auf Kriegsfuß mit der absurden und interpretierbaren Handspielregel, die sich im Fußball inzwischen entwickelt hat. Es gabschließlich auch schon genug merkwürdige Elfmeter gegen und für uns, über die man stundenlang diskutieren konnte. Ich hätte es deswegen für normal empfunden, wenn der Treffer nicht gezählt hätte: weil ein klares Handspiel vorlag und der Treffer anders nicht zu erzielen gewesen wäre. 
Genauso wäre es ja, wenn ein Abwehrspieler auf der Linie etwa am Oberschenkel angeschossen würde und der Ball anschließend mit der Hand abgewehrt würde. Es wäre damit ein klares Tor verhindert worden. Dass beide Szenarien laut Regelwerk dennoch anders entschieden würden, entspricht aus meiner Sicht nicht mehr dem Sinn des Spiels (und der Regel), das ursprünglich ein striktes Verbot vorsah, den Ball mit der Hand zu spielen. 

Inzwischen ist es in Echtzeit häufig weder für Unparteiische noch für Spieler möglich, eine unzweifelhafte Entscheidung zu treffen. Absichtlich oder nicht absichtlich, aus kurzer Entfernung angeschossen oder nicht, aktive Bewegung zum Ball oder nicht und abprallender Ball oder nicht - es kann so vieles eine Rolle spielen oder zur nachträglichen Entscheidungsinterpretation herangezogen werden. Deshalb kann ein Schiedrichter mit seiner Entscheidung fast nur verlieren.

Christian Dingert hat heute eine mutige Entscheidung getroffen, er hat, so weit ich das gesehen habe, nicht den Kontakt zu seinem Assistenten gesucht und auch den betroffenen Spieler nicht befragt. Er muss sich also sehr sicher gewesen sein, dass seine Sichtweise richtig war. Ob er den Ablauf so gesehen hat, wie es in der Zeitlupe zu erkennen war, das bleibt offen. Vielleicht hat er die Szene auch falsch wahrgenommen. Er hat sich dazu nicht geäußert. 
Den einfacheren Weg wäre er gegangen, wenn er den Treffer nicht gegeben hätte, denn die Gladbacher Spieler hätten diese Entscheidung auch akzeptiert, wie man am verhaltenen Jubel von Stindl gesehen hat. Im Umkehrschluss heißt das, dass es eine sehr bewusste Entscheidung war, die ein Schiedsrichter nicht trifft, wenn er sich nicht zu 100 Prozent sicher ist.
Der Videoschiedsrichter, von vielen als Rettung des Spiels herbeigesehnt, hätte diese Szene im übrigen ebensowenig eindeutig klären können wie das Nachfragen des Schiedsrichters beim Spieler Stindl. Wie hätte sich unser Kapitän verhalten sollen? Gibt er zu, dass der Ball von der Hand ins Tor geht, nimmt der Schiedsrichter möglicherweise das Tor zurück, ohne den Rest der Szene (Brustkontakt) noch weiter zu erfragen. Auch dann wäre es eine Fehlentscheidung gewesen, für den unausweichlichen Fairplay-Preis hätte sich auf Borussenseite dann niemand etwas kaufen können. 
Ganz schwierig, dazu eine angemessene Einstellung zu finden.  

Und nicht zuletzt hat die Entstehung des Tores ja auch noch etwas mit vorangegangenen Ingolstädter Fehlern zu tun. Die Ecke wurde nicht gut verteidigt, Matip verlängerte den Ball unkontrolliert und am Ende hätte der Torwart auch die Möglichkeit gehabt, den Ball effektiver abzuwehren, indem er statt der flachen Hand die Faust genommen hätte. Das tröstet keinen auf der gegnerischen Seite, das will angesichts der "Ausrede" Handspiel auch keiner wissen, aber es gehört zur Wahrheit dazu.  

Dass Borussia das Spiel sonst auch gewonnen hätte, ist allerdings nicht sicher anzunehmen. Bislang haben sich Yann Sommer und Co. stets mit dem seltsamen "Fußball" der Schanzer schwergetan, so auch heute wieder. Aber sie haben sich gegen einen negativen Ausgang des Spiels wieder hervorragend gestemmt, mit einem hohen läuferischen Einsatz, kühlem Kopf in vielen Szenen und einem Torwart, der im entscheidenden Moment den Unterschied macht. Wie Sommer den tollen, kunstvoll selbst aufgelegten Schuss von Cohen parierte - Chapeau. Ein Tor wert gewesen wäre das schon. Wurde es aber nicht. Auch aus diesem Grund geht auch der Sieg in Ordnung, wenngleich er etwas glücklich zustande kam.

So sehr ich mir wünschen würde, dass ein unumstrittener Treffer den Sieg des VfL eingeleitet hätte, es ist nunmal anders. Wir können nach der Seuchenhinrunde auch gut damit leben, dass das nötige Glück sich auch wieder öfter auf unsere Seite schlägt. Entschuldigen muss man sich dafür nicht. 
Und wenn das Pendel gegen Ingolstadt ausschlägt, trifft es keine Falschen. Auch heute versuchte die Mannschaft von Maik Walpurgis ihre spielerischen Schwächen mit der bewährten Mischung aus gutem Forechecking, sehr hartem Einsteigen und viel unerzwungenem Bodenkontakt (man kann es auch Freistoßschinden nennen) zu kaschieren. Wenn sich ein Spieler wie Morales, der sich in der vergangenen Saison gegen Gladbach mit Fouls, Schwalben, Dirty talk und ständigem Lamentieren nachhaltig um den Preis für den unfairsten Spieler der Liga beworben hat, nach dem heutigen Spiel etwas von Fairness erzählt, muss ich schon ein bisschen lachen. 
Und wer Lars Stindl zu Fairness auffordert, sollte dies auch von der Ingolstädter Oberschwalbe Lezcano einfordern. Davon, dass die Schanzer ständig benachteiligt würden, war heute jedenfalls nicht viel zu sehen. Das 0:1 war zugegebenermaßen ein schwieriger Fall, aber ansonsten hat Christian Dingert heute auch viel Nachsicht mit den Mätzchen des FCI bewiesen. Alles gut also aus Rautensicht. Freuen wir uns also jetzt auf die nächsten Herausforderungen - auch wenn sie auf absehbare Zeit erstmal immer wieder gegen die gleichen Teams auf uns warten.


 
Bundesliga 2016/17, 22. Spieltag (26.2.17): FC Ingolstadt - Borussia Mönchengladbach 0:2 (Tore für Borussia: 0:1 Stindl, 0:2 Hahn)

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