Grober Klotz und feines Florett

Es wurde Zeit, dass sich was dreht. Drei Spiele unbesiegt, sieben Punkte im Sack - da kann man wahrlich nicht meckern. Aber so schön und befreiend das 3:0 heute war: Es bewies einmal mehr, dass Borussia in dieser Saison auf einem schmalen Grat unterwegs ist - man kann leicht abrutschen und trotz passabler oder guter Leistung verlieren, wie in einigen Spielen in der Hinrunde. Man kann aber auch den Ertrag einfahren, ein wenig glücklich wie vor einer Woche in Leverkusen oder auch deutlich zu hoch wie heute.

Es ist einiges zu verbessern, doch was die ersten Spiele gezeigt haben, ist, dass der VfL nicht mehr so leicht auseinanderfällt nach Nackenschlägen. Diese Nervenstärke, der zurückgekehrte Glaube an die eigenen Fähigkeiten, daran hat sicher der neue Trainer einen großen Anteil. Genauso wie an der Einstellung, um jeden Ball zu kämpfen und sich zur Not auch minutenlang mit aus der eigenen Hälfte herausgedroschenen Bällen über die Zeit zu retten. Hinter dem 3:2 in Leverkusen und dem heutigen 3:0 steckt sehr viel aufreibender Einsatz und auch wieder mehr Spielwitz - auch wenn der heute phasenweise wieder in brotloser Kunst zu versanden drohte. Borussia hat sich gleichwohl diese Punktausbeute nach der Winterpause redlich verdient.

Das liegt an der klaren taktischen Ausrichtung, mit der Hecking die Mannschaft stabilisiert hat, und auch daran, dass sich viele Spieler deutlich gesteigert haben. Dahoud, Kramer, Stindl, Christensen, Jantschke, mit leichten Abstufungen auch Oscar Wendt (heute einige verlorene Duelle), Yann Sommer (bei Flanken heute zu passiv) und Thorgan Hazard (oft zu kompliziert) - alle zeigen ansteigende Form. Dass Johnson (heute mit guten Szenen vor allem mit der Einleitung zum wichtigen 1:0), Drmic und Patrick Herrmann noch Zeit brauchen, ist nicht überraschend. Aber sie stehen zumindest wieder als Alternativen zur Verfügung. Das ist wichtig, weil weiterhin Stammspieler fehlen und sich ja nun auch der zuletzt sehr gefällige Jonas Hofmann noch verletzt hat.

Bleiben drei "Sorgenkinder". Raffaels Leistung war heute trotz seines wichtigen Treffers wieder eher überschaubar. Seine Standards sind ohne Wirkung, in vielen Szenen fehlt ihm die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit, die ihn sonst auszeichnet. André Hahn bemüht sich, Anschluss zu finden, doch zu seiner Form der vergangenen Saison, aber auch der aus der "Glasgow-Phase", fehlt ein ganzes Stück. Hätte Hofmann nicht passen müssen, wäre er heute sicher zu Beginn auf der Bank gewesen.
Und Jannik Vestergaard kämpft einen zähen Kampf, um sich in Borussias Team endlich nahtlos einzufügen. Er bestreitet viele Zweikämpfe, wirft sich tapfer rein, versucht den Spielaufbau zu ordnen. Doch vieles ist noch fehlerhaft. Auch er würde sicher eine Pause bekommen, wenn es derzeit ernste Konkurrenz auf der Position gäbe. Aber Kolo, Strobl und Elvedi sind verletzt, deshalb spielt der Däne, auch wenn er bisweilen in arge Probleme gerät. Gegen Leverkusen stand er beim 0:1 gegen Tah erschreckend schlecht postiert, manche Luftduelle bestreitet er im Timing nicht optimal oder verliert sie trotz seiner überragenden Länge. Und immer wieder lässt er sich - wie heute - auf die Außenbahn herauslocken (oder muss dort Fehler anderer ausbügeln), nur um sich dann an der Seitenlinie zu leicht ausspielen zu lassen und nur noch die Hacken der wendigeren, schnelleren Gegenspieler zu sehen. In allen drei Spielen in diesem Jahr gab es diese Szenen und in allen drei Spielen wurden sie nur durch Glück nicht zu Gegentoren.

Hier muss Dieter Hecking möglichst schnell Detailarbeit leisten. Dass die Ideen des Trainerteams relativ schnell Früchte tragen können, sieht man an den Ergebnissen, an der Laufstärke (Kondition), der klareren defensiven Ausrichtung und auch bei verbesserten Standards.
Was auffällig ist: Der VfL beherrscht im Moment sowohl das Stilmittel des groben Klotzes - den robusten Zweikampf-, als auch das des "Nadelstichs" mit dem bekannt feinen Florett -, was unter anderem beim sehenswert herausgespielten 2:0 zu bewundern war.
Über den Berg ist das Team damit aber noch lange nicht. In jedem Spiel muss so gestrampelt, gerannt und gekämpft werden wie in den beiden zurückliegenden. Lässt die Mannschaft nur kurz nach, ist sie sofort in Gefahr, wie die beiden Gegentore von Bayer und einige heikle Szenen im eigenen Strafraum heute gezeigt haben. Der SC Freiburg war ehrlich gesagt an diesem Tag auch sehr zuvorkommend. Er hat uns zwar einmal mehr die vorhandenen Schwächen in der Defensive aufgezeigt, vor allem bei geradlinigen schnellen Kontern über wenige Stationen. Und er hat Stindl und Co. zum Laufen gebracht und ihnen in den Zweikämpfen alles abverlangt. Und das, ohne am Ende die auch für die Gäste in Reichweite befindlichen drei Punkte einzusammeln.

Schon wieder Richtung Euro-League-Plätze zu schielen, das wäre genauso falsch wie alles an der Hinrunde schlecht zu finden. Sollte Hecking mit der Mannschaft weiter so fleißig punkten, dann könnte man im Endspurt der Saison vielleicht noch mal in die Reichweite von Platz 5 oder 6 kommen. Doch dazu müssen auch die anderen Teams "mitspielen". Viel wichtiger ist es jetzt deshalb, den Blick von der Tabelle zu lassen, jeden Spieltag so anzugehen, dass man sich zunächst mal genügend Abstand zu den Abstiegsplätzen verschaffen kann. Sechs Punkte auf Platz 16 sind ein Anfang, aber nichts, worauf man sich ausruhen darf. Zwei, drei erfolglose Spiele - und schon hängt man wieder mittendrin.

Allerdings sind offenbar Einstellung und Zusammenhalt im Verein und im Team vorbildlich. Wenn man sieht, wie die ganze Mannschaft nach dem 3:0 auf den zuletzt so leidgeprüften Patrick Herrmann zugelaufen ist und sich mit ihm gefreut hat (tolle "Vor-Vorlage" übrigens von Josip Drmic), macht das Mut, dass diese Mannschaft so schnell nichts mehr auseinanderbringt. Und das ist die beste Basis, die man für gemeinsame Erfolge haben kann.

Bundesliga 2016/17, 19. Spieltag (4.2.17): Borussia Mönchengladbach - SC Freiburg 3:0
(Tore für Borussia: 1:0 Stindl, 2:0 Raffael, 3:0 Herrmann)

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