Licht mit viel Schatten


Wie soll man aus dieser Mannschaft schlau werden? Ich freue mich über drei weitere verdiente Auswärtspunkte. Ich bin begeistert über die raffinierten Spielzüge und die Tore, die Raffael und Co. heute auf den Berliner Rasen gezaubert haben.
Zugleich bin ich ratlos, wo man dieses Team leistungsmäßig einordnen muss, wenn es defensiv doch jederzeit Gefahr läuft, sich ohne Not und trotz Führung in seine Einzelteile zerlegen zu lassen und sich alles zu versauen, was es sich vorher erarbeitet hat.

Dass am Ende die Punkte nach Mönchengladbach gehen, ist - trotz eines unter dem Strich starken Auswärtsauftritts - vor allem der Hertha zu verdanken. Denn die halfen nicht nur bei den ersten drei Toren ordentlich mit. Sie verpassten es auch nach den ersten 20 Berliner Horrorminuten, das Spiel schon zur Halbzeit wieder ausgeglichen zu gestalten. Borussia war in der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit bei Standardsituationen in der Abwehr richtiggehend kopflos und auch mit einer 3:0-Führung im Rücken keineswegs mit breiter Brust unterwegs. Kapitän Stindl und seine Mannen bekamen ab da kein kontrolliertes Spiel nach vorne mehr geregelt. Der VfL ließ sich einmal mehr fast bereitwillig tief in die eigene Hälfte schieben, lief zunehmend hinterher und spielte minutenlang völlig planlos aus der eigenen Abwehr heraus, sodass sich das Spiel schließlich fast ausschließlich in der Gäste-Hälfte abspielte.
Das war zu wenig für die eigenen Ambitionen. Und es war vor allem dem aufmerksamen Yann Sommer, dem Pfosten und dem Berliner Schusspech zuzurechnen, dass es in dieser Phase nur einmal im Gladbacher Tor einschlug. Erst nach der 40. Minute befreite sich die Hecking-Elf wieder mit zwei ansehnlichen Kontern, doch mit dem Halbzeitstand war die Mannschaft äußerst gut bedient.

In der zweiten Halbzeit sah das zum Glück wieder stabiler aus, wenngleich auch da die alten Schwächen in der Rückwärtsbewegung und in der Verteidigung immer wieder aufblitzten. Das Anschlusstor fiel allerdings in einer Phase, wo der VfL das Spiel besser im Griff hatte und über eine der zahlreichen Kontersituationen längst hätte entschieden haben müssen. Aber: Trotz des 2:3 wackelte das Team weit weniger als in Halbzeit eins. Und das muss eben auch gesagt werden. Es gibt Fortschritte in der Reifung der Mannschaft. Aber sie kostet Nerven. Vor allem, wenn man stets damit rechnen muss, dass aus einem Ballbesitz, etwa einem Einwurf oder Freistoß in der gegnerischen Hälfte, ein verplemperter Ball und gefährliche Gegenangriffe werden.

Aber genug davon. Es gibt an diesem Spiel ja auch viel zu loben. Was Hazard, Stindl, Zakaria und heute auch wieder Raffael und mit Abstrichen Johnson nach vorne kreieren, genügt höchsten Ansprüchen in der Liga - gemessen erstmal nur an den Spielzügen, nicht an den erzielten Toren. Thorgan Hazard ist schon seit Wochen in einer fantastischen Form, er schießt Tore (wenn auch zu wenige aus dem Spiel heraus), er bereitet viele vor - und inszeniert noch mehr Top-Gelegenheiten, die nicht zu Toren genutzt werden. Der Belgier ist im 1-gegen-1 unheimlich stark geworden, viel zielstrebiger und er setzt andere genauso hervorragend ein, wie er mit ihnen harmoniert. 
Lars Stindl wiederum ist der König des engen Raumes, befreit sich und seine Mitspieler immer wieder ganz exzellent aus Drucksituationen und macht so Türen in der gegnerischen Abwehr auf, die diese selbst noch nicht kannte. Dass Raffael das alles auch kann, wissen wir alle. Heute hat er es auch endlich wieder mehr als ein paar Minuten lang gezeigt. Klassischer "Türöffner" war natürlich der Knaller zum 3:0, mit dem er hoffentlich seinen Frust der vergangenen Wochen mit ins Berliner Tor gefeuert hat.  

Aber das waren noch nicht alle, die ich heute loben will. Denis Zakaria tauchte zwar nach der Pause kurzzeitig etwas unter, doch das, was er bis dahin und danach sowohl als offensiver Taktgeber als auch in der defensiven Balleroberung leistete, war klasse. Besonders toll natürlich, wie er das 1:0 vorbereitete. Doch in dieser Szene meldete sich auch ein anderer zurück, der zwischen solch auffälligen Teamkollegen leicht übersehen werden kann. Fabian Johnson war der hervorragende Doppelpass-Partner, der mit einem perfekt getimten Ball Zakarias Lauf in die Tiefe erst möglich machte. Zudem unterstützte er nach Kräften Oscar Wendt auf der linken Abwehrseite, was angesichts dessen anhaltender Formkrise viel Einsatz erfordert. Zwar zeigte sich der Schwede bissig und er blockte auch ein paar Bälle mehr als zuletzt. Aber das reicht noch nicht. Beim ersten Gegentor wurde er wieder überlaufen, und vieles andere blieb Stückwerk, ebenso übrigens wie bei seinen Verteidiger-Kollegen Vestergaard und Ginter, die heute nicht immer auf der Höhe waren. Warum Oscar heute nun auch noch dazu eingeteilt war, (schlechte) Freistöße zu schießen, hat sich mir auch nicht erschlossen.
Bleiben zwei weitere, die erwähnt gehören. Nico Elvedi durfte mal wieder auf rechts ran. Dabei zeigte er bisweilen zwar Probleme, seine Seite defensiv dicht zu bekommen. Plattenhardt kam gleich mehrfach zu gefährlichen Hereingaben. Doch wie Elvedi offensiv auftrat, war beeindruckend. Er ist auch unter Druck und auf engem Raum ein guter und gesuchter Kurzpass-Partner geworden. Zudem kann er auch mal vehement über seine Seite vorpreschen. Das spricht für ihn und in diesem Fall gegen Tony Jantschke, der diese Qualität bei seinen Einsätzen zu selten gezeigt hat.

Bleibt noch Patrick Herrmann, dem einfach die Spielminuten fehlen, um richtig in den Rhythmus zu finden. Darauf weist der nervöse Beginn mit zwei Fehlpässen hin. Beim 4:2 allerdings zeigte er einmal mehr seine Klasse, leitete den Angriff selbst ein, nahm den abtropfenden Ball von Stindl hervorragend mit und spielte Raffael blendend frei. Ein tolles Tor, auch wenn es Flaco sicher noch mehr Auftrieb gäbe, wenn er mal wieder ein eigenes feiern könnte. Zum Genießen waren die fünf Minuten, mit denen die Comeback-Fähigkeiten von Josip Drmic heute belohnt wurden. Dass er da gleich noch eine unberechtigte Gelbe Karte kassierte, kann das nicht trüben. Ich freue mich für den Jungen, und ich bin froh, dass er wieder auf dem Platz steht. Von sogenannten Borussia-Fans habe ich da leider in der Länderspielpause auch andere Aussagen gelesen.

Jetzt habe ich schon viel geschrieben, aber etwas muss ich doch noch ansprechen. Zum einen das unrühmliche Verhalten einiger Herthaner zum Ende des Spiels. Dass Ibisevic und Kalou alle Register ziehen, um Fouls und Karten für den Gegner zu ziehen, ist ja bekannt. Aber im Frust-Gefühl der nahenden Niederlage mit dem ganzen Körper in Elvedi reinzuspringen und kurz darauf Kramer übel in die Beine zu fahren wie es sich Ibisevic kurz vor Schluss erlaubte, das ist ein schlechter Stil, den der Spieler nicht nötig hat und der auch nicht zum stets sportlich fairen Auftreten seines Trainers passt. So weit, so schlecht. Dem setzte Davie Selke noch einen drauf, in dem er nach dem genannten Foul an Kramer und dem vermeintlichen Foul von Drmic mit Rempeleien und Rumgemotze offensichtlich eine Reaktion und Strafen gegen die Gladbacher Spieler provozieren wollte. Im Gegensatz zu Ibisevic, der wenigstens eine gute Partie gezeigt hatte, war das inszenierte Gerangel das einzige, mit dem dessen junger Sturmpartner an diesem Abend auffallen konnte.

Und: natürlich der Videobeweis. Ich trage mich schon länger mit dem Gedanken, dazu allgemein etwas zu schreiben. Bisher habe ich noch nicht die Zeit dafür gefunden. Heute jedenfalls gab es neuen Stoff dafür. Ich weiß nicht, ob Schiedsrichter Dankert das Handspiel von Rekik gesehen hat und sich nur in Köln rückversichert hat oder ob das Signal aus Köln kam. Es war wieder eine unglückliche Situation. Denn natürlich kann man das Handspiel pfeifen. Aber wenn nicht mal Stindl, dessen Schuss geblockt wurde, Handspiel reklamiert, kann man sich schon fragen, ob man da pfeifen muss. Wäre es so, dass der Videoschiedsrichter Dankert aufmerksam gemacht hätte, wäre es noch schlimmer. Denn dann wäre klar, dass nicht der Schiri auf dem Platz die Entscheidung trifft, denn Dankert sah sich die Szene selbst ja nicht nochmal an.
Genausoi unglücklich fand ich die Szene vor dem 2:3, wo Kalou mit der absichtlich herausgestellten Schulter den Ball mit dem Oberarm weiterleitet. Von der Bewegung her für mich ein Handspiel, auch in der Wiederholung hat sich da für mich kein anderes Bild ergeben. Alle Spieler drumrum reklamieren sofort und heftig, aber der Schiedsrichter schaut auch da nicht selbst auf den Bildschirm, sondern verlässt sich allein auf den Videoschiedsrichter. Selbst gesehen haben kann er diese Szene kaum, möglicherweise konnte der Assistent hier noch einen Eindruck liefern. Aber egal wie man die Szenen selbst bewerten will - die Art und Weise, wie die technischen Hilfsmittel vom Schiri vor Ort wahrgenommen oder nicht genutzt werden, ist schon abenteuerlich. So werden die Diskussionen um die Eingriffe von außen in das Spiel jedenfalls nicht weniger werden.

Aber zurück zu Borussia, die mit diesem Sieg erstmals wieder auf einem der Plätze rangiert, die wir uns auch für den Abpfiff am 34. Spieltag erträumen. Wie passend, dass man das Spiel gegen die Bayern nächste Woche dann medial wieder zum Spitzenspiel hochjazzen kann. Doch wir wissen es besser. Der VfL im Jahr 2017 ist nur unter ganz speziellen Voraussetzungen in der Lage, dem Rekordmeister Paroli bieten zu können. Alles, was keine klare Niederlage ist, wäre daher schon ein Erfolg. Zumindest, wenn man die Borussen-Defensive realistisch einschätzt und sich nicht von der Offensiv-Power blenden lässt, die die Hecking-Elf entfachen kann, wenn man sie lässt. Das immerhin könnte passieren. Denn wenn der FC Bayern Schwächen hat, dann hinten.

Bundesliga, Saison 2017/18, 12. Spieltag: Hertha BSC - Borussia Mönchengladbach 2:4 (Tore für Borussia: 0:1 Stindl, 0:2 Hazard HEM, 0:3 Raffael, 2:4 Raffael)

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