Das Glück findet die Tüchtigen

Bravo Jungs! DAS IST BORUSSIA, so wollen wir euch sehen!

Wenn jemand die Bayern schlägt, ist immer Feiertag. Und ja: Der VfL hat dem Dauermeister in den vergangenen sechs Jahren zwar so viele Niederlagen zugefügt wie wohl wenige andere Mannschaften. Aber das heute war eine ganz besondere Erfahrung. Weil es den Aufwärtstrend der Mannschaft dokumentierte und mit drei eher unerwarteten Punkten belohnte. 
Weil es bewies, dass Borussia auch gegen einen spielstarken Gegner, der einen mit seinem dominanten Auftreten einschüchtern und einschnüren kann, zumindest weitgehend die Schotten dicht machen kann und nicht wieder phasenweise völlig den Überblick verliert. Weil leidenschaftliche Abwehrschlachten eben auch manchmal gutgehen. Weil manchmal doch drei Chancen in einem Spiel für zwei Tore reichen können. Und sogar für einen Sieg, obwohl das Heimteam die Spielhälfte des Gegners in Halbzeit zwei so gut wie nicht mehr mit seiner Anwesenheit belästigte. Nein, im Ernst: Das war ein überaus hart erkämpfter und aus diesem Grund auch verdienter Sieg der Hecking-Elf. Glücklich war er natürlich auch.

Meine Meinung ist ja nicht erheblich, aber ich würde heute gleich mehrere Spieler des VfL mit dem Prädikat Weltklasse auszeichnen. Nicht, weil sie so spektakulär gespielt hätten, sondern weil sie ihre Aufgabe so brillant unauffällig erfüllt haben. Es war heute nicht die Zeit für spielerische Feuerwerke und berauschende Pass-Stafetten. Es galt, den Ball zu erobern und zu behaupten, damit man nicht wieder streckenweise hilflos hinter einer spielerisch leistungsfähigeren Mannschaft hinterherhecheln muss und dabei ins Verderben läuft wie in den Partien gegen Leverkusen und Dortmund.
Die zentralen Spieler, damit das heute gelingen konnte, waren trotz der zeitweiligen Dauerbelagerung des Gladbacher Strafraums gar nicht mal die aus dem Abwehrquartett. Es waren die davor, die das Spiel in die richtigen Bahnen lenkten.  Und die sich die Lunge aus dem Leib rannten.
Da war Thorgan Hazard mit einem erneut schier unglaublichen Lauf- und Kampfpensum (laut Kicker 12,87 Kilometer). Er hätte von mir auch ohne den herausgeholten Elfer und den erfolgreichen Abschluss aus elf Metern heute das Siegel Weltklasse bekommen - den Kämpfer-Oscar. 
Das gilt für Lars Stindl ebenso. Der Kapitän, heute Spitzenreiter der Läuferliste mit sagenhaften 13,19 Kilometern) begeisterte mich einmal mehr damit, wie effektiv er Räume zulaufen kann, potenziell gefährliche Situationen blockt und auf dem Weg nach vorne Bälle behauptet und auf engstem Raum zum Mitspieler bekommt. Er ist in Galaform, auch ohne Torerfolg.
Seine herausragenden Qualitäten bekommt auch Nebenmann Raffael immer besser auf den Rasen. Trotz zwei erneut kläglich verissenen Schussversuchen war er heute einer der Schlüsselspieler, weil er sich auch gegen drei Spieler geschmeidig behaupten und so Räume für Mitspieler öffnen konnte. Sensationell seine Ballbehauptung vor dem 2:0 fast an der Eckfahne, noch wichtiger aber die emsige Arbeit nach hinten mit dem Willen, auch in schmerzhafte Zweikämpfe und Grätschen zu gehen, um Bälle zu erobern. Es kommt auch nicht oft vor, dass er in 90 Minuten 11,34 Kilometer abspult.

Und dann waren da die anderen, die alle mindestens eine Qualitätsstufe höher ablieferten als in den bisherigen Spielen der Saison. Yann Sommer als zupackender Rückhalt, der im richtigen Moment die nötige Prise Glück hatte und mit den Torpfosten im Bunde war. Beim Gegentor sah er zwar etwas unglücklich aus. Eine Mitschuld will ich ihm aber nicht geben, denn der Ball war spät zu sehen und Lewandowski irritierte den Schweizer im letzten Moment wohl entscheidend durch seine Bewegung Richtung Ball. 
Jannik Vestergaard glänzte nicht, aber er schuftete schwer, als Turm in der Abwehrschlacht. Genau wie Denis Zakaria, der dem Spiel heute nicht seinen Stempel aufdrücken konnte, zugleich aber sehr effektiv im Austreten der kleinen Feuerchen war, die die Bayern-Offensive in der Gladbacher Hälfte zu entzünden versuchte.
Dann gab es die Lebenszeichen zweier alter Helden, deren Ruhm zuletzt etwas angestaubt war. Patrick Herrmann setzte gute Akzente im Spiel nach vorn, zeigte keine leichten Fehler wie in den Spielen zuvor. Vor allem ackerte er aber auf seiner Seite toll nach hinten mit, wenn es sein musste, auch mit dem einen oder anderen Foul. Da er in seiner Karriere nur selten die volle Spielzeit erhielt, fallen Kilometervergleiche bei ihm etwas schwerer. Heute lag er nur leicht hinter Stindl zurück: 12,95 km.
Und dann stand heute ein Oscar Wendt auf dem Platz, der in keiner Minute an den fahrigen, fehleranfälligen und überforderten Spieler erinnerte, der in seinem Namen die ganzen Wochen zuvor mehr schlecht als recht auf der Linksverteidigerposition vor sich hin gewurschtelt hatte. Der Oscar von heute war insgesamt 90 plus 9 Minuten auf seine Aufgabe fokussiert, nahm mit Hazards Unterstützung und cleverem Zweikampfverhalten dem Münchner Shootingstar Joshua Kimmich viel von seiner Wirkung. Als Gladbach noch nach vorne spielte, also in der ersten Halbzeit, war er an vielen Angriffen beteiligt. Er sorgte dabei nicht nur auf der Außenbahn für Bewegung, sondern auch, indem er öfter mal in die Mitte zog und damit Wege für Mitspieler auf außen öffnete. Kurz und gut: Das heute war der Oscar Wendt, der zurecht einen Stammplatz in dieser Mannschaft beansprucht.

Besondere Hochachtung verdient der "flexible Block", der sich durch die unvorhersehbaren Schmerzereignisse heute bildete und der seine wechselnden Aufgaben insgesamt hervorragend löste. Mit dem frühen Knockout von Chris Kramer und der Einwechslung von Tony Jantschke übernahm Innenverteidiger Matthias Ginter Kramers Sechserposition und erwies sich da als nicht fehlerfreier, aber äußerst bissiger und unbequemer Zerstörer des Bayernspiels. Dass er beim 2:0 zudem einmal mehr den richtigen Riecher für den richtigen Pltz zur richtigen Zeit bewies, krönte seine Leistung.
Nico Elvedi wiederum rückte von rechts in die Innenverteidigung und zeigte auf beiden Positionen eine kompromisslose und nahezu fehlerfreie Leistung. Tony Jantschke war nicht lang genug auf dem Feld, um heute Heldenstatus zu beanspruchen, doch er half auf seine typische Art mit, den Bayern das Leben schwer zu machen. Fabian Johnson wiederum, der zur Halbzeit für Jantschke kam, zeigte auf der inzwischen für ihn ungewohnten rechten Abwehrseite sein wohl bestes Spiel in dieser Saison.
Wohl dem, der solche verletzungsbedingten Verwerfungen wie heute so reibungslos und so schnell kompensieren kann. Da schimmerte dann Favres Erbe mal wieder durch - seine Wertschätzung für "polyvalente Spieler". Und das war vielleicht auch der kleine Baustein, der schließlich zum ersehnten Erfolgserlebnis gegen den Rekordmeister führte.

Und so nahm ein Spiel, das mit einem Schock begann, dann doch noch eine durchweg erfolgreiche und ermutigende Wende. Als ich die Bilder vom Horrorcrash Vestergaard gegen Kramer sah, war das Spiel für mich eigentlich schon gelaufen. Den gebeutelten Knockout-Spezialisten wieder am Boden zu sehen, zeitweise in der stabilden Seitenlage - da war das Spiel für mich nur noch Nebensache. Schön, ihn dann zum Spielende wieder mit klarem Blick auf der Ersatzbank sitzen zu sehen. Ein toller Typ, den nichts umwerfen kann. Gut, dass wir ihn haben. 
Das bittere Aus von "Fußballgott" Tony Jantschke zur Halbzeit kostet den VfL zwar vorerst erneut eine personelle Option. Doch die tadellose Reaktion der Mannschaft auf diese Widrigkeiten - und die der endlich wieder mal top aufgelegten Fans - macht Mut für die nächsten Spiele. Diese Mannschaft wirft so schnell nichts um. Und das kann in dieser Saison ein unschätzbarer Vorteil sein. Denn die Konkurrenz ist (mit Ausnahme der Bayern, die sich gefangen haben) auch nicht viel stabiler als es die Borussen bislang waren.

Ach ja: Natürlich waren die Bayern ersatzgeschwächt und mussten im Spiel ebenfalls angeschlagene Spieler (James, Bernat) ersetzen. Aber ganz ehrlich: Das ist mir egal, denn auch die Mannschaft, die heute gegen unsere Borussia auflief, war qualitativ und vom Marktwert der des VfL immer noch überlegen. Und in Schiedsrichter Manuel Gräfe hatten sie auch einen kleinen Helfer, der das gefühlte Bundesliga-Gesetz "Im Zweifel für die Bayern" - sicher unbewusst - immer mal wieder bestätigte. Mal beim Dauer-Schubser Vidal, dann bei vielen nicht geahndeten kleinen Fouls vor allem in der zweiten Halbzeit, die Gladbach jeweils ein bisschen Entlastung vom Dauerdruck hätten bringen können. Zum Glück war nichts dabei, das das Spiel nachhaltig beeinflusst hätte.
Es wäre aber auch interessant zu sehen, ob die Szene, in der Hummels den durchgebrochenen Raffael mit einer ganz leichten, aber effektiven Berührung entscheidend aus dem Tritt brachte, bei einer Mannschaft im Tabellenkeller vom Schiedsrichter auch so nonchalant ignoriert worden wäre wie beim Bayern-Nationalspieler. Der Ehrliche ist dann eben doch oft der Dumme - also hier Raffael, der sich nicht gleich mit einem Schmerzensschrei auf den Rasen warf, sondern strauchelnd versuchte, weiterzulaufen. Das hat bei Sky auch Lothar Matthäus, dem ich sonst nicht so oft zustimme, gut erkannt und Raffael zurecht für seine Einstellung gelobt.
  
Aber nachkarten müssen wir heute nicht. Die drei Punkte sind im Sack, die Leistungskurve der Mannschaft zeigt nach oben und das einzige Problem von solchen Favoritenstürzen ist, dass darauf oft auf dem Fuß die Pleite gegen einen vermeintlich kleineren folgt. In dieser Hinsicht können wir aber der nächsten Woche entspannt entgegen sehen. In Wolfsburg war für Gladbach ohnehin noch nie etwas zu holen - egal in welcher Tabellenkonstallation. Wenn sich das ändern sollte, wäre Borussia gleichwohl endgültig unter den Aspiranten für die europäischen Qualiplätze angekommen. Das wäre doch auch was.


Bundesliga, Saison 2017/18, 13. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Bayern München 2:1 (Tore für Borussia: 1:0 Hazard HEM, 2:0 Ginter)

Kommentare

  1. Helmut Gaßmann11/27/2017 8:19 vorm.

    Ein wirklich schöner und in allen Punkten realistischer Artiekl. Danke dafür!

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  2. TOPP-Analyse!Spiegelt auch meine Sicht der Dinge wieder.Chapeau!!

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  3. "Weil manchmal doch drei Chancen in einem Spiel für zwei Tore reichen können."

    - Klugscheissermodus an -
    Wir hatten m.E. vier Torchancen, die beiden Tore plus Raffael in der 13. und Drmic in der 92.
    - Klugscheissermodus aus -

    Ansonsten ein sehr schönes Spiel und ein sehr schöner Artikel.

    Nächsten Sonntag in WOB geht es weiter. Mal schauen, ob ich dort nach 14 Jahren mal wieder einen Sieg bejubeln darf.

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  4. Zunächst wiederum: Das ist mal wieder eine Zusammenfassung und Analyse, die passt. Habe mich schon nach dem Spiel drauf gefreut! Sozusagen die Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Sieges.
    SO wollen wir die Mannschaft sehen! Nicht aufgebend, immer wieder aufstehend (zumal der Verlust von Kramer so früh im Spiel kam) und unermüdlich ankämpfend. Und bei aller Rustikalität - es gab trotz allem auch ein paar technisch hochwertige Momente und einige sehr schöne Spielzüge. Und man muss eben auch mal das Glück haben, effizient und auch noch mit dem Pfosten im Bunde zu sein. Es macht aus meiner Sicht bei solchen Spielen wenig Sinn, "in Schönheit zu sterben". (Die gleiche Einstellung sollte man sich übrigens für das Schalke-Spiel an die Brust heften; das wird sicherlich sehr rustikal...).
    Außer den erwähnten Hazard, Stindl, Vestergaard und Wendt hat in diesem Spiel auch endlich Tony "Fußballgott" Jantschke an die Form früherer Zeiten angeknüpft. Nach seiner Verletzungspause stand er doch irgendwie neben sich. Schade, dass es auch ihn (schon wieder) erwischt hat. Gute Besserung, Tony! Dass die beiden Ausfälle von Kramer und Jantschke so kompensiert wurden, hat mich in der Tat erstaunt. Als Kramer ausgeknockt runter musste, waren wir uns rundum relativ einig, "das war's". Mitnichten. Erstaunlich...
    Herrmann war tatsächlich, wie auch Hazard, überall zu finden (so habe ich es jedenfalls empfunden) und auch unser Maestro ackerte unermüdlich (ja, ich meine, ich habe ihn sogar auch grätschen sehen!)

    Zum Thema "ersatzgeschwächte Bayern"... naja, da breche ich garantiert nicht in Tränen aus. Wir sollten nicht vergessen, dass wir einige Langzeitverletzte haben, die einer Mannschaft wie unserer (wir haben nun mal keine Bayern-Portokasse) empfindlich wehtun. Also z. B. Strobl, Traoré, Benes (der sich ja gerade an die Bundesliga gewöhnen sollte / gewöhnt hatte). Traoré als wuseliger Hakenschläger wäre bei so einem Spiel als Lückenreißer sicherlich auch sehr wertvoll gewesen...
    Über Gräfe will ich mich gar nicht viel auslassen, sehe das ähnlich wie du - es war mir schon fast ein Wunder, dass er einen Elfer für (!!) uns gab... Und gerade auch die Szene mit Raffael. Möchte nicht wissen, was er gepfiffen hätte, wäre es anders herum gewesen. Wenn mit viel Glück nicht "Notbremse", dann hätte es aber sicherlich den (fälligen) Freistoß (für die Bayern natürlich) gegeben. Nach solchen Vorkommnissen pflege ich nach Abpfiff zumeist zu denken oder zu sagen: "Gewonnen, trotz Schiri!" Und in diesem Fall bewahrheitete sich dann mal nicht der Spruch "good guys finish last" - und das ist dann extra schön! Geärgert hat mich allerdings sehr, dass dieser unfaire Unsympath Vidal ungestraft sein Unwesen das ganze Spiel hindurch treiben durfte. Zumindest einen gelben Karton hätte er sehen müssen!
    Schlussendlich, ja, es zählen die Punkte, es zählt der Sieg (auch sehr gut für die Psyche) und später fragt niemand mehr, ob die Bayern die Niederlage verdient haben oder nicht. Am Ende stehen die Punkte in der Tabelle und fertig.
    Für alle (wahren) Borussen war dieser Tag allerdings ein Festtag, der in den Köpfen sicherlich lange hängen bleibt.
    Und Wolfsburg... na, schaun wir mal. Die Brust kann nach diesem Sieg ruhig etwas breiter sein - hoffen wir mal, dass unsere Jungs die Motivation und den Schwung mitnehmen können in die Autostadt...

    Gruß, Fohlen

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  5. Vielen Dank für Eure Kommentare. Es macht Spaß, wenn das gelesen wird, was ich mir nach den Spielen so abringe. Und noch schöner ist es, wenn ich mit meiner Meinung nicht allein stehe. Danke dafür!

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