2019-05-07

Schulterschluss zur Schadensbegrenzung

Ich habe mich lange dagegen gewehrt, dieses Wort zu schreiben, weil ja die CL-Qualifikation und Europa allgemein von Spieltag zu Spieltag noch immer nicht vollständig verdaddelt waren (und sind). Aber sowohl das Spiel am Samstag, die Entwicklung dahin als auch die fortschreitende Selbstzerfleischung aller, die doch eigentlich das gleiche Ziel haben, lässt es mich jetzt aussprechen: Es geht in dieser Saison nur noch um eins: Schadensbegrenzung. In jeder Hinsicht.

Nicht nach dem Motto "alles andere als ein Euro-League-Platz wäre eine Katastrophe". Ich wünsche es mir natürlich nicht, aber ich kann auch mit einem weiteren Jahr ohne Dreifachbelastung umgehen. Dafür habe ich Borussia zu lange an der Klippe zur zweiten Liga entlangtaumeln sehen. Aber damit die Saison auch dann noch ohne Bitterkeit endet, müsste eine wichtige Bedingung erfüllt sein. Das Team auf dem Platz müsste sich in den beiden letzten Spielen soweit rehabilitieren, dass man den Spielern (und den Trainern) nach dem Schlusspfiff am 18. Mai ohne Bauchgrimmen den verdienten Respekt und Dank für die gesamte Saison ausdrücken kann. Denn durch den Sinkflug der vergangenen Wochen geht im Moment auch all das Gute unter, was wir in dieser Spielzeit gesehen haben. Und das ist schade und ärgerlich.

Wir alle haben etwas Besseres verdient als das, was derzeit für Borussia steht. Ärger in der Kurve, schwache Spiele, Spieler, die tief verunsichert sind und mit den Gedanken vielleicht auch schon bei Dingen der neuen Saison (wechseln oder bleiben, setzt der neue Trainer noch auf mich?), ein Trainer auf Abruf, der nicht aus seiner Haut kann (und sich jetzt aus meiner Sicht auch nicht mehr verbiegen sollte), Kritik am Management. 
Und klare Misstöne und Missverständnisse zwischen Mannschaft und Fans. Die Fans sind sich am Samstag offensichtlich nicht einig gewesen, wie sie auf die hilflose Vorstellung ihrer Mannschaft reagieren sollten. Die Spieler auch nicht. Das führt dann zu Unmut auf beiden Seiten. Das Zögern auf dem Weg zur Nordkurve, das Umkehren in die Kabine, die unbeholfen-trotzige Aussage von Matthias Ginter, man müsse sich nicht alles gefallen lassen, und die Fanschelte von Dieter Hecking macht das gegenseitige Verständnis auch nicht eben leichter. Denn jeder fühlt sich aus seiner Sicht zu Unrecht angegriffen.

Und doch hilft es niemandem, sich daraufhin noch tiefer in die Schützengräben zurückzuziehen und der Mannschaft das Vertrauen zu entziehen, oder sich auf Hecking, Eberl oder den wechselwilligen, außer Form befindlichen, aber dennoch sehr engagierten Hazard einzuschießen. Wenn wir ein versöhnliches Ende dieser Saison wollen - und ich glaube, das gibt es keinen, der das nicht will - müssen wir alles, was negativ ist, ausblenden und gemeinsam alles auf Attacke setzen. 

Das heißt nicht "vergessen" - nach der Saison gibt es genug Zeit, das eine oder andere nochmal aufzuarbeiten - aber jetzt ist es besser, alles Schlechte wegzuschieben und nach vorne gucken. Ich weiß zwar nicht, wie ich angesichts der letzten beiden Spiele einen Leistungsschub herbeireden könnte. Aber es muss doch gehen, sich noch zweimal voll reinzuwerfen, mit Willenskraft und dem Mut der Verzweiflung. Und der Erinnerung daran, dass jeder einzelne im Gladbach-Kader viel besser spielen und kämpfen kann, als es zuletzt zu sehen war.

Es geht nur noch um 180 Minuten Vollgas, aber um sechs Punkte und die Chance, bei einer vollen Punktzahl einen der Plätze 4 bis 7 zu belegen.
Das wäre für das Fan-Wohlbefinden gut, für die Psyche der Spieler, für die Vereinskasse und es würde auch dem Manager bei der Kaderplanung für die Saison 19/20 sehr helfen. Es gibt also für keinen einzigen in der Borussia-Familie einen nachvollziehbaren Grund, sich hängenzulassen. Motzen können wir nach Saisonende immer noch.

Wichtiger ist es aber, dass die Mannschaft selbst diesen Entwicklungsschritt macht. Nach dem glücklichen Comeback im Hoffenheim-Spiel würde ein erfolgreiches "Saison-Finale" erheblich dazu beitragen. Natürlich gilt das auch für die Chance, nächstes Jahr international zu spielen. 
Und falls mich jemand angesichts meiner harschen Kritik der letzten Spiele falsch verstanden hat: Ich glaube selbstverständlich nicht, dass hier irgendjemand absichtlich schlecht spielt oder coacht. Mir fehlten nur einfach schlüssige Erklärungen für die bescheidenen Auftritte, die über das lapidare "nicht ins Spiel gefunden" hinaus gehen. Diese Gründe jetzt noch zwei Wochen weiter zu wälzen, habe ich nicht vor. Es hilft jetzt nur noch, "Neustart" zu drücken und zu hoffen, dass das hakende Getriebe danach frieer läuft.

Und dabei ist mir wichtig, 

- dass Gladbach sich erhobenen Hauptes aus der Saison verabschiedet (am liebsten mit einem internationalen Startplatz)

- dass die Trennung von Dieter Hecking anständig verläuft und nicht nachgekartet wird. Er hat die Mannschaft in einer schwierigen Phase schnell stabilisiert und phasenweise hervorragend eingestellt -auch in dieser Saison. Dass sich das in den vergangenen drei Spielzeiten am Ende nicht so ausgezahlt hat, wie es das zwischenzeitlich versprach, hat unterschiedliche Gründe. Das Trainerteam muss man davon nicht freisprechen. Es ist aber auch nicht der Hauptschuldige und sollte daher auch einen verdienten und respektvollen Abgang ermöglicht bekommen.

- dass auch Thorgan Hazard hier nicht mit Pfiffen weggeschickt wird. Der Junge hat hier stets alles gegeben, wenngleich er auch nicht immer sein Potenzial ausgeschöpft hat. Dass er kein Söldner ist, sieht man vielleicht gerade auch an den Problemen, die er auf dem Platz hat - seit der Wechsel nach Dortmund nahezu feststeht und er keinen Weg gefunden hat, das offen zu kommunizieren. Er (und sein Manager-Vater) haben sich in manchen Äußerungen ungeschickt verhalten, das ist so. Er macht es Max Eberl auch nicht unbedingt leicht, einen möglichst hohen Verkaufspreis zu erzielen. Das wäre zwar wünschenswert für einen Spieler, der hier über Jahre gesehen hat, wie der Verein wirtschaftet und wirtschaften muss. Aber man kann es ihm nicht zum Vorwurf machen, denn er erfüllt ansonsten ja alle Pflichten aus seinem Vertrag. Das sollte - genauso wie die guten Spiele, die er für uns gemacht hat - nicht ganz vergessen werden. Ich glaube zwar nicht, dass Thorgan seinen Vertrag im kommenden Jahr noch bei uns beendet, aber falls doch, kommt es natürlich auch jetzt schon darauf an, nicht alles Porzellan zwischen ihm und den Fans zu zerschlagen. Ihn auszupfeifen, wie dies wohl vor und beim Hoffenheim-Spiel geschah, sollte aus meiner Sicht deshalb ein einmaliger Ausrutscher bleiben. Denn dafür habe ich nun wirklich kein Verständnis.

- dass sich der Verein (inkl. Fans) soweit wieder zusammenrauft, dass Marco Rose mit seinem Team am 1. Juli hier nicht einen Scherbenhaufen vorfindet. Denn auch wenn man jetzt alles, was schiefgelaufen ist, auf Hecking und andere schieben würde, die dann nicht mehr da sind, dann macht es dem neuen Trainer die Arbeit nicht leichter. 
Der startet hier schon mit einer großen Portion Vorschusslorbeeren, die er sich aber erst wirklich verdienen muss. Wenn dann der Start und der Umbruch nicht so glatt laufen sollte wie erhofft, und die Unzufriedenheit bricht gleich wieder durch, dann können sich auch hier ganz schnell Abwärtsspiralen entwickeln, die den Verein nachhaltig beschädigen können. 
Denn eins ist doch klar: Mit seiner Entscheidung, Hecking für Rose vor die Tür zu setzen, geht Max Eberl ins Risiko wie nie zuvor. Es kann alles noch so fundiert und gut geplant sein: Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, greifen die Mechanismen des Marktes und die zukunftsweisende Ausrichtung geht den Bach runter. Das will keiner, aber in einem intakten Verein mit einem geerdeten Umfeld sind die Chancen, dass es gut läuft, am höchsten.

Also, lange Rede, kurzer Sinn: Auf geht's, Borussia! Schulterschluss, Hand auf die Raute und einfach nochmal für zwei Spiele zusammenreißen und alles gemeinsam für den Erfolg geben! Ich hoffe so, dass die Saison noch versöhnlich endet.

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