2019-10-03

Keine Reise wert

Wie wird einem der letzte Spaß an den europäischen Wettbewerben der Uefa genommen? Durch Spiele wie das von Borussia in Istanbul. 
Ein blutleerer Auftritt der eigenen Mannschaft, ein der Leistungsklasse unangemessen schlechter Schiedsrichter (dazu noch ohne das theoretische Korrektiv eines VAR), ein Gegner-Verein, den kein Mensch in Europa braucht, eine traurige Stadion-"Atmosphäre" und unwürdige Umstände für die Gästefans vor, während und vielleicht auch noch nach dem Spiel. Darüber wird sich der Verein sicher bei der Uefa beschweren, doch mein Vertrauen in diese Organisation ist genauso gering wie in den türkischen Rechtsstaat.

Da bleibt dann wirklich nur der glückliche Ausgleich durch Patrick Herrmann in der Nachspielzeit, der sich positiv von diesem Abend in Erinnerung behalten lässt. Und die Hoffnung, dass dieser erneute Rückschritt schon am Sonntag durch eine Topleistung wieder vergessen gemacht werden kann.

Zum Spiel ist wenig zu sagen - aber es bleibt viel aufzuarbeiten. 25 Minuten lief der Ball ganz vernünftig in den Reihen der Gladbacher, dann riss der Faden völlig. Schon in der ersten Halbzeit verzeichneten die Gastgeber die besseren Chancen, Yann Sommer hielt seine Vordermänner mit guten Paraden im Spiel. Doch das 0:0 zur Pause ging in Ordnung, weil die Rose-Elf die deutlich reifere Spielanlage und die gefälligeren Angriffsversuche hatte, wenngleich die meist eher kläglich versandeten.

Die zweite Halbzeit aber gehörte zu den schlechtesten, die der VfL in den vergangenen Jahren abgeliefert hat: Mutlos, ohne Geschwindigkeit und letzte Laufbereitschaft, ohne Feuer, ohne Überzeugung und auch ohne erkennbaren Willen, hier mit Macht den blöden Rückstand (durch einen vermeidbaren Konter) noch umbiegen zu wollen. 
Das war einfach zu wenig. Selbst als in der Schlussphase plötzlich auch mal der Ball in aussichtsreicher Position zu den Gästen sprang, wurde der schnell wieder vertändelt. 
Und so war der eher zufällige Ausgleich zwar sehenswert - durch Bensebainis schnelle und gekonnte Reaktion und Herrmanns Abstauber. Verdient war er aber über die gesamten 94 Minuten gesehen nicht wirklich.

Ich bin allerdings fern davon, dass mir das heute irgendetwas ausmacht. Denn egal wie - der Punkt zählt. Und gerade dieser eine Zähler kann am Ende wichtig werden und über Weiterkommen und Ausscheiden entscheiden. Wie er zustande kam, interessiert dann niemanden mehr. Und Marco Rose wird wissen, wie er diese Leistung zu bewerten und zu verbessern hat.

Und ehrlich gesagt muss sich nach diesem Spiel auch kein Gladbacher für irgendetwas entschuldigen. Denn Borussia hatte nicht nur elf Akteure von Basaksehir gegen sich, sondern zu einem guten Teil auch den Schiedsrichter. Wer sich vor der Partie gewundert  hatte, warum Stuart Attwell trotz zehn Jahren Premier-League-Erfahrung erst sein drittes Euro-League-Spiel pfiff (das letzte war in der Saison 2012/13), wusste nach dem Spiel, warum. 
Das zweifelhafte Prädikat Heimschiedsrichter trifft es ganz gut. 
Die Foulbewertung war recht willkürlich, die Verteilung der Gelben Karten teilweise lächerlich. Während bei Borussia gefühlt nahezu jeder Körpereinsatz abgepfiffen wurde, durften die Gastgeber nach Lust und Laune von hinten in die Beine treten. Das rüde Foul des Stürmers Crivelli, das den Arbeitstag von Alassane Plea frühzeitig beendete, wurde nicht einmal mit Gelb geahndet. Jener Crivelli übrigens, der schon in der ersten Minute Elvedi mit einem Ellbogenschlag unsanft auf den Rasen geschickt hatte. Embolo, Elvedi und Herrmann sahen dagegen auf Gladbacher Seite schon nach dem ersten, harmlosen Foul den gelben Karton. Dass da schon ein Missverhältnis bestand, war offensichtlich.

Besonders ärgerlich allerdings waren zwei für den Spielverlauf mitentscheidende Szenen, in denen der Schiri grob falsch lag. Das reklamierte Handspiel im Istanbuler Strafraum rechne ich nicht dazu, weil dort der Ball vom Fuß des Abwehrspielers an den Arm sprang. Die Regel ist hier eindeutig, sodass der unnatürlich abgestreckte Arm nicht mehr entscheidend war. 
Warum Attwell allerdings kurze Zeit später nicht auf Foulelfmeter erkannte, als Thuram zu Fall gebracht wurde, ist unverständlich. Thuram legte den Ball vorbei, sein Gegner Skrtel ging in dieser Szene nur in den Mann. Da der Tscheche zuvor schon Gelb gesehen hatte, wäre hier für ihn vielleicht zusätzlich auch noch früh Abpfiff gewesen. 

Die zweite Szene war ebenso klar. Dem Führungstreffer ging ein glasklares Foul an Wendt voraus. Sein Gegenspieler rempelte den Schweden um, ohne auch nur ansatzweise den Ball zu spielen. Den berührte er erst, als er Wendt aus dem Weg geräumt hatte. Welche Linie Attwell auch immer verfolgt haben mag: Er wurde keiner gerecht. 

Das alles lässt sich dank des späten Ausgleichs - aber auch angesichts der schwachen Gladbacher Leistung - noch halbwegs ertragen. Allerdings macht es, gerade auch vor dem Hintergrund der teilweise abenteuerlichen Erfahrungen mit den Schiris der vergangenen Europapokal-Jahre, echt keinen Spaß mehr, sich ständig der Willkür solcher Entscheidungen ausgesetzt zu sehen.

Für mich ist das Spiel heute schnell abgehakt. Es war schließlich auch zum schnellen Vergessen. Sehr bitter wird es allerdings den vielen treuen Rautenfans in Erinnerung bleiben, die den Trip nach Istanbul auf sich genommen haben. Das Geld und den ganzen Aufwand für so eine Leistung, das ist ja schon schlimm genug. 
Aber dass man die friedlichen Fans offenbar auch noch behandelt und drangsaliert wie Schwerverbrecher, ist einfach unerträglich. Angesichts der Entwicklung in der Erdogan-Türkei verwundert es nicht. Das schreit nach Konsequenzen. Es wäre schön, wenn die Verantwortlichen bei Borussia sich da endlich mal richtig auf die Hinterbeine stellen und Krawall schlagen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass VfL-Fans im Ausland übel behandelt werden. Aber dass Fahnen beschlagnahmt worden sein sollen, weil sie harmlose christliche Symbole enthielten, ist bisher beispiellos. 

Doch so schnell die Uefa mit Strafen ist, wenn sie selbst kritisiert wird, so lasch ist sie im Umgang mit Clubs und den Behörden in Ländern, die Fairness und Sportsgeist mit Füßen treten. Dass das skandalöse Drumherum dieses Spiels für Basaksehir Konsequenzen hat, erwarte ich daher ehrlich gesagt nicht. Und das ist das, was mich heute am wütendsten macht.


Europa League 2019/20, Gruppenphase, 2. Spieltag: Basaksehir Istanbul - Borussia Mönchengladbach 1:1 (Tor für Borussia: 1:1 Herrmann)

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