2020-02-24

Nachlässigkeit trifft Dummheit

Es war fast klar, dass dieser Tag bald kommen würde. Der Tag, an dem Borussia Mönchengladbach die erste Meisterschaft seit 43 Jahren verspielt. Nein, ich bin nicht verrückt geworden. Ich habe, wie wir alle, doch so ein ganz kleines bisschen an den "running gag" geglaubt, der sich seit der ersten Tabellenführung im Herbst durch die Saison gezogen hat: dass Gladbach tatsächlich im Jahr 2020 eine Titelchance haben könnte. 
Nachholspiel gegen Köln hin oder her: Seit Samstag ist eigentlich endgültig klar: Es wird nicht reichen. Bayern, Leipzig, Dortmund - die sind im Moment zu konstant, als dass der VfL seine kleine Außenseiterchance nutzen könnte. Das hat natürlich nicht nur mit dem 1:1 vom Samstag zu tun. Es fehlen einfach am Ende ein oder mehrere Stücke Glück. Das ist schade wegen der vielleicht einmaligen Gelegenheit - aber doch nicht wirklich schlimm. Denn es lässt das Ziel wieder komplett in den Vordergrund rücken, um das es realistischerweise bei Borussia nur gehen kann und sollte: die Teilnahme an den europäischen Wettbewerben. Und da ist die Konstellation nach wie vor brillant für Stindl und Co.


Ja, dieser Punktverlust in letzter Minute in einem merkwürdigen Spiel, der ist ärgerlich. Und weil über die 102 Minuten soviel los war, wird dies leider ein sehr langer Text. Entschuldigung schon mal vorab.

Sicher, ein Champion hätte sich die Gelegenheit zum neunten Heimsieg in Folge nicht entgehen lassen - so wie die Bayern am Freitag trotz unübersehbarer Schwierigkeiten gegen Paderborn am Ende doch die drei Punkte eingefahren haben. Diese Kaltschnäuzigkeit hat Gladbach in dieser Saison auch schon öfter ausgezeichnet, aber diesmal eben nicht. Auch das gehört zum Wachsen dieser Mannschaft, genauso wie die Einsicht, dass nicht jedes Spiel automatisch an Borussia geht, nur weil es im heimischen Park gespielt wird. 

Die Mannschaft um Yann Sommer agierte dafür an diesem Tag in den entscheidenden Aktionen einfach oft zu schlampig. Dabei verstand sie es dennoch immer wieder, gegen die geschickt verschiebenden Hoffenheimer Abwehrreihen hervorragende und sehenswerte spielerische Lösungen in der Offensive zu finden. Dass die am Ende nur zu einem Tor im Anschluss an eine Ecke führten, lag daran, dass am und im Strafraum irgendwie nicht konsequent genug auf den Abschluss hingearbeitet wurde. Es schien, als sollte der Ball zu sehr ins Tor getragen werden.

Bis zur Unterbrechung um die 50. Minute hatte ich aber dennoch nie das Gefühl, dass Gladbach hier Punkte abgeben würde, auch wenn die Gäste ab und an ihrerseits gut nach vorne kamen. Das änderte sich erst nach der minutenlangen Unterbrechung durch die dämlichen Nordkurven-Plakate.
In dieser Phase, mit dem Unmut im Publikum und am Spielfeldrand, ahnte ich schon Schlimmes, weil zu befürchten war, dass diese Pause, der Ärger und der danach teilweise eingestellte Support eben doch eher dem Auswärtsteam in die Karten spielen würde.

Man merkte den Spielern an, dass sie nicht mehr so fokussiert waren, sicher auch durch die vielen folgenden Unterbrechungen des Spiels. Dennoch hatten Thuram, Plea und Co. über die gesamte Spielzeit ausreichend Gelegenheiten, den Sack zuzumachen. Dass das nicht immer klappt, muss man akzeptieren, die Rose-Elf war nun wirklich oft genug nah genug dran. Sie scheiterte dann an sich selbst oder spätestens an Pfosten oder TSG-Torwart Baumann. Das passiert. Auch wenn es nervt.

Geärgert habe ich mich unter dem Strich auch weniger über den späten Gegentreffer und den damit verbundenen Punktverlust an sich, sondern über verzichtbare Begleitumstände.

Ärgernis 1: Die Egotrips des Alassane Plea

Dass der Franzose nach seiner unfreiwillig langen Zwangspause möglichst viel zeigen wollte, ist verständlich und lobenswert. Aber nur, solange es nicht wegen übertriebenen Ehrgeizes der Mannschaft schadet. Das war heute leider in einigen Szenen der Fall. Sicher, der Elfmeter war nicht schlecht geschossen. Aber warum Plea überhaupt antrat, wenn ihm vorher kaum etwas gelungen war und der vom Elfmeterpunkt sichere Kapitän Stindl auf dem Platz stand, ist zu hinterfragen. 

Am meisten ärgert mich allerdings eine Szene in der ersten Hälfte, als sich beim Konter eine 3-gegen-1-Situation bot und Plea viel zu eigensinnig mit dem Ball in den Gegner rannte und scheiterte, statt frühzeitig mit einem Pass auf die mitgelaufenen Kollegen die Überzahl auszuspielen. Das muss auf diesem Niveau einfach ein Tor werden, wenn man vorne dran bleiben will, da gibt es keine Diskussion.
So ging es mit dem knappen Vorsprung in die Pause, und danach nahm das Spiel eben seine seltsame Wende.Ärgernis 2: Die Fantasien mancher "Fans"
Wenn die eigenen Fans im Heimspiel für eine Spielunterbrechung sorgen, ist das selten gut. Die Nummer mit dem Hopp hat sogar - neben der unmittelbaren Wirkung auf das Spiel - das Zeug für einen großen Flurschaden in der Borussia-Familie. Denn es spaltet die Borussen. Für die wahrscheinlich überwältigende Mehrheit der Fans im Stadion und an den Fernsehgeräten war der Protest mit dem Fadenkreuz eine Riesendummheit. Man braucht nicht besonders viel Feingefühl, um zu wissen, dass es ein absolutes Tabu ist, Menschen "ins Visier" zu nehmen, ganz besonders natürlich, wenn dies im echten Leben in Hanau gerade blutige Wirklichkeit geworden ist.

Dabei verstehe ich durchaus die Intention dahinter. Der Frust über die in die Liga eingekauften Retortenclubs teile ich, man kann auch Dietmar Hopp dafür kritisieren, und da ist es mir völlig schnuppe, ob er mit seinen überzähligen Millionen "schon so viel Gutes getan hat", wie immer wieder ins Feld geführt wird. Hoffenheim ist aber inzwischen nicht mehr von Geldspritzen des SAP-Gründers abhängig, der Verein erwirtschaftet sein Geld selbst, das normalisiert die TSG, im Gegensatz etwas zum Brause-Projekt, wo man über die Anschubfinanzierung schon lange hinaus ist. Gerade diese Normalisierung will nicht jeder hinnehmen. Auch mir gefällt das nicht.
Das rechtfertigt aber keine derartigen Verunglimpfungen und Bedrohungen (und so kann und muss man dieses Plakat verstehen). Nochmal: Wir sollten durch die zunehmende Eskalation der Worte in unserer gespaltenen Gesellschaft wirklich langsam gelernt haben, wie schnell Worte zu Taten werden können.
Ich denke, dass die, die diese Aktion geplant haben, es clever fanden, die berechtigte Kritik an Kollektivstrafen über diese Kombination mit den gelben (BVB), blauen (TSG) und grünen (DFB) "Hurensöhnen" zu transportieren. Es ist aber weder witzig noch clever; und die "Zielscheibe Hopp" ist weit über allem, was man einer mit vielen Freiheiten ausgestatteten Fanszene zubilligen darf. Wenn die Urheber der Aktion nach der ersten Rechtfertigung nochmal darüber nachdenken, werden sie das sicher auch nachvollziehen. Es wäre gut und eine Frage der inneren Hygiene im Stadion, wenn sie dies dann auch entsprechend äußerten.

Was in der Kurve geht und nicht geht, wer dafür verantwortlich ist und wer Einfluss nehmen kann - all das entzieht sich weitgehend meiner Kenntnis, dafür bin ich zu weit weg. Aber dieser Eklat zeigt, dass hier Klärungsbedarf im Verein und unter den Stadionbesuchern besteht. Da hilft es nicht, die gesamte Ultraszene abzuwatschen und zu verwünschen. Es hilft auch nicht, dieses Fehlverhalten zu relativieren und kleinzureden. Aber sich und andere in die Verantwortung nehmen, für das was auf den Rängen vor, neben oder hinter ihnen passiert, und auch auszudiskutieren, was geht und was nicht: Das muss möglich sein. Denn sonst kostet das den Zusammenhalt auf den Rängen und damit die Mannschaft einen wichtigen Faktor für den Erfolg.Ärgernis 3: Die Unberechenbarkeit des VAR
"VARum?" - auch das könnte man sich bei dieser Partie fragen.
In zwei entscheidenden Situationen griff am Samstag Videoassistent Bastian Dankert ein. Und bei beiden frage ich mich, ob das wirklich sein musste. Ich gebe zu, ich verstehe es nicht mehr, wann der VAR eingreifen muss, wann er kann und darf und wann er sich raushalten soll. Ich blicke da nicht mehr durch.
Wenn es nur darum geht, klare Fehlentscheidungen zu korrigieren - warum schaltete sich Köln dann in der Handelfmeterszene überhaupt ein? Das Handspiel von Hoffenheim hatte kein Gladbacher moniert, vielleicht hat es in Echtzeit nicht einmal jemand registriert. Gladbach blieb zudem in Ballbesitz und kam zu einer guten Torchance. 

Nun gut, Dankert sagt also trotzdem Brych Bescheid und es dauert eine ganze Weile, bis der sich das an dem Minibildschirm im Stadion anschaut und dann auf Elfmeter entscheidet. Auf den Fernsehbildern kann man ahnen, dass das Handspiel mit großer Wahrscheinlichkeit auf der Strafraumlinie oder leicht im Strafraum passiert. Wissen kann man es nicht. Insofern finde ich es mutig, dass Brych auf dieser Basis seine Entscheidung trifft.
Im Nachhinein heißt es dann aber plötzlich, in Köln habe man das "Lot" angelegt, also das Hilfmittel von der Abseitslinie. Aber wenn dem so wäre: Warum hat sich Brych die Situation dann noch selbst angeschaut? Das passt irgendwie nicht zusammen, und weil es keine klare Aufklärung im Stadion und am TV gibt, bringt es unnötige Spekulationen mit sich. Ich jedenfalls finde den Elfmeterpfiff in dieser Situation schwierig. Vielleicht enttäuscht es mich auch deshalb nicht ganz so, dass Plea das Geschenk nicht annahm. 

Situation 2 ist natürlich das aberkannte 2:0. Was für mich, anders als für viele andere Fans, unstrittig ist, ist die Bewertung von Wendts Aktion als unmittelbar für den Torerfolg. Natürlich lag viel Zeit und Raum zwischen der Balleroberung und dem Torabschluss. Aber ohne Wendts Einsatz hätte der über drei Stationen abeschlossene Konter nicht stattfinden können. Für mich also durchaus logisch, dass auch diese Szene überprüft wurde.
Was ich nicht verstehen kann, ist die Schlussfolgerung und Brychs Entscheidung, seine erste Entscheidung "Weiterspielen" zu revidieren. Unstrittig ist, dass Oscar den Ball mehrfach an die Hand bekommt. Das erste Handspiel ist keinesfalls strafbar, weil er sich da mit dem Arm am Rasen abstützt. Klare Sache. 
Beim zweiten Handspiel kann man auf strafbares Handspiel entscheiden, sofern man den Grund dafür völlig außer acht lässt. Der hatte nämlich ein blaues Trikot an und stand über dem am Boden liegenden Schweden, stocherte mit einem Fuß noch vergeblich nach dem neben/unter Wendt liegenden Ball. Was aber entscheidender ist: Er klemmte Wendt am Boden fest und drückte ihn dabei noch leicht nach unten, sodass dieser keine Chance hatte, seine Arme aus der "Gefahrenzone" zu bekommen und sich wegzubewegen oder aufzustehen. 
Jeder, der mal Fußball gespielt hat, kann das nachvollziehen. Der Schiedsrichter ignorierte diesen äußeren Einfluss jedoch und pfiff Hand, wo Vorteil nach Stürmerfoul die richtige Entscheidung gewesen wäre. Die neue Stürmer-Handregel griff im übrigen hier gar nicht, weil diese Handberührung nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit der Torerzielung stand. 
Es war also unter dem Strich einmal mehr eine Entscheidung, die im Zweifel gegen Borussia ausfiel. Das ist, darauf lege ich wert, keine Schuldzuweisung an Brych oder Dankert oder das Suchen nach Entschuldigungen für den Punktverlust - denn den hätten die Spieler auch anders abwenden können.

Nein, das Schirigespann war nicht spielentscheidend, auch wenn ich wie gesagt langsam aufgebe, noch eine Linie im VAR-Einsatz erkennen zu wollen. Aber gerade weil bei Borussia-Fans der Stachel des an uns zuletzt geübten Stieler-Exempels so tief sitzt, muss ich die Ungleichbehandlung auch heute nochmal kurz zur Sprache bringen. Felix Brych kam mit seiner großzügigen (von mir oft verwünschten) Linie heute im Prinzip gut zurecht - vor allem natürlich, weil beide Teams es grundsätzlich auf den Ball abgesehen hatten und nicht auf die Beine des anderen, wie bei manch anderem Gegner. Allerdings spricht die Kartenstatistik eine deutliche Sprache. Acht gelbe Karten, alle für Foulspiel - alle konnte man geben, nicht jede musste man geben. 

Natürlich hätte es für einen glasklaren Rückpass zum Torwart Baumann drei Meter vor dem Tor auch noch einen indirekten Freistoß für Gladbach geben müssen. 
Aber sei es drum, alles gut soweit. Wäre da nicht wieder die ungleiche Wahrnehmungsschwelle auf der Unsportlichkeitsskala gewesen. Nach Stieler-Plea-Maßgabe hätten diverse Hoffenheimer für Reklamieren verwarnt werden müssen, zwingend aber der eine, der nach einem Foulpfiff den Ball durchs ganze Stadion drosch. Wir erinnern uns an die gelbe Karte vor einer Woche gegen Stindl, als er den Ball sachte drei Meter weit nach hinten spielte.


Dabei bin ich voll bei Brych, eben nicht jedes Lamentieren zu bestrafen, gerade auch bei der Handelfmeterentscheidung, die diskutabel war. Nur: Solange sich jeder Schiri seine Linie selbst festlegt, ist es bei übergreifenden Strafen - wie es Gelbsperren nun mal sind - einfach nur wettbewerbsverzerrend. 
    
Bundesliga 2019/20, 23. Spieltag: Borussia  Mönchengladbach - TSG Hoffenheim 1:1 (Tor für Borussia: 1:0 Ginter)

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