2021-03-06

Die Zwingen sind weg

 "Wir müssen es dann auch einfach mal erzwingen".

Dieser Satz von Marco Rose von der Pressekonferenz am Donnerstag ist so zutreffend wie typisch für die Krise des VfL und für das heutige Spiel, das wieder knapp verloren ging. Das mit dem Zwingen hat auch heute wieder nicht geklappt. Es ist, als ob die fußballerischen Schraubzwingen, mit denen Borussia im vergangenen Jahr sogar Gegner wie Donezk, Real, Bayern oder Inter phasenweise in die Enge treiben konnte, auf dem Weg irgendwie verloren gegangen sind.

Ich persönlich habe aber keine Lust mehr, mich an der Rolle des Trainers in dieser ganzen Sache abzuarbeiten. Ich habe keinen Einfluss darauf, was mit Marco Rose geschieht, ich fordere auch keine Trainerentlassung. Und ich habe heute durch die klaren und nüchternen Aussagen von Hans Meyer und Chris Kramer, die einiges an den Aufgeregtheiten, die derzeit unterwegs sind, gut eingeordnet haben, auch den Eindruck gewonnen, dass die Vereinsführung weiß, was sie tut. Oder dass sie es glaubt zu wissen - womit sie es immer noch viel besser beurteilen kann, als ich das aus der Entfernung je könnte. Und dass sie felsenfest davon überzeugt ist, dass dieses Thema nicht das entscheidende dafür ist, wie diese Saison bei Borussia endet. 

Das kann man für naiv halten, aber es hilft mir ja auch nicht, mich mit der Trainerfrage aufzuhalten, wenn die Probleme der Mannschaft auch so sehr deutlich auf dem Platz zu erkennen sind. Ich habe mich damit arrangiert, dass die Saison enttäuschend enden wird - zumindest, wenn man sie im Lichte des Potenzials betrachtet, dass die Mannschaft hat und derzeit nicht abzurufen in der Lage ist.
Dass es in diesem Jahr mit Dreifachbelastung und sonstigen Erschwernissen am Ende nicht für Europa oder gar mal nicht für die Einstelligkeit reichen könnte, das ist vielleicht ärgerlich, aber kein Untergang. Vielleicht ist vieles ja einfach auch doch auch dem merkwürdigen Corona-Spielbetrieb geschuldet oder es kommt einfach zu viel zusammen.

Egal. Ich schaue heute nur auf das, was auf dem Spielfeld zu sehen war. Und auch das zeigt ein (schlechtes) Muster, das mich nicht sehr optimistisch in die letzten zehn Spiele gehen lässt.

Es ist sicher nicht der so gewollte Matchplan, aber die Spielverläufe ähnelten sich zuletzt auf fatale Weise. Die erste Halbzeit verbringt die Mannschaft - je nach Gegnerdruck - überwiegend in der eigenen Hälfte und reagiert mehr auf die Angriffsbemühungen der anderen Seite als selbst zu agieren. Das sichere Verteidigen gelingt in der letzten Zeit ja auch immer besser. Die Defensive steht - so wie heute - recht sicher, selbst wenn der Gegner es, wie auch Leverkusen heute, oft leicht durchs Mittelfeld und auch immer wieder in den Strafraum schafft.

Nach der Pause beginnt dann die stärkste Phase von Borussia, die sich oft nach der ersten halben Stunde schon mal langsam an den gegnerischen Strafraum herangetastet hat. Dann erhöhen Neuhaus und Co das Tempo, spielen etwas riskanter, vertikaler und direkter und kommen so auch zu notierenswerten Chancen. Doch just in diese Phase, in der man denkt, jetzt könnte es was werden, fällt ein Ballverlust im Mittelfeld, ein schneller Gegenzug und der Rückstand für die Fohlenelf.

Das gab es auch in der Vorrunde, durchaus auch in der vergangenen Saison. Doch der Unterschied ist, dass die Mannschaft nicht in der Lage scheint, diese Rückstände wieder zu drehen. Ganz besonders nicht in der letzten Viertelstunde, und auch nicht mit frischen Kräften von der Bank.

So war es leider auch heute. Wettbewerbsübergreifend zum achten Mal in Folge, bei ganzen fünf in dieser Zeit geschossenen Toren. Und deshalb beginnt für mich heute die Zeit, in der ich in der Tabelle nach hinten schaue und nicht mehr nach vorn.
Denn es kann ja immer mal passieren, dass man durch einen Konter in Rückstand gerät - zumal wenn man in den letzten Duellen nur Hochkaräter wie Manchester, Leipzig, Dortmund und jetzt Bayer gespielt hat. Aber man muss auch in der Lage sein, den Gegner in der Schlussphase dann seinerseits so unter Druck zu setzen, dass er Fehler macht. Das ist in den vergangenen Wochen nicht zu sehen gewesen, nicht heute - und es ist auch in der gesamten Saison insgesamt zu selten zu sehen gewesen.

Ich weiß nicht, woran das liegt. Ob die Spieler einfach zu früh platt sind und nicht mehr genug Körner im Tank haben. Ob ihnen die drohende Niederlage den Schneid nimmt. Ob sich die Erfolglosigkeit oder doch das Thema Trainerwechsel und vielleicht die eigene Zukunft im Kopf festsetzt. Ob einfach zu viele Leistungsträger des vergangenen Jahres durchgeschleppt werden müssen und auch die Nachrücker zumindest keine qualitative Verbesserung bringen.
Oder ob sich die verschworene Gemeinschaft, die wir lange beobachten konnten, auch nach den Fällen Embolo und Thuram noch, sich langsam auflöst. Denn es häufen sich aus meiner Sicht die kleinen Szenen auf dem Platz, wo nicht mehr energisch abgeklatscht wird, dem Passgeber der Daumen hoch gegeben wird, auch wenn der Ball nicht ereichbar war.
Am deutlichsten zu sehen in einer Szene in der Schlussphase, wo sich Ginter und Neuhaus gegenseitig anmotzten, nachdem Neuhaus einen Freistoß lang auf die Grundlinie gespielt hatte, gedacht für eine Ablage in die Mitte, die Gladbacher Spieler aber alle zum direkten Kopfball oder Torschuss in den Strafraum einlaufen, sodass der Ball unbedrängt weit ins Aus flog, und wieder eine mögliche Chance verpasst war.

Keine Ahnung, ob das eine Rolle spielt oder etwas anderes. Fehlendes Spielglück allein ist es jedenfalls nicht mehr.

Was ich weiß, ist, dass all das zusammen noch gefährlich werden kann. Denn es zeigt sich nicht nur gegen starke Gegner. Es zeigte sich vorher - auch in siegreichen Spielen - immer wieder darin, dass man sich bei eigener Führung auch von spielerisch schlechteren Mannschaften zurückdrängen und in einen Abwehrkampf ohne Luftholmöglichkeit verwickeln ließ. Genau das, was ich jetzt gern umgekehrt beim Stand von 0:1 sehen würde. So oder so, auch da gingen schon viele Punkte verloren. Und ich sehe auch nach dem heutigen Spiel keinen Ansatzpunkt, der mir Hoffnung gibt, dass es nächsten Freitag gegen den FC Augsburg grundlegend anders läuft.

Unter diesen Voraussetzungen können wir froh sein, dass wir schon 33 Punkte auf dem Konto haben. Denn: Im schlechtesten Fall sind es nach diesem Spieltag 12 Punkte Vorsprung zum Relegationsplatz, bei 30 zu vergebenden Punkten. Dazu kommt, dass Bielefeld noch ein Nachholspiel gegen Bremen hat. Und Borussia spielt noch gegen sechs der acht Teams, die derzeit hinter ihr platziert sind. Der Abstand zu Platz 6 beträgt sieben Punkte, und derzeit fehlt mir die Fantasie, wie der VfL in kurzer Zeit nochmal so zwingend auftreten kann, wie es notwendig erscheint.

Immerhin, etwas Positives will ich auch sagen. Der immer wieder in der Kritik stehende Hannes Wolf hat heute ein starkes Spiel gemacht. Endlich, möchte man freudig sagen. Bissig, durchsetzungsfähig, lauffreudig, in den Zweikämpfen stark verbessert, mit vielen Ballgewinnen und gutem Auge. Er hat erstmals über 90 Minuten gezeigt, dass er auch über die gesamte Spielzeit ein Gewinn für Gladbach sein kann. Doch ein Makel bleibt auch heute. Er nutzte die Chancen trotz guter Schüsse nicht zum so wichtigen Tor. Und er verlor vor dem 0:1 gegen Tah im Zweikampf den Ball. Man kann ihm bei beidem keinen großen Vorwurf machen. Das kann passieren. Es trübt natürlich den Gesamteindruck. Aber es gibt auch Hoffnung, dass wir von ihm noch mehr sehen, auch wenn er auf der Stindl-Position, auf der er heute meist agierte, natürlich weiter große Konkurrenz hat. Auch Bensebaini und Lainer merkte man wie schon am Dienstag im Pokal an, dass sie bereit waren, über ihre Grenzen zu gehen.

Leider können nicht alle Spieler diesem Aufwärtstrend folgen, auch wenn man keinem mangelnden Einsatz vorwerfen könnte. Florian Neuhaus blieb auch heute unter seinen Möglichkeiten. Denis Zakaria ist weiterhin kaum wiederzuerkennen. Kaum Impulse, keine Powerläufe, kein Selbstbewusstsein - so ist er kein Gewinn für die Startelf, und es ist zu hoffen, dass Kramer schnell wieder fit ist. Was Plea und Thuram betrifft: Sie sind fleißig, laufen viel, probieren viel. Doch sie kommen kaum mal in "todsichere" Abschluss-Situationen. Es bleibt einfach vieles Stückwerk. Und das sind Dinge, die auch ein Trainer kaum von außen beeinflussen kann. Der notwendige Befreiungsschlag lässt weiter auf sich warten.  

Ein paar Worte noch zu Schiedsrichter Daniel Siebert. Eigentlich wollte ich ihn loben, denn insgesamt löste er es recht unaufgeregt. Er war kein beeinflussender Faktor im Spiel. Das ist gut. Was ihn allerdings ritt, den Bodycheck von Wendell gegen Valentino Lazaro an der Strafraumgrenze nicht als Foul zu werten, kann ich nicht nachvollziehen. Das Foul begann wahrscheinlich außerhalb des Strafraums (Sky zeigte es ja nur einmal in der Wiederholung), sodass es wohl kein Elfmeter geworden wäre (der andere später wurde ja zurecht wegen Abseits zurückgenommen). Aber kein Foul, wenn ein Spieler mit voller Wucht und ohne den Ansatz eines Versuches, den Ball spielen zu wollen in den Laufweg des Gegenspielers springt? Da bin ich schon etwas schockiert, dass so eine Fehleinschätzung auf diesem Niveau passieren kann. 

Das andere ist die für mich wieder zu großzügige Linie bei den Zweikämpfen. Weil es von Anfang an nicht unterbunden wurde, entwickelte sich nahezu jeder Zweikampf, bei dem zwei Spieler einem hohen Ball entgegengingen, zu einer unansehnlichen Schubserei und Zerrerei. Auch hier zeigte sich aber, dass die Bayer-Spieler diese Linie des Schiedsrichters besser für sich zu nutzen wussten und dies auch mehr wollten.

Bundesliga, 24. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Bayer Leverkusen 0:1.


Saisonspende: 98,50 Euro. Heute wieder nichts dazu gekommen. Acht Spiele, 3 magere Euro eingespielt. Die Gladbacher Krise schlägt sich auch merklich auf meine Saisonspende durch. Und die meisten möglichen Boni am Saisonende sind auch schon passé. Schade.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Erreichen der K.o-Phase und für jede weitere erreichte CL-Runde: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

Kommentare:

  1. Borussia hat inzwischen ein spielerisches Level erreicht dass sie genau dort in die Tabelle einordnet, wo sie momentan hingehört. Weder die einzelnen Spieler noch das Team insgesamt haben sich irgendwie weiterentwickelt. Vom Rose-Fussball ist lange schon nichts mehr zu sehen und einen Plan B scheint es nicht zu geben. Völlig unabhängig davon das Rose geht, zeigt sich immer deutlicher, dass er nicht annähernd der heisse Scheiss ist, für den er gehalten wird.

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  4. Ich stimme wie meist dem Gesamtartikel im Grundsatz zu, muss jedoch in einem Punkt widersprechen. Und ich hatte auch bereits zum letzten "In-den-Winkel-Blog" einen Kommentar bezogen auf die spielerische Leistung gegen B04 kommentiert. Daher hier einzig ein Kommentar auf eine - meiner Meinung nach - etwas zu euphorische Bewertung der Wolf-Leistung.
    JA! Es war eine seiner besten Leistungen im BMG Trikot. ABER: (Zitat) "Er nutzte die Chancen (...) nicht zum so wichtigen Tor. Und er verlor vor dem 0:1 (...) den Ball. Man kann ihm bei beidem keinen großen Vorwurf machen." STIMMT - kein Vorwurf! Aber es war eben auch kein "STARKES Spiel" (ebenso Zitat) von ihm. Wenn ein (wanna-be) Spielmacher ein starkes Spiel macht, sollte im besten Fall mindestens ein Tor daraus entstehen und wenn möglich kein Gegentor aufgrund seiner Leistung fallen.
    Ich hatte ihm bisher immer "durchschnittliches Zweitliga-Niveau" attestiert. Gegen B04 hat er m.M.n. tatsächlich mal mittelmäßiges BuLi Niveau gezeigt - nicht weniger, nicht mehr. Er war zwischen den Strafräumen sehr bemüht und hat sich gegenüber bisheriger Leistungen in dieser Zone verbessert. Im letzten Drittel jedoch blieb vieles Stückwerk (blindes In-den Strafraum-passen, Festrennen, Fehlpässe, mangelnde Körperlichkeit, fehlender Spielwitz).
    Ich blicke gespannt auf das Spiel gegen Augsburg. Ich hätte mir gewünscht, ein Benes hätte von MR nur annähernd gleiches Vertrauen geschenkt bekommen, wie ein Wolf. Ich bin mir relativ sicher (ich weiß: Spekulation), wir würden von ihm deutlich mehr sehen als von einem Wolf. Zusätzlich hätten wir einen sehr guten (um nicht zu sagen den besten im aktuellen BMG Kader) Standard-Experten im Team. Stattdessen verleiht man ihn (um nicht zu sagen vergrault ihn). Ein Trauerspiel! Ich ertappe mich dabei, dass ich das erste Mal hoffe, dass ein ehemaliger BMG (wobei er ja immer noch BMG gehört) Profi beim Gegner ein Tor gegen meine Borussia schießt..... :-(

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    1. 100 % Zustimmung zum ganzen Artikel, insbesondere zu den Aussagen über Wolf/Benes!

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  5. land_of_mountains3/10/2021 12:21 PM

    Ich habe seit einiger Zeit den Eindruck, dass Gegentore in den Minuten nach Auswechselungen fallen. Ich denke nicht, dass es mit dem "zweiten Anzug" zu tun hat. Eher scheint es mit einer nicht zügig genug erfolgenden Umorganisation zu haben.

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