2019-09-20

Abgewatscht

Wenigstens die Choreo der Nordkurve war schön!

In vier Tagen von Stimmung 100 auf 0 - so ein Wechselbad erlebt man wahrscheinlich nur als Fan der wahren Borussia. Auf den zu Recht gefeierten Derbysieg im fortgeschrittenen Rose-Stil folgt ausgerechnet beim ersehnten Comeback auf europäischer Bühne direkt eine historische Klatsche; und das auch noch im Heimspiel und gegen den vorab weithin als leichtesten Gegner gewogenen Vertreter aus Österreich.

Die Kärntner haben sich diesen Coup im Borussia Park ohne Zweifel verdient. Mit brutaler Effizienz vor dem Tor und einem cleveren Spiel, in dem sie sich auf das konzentrierten, was sie können: gutes Anlaufen und Stören des gegnerischen Spiels, schnörkelloses Spiel nach vorne und vernünftige Standardsituationen.
All das will auch Marco Rose bei seinem neuen Verein sehen. Aber nichts davon brachten die Fohlen heute Abend auf den Rasen.

Sicher: Die Tore der Gäste kamen alle ein wenig glücklich zustande, weil die Vorlagen entweder abgefälscht wurden oder ihnen der Ball wie beim 0:3 nach guter Abwehr von Yann Sommer nochmal passend auf den Fuß tropfte. Doch die haarsträubenden Fehler, die von VfL-Seite vorausgingen, waren auch wirklich unterirdisch.
Zweimal dürfen die von den Gegenspielern (Neuhaus, Bensebaini) völlig alleingelassenen Gegenspieler frei einnetzen. Einmal springt Benes ein schlampiges Zuspiel von Thuram zu weit vom Fuß und Elvedi hebt beim Pass in die Spitze auch noch das Abseits auf. Und auch beim Führungstor gibt es einiges aufzuarbeiten, weil Bensebaini und Neuhaus außen ziemlich naiv und lasch verteidigen und so die abgefälschte Hereingabe auf den Torschützen erst ermöglichen.

Viel mehr zwingende Aktionen vor dem Tor hatte Wolfsberg nicht und brauchte der WAC auch gar nicht. Denn was Gladbach nach vorne machte, war nur selten zwingend. Wenn es im Strafraum gefährlich wurde, stand entweder jemand im Abseits oder die Chance wurde so kläglich vergeben wie bei Pleas Schüsschen aus acht Metern in die Arme des Torwarts. 
Chancen, es besser zu machen, gab es im gesamten Spiel immer wieder. Nur versiegten die Angriffe meist vor dem Strafraum, trotz oft ganz gutem Passspiel aus der eigenen Hälfte heraus. Denn im letzten Drittel des Spielfelds wurden meist die falschen Entscheidungen getroffen - Dribbling statt Doppelpass, Schuss statt Flanke, Flanke ins Nirgendwo. Bezeichnenderweise wurde mit dem klaren Rückstand das Gladbacher Spiel offener und auch besser. In den ersten 30 Minuten erinnerte es eher an das überwunden geglaubte mutlose und ineffektive Ballverwalten vergangener Jahre.

Das alles klingt nach einem gebrauchten Tag, den jede Mannschaft mal haben kann. Dann läuft jedes Bemühen ins Leere und man hätte noch Stunden weiterspielen können, ohne das Tor zu treffen. Man kann auch keinem Spieler wirklich vorwerfen, dass er sich nicht über die gesamte Spielzeit bemüht hätte, selbst wenn er so unglücklich agierte wie Flo Neuhaus heute.

Aber auf dem Niveau, auf dem sich Borussia sieht und bewegen will, darf man es sich trotzdem nicht erlauben. Der Heimsieg gegen Wolfsberg war - wenn man das Programm durchgeht - eine Pflichtübung, wenn man die Gruppenphase überstehen will. Natürlich ist die Mannschaft von Marco Rose damit noch lange nicht ausgeschieden, denn schlagen kann sie zweifellos jeden Gegner in der Gruppe. Doch dazu bedarf es eines anderen Auftretens: Vollgas und Zielstrebigkeit vor dem gegnerischen und Kompromisslosigkeit vor dem eigenen Tor. 

Der Trainer hatte vor dem Gegner gewarnt und er hat es oft schon betont. Sein Fußball funktioniert nur, wenn alle voll mitziehen - über das ganze Spielfeld und über die gesamte Spielzeit. Das war heute nüchtern betrachtet nicht so. 
Und die Frage nach dem Warum ist nicht so leicht zu beantworten. Denn hier stand keine unerfahrene Startelf auf dem Platz, die sich von einem österreichischen Bundesligisten überraschen lassen dürfte: aufgestellt waren sieben aktuelle Nationalspieler, zwei U21-Nationalspieler (Neuhaus, Thuram) und zwei mit Länderspielerfahrung (Kramer, Plea). 
Auch wenn die zum Teil noch Abstimmungsbedarf haben und sich besser finden müssen: Das erklärt nicht diese Blamage. 
Es liegt nahe, die Gründe in der Einstellung zu suchen, oder dass man den Gegner eben doch auf die leichte Schulter genommen hat. Das wäre angesichts des "festlichen" Europapokal-Anlasses sehr seltsam. Aber vielleicht ist es auch ein Teil des Lernprozesses in der Systemumstellung, den man befürchten musste. Es war ein unerwartet herber Rückschritt.  Aber ich denke, dass Rose aus diesem Auftritt die richtigen Schlüsse ziehen und intern die treffenden Worte finden wird. Wenn nicht, wird es am Sonntag schwer, gegen Düsseldorf zu bestehen.

Die Mannschaft hat sich dafür heute unnötigerweise selbst unter Druck gesetzt. Es hilft nichts: Jetzt muss endlich wieder ein Heimsieg her.


Europa League 2019/20, Gruppenphase, 1. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Wolfsberger AC 0:4

2019-09-14

Rosige Züge

Es wird! Borussia nimmt sichtbar rosige Züge an.

Der vierte Spieltag hielt im Prestigeduell mit dem ungeliebten Nachbarn aus meiner Sicht das insgesamt beste Spiel unter dem neuen Trainer bereit. Eine ganz starke und dominante erste Hälfte und eine schwächere, aber bis auf eine kurze Phase nach der Pause ebenfalls recht ungefährdete zweite Halbzeit. Am Ende steht aber nicht nur der ersehnte Derbysieg in der Stadt, in der man im eigenen Stadion Buttersäure ausschüttet. 
Es stehen unter dem Strich angesichts der Tabellenkonstellation drei ganz wichtige Punkte auf der Habenseite, durch einen Sieg, der zwar deutlich zu niedrig ausfällt, aber immerhin einer war. Denn dominante Spiele lieferte der VfL in den vergangenen Jahren gegen Köln schon öfter ab, allerdings nicht immer mit dem gewünschten Ertrag. 

Natürlich hätte uns auch heute so ein später Tiefschlag ereilen können. Doch erstens steht in Gladbach für solche Fälle ein aufmerksamer Yann Sommer im Tor und zweitens war der Gegner da schon zu K.o., um Borussia wirklich ärgern zu können. Heute war aus meiner Sicht zum ersten Mal zu sehen, wie die Rose-Elf einen Gegner mürbe und müde gespielt hat. Viele Spielzüge aus der eigenen Hälfte heraus richtig Klasse und setzten dme Gegner ziemlich zu. Das Gleiche gilt auch für das hohe Pressing, das die Abwehrkette des FC immer wieder in Schwierigkeiten brachte. Borussia lief mehr als der Gegner (keine Selbstverständlichkeit, auch noch nicht unter Marco Rose) und lag in den Zweikämpfen klar vorn, trotz der vor allem in der ersten Halbzeit schon auffälligen Einseitigkeit von Deniz Aytekins Pfiffen.

Sein zu früh winkender Assistent kostete zudem einen wohl regulären Treffer von Embolo. Auch in einer anderen Situation winkte der Assistent den Konter viel zu früh ab und Aytekin pfiff sofort ab. Etwas, was eigentlich nicht vorkommen sollte, nun aber schon im zweiten Spiel gegen den VfL zu beobachten war. Wie gesagt, zurücknehmen kann man ein Abseitstor, nachträglich schießen nicht.

Kritisieren muss man beim eigenen Team natürlich die schwache Chancenverwertung, die uns einen deutlich ruhigeren Nachmittag gekostet hat. Es wäre den Spielern durch die Bank auch zu gönnen gewesen - vor allem Marcus Thuram und dem heute in vielen aussichtsreichen Situationen und bei Standardsituationen sehr fahrigen Florian Neuhaus. Natürlich hätten es auch die überragenden Denis Zakaria und Breel Embolo verdient gehabt, sich mit einem Tor für eine tolle Leistung zu belohnen.

Rausheben muss man aus der geschlossen füreinander kämpfenden Einheit ansonsten eigentlich niemanden. Von der Nummer 1 bis zum letzten Auswechselspieler wollten Roses Schützlinge den Sieg heute eindeutig mehr als die häufig lamentierenden K***ner, die sich sehr oft nur mit Fouls helfen konnten (die dann nichtmal immer gepfiffen wurden). Ganz peinlich fand ich den Tieftaucher Hector, der bei jedem Windhauch Bodennähe suchte. Wenn so ein Jammerlappen dein Kapitän ist, ist es dann vielleicht auch schwer, die richtige Einstellung zum Derby zu finden.

Aber was rede ich über die aus der verbotenen Stadt: Natürlich ist Alassane Plea durch sein goldenes Tor heute der Derbyheld. Aber nicht nur der wache Instinkt, der ihm das Tor ermöglicht hat, ist bemerkenswert. Er reißt unermüdlich Löcher für andere, verschiebt geschickt, hat ein gutes Auge für den richtigen Pass und ist auch außerhalb des Strafraums durch seinen präzisen Schuss immer eine Drohung für den Gegner. 
Heute ging das angesichts des wichtigen Tores etwas unter - nicht aber, dass das Trio Thuram, Plea und Embolo sich auf dem Platz immer besser versteht und die Räume immer effektiver beackert und nutzt. 
Das ist ein Versprechen für die nächsten Monate. Die beiden trickreichen Stürmer Plea und Thuram, die viel auf den Flügeln arbeiten und der wuchtige Embolo, der sich, ähnlich wie Zakaria, kaum ohne Foul vom Ball trennen lässt. Das wächst etwas heran. Hätten die heute ebenfalls gut in die Räume startenden Flo Neuhaus und Chris Kramer auch nur einen Hauch mehr Torgefahr im Fuß, wäre das Spiel heute für die Ziegen wohl übler ausgegangen.

Ramy Bensebainis Debüt fand ich sehr gelungen. auch hier sieht man, dass Max Eberl im Sommer starke Transfers getätigt hat. Der Algerier suchte anfangs noch etwas das Feintuning mit den Mitspielern, das wurde aber schnell souveräner. Er sprintete wohl am meisten von allen Borussen, was gegenüber Oscar Wendt sicher ein Vorteil sein kann. Bensebaini grätschte mir allerdings ein wenig zu oft in gefährlicher Position, aber das tat er wiederum auch mit einer erstaunlichen Präzision und Effizienz. Es wäre allerdings zu früh, den Routinier Wendt abzuschreiben. Wäre er gesund gewesen, denke ich, dass er heute auch gespielt hätte. Aber diese gute Doppelbesetzung lässt uns mit einem guten Gefühl in die nächsten Wochen gehen, zumal sich Keanan Bennetts bei der U23 wohl verletzt hat.

Aber bevor ich zu sehr schwelge: es gibt noch einiges zu verbessern. Gladbach hat es noch in keinem Spiel in dieser Saison geschafft, über die komplette Spielzeit das eigene Spiel durchzubringen. In der zweiten Halbzeit erwehrte sich die Defensive der relativ einfallslosen Versuche der Gastgeber zwar ganz souverän und ließ wenig zu - die Chancen der Kölner waren alle von Sommer gut zu entschärfen. Allerdings agierte der VfL auch zeitweise mit etwas zu wenig Killerinstinkt. Das Spiel nach vorne wurde in dieser Phase zu oft über lange Schläge geführt, statt durch die sich öffenenden Konterräume sauber herauszukombinieren. Das kann selbst eine unterlegene Mannschaft wieder ins Spiel bringen. Hätte heute ein spielerisch stärkerer Gegner auf der anderen Seite gestanden, wäre es vermutlich auch eine nervenaufreibendere Partie geworden. So trieben nur Aytekin, die verpassten Chancen und die Angst vor einem unglücklichen Derby-Gegentor meinen Puls hoch. Umso schöner ist es, den ersten "Meilenstein" in der Saison nun lange genießen zu können.

Bundesliga 2019/20, 4. Spieltag: 1. FC K*** - Borussia Mönchengladbach 0:1 (Tor für Borussia: 0:1 Plea)