2020-10-13

Jetzt geht's so richtig los

Es ist Mitte Oktober, und so langsam sortiert und normalisiert sich alles rund um Borussia und den Spitzenfußball etwas. Was könnten das für aufregende Tage gewesen sein, mit der Champions League-Auslosung, dem Derby, den ungewöhnlichen Länderspielnominierungen für gleich drei VfL-Spieler auf einmal - und natürlich mit dem ungewöhnlich späten Transfer-Endspurt. 

Doch irgendwie fühlt sich das nicht nur alles etwas matter an als sonst, es ist es wohl auch. Das kann man gerade aus Gladbacher Sicht allerdings auch positiv sehen. Es war angenehm langweilig, weil der qualitativ gute Kader des Rose-Teams schon sehr lange stand, weil nicht in letzter Minute noch mit einem unmoralischen Angebot für Ginter, Zakaria, Plea oder sonstwen zu rechnen war. Weil es keinen Grund gab, noch schnell irgendwelche Panikverpflichtungen zu tätigen.

Und weil Borussia mit dem standesgemäßen Derbysieg auch tabellarisch rechtzeitig wieder in die richtige Richtung gestartet ist, um unnötige Diskussionen während der Länderspielpause zu vermeiden.

Der Start ist nicht berauschend, aber in Ordnung. Und es ist nicht so, dass man nicht vor der Saison wissen konnte, dass das Anfangsprogramm kein Neun-Punkte-Selbstläufer sein würde. Jetzt sind es vier, nach dem Spielverlauf wären 5 oder 6 drin gewesen. Also kein Grund zur Aufregung. Die zweite DFB-Pokalrunde ist locker erreicht, auch wenn wir noch länger darauf warten müssen, gegen wen es dann kurz vor Weihnachten in Runde zwei geht.

Und die Champions-League-Gruppe ist – nun, wie soll man sagen – toll und doch unglücklich zugleich. Toll, weil es richtige sportliche Kaliber sind, mit denen sich die Mannschaft messen darf und aufgrund der doch noch nicht ganz so überzeugenden Frühform auch "muss". Aber die Freude zumindest über die Lose Real und Inter werden natürlich durch die Umstände in diesem und wohl auch noch dem nächsten Jahr sehr getrübt. Wie toll wäre es, Auswärtsfahrten ins San Siro oder ins Estadio Santiago Bernabéu zu begleiten. Alles ein Opfer der aktuellen Pandemielage.

Dazu kommt die Frage, unter welchen Umständen und mit welchen Wettbewerbsverzerrungen diese Spiele über die Bühne gehen werden. Coronafälle in den Vereinen können die sportlichen Verhältnisse schnell ad absurdum führen, wenn dann plötzlich eine Reihe von Spielern nicht auf den Platz dürften oder Spiele gar am grünen Tisch entschieden werden könnten. Das muss natürlich nicht unbedingt zum Schaden Borussias sein, aber wer will schon dank Corona Spiele gewinnen?

Wir werden es abwarten müssen und eine erhoffte Revanche für erlittenes Leid durch lange zurückliegende seltsame Niederlagen gegen Inter Mailand und Real Madrid wohl fast ausschließlich vor dem Fernseher verfolgen. Es gäbe wirklich schönere Vorstellungen, aber ändern können wir es ja ohnehin nicht.

Damit zur Nationalmannschaft. Der Ausflug der drei Borussen zu Jogi Löw hat sich sportlich gesehen gelohnt. Matthias Ginter hat sich – trotz nicht fehlerloser Leistung gegen die Ukraine und nicht nur wegen seines wichtigen Führungstors – jedenfalls eher in eine Stammspielerrolle gespielt als seine wenig souveränen und im Spielaufbau sehr limitierten Nebenleute Rüdiger oder Süle. Auch vor Koch und Can muss sich der Gladbacher sicher nicht verstecken.

Für Florian Neuhaus und Jonas Hofmann war es sicher eine gute Erfahrung, mehr aber nicht. Wenn die arrivierten Spieler von den Großclubs wieder alle berücksichtigt werden, wird für sie kein Platz sein. Und selbst gegen die Schweiz reizte Löw nach den mutlosen Einwechslungen von Halstenberg, Can und Draxler nicht einmal sein ganzes Auswechselkontingent aus, um wenigstens einen Gladbacher Siegtorschützen einzuwechseln – in Köln!!!! Na ja, so hat er wenigstens nochmal alle Vorurteile bestätigt.
Natürlich: Die Zeit von Florian Neuhaus wird sicher noch kommen - aber wohl nicht unter diesem Trainer und möglicherweise erst dann, wenn er zu einem anderen Verein gewechselt ist. Das schöne Debüttor als Gladbacher aber kann ihm und uns keiner mehr nehmen.

Was Löw angeht, konnte ich in diesen Spielen beim besten Willen kein Konzept erkennen, was diese Mannschaft nun eigentlich spielen soll. Und das merkte man in jeder Besetzung deutlich. Mit modernem Fußball hatte das jedenfalls nichts zu tun, egal ob das der berühmte „Winner“-Block von den Bayern auf dem Platz stand oder die zusammengewürfelte Türkei-Besetzung. Letztlich habe ich die Spiele geschaut, um unsere Spieler zu beobachten, allerdings war das Ganze doch eher verschwendete Lebenszeit. Wenn man sieht, welche Qualität im deutschen Team grundsätzlich zur Verfügung steht, waren alle drei Spiele weit unter Wert gespielt.

Leider hat sich auch die kleine Schweizer Fraktion kaum zusätzliches Selbstvertrauen holen können. Yann Sommer war gegen Spanien am Gegentor mitschuldig und zeigte auch heute gegen Deutschland einmal mehr, dass er in dieser Saison noch nicht hundertprozentig angekommen zu sein scheint. Mal sehen, ob er und Nico Elvedi dennoch in den nächsten Wochen ihre Leistung stabiler abrufen können. Denn beide haben zwar durchweg nicht schlecht gespielt. Doch in manchen Szenen war zu sehen, dass zur absoluten Topform noch ein bisschen fehlt, gerade in den Szenen, in denen man sagen würde: Das haben sich auch schon mal besser gelöst. Oder: Den hätte Yann an anderen Tagen vielleicht noch gehabt.

Egal, die Länderspielpause ist, so scheint es, für Borussias Internationale ohne große Blessuren überstanden. Und das heißt auch: Jetzt beginnt die Saison so richtig. Es wird knackig und fordernd. Machen wir alle das Beste draus!

Saisonspende: Borussia hat kein Pflichtspiel gehabt, aber dafür hat sich sogar die Länderspielpause diesmal gelohnt. Ich hatte es ja so ausgelobt, deshalb kommen für die Tore von Flo Neuhaus gegen die Türkei und Matthias Ginter gegen die Ukraine zwei weitere Euro auf die Rechnung. Das Schweiz-Spiel war trotz der größten Gladbach-Dichte dagegen ein Rohrkrepierer. Sei's drum. Der Gesamtstand meiner Saisonspende steigt jedenfalls von 11 auf 13 Euro. Und sollten Spieler des VfL weiterhin in Länderspielen des DFB berücksichtigt werden, werde ich natürlich auch hier die Wette aufrechterhalten.

2020-10-03

Zu gnädig

Kann man nach einem souveränen Auftritt beim Erzrivalen und einem sicheren Sieg dennoch mit einer Portion Unzufriedenheit aus dem Derby gehen? Ich finde ja, aber dazu später.

First of all: Das war eine saubere Leistung von Borussia, die die Weichen in der Saison nach zwei sieglosen Spielen in die richtige Richtung stellen könnte. Eine Woche nach dem eher matten 1:1 gegen Union zeigte das Team von Marco Rose heute - mit der gleichen Startelf - die richtige Reaktion, setzte die Kölner von Beginn an unter Druck und stellte damit vor allem die so nicht bundesligataugliche Defensive der Gastgeber vor erhebliche Probleme.
Das frühe 2:0 nahm den Borussen früh den größten Druck eines drohenden Fehlstarts in der Bundesliga. Die Führung fiel durch zwei gute und gewitzte Aktionen, die aber dennoch weniger zwingend nach Tor rochen als zwei, drei Szenen zuvor, als etwa Jonas Hofmann allein vor Timo Horn an selbigem scheiterte. 

Aber egal, die Tore fielen ja, und gerade war man als Fan dabei, sich angesichts des Spielstands ein wenig zurückzulehnen, um das Spiel zu genießen, da entglitt dem VfL die Spielkontrolle wieder - und zwar völlig unnötig - für mehrere Minuten. Das geschah leider nicht zum ersten Mal nach klaren Führungen in den vergangenen Jahren.
Auslöser waren diesmal vor allem zwei Szenen. Gleich nach dem 2:0 war es der riskante Rückpass-Chip von Christoph Kramer, den Yann Sommer nicht richtig kontrollieren konnte und dem Kölner Stürmer Andersson am Fünfmeter-Raum genau vor die Füße legte. Der zirkelte den Ball zwar nur an den Pfosten des leeren Tores - doch das war ein Weckruf für den bis dahin völlig überforderten Gegner.

Der FC begann, höher anzugreifen und zu pressen, während der VfL sich mehr darauf verlegte, den Ball in den eigenen Reihen tief zirkulieren zu lassen, oft im eigenen Abwehrdrittel mit Yann Sommer, der in den vergangenen Monaten gefühlt nie so viele Ballkontakte hatte wie heute.

Die zweite Szene, die eher Köln als Gladbach nutzte, war die überflüssige Auseinandersetzung zwischen Ramy Bensebaini und dem Kölner Ehizibue an der Seitenlinie. Der Schubser des Gegners musste nicht sein, aber genausowenig die Kopf-an-Kopf-Einlage von Bensebaini, die die erste kleine Rudelbildung im Spiel auslöste und daraus folgend eine härtere Gangart vor allem von Seiten der Gastgeber, die Kramer und Co. für ein paar Minuten etwas aus dem Konzept brachte.

Der Rest des Spiels war überschaubar. Das lag daran, dass Köln zu schwach war, um neben dem Anschlusstreffer, dem eher zufälligen Pfostentreffer und einem späten Andersson-Kopfball in die Arme von Yann Sommer große Torgefahr zu entwickeln.
Es lag aber auch daran, dass Kapitän Lars Stindl und seine Kollegen trotz aller Emsigkeit und Dominanz auf dem Platz viel zu viele Chancen liegenließen, im Stadion des Gegners mal ein richtiges Schützenfest zu feiern. Mal kam der letzte Pass nicht durch, mal war ein Abwehrbein oder ein Körperteil von Keeper Timo Horn dazwischen, mal wurden die Konterchancen einfach zu kompliziert angelegt und verdaddelt. Auch das ist nichts Neues, es ist auch deshalb so, dass man sich als VfL-Fan nie so ganz sicher fühlen kann - nicht einmal, wenn es 3:0 steht, für das früh in der zweiten Hälfte ein Elfmeter herhalten musste.

Mit den Einwechslungen und der im Prinzip schon feststehenden Niederlage kam bei Köln nochmal ein bisschen frischer Wind. Und eine doppelt schlecht gelöste Situation des ansonsten (im Vergleich zur Vorwoche) wieder gewohnt stabilen und gut aufgelegten Flo Neuhaus brachte die Architektur des Spiels ein zweites Mal ins Wanken. Erst spielte Neuhaus in der eigenen Hälfte einen risikoreichen Fehlpass, dann grätschte er beim folgenden Steilpass auf Rexhbecaj ins Leere, sodass der mutterseelenallein auf Sommers Tor zulaufen und mit einem satten Schuss ins Eck zum 1:3 treffen konnte. Gut, der Schuss sah auch nicht ganz unhaltbar aus, aber das war nicht der Fehler in dieser Szene.

Danach geriet der Auswärtssieg vor der traurigen Kulisse von 300 Heimfans zwar nicht wirklich in Gefahr, doch ein krummes Ding - vielleicht nach einem Freistoß oder einer Ecke - hätte ja gereicht, um die Nummer nochmal ganz heiß zu machen. Das wäre allerdings ein Hohn gewesen, angesichts der gebotenen Leistungen beider Teams. 

Und so bin ich dann doch etwas gespalten in der Bewertung. Natürlich bin ich hochzufrieden über einen sicheren Auswärts-Derbysieg, zumal diese Partien in den letzten Jahren zwar auch meist deutlich bessere Gladbacher gezeigt hatten, aber unter dem Strich jeweils nur sehr knappe Ergebnisse standen.

Andererseits muss man kritisieren, dass Borussia es auch unter Marco Rose nicht schafft, einen klar dominierten Gegner auch mal mit fünf oder mehr Toren abzuschießen. Das war heute nicht nur möglich, sondern angesichts der doch sehr bescheidenen Gegenwehr der Domstädter eigentlich Pflicht. Allzuoft bekommt man diese Gelegenheit in der Liga einfach nicht, und auch Köln wird im Rückspiel voraussichtlich nicht noch einmal so einfach zu bespielen sein. Gerade wenn man an das 0:3 zum Auftakt gegen den BVB denkt, wäre es schon schön gewesen, wenn man in diesem Spiel wenigstens mal eine positive Tordifferenz rausgeschossen hätte. Da ist unsere Mannschaft manchmal einfach zu gnädig.

Unter dem Strich hat das Spiel aber gezeigt, dass die aus der Verletzung zurückgekommenen Spieler Thuram, Plea und Embolo auch mit diesem Spiel ein Stück weiter auf dem Weg zur alten Form sind. Vor allem "Lasso" zog heute viele gute Angriffe auf. Die Schwächen des Union-Spiels waren heute weitgehend wettgemacht, in der Defensive zeigten alle Beteiligten richtig starke Zweikämpfe, und auch wenn es nicht mit noch mehr Toren belohnt wurde - das Spiel war heute auch wieder ein Stück variabler als zuletzt.

Bleibt noch der Blick auf die Leistung des Schiedsrichters. Nach Brych und Stieler kam am dritten Spieltag mit Marco Fritz der dritte im Bunde der Selbstdarsteller zum Einsatz. Ich sage es mal so: Er passte sich eher der Leistung der Kölner an. Wenn der Spieler Ehizibue nach 66 Minuten mit einer Gelben Karte ausgewechselt werden kann, obwohl er sich verwarnungswürdige Aktionen für drei Gelb-Rote Karten geleistet hat; wenn auf Kölner Seite klarste taktische Fouls und Tritte auf Gladbacher Knöchel nicht mit Verwarnungen geahndet werden; aber dafür einmal mehr Marco Rose belehrt wird, wenn er sich darüber beschwert; und am Ende die Karten-Bilanz dann 3:3 steht - dann weiß man genug über die Leistung des Unparteiischen. Zum Glück hatte diese auch heute keine spiellenkenden Auswirkungen.  

Bundesliga 2020/21, 3. Spieltag: 1. FC K*** - Borussia  Mönchengladbach 1:3. Tore für Borussia: 0:1 Plea, 0:2 Lainer, 0:3 Stindl (Foulelfmeter, Thuram).

Saisonspende: Die drei Tore bringen heute 1,50 Euro. Das Zu-Null wurde fahrlässig hergeschenkt, also leider dort keine weitere Erhöhung der Spendensumme. Für den Derbysieg habe ich gar keine Summe ausgerufen, aber natürlich gehört sich das so. Aber weil es ja schon Standard ist, den Ölnern die Grenzen aufzuzeigen, gibt es dafür "nur" 5 Euro extra. Der Gesamtstand damit derzeit: 11,00 Euro.
Damit geht es in die Länderspielpause. Sollte sich Jogi Löw aber herablassen, den nun eingeladenen drei Gladbachern auch noch ausreichend Spielzeit zu geben, damit die ein Tor erzielen oder vorbereiten können, würde ich dies auch mit jeweils einem Euro vergelten. Also
Jonas, Flo und Matze: Geht's raus und spuit's Fußball!