2020-10-03

Zu gnädig

Kann man nach einem souveränen Auftritt beim Erzrivalen und einem sicheren Sieg dennoch mit einer Portion Unzufriedenheit aus dem Derby gehen? Ich finde ja, aber dazu später.

First of all: Das war eine saubere Leistung von Borussia, die die Weichen in der Saison nach zwei sieglosen Spielen in die richtige Richtung stellen könnte. Eine Woche nach dem eher matten 1:1 gegen Union zeigte das Team von Marco Rose heute - mit der gleichen Startelf - die richtige Reaktion, setzte die Kölner von Beginn an unter Druck und stellte damit vor allem die so nicht bundesligataugliche Defensive der Gastgeber vor erhebliche Probleme.
Das frühe 2:0 nahm den Borussen früh den größten Druck eines drohenden Fehlstarts in der Bundesliga. Die Führung fiel durch zwei gute und gewitzte Aktionen, die aber dennoch weniger zwingend nach Tor rochen als zwei, drei Szenen zuvor, als etwa Jonas Hofmann allein vor Timo Horn an selbigem scheiterte. 

Aber egal, die Tore fielen ja, und gerade war man als Fan dabei, sich angesichts des Spielstands ein wenig zurückzulehnen, um das Spiel zu genießen, da entglitt dem VfL die Spielkontrolle wieder - und zwar völlig unnötig - für mehrere Minuten. Das geschah leider nicht zum ersten Mal nach klaren Führungen in den vergangenen Jahren.
Auslöser waren diesmal vor allem zwei Szenen. Gleich nach dem 2:0 war es der riskante Rückpass-Chip von Christoph Kramer, den Yann Sommer nicht richtig kontrollieren konnte und dem Kölner Stürmer Andersson am Fünfmeter-Raum genau vor die Füße legte. Der zirkelte den Ball zwar nur an den Pfosten des leeren Tores - doch das war ein Weckruf für den bis dahin völlig überforderten Gegner.

Der FC begann, höher anzugreifen und zu pressen, während der VfL sich mehr darauf verlegte, den Ball in den eigenen Reihen tief zirkulieren zu lassen, oft im eigenen Abwehrdrittel mit Yann Sommer, der in den vergangenen Monaten gefühlt nie so viele Ballkontakte hatte wie heute.

Die zweite Szene, die eher Köln als Gladbach nutzte, war die überflüssige Auseinandersetzung zwischen Ramy Bensebaini und dem Kölner Ehizibue an der Seitenlinie. Der Schubser des Gegners musste nicht sein, aber genausowenig die Kopf-an-Kopf-Einlage von Bensebaini, die die erste kleine Rudelbildung im Spiel auslöste und daraus folgend eine härtere Gangart vor allem von Seiten der Gastgeber, die Kramer und Co. für ein paar Minuten etwas aus dem Konzept brachte.

Der Rest des Spiels war überschaubar. Das lag daran, dass Köln zu schwach war, um neben dem Anschlusstreffer, dem eher zufälligen Pfostentreffer und einem späten Andersson-Kopfball in die Arme von Yann Sommer große Torgefahr zu entwickeln.
Es lag aber auch daran, dass Kapitän Lars Stindl und seine Kollegen trotz aller Emsigkeit und Dominanz auf dem Platz viel zu viele Chancen liegenließen, im Stadion des Gegners mal ein richtiges Schützenfest zu feiern. Mal kam der letzte Pass nicht durch, mal war ein Abwehrbein oder ein Körperteil von Keeper Timo Horn dazwischen, mal wurden die Konterchancen einfach zu kompliziert angelegt und verdaddelt. Auch das ist nichts Neues, es ist auch deshalb so, dass man sich als VfL-Fan nie so ganz sicher fühlen kann - nicht einmal, wenn es 3:0 steht, für das früh in der zweiten Hälfte ein Elfmeter herhalten musste.

Mit den Einwechslungen und der im Prinzip schon feststehenden Niederlage kam bei Köln nochmal ein bisschen frischer Wind. Und eine doppelt schlecht gelöste Situation des ansonsten (im Vergleich zur Vorwoche) wieder gewohnt stabilen und gut aufgelegten Flo Neuhaus brachte die Architektur des Spiels ein zweites Mal ins Wanken. Erst spielte Neuhaus in der eigenen Hälfte einen risikoreichen Fehlpass, dann grätschte er beim folgenden Steilpass auf Rexhbecaj ins Leere, sodass der mutterseelenallein auf Sommers Tor zulaufen und mit einem satten Schuss ins Eck zum 1:3 treffen konnte. Gut, der Schuss sah auch nicht ganz unhaltbar aus, aber das war nicht der Fehler in dieser Szene.

Danach geriet der Auswärtssieg vor der traurigen Kulisse von 300 Heimfans zwar nicht wirklich in Gefahr, doch ein krummes Ding - vielleicht nach einem Freistoß oder einer Ecke - hätte ja gereicht, um die Nummer nochmal ganz heiß zu machen. Das wäre allerdings ein Hohn gewesen, angesichts der gebotenen Leistungen beider Teams. 

Und so bin ich dann doch etwas gespalten in der Bewertung. Natürlich bin ich hochzufrieden über einen sicheren Auswärts-Derbysieg, zumal diese Partien in den letzten Jahren zwar auch meist deutlich bessere Gladbacher gezeigt hatten, aber unter dem Strich jeweils nur sehr knappe Ergebnisse standen.

Andererseits muss man kritisieren, dass Borussia es auch unter Marco Rose nicht schafft, einen klar dominierten Gegner auch mal mit fünf oder mehr Toren abzuschießen. Das war heute nicht nur möglich, sondern angesichts der doch sehr bescheidenen Gegenwehr der Domstädter eigentlich Pflicht. Allzuoft bekommt man diese Gelegenheit in der Liga einfach nicht, und auch Köln wird im Rückspiel voraussichtlich nicht noch einmal so einfach zu bespielen sein. Gerade wenn man an das 0:3 zum Auftakt gegen den BVB denkt, wäre es schon schön gewesen, wenn man in diesem Spiel wenigstens mal eine positive Tordifferenz rausgeschossen hätte. Da ist unsere Mannschaft manchmal einfach zu gnädig.

Unter dem Strich hat das Spiel aber gezeigt, dass die aus der Verletzung zurückgekommenen Spieler Thuram, Plea und Embolo auch mit diesem Spiel ein Stück weiter auf dem Weg zur alten Form sind. Vor allem "Lasso" zog heute viele gute Angriffe auf. Die Schwächen des Union-Spiels waren heute weitgehend wettgemacht, in der Defensive zeigten alle Beteiligten richtig starke Zweikämpfe, und auch wenn es nicht mit noch mehr Toren belohnt wurde - das Spiel war heute auch wieder ein Stück variabler als zuletzt.

Bleibt noch der Blick auf die Leistung des Schiedsrichters. Nach Brych und Stieler kam am dritten Spieltag mit Marco Fritz der dritte im Bunde der Selbstdarsteller zum Einsatz. Ich sage es mal so: Er passte sich eher der Leistung der Kölner an. Wenn der Spieler Ehizibue nach 66 Minuten mit einer Gelben Karte ausgewechselt werden kann, obwohl er sich verwarnungswürdige Aktionen für drei Gelb-Rote Karten geleistet hat; wenn auf Kölner Seite klarste taktische Fouls und Tritte auf Gladbacher Knöchel nicht mit Verwarnungen geahndet werden; aber dafür einmal mehr Marco Rose belehrt wird, wenn er sich darüber beschwert; und am Ende die Karten-Bilanz dann 3:3 steht - dann weiß man genug über die Leistung des Unparteiischen. Zum Glück hatte diese auch heute keine spiellenkenden Auswirkungen.  

Bundesliga 2020/21, 3. Spieltag: 1. FC K*** - Borussia  Mönchengladbach 1:3. Tore für Borussia: 0:1 Plea, 0:2 Lainer, 0:3 Stindl (Foulelfmeter, Thuram).

Saisonspende: Die drei Tore bringen heute 1,50 Euro. Das Zu-Null wurde fahrlässig hergeschenkt, also leider dort keine weitere Erhöhung der Spendensumme. Für den Derbysieg habe ich gar keine Summe ausgerufen, aber natürlich gehört sich das so. Aber weil es ja schon Standard ist, den Ölnern die Grenzen aufzuzeigen, gibt es dafür "nur" 5 Euro extra. Der Gesamtstand damit derzeit: 11,00 Euro.
Damit geht es in die Länderspielpause. Sollte sich Jogi Löw aber herablassen, den nun eingeladenen drei Gladbachern auch noch ausreichend Spielzeit zu geben, damit die ein Tor erzielen oder vorbereiten können, würde ich dies auch mit jeweils einem Euro vergelten. Also
Jonas, Flo und Matze: Geht's raus und spuit's Fußball!

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