Angesichts des derzeitigen Auf und Ab auf dem Platz und dem nicht enden wollenden Elend im Lazarett des VfL ist es schön, sich auch mal vom aktuellen Geschehen ab- und der Zukunft zuzuwenden. In Teil drei meiner kleinen Serie zu den Lehren aus dieser verkorksten Spielzeit soll es nun wie angekündigt um das Spielsystem gehen. Und auch wenn jeder andere Vorstellungen haben wird, für die meisten Fans steht wohl fest: So kann es nicht weitergehen.
Borussias Führung ist stolz darauf, dass die Mannschaft "Ballbesitzfußball" spielt und spielen kann. Das Problem dabei ist, dass das keinem Gegner mehr Angst einjagt. Zwei Drittel der Liga haben ihr Spiel darauf eingestellt, den meist spielerisch stärkeren Gegner kommen zu lassen, bissig zu verteidigen und mit schnellen Ballgewinnen überfallartig vor das gegnerische Tor zu kommen.
Die einzige Mannschaft, die so dominant auftritt, dass sie das nicht stören muss, ist die, die ganz vorne steht. Alle anderen Teams in der Bundesliga haben stets Schwierigkeiten gegen defensive und meist physisch kompromisslose Kontermannschaften.
Doch zurück zum VfL. Der beherrscht das dominante Spiel durchaus und ist durch die individuelle Klasse von Spielern wie Raffael, Hazard, Stindl, Traoré, Hofmann, Kramer oder Zakaria in der Lage, sich durch massive Abwehrketten zu kombinieren. Zumindest gilt das, sofern diese Spieler nicht verletzt in der Ecke liegen. Und wenn das Spieltempo hochgehalten und vor allem die Ballzirkulation schnell und präzise funktioniert. Favre hat es den Jungs gezeigt, Schubert hat den Spielern nach vorn alle Freiheiten dazu gegeben, weswegen die Mannschaft unter ihm auch die Abwehr viel stärkerer Teams auseinanderpflücken konnte. Dass es in der Defensive irgendwann nicht mehr gepasst hat, ist bekannt.
Dieter Hecking brachte das vorhandene unrunde System schnell wieder in die Waage. Seitdem aber ist eine eigene Handschrift kaum zu erkennen. Das kann man zum Teil mit der Verletzungsmisere entschuldigen. Aber ich sehe in dieser Saison auch keinen Spieler, den DH merklich stärker gemacht hat, wie es Favre mit vielen seiner Schützlinge gelungen war und Schubert immerhin mit Julian Korb, dem er offensiv seine Fesseln gelöst hatte und der diese Rolle bei Hannover in dieser Saison nochmal besser ausfüllt als bei uns.
Muss Borussia also im Sommer umdenken und vom Spielsystem flexibler werden? Das System neu ausrichten? Oder erstmal den klassischen Weg der Stabilisierung gehen, von der Abwehr her denken, also tief stehen und kontern, bis das Team wieder so gefestigt ist, dass es sich wieder mehr zutrauen kann? Nun, letzterer Weg wäre ein deutlicher Rückschritt, ein Mittel, das man einsetzt, wenn man ganz schnell Verbesserungen und Ergebnisse braucht - wie Lucien Favre nach der Übernahme des Himmelfahrtskommandos in Gladbach. Vielleicht braucht man dieses Mittel kurzfristig nochmal, wenn die personelle Situation so prekär bleibt, wie sie sich nach dem Leverkusen-Spiel darstellt.
Für die neue Saison ist dies aber keine akzeptable Option. Da die 4-4-2-Variante, die Hecking derzeit spielen lässt, wie gesagt von den meisten Gegnern gut gekontert wird, richtet sich mein Blick darauf, dass der VfL sich neu aufstellen sollte. Das heißt nicht, dass nun das 4-4-2 einfach über Bord geworfen werden soll. Natürlich muss die Mannschaft so flexibel sein, taktische Umstellungen auch im Spielverlauf schnell anzuwenden - wie der Wechsel auf Dreierkette in der Schlussphase des Spiels bei den Pillen oder das mutmachende, wenn auch aus der Not geborene 3-4-2-1 vom Wochenende gegen Hoppelheim. Davon abgesehen braucht eine Mannschaft schon ein Plan-A-System, auf dass sie ihr Spiel aufbauen kann und auf dessen Wirksamkeit sie sich verlassen können muss.
Nun weiß ich natürlich nicht, ob aus der angekündigten Stürmerverpflichtung nun ein Brecher, ein Stoßstürmer oder doch wieder eher ein wuselnder spielmachender Stürmer hervorgeht.
Was man weiß, ist, dass Dieter Hecking früher schon gern auf eine Speerspitze ganz vorne gesetzt hat - einen wie Bas Dost in Wolfsburg, Sebastian Polter in Nürnberg oder Mikael Forssell und Mike Hanke in Hannover.
Zuletzt spielte mangels Raffaels Einsatzfähigkeit Raul Bobadilla diese klassische Mittelstürmer-Rolle. Allerdings ist er dabei nicht annähernd so effektiv wie andere in der Liga.
Ob 4-1-4-1, 4-5-1 oder 4-2-3-1, bei Heckings früheren Stationen stach vorne immer ein zentraler Stürmer hervor. Das flache 4-4-2 hat er erst in Gladbach als Standardaufstellung übernommen, nicht zuletzt, weil ihm ein derartiger Stürmertyp hier nicht zur Verfügung steht oder erst hineinwachsen müsste, siehe Julio Villalba.
Das könnte sich im Sommer ändern. Und die große Zahl an vielversprechenden offensiven Mittelfeldspielern, über die der VfL verfügt, sprechen auch für eine solche Verschiebung. Für die neue Saison stehen neben Stindl und Raffael auch Hofmann, Cuisance, Benes und mit Abstrichen Grifo (und Hazrd, wenn er bleibt) für eine offensiv-zentrale Rolle zur Verfügung. Dazu noch Zakaria, Kramer und Strobl für die eher defensive Rolle auf der Sechs. Neu dabei wäre Florian Neuhaus, der von seiner Leihe aus Düsseldorf zurückkehrt und den ich in meinem Neuzugangs-Text sträflicherweise einfach vergessen hatte. Im 4-4-2 wären für diese zehn bis elf Spieler also vier Plätze zu vergeben. Für einen weiteren Stürmer wäre kein Platz.
Bei einem 3-4-2-1 sähe das etwas anders aus. Vor Sommer ständen dann etwa Elvedi, Vestergaard und Ginter in der Dreierkette, gegen den Ball unterstützt von den sonst deutlich offensiveren Außen Wendt (oder ein zu verpflichtender Backup) links und Johnson (oder Ersatz). In der Mitte könnten ein oder zwei Sechser (Kramer und oder Zakaria, vielleicht auch Benes oder Cuisance) dicht machen und dementsprechend ein spielstarkes Offensivduo oder -trio aus der Auswahl Raffael, Stindl, Neuhaus, Grifo, Benes, Cuisance, Hofmann und ggf. Hazard richtig Alarm machen. Und vorne wartet Mr. X als mitspielender Stoßstürmer auf seinen Einsatz. Das klingt für mich - auch wenn die aktuellen Leistungen das nicht unbedingt unterstützen - nach einer sehr schlagkräftigen Mannschaft.
Gelingt es Max Eberl, für beide Außenverteidigerpositionen Spieler zu verpflichten, die Defensiv- wie Offensivkraft noch besser vereinen, wäre natürlich auch eine Viererkette denkbar, die mit einer Achse aus Sechser, Achter und Zehner bzw. zwei Zehnern, mit zwei Außenstürmern und dem Stoßstürmer aufläuft - also im 4-1-4-1-System. Allerdings ist dies gerade gegen tiefstehende Gegner oft weniger effektiv. Eine gut eingespielte Dreierkette mit zwei vorgezogenen Außen - gegen die TSG waren das Wendt und Herrmann - hingegen ist sowohl in der Absicherung kompakt und würde auch bei Kontern kaum in Unterzahl geraten. Vor allem aber bildet sie eine Absicherung für ein flexibleres Spiel der übrigen Offensivkräfte. Borussias Stärke in der Spätphase unter Favre und unter Schubert lag unter anderem darin, dass Hazard, Raffael und Stindl (vorher auch Kruse und Johnson) ständig ihre Positionen wechselten und so für die Gegner kaum auszurechnen waren. Diese Flexibilität böte das 3-4-2-1 aus meiner Sicht eher als das eher statische 4-4-2.
Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit der Dreierkette - in Frankfurt, in der zweiten Hälfte in Leverkusen und jetzt gegen die Gäste aus Sinsheim - glaube ich, dass das Trainerteam ebenfalls verstärkt in diese Richtung denkt. Gegen Frankfurt zahlte die Mannschaft mit dieser Taktik Lehrgeld, vor allem Patrick Herrmann, der in der Defensive einige Male ziemlich alt aussah. Das war gegen Hoffenheim aber schon erheblich besser. Doch in allen drei Spielen konnte Borussia den Gegner in der Offensive gehörig unter Druck setzen, wenngleich das in Leverkusen nur für einen Teil des Spiels galt.
Ich bin gespannt, in welche Richtung sich der VfL taktisch bewegen wird. Die Gelegenheit für einen Wechsel ist günstig. Gladbach hat die Innenverteidiger für eine robuste und bewegliche Dreierkette, in der sich auch Tony Jantschke wohl besser zurechtfinden würde als auf Außen. Der Verein muss auf den Außenpositionen aufgrund der Personalien Wendt, Johnson (Alter), Oxford (Leihe) und Doucouré (Verletzungsanfälligkeit) ohnehin handeln. Das Gleiche gilt für die Nachfolge von Raffael und für den Fakt, dass sich im zentralen Mittelfeld (Zakaria, Benes, Cuisance, Neuhaus) deutlich mehr hervorragende Talente stapeln werden als es Plätze zu vergeben gibt. Also muss auch hier geschaut werden, auf welchen anderen Positionen Spieler entwicklungsfähig wären. Es ist ein großes Puzzle, solange nicht klar ist, wie der Kader nächste Saison aussieht. Aber das macht es ja auch immer wieder aufs Neue so spannend. Was meint ihr?
2018-03-17
3:3 gewonnen
In der Tabelle wird es zwar nicht so gewertet, aber eins ist klar: Der VfL hat heute 3:3 gewonnen. Wenn alles gegen einen läuft, wie dieser Tage die Gladbacher Verletzungs- und Ergebnisseuche, dann kannst du nur noch mit dem Mute der Verzweiflung anrennen. Und dafür wurde das letzte Aufgebot von Dieter Hecking heute - zumindest teilweise - belohnt.
Ich gebe zu: Danach sah es zu Beginn nicht immer aus. "Fußballgott" Tony Jantschke erneut mit einigen Anlauf-Schwierigkeiten im Abwehrverhalten und in der ungewohnten Rolle, immer wieder als erste Spielaufbaustation gesucht zu werden, leider manches Mal überfordert. Das verhieß nichts Gutes. Sehr sicherheitsorientiert verwaltete die Mannschaft daher dann auch die ersten Minuten aus der neuformierten Dreierkette heraus und mit einem gehemmt wirkenden Mickael Cuisance auf der Sechs. Der spielte in der ersten halben Stunde fast nur Sicherheitspässe - bis auf die tolle Flanke zu Herrmanns Flugkopfball nach einer Viertelstunde.
Doch der anfängerhaft verteidigte Eckball zum 0:1 und damit der erneute Rückstand kratzten merklich am Selbstbewusstsein. Dazu Bobadillas frühe Auswechslung wegen einer - natürlich - Muskelverletzung. Das machte es nicht besser. Der Fußballgott schien also auch heute nichts für die Fohlenelf übrig zu haben.
Aber manchmal geschehen Dinge, die man nicht unbedingt erwarten konnte. Die nach dem 0:1 deutlich vernehmbaren Sprechchöre von den Rängen ("Wir wolln euch kämpfen sehen") wurden von der Mannschaft - bewusst oder nicht - mit zunehmender Spielzeit immer besser beherzigt. Die Bissigkeit in den Zweikämpfen nahm zu, die Schnelligkeit in Spiel nach vorn auch, Borussia brachte die Gäste immer öfter in Bedrängnis. Und die ließen sich beeindrucken.
Dann: Ausgerechnet der für Boba eingewechselte Josip Drmic erzielte mit etwas Glück (aber regulär) das erste Tor seit einer gefühlten Ewigkeit - nach einem fast perfekten Pass des mutiger werdenden Mika Cuisance. Der so verletzungsgebeutelte Schweizer wirkte auch sonst heute ganz und gar nicht mehr wie ein Fremdkörper im Team. Auch wenn nicht alles gelang: Er kämpfte, rackerte, sicherte Bälle, leitete gut weiter. Ob ihm die etwas überraschende Nominierung für die Schweizer Nati noch einen Extraschub gegeben hat, weiß man natürlich nicht. Auf jeden Fall war das Spiel heute ein Indiz dafür, dass sich Josip wirklich von Woche zu Woche und Stück für Stück seine Form zurückholt. Ich gönne es ihm von Herzen, dass er dafür heute endlich mal wieder belohnt wurde. Das sollte ihm Auftrib geben und damit auch der ganzen Mannschaft helfen, wenn man weiß, man hat für die Mittelstürmerposition dann vielleicht doch noch eine passable Alternative.
Mit diesem Stürmertor (!) im Rücken steigerte sich der VfL erheblich, vergab aber wie üblich alle folgenden Chancen bis zur Halbzeit. Darum ging es mit dem gewohnten Gefühl zum Pausentee, dass man längst hätte führen sollen, können, müssen. Dass sich das oft rächt, muss ich keinem Borussen sagen. So auch diesmal: Ein dummer Konter, ein ungeschickter Zweikampf von Hofmann, ein Elfertor für Hoppelheim. Und nach dem wiederum von Hofmann toll herausgespielten, aber insgesamt schwer erkämpften 2:2 von Stindl (endlich!) der erneute Nackenschlag. Diesmal mit unfreiwilliger Mithilfe des guten (!) Schiedsrichters Martin Petersen. Allerdings passierte der entscheidende Fehler hier schon vorher, auch Hofmann behielt in der Szene nicht den Überblick und dribbelte unnötig in den Schiri hinein und zu schlechter Letzt verpasste noch Cuisance im Anschluss die Gelegenheit, vor dem Strafraum das taktische Foul gegen Uth zu ziehen und damit das Unheil namens 2:3 zu verhindern.
Doch auch damit war der VfL noch nicht besiegt. Antrieb war der unbändige Wille, nicht schon wieder geschlagen vom Rasen gehen zu müssen - eine wahnsinnig umkämpfte, aber auch fußballerisch ansprechende Schlussphase, ein Kraftakt auf dem Platz und auch auf den Rängen - mit zumindest dem kleinen Happyend.
Ok, das 3:3 ändert nichts an der schwachen Rückrundenbilanz, es hilft nicht viel nach unten und schon gar nicht, um den Anschluss an die Teams auf Platz sechs und sieben zu halten. Auch diese Gomez-Kirmestruppe aus Stuttgart steht jetzt noch vor uns.
Dennoch könnte von diesem Spieltag eine Initialzündung für einen Endspurt in der Liga ausgehen. Denn der Spirit in der Mannschaft ist nach wie vor da. Wer dreimal einen Rückstand aufholt, und sei er noch so dämlich oder unglücklich, der darf einfach nicht im Niemandsland der Tabelle versinken. Der muss am Ende der Saison da stehen und sich sagen können: "Uns kann nichts umhauen". Das wünsche ich der Mannschaft, die in dieser Saison schon so viel Scheiße am Schuh hatte. Natürlich: Auch heute haben wir mit Bobadilla einen weiteren Verletzten zu beklagen, zu dem sich eventuell noch Ginter gesellen könnte, der ja in der Schlussphase übel auf die Schulter gefallen war.
Aber dafür gibt es Hoffnung, dass Raffael, Johnson und Wendt in zwei Wochen wieder echte Alternativen für die Startelf sind. Heute haben alle drei gezeigt, wie wichtig sie noch immer für uns sein können. Oscar hat heute nicht nur bravourös über 90 Minuten durchgehalten. Er hat auch gezeigt, wie er der Mannschaft helfen kann, wenn er voll bei der Sache ist. Das war ein sehr gutes Comeback. Raffa ist sofort ein Faktor, wenn er im Team ist - auch weil er beim Gegner Nervosität auslöst. Und auch für Fabian Johnson war der Einsatz heute ein Schritt nach vorn. Dabei bleibt es hoffentlich nicht. Benes und Strobl sollten bis zum Mainz-Spiel ebenfalls weitere Schritte zurück in den Kader gemacht haben, vielleicht sind auch Kramer, Zakaria und Oxford wieder fit - oder gar Ibo Traoré. Hoffen wir drauf, toi toi toi, dass zur Abwechslung mal nicht wieder neue Verletzungen hinzu kommen.
Das vorausgesetzt, lässt sich auch psychologisch darauf aufbauen, was Borussia heute alles besser gemacht hat als in den letzten Spielen: Drei Tore in 90 Minuten gegenüber sechs aus den übrigen 810 Minuten des Jahres 2018. In einem Spiel dreimal einen Rückstand aufgeholt gegenüber einem einzigen erzielten Ausgleichstor (Köln) in den neun Spielen zuvor. Drmics Torlos-Serie (25 Monate) beendet und Stindls (14 Spiele) gleich mit. Gezeigt, dass man auch mit all den personellen Einschränkungen bis zum Schluss torgefährlich ist.
Die Mannschaft scheint intakt, sie nimmt ihr Schicksal an und zeigte sich heute auch taktisch variabel. Das aus der Not heraus eingeübte System mit Dreierkette und den beiden Außen Wendt und Herrmann funktionierte und entlastete so die Not-Sechser-Besetzung Hofmann und Cuisance merklich. Hier ist sicher ein Ansatzpunkt zu finden, der auch in der kommenden Saison eine Rolle spielen wird: Wie man flexibler agieren kann, um etwa passiv-massiv verteidigende Gegner zu knacken. Das heute war dafür ein guter Fingerzeig, und ich werde darauf in einem anderen Blog-Beitrag noch eingehen.
Zum Abschluss noch dieses: Ich habe einige Spieler für ihre Rolle im Spiel schon erwähnt. Es wäre unfair, zu unterschlagen, was Jantschke, Ginter und Elvedi heute an Abwehr- und Laufleistung abgespult haben. Yann Sommer hat uns einige Male hervorragend im Spiel gehalten, auch das spielt für die Moral eine wichtige Rolle. Hofmann war heute mit Dauerrenner Stindl zusammen das Herz des Spiels (beide weit über 12 Kilometer Laufleistung). Wichtigen Anteil hatten aber auch Patrick Herrmann, Thorgan Hazard und Mickael Cuisance. Herrmann und Hazard waren zwar vielleicht nicht so auffällig, aber ungemein lauf- und zweikampfstark, schafften damit auch Räume für ihre Mitspieler. Den jungen Franzosen wiederum bewundere ich natürlich für sein feines Füßchen, das er unter anderem vor dem 1:1 einmal mehr bewies. Wichtiger aber war heute, dass er sein Dribbel-Temperament zügeln und sich voll in den Dienst der Mannschaft stellen konnte. Das ist für so einen Spielertyp nicht einfach, das weiß ich. Umso höher rechne ich ihm heute diese sehr erwachsene Leistung an.
Natürlich gab es auch heute viele Schwächen, viele Fehler, die auch zu den Gegentoren geführt haben. Aber auf dieser Leistung lässt sich aufbauen. Mit diesem Spiel im Rücken lässt sich hoffen, dass die Saison noch nicht ganz im Eimer ist.
Also: Weiter so, Jungs!
Bundesliga, Saison 2017/18, 27. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - TSG Hoppelheim 3:3 (Tore für Borussia: 1:1 Drmic, 2:2 Stindl, 3:3 Ginter)
Ich gebe zu: Danach sah es zu Beginn nicht immer aus. "Fußballgott" Tony Jantschke erneut mit einigen Anlauf-Schwierigkeiten im Abwehrverhalten und in der ungewohnten Rolle, immer wieder als erste Spielaufbaustation gesucht zu werden, leider manches Mal überfordert. Das verhieß nichts Gutes. Sehr sicherheitsorientiert verwaltete die Mannschaft daher dann auch die ersten Minuten aus der neuformierten Dreierkette heraus und mit einem gehemmt wirkenden Mickael Cuisance auf der Sechs. Der spielte in der ersten halben Stunde fast nur Sicherheitspässe - bis auf die tolle Flanke zu Herrmanns Flugkopfball nach einer Viertelstunde.
Doch der anfängerhaft verteidigte Eckball zum 0:1 und damit der erneute Rückstand kratzten merklich am Selbstbewusstsein. Dazu Bobadillas frühe Auswechslung wegen einer - natürlich - Muskelverletzung. Das machte es nicht besser. Der Fußballgott schien also auch heute nichts für die Fohlenelf übrig zu haben.
Aber manchmal geschehen Dinge, die man nicht unbedingt erwarten konnte. Die nach dem 0:1 deutlich vernehmbaren Sprechchöre von den Rängen ("Wir wolln euch kämpfen sehen") wurden von der Mannschaft - bewusst oder nicht - mit zunehmender Spielzeit immer besser beherzigt. Die Bissigkeit in den Zweikämpfen nahm zu, die Schnelligkeit in Spiel nach vorn auch, Borussia brachte die Gäste immer öfter in Bedrängnis. Und die ließen sich beeindrucken.
Dann: Ausgerechnet der für Boba eingewechselte Josip Drmic erzielte mit etwas Glück (aber regulär) das erste Tor seit einer gefühlten Ewigkeit - nach einem fast perfekten Pass des mutiger werdenden Mika Cuisance. Der so verletzungsgebeutelte Schweizer wirkte auch sonst heute ganz und gar nicht mehr wie ein Fremdkörper im Team. Auch wenn nicht alles gelang: Er kämpfte, rackerte, sicherte Bälle, leitete gut weiter. Ob ihm die etwas überraschende Nominierung für die Schweizer Nati noch einen Extraschub gegeben hat, weiß man natürlich nicht. Auf jeden Fall war das Spiel heute ein Indiz dafür, dass sich Josip wirklich von Woche zu Woche und Stück für Stück seine Form zurückholt. Ich gönne es ihm von Herzen, dass er dafür heute endlich mal wieder belohnt wurde. Das sollte ihm Auftrib geben und damit auch der ganzen Mannschaft helfen, wenn man weiß, man hat für die Mittelstürmerposition dann vielleicht doch noch eine passable Alternative.
Mit diesem Stürmertor (!) im Rücken steigerte sich der VfL erheblich, vergab aber wie üblich alle folgenden Chancen bis zur Halbzeit. Darum ging es mit dem gewohnten Gefühl zum Pausentee, dass man längst hätte führen sollen, können, müssen. Dass sich das oft rächt, muss ich keinem Borussen sagen. So auch diesmal: Ein dummer Konter, ein ungeschickter Zweikampf von Hofmann, ein Elfertor für Hoppelheim. Und nach dem wiederum von Hofmann toll herausgespielten, aber insgesamt schwer erkämpften 2:2 von Stindl (endlich!) der erneute Nackenschlag. Diesmal mit unfreiwilliger Mithilfe des guten (!) Schiedsrichters Martin Petersen. Allerdings passierte der entscheidende Fehler hier schon vorher, auch Hofmann behielt in der Szene nicht den Überblick und dribbelte unnötig in den Schiri hinein und zu schlechter Letzt verpasste noch Cuisance im Anschluss die Gelegenheit, vor dem Strafraum das taktische Foul gegen Uth zu ziehen und damit das Unheil namens 2:3 zu verhindern.
Doch auch damit war der VfL noch nicht besiegt. Antrieb war der unbändige Wille, nicht schon wieder geschlagen vom Rasen gehen zu müssen - eine wahnsinnig umkämpfte, aber auch fußballerisch ansprechende Schlussphase, ein Kraftakt auf dem Platz und auch auf den Rängen - mit zumindest dem kleinen Happyend.
Ok, das 3:3 ändert nichts an der schwachen Rückrundenbilanz, es hilft nicht viel nach unten und schon gar nicht, um den Anschluss an die Teams auf Platz sechs und sieben zu halten. Auch diese Gomez-Kirmestruppe aus Stuttgart steht jetzt noch vor uns.
Dennoch könnte von diesem Spieltag eine Initialzündung für einen Endspurt in der Liga ausgehen. Denn der Spirit in der Mannschaft ist nach wie vor da. Wer dreimal einen Rückstand aufholt, und sei er noch so dämlich oder unglücklich, der darf einfach nicht im Niemandsland der Tabelle versinken. Der muss am Ende der Saison da stehen und sich sagen können: "Uns kann nichts umhauen". Das wünsche ich der Mannschaft, die in dieser Saison schon so viel Scheiße am Schuh hatte. Natürlich: Auch heute haben wir mit Bobadilla einen weiteren Verletzten zu beklagen, zu dem sich eventuell noch Ginter gesellen könnte, der ja in der Schlussphase übel auf die Schulter gefallen war.
Aber dafür gibt es Hoffnung, dass Raffael, Johnson und Wendt in zwei Wochen wieder echte Alternativen für die Startelf sind. Heute haben alle drei gezeigt, wie wichtig sie noch immer für uns sein können. Oscar hat heute nicht nur bravourös über 90 Minuten durchgehalten. Er hat auch gezeigt, wie er der Mannschaft helfen kann, wenn er voll bei der Sache ist. Das war ein sehr gutes Comeback. Raffa ist sofort ein Faktor, wenn er im Team ist - auch weil er beim Gegner Nervosität auslöst. Und auch für Fabian Johnson war der Einsatz heute ein Schritt nach vorn. Dabei bleibt es hoffentlich nicht. Benes und Strobl sollten bis zum Mainz-Spiel ebenfalls weitere Schritte zurück in den Kader gemacht haben, vielleicht sind auch Kramer, Zakaria und Oxford wieder fit - oder gar Ibo Traoré. Hoffen wir drauf, toi toi toi, dass zur Abwechslung mal nicht wieder neue Verletzungen hinzu kommen.
Das vorausgesetzt, lässt sich auch psychologisch darauf aufbauen, was Borussia heute alles besser gemacht hat als in den letzten Spielen: Drei Tore in 90 Minuten gegenüber sechs aus den übrigen 810 Minuten des Jahres 2018. In einem Spiel dreimal einen Rückstand aufgeholt gegenüber einem einzigen erzielten Ausgleichstor (Köln) in den neun Spielen zuvor. Drmics Torlos-Serie (25 Monate) beendet und Stindls (14 Spiele) gleich mit. Gezeigt, dass man auch mit all den personellen Einschränkungen bis zum Schluss torgefährlich ist.
Die Mannschaft scheint intakt, sie nimmt ihr Schicksal an und zeigte sich heute auch taktisch variabel. Das aus der Not heraus eingeübte System mit Dreierkette und den beiden Außen Wendt und Herrmann funktionierte und entlastete so die Not-Sechser-Besetzung Hofmann und Cuisance merklich. Hier ist sicher ein Ansatzpunkt zu finden, der auch in der kommenden Saison eine Rolle spielen wird: Wie man flexibler agieren kann, um etwa passiv-massiv verteidigende Gegner zu knacken. Das heute war dafür ein guter Fingerzeig, und ich werde darauf in einem anderen Blog-Beitrag noch eingehen.
Zum Abschluss noch dieses: Ich habe einige Spieler für ihre Rolle im Spiel schon erwähnt. Es wäre unfair, zu unterschlagen, was Jantschke, Ginter und Elvedi heute an Abwehr- und Laufleistung abgespult haben. Yann Sommer hat uns einige Male hervorragend im Spiel gehalten, auch das spielt für die Moral eine wichtige Rolle. Hofmann war heute mit Dauerrenner Stindl zusammen das Herz des Spiels (beide weit über 12 Kilometer Laufleistung). Wichtigen Anteil hatten aber auch Patrick Herrmann, Thorgan Hazard und Mickael Cuisance. Herrmann und Hazard waren zwar vielleicht nicht so auffällig, aber ungemein lauf- und zweikampfstark, schafften damit auch Räume für ihre Mitspieler. Den jungen Franzosen wiederum bewundere ich natürlich für sein feines Füßchen, das er unter anderem vor dem 1:1 einmal mehr bewies. Wichtiger aber war heute, dass er sein Dribbel-Temperament zügeln und sich voll in den Dienst der Mannschaft stellen konnte. Das ist für so einen Spielertyp nicht einfach, das weiß ich. Umso höher rechne ich ihm heute diese sehr erwachsene Leistung an.
Natürlich gab es auch heute viele Schwächen, viele Fehler, die auch zu den Gegentoren geführt haben. Aber auf dieser Leistung lässt sich aufbauen. Mit diesem Spiel im Rücken lässt sich hoffen, dass die Saison noch nicht ganz im Eimer ist.
Also: Weiter so, Jungs!
Bundesliga, Saison 2017/18, 27. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - TSG Hoppelheim 3:3 (Tore für Borussia: 1:1 Drmic, 2:2 Stindl, 3:3 Ginter)
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