Lehren aus einer unvollendeten Saison III: Spielsystem

Angesichts des derzeitigen Auf und Ab auf dem Platz und dem nicht enden wollenden Elend im Lazarett des VfL ist es schön, sich auch mal vom aktuellen Geschehen ab- und der Zukunft zuzuwenden. In Teil drei meiner kleinen Serie zu den Lehren aus dieser verkorksten Spielzeit soll es nun wie angekündigt um das Spielsystem gehen. Und auch wenn jeder andere Vorstellungen haben wird, für die meisten Fans steht wohl fest: So kann es nicht weitergehen.

Borussias Führung ist stolz darauf, dass die Mannschaft "Ballbesitzfußball" spielt und spielen kann. Das Problem dabei ist, dass das keinem Gegner mehr Angst einjagt. Zwei Drittel der Liga haben ihr Spiel darauf eingestellt, den meist spielerisch stärkeren Gegner kommen zu lassen, bissig zu verteidigen und mit schnellen Ballgewinnen überfallartig vor das gegnerische Tor zu kommen.
Die einzige Mannschaft, die so dominant auftritt, dass sie das nicht stören muss, ist die, die ganz vorne steht. Alle anderen Teams in der Bundesliga haben stets Schwierigkeiten gegen defensive und meist physisch kompromisslose Kontermannschaften.

Doch zurück zum VfL. Der beherrscht das dominante Spiel durchaus und ist durch die individuelle Klasse von Spielern wie Raffael, Hazard, Stindl, Traoré, Hofmann, Kramer oder Zakaria in der Lage, sich durch massive Abwehrketten zu kombinieren. Zumindest gilt das, sofern diese Spieler nicht verletzt in der Ecke liegen. Und wenn das Spieltempo hochgehalten und vor allem die Ballzirkulation schnell und präzise funktioniert. Favre hat es den Jungs gezeigt, Schubert hat den Spielern nach vorn alle Freiheiten dazu gegeben, weswegen die Mannschaft unter ihm auch die Abwehr viel stärkerer Teams auseinanderpflücken konnte. Dass es in der Defensive irgendwann nicht mehr gepasst hat, ist bekannt.
Dieter Hecking brachte das vorhandene unrunde System schnell wieder in die Waage. Seitdem aber ist eine eigene Handschrift kaum zu erkennen. Das kann man zum Teil mit der Verletzungsmisere entschuldigen. Aber ich sehe in dieser Saison auch keinen Spieler, den DH merklich stärker gemacht hat, wie es Favre mit vielen seiner Schützlinge gelungen war und Schubert immerhin mit Julian Korb, dem er offensiv seine Fesseln gelöst hatte und der diese Rolle bei Hannover in dieser Saison nochmal besser ausfüllt als bei uns.

Muss Borussia also im Sommer umdenken und vom Spielsystem flexibler werden? Das System neu ausrichten? Oder erstmal den klassischen Weg der Stabilisierung gehen, von der Abwehr her denken, also tief stehen und kontern, bis das Team wieder so gefestigt ist, dass es sich wieder mehr zutrauen kann? Nun, letzterer Weg wäre ein deutlicher Rückschritt, ein Mittel, das man einsetzt, wenn man ganz schnell Verbesserungen und Ergebnisse braucht - wie Lucien Favre nach der Übernahme des Himmelfahrtskommandos in Gladbach. Vielleicht braucht man dieses Mittel kurzfristig nochmal, wenn die personelle Situation so prekär bleibt, wie sie sich nach dem Leverkusen-Spiel darstellt.

Für die neue Saison ist dies aber keine akzeptable Option. Da die 4-4-2-Variante, die Hecking derzeit spielen lässt, wie gesagt von den meisten Gegnern gut gekontert wird, richtet sich mein Blick darauf, dass der VfL sich neu aufstellen sollte. Das heißt nicht, dass nun das 4-4-2 einfach über Bord geworfen werden soll. Natürlich muss die Mannschaft so flexibel sein, taktische Umstellungen auch im Spielverlauf schnell anzuwenden - wie der Wechsel auf Dreierkette in der Schlussphase des Spiels bei den Pillen oder das mutmachende, wenn auch aus der Not geborene 3-4-2-1 vom Wochenende gegen Hoppelheim. Davon abgesehen braucht eine Mannschaft schon ein Plan-A-System, auf dass sie ihr Spiel aufbauen kann und auf dessen Wirksamkeit sie sich verlassen können muss.

Nun weiß ich natürlich nicht, ob aus der angekündigten Stürmerverpflichtung nun ein Brecher, ein Stoßstürmer oder doch wieder eher ein wuselnder spielmachender Stürmer hervorgeht.
Was man weiß, ist, dass Dieter Hecking früher schon gern auf eine Speerspitze ganz vorne gesetzt hat - einen wie Bas Dost in Wolfsburg, Sebastian Polter in Nürnberg oder Mikael Forssell und Mike Hanke in Hannover.
Zuletzt spielte mangels Raffaels Einsatzfähigkeit Raul Bobadilla diese klassische Mittelstürmer-Rolle. Allerdings ist er dabei nicht annähernd so effektiv wie andere in der Liga.
Ob 4-1-4-1, 4-5-1 oder 4-2-3-1, bei Heckings früheren Stationen stach vorne immer ein zentraler Stürmer hervor. Das flache 4-4-2 hat er erst in Gladbach als Standardaufstellung übernommen, nicht zuletzt, weil ihm ein derartiger Stürmertyp hier nicht zur Verfügung steht oder erst hineinwachsen müsste, siehe Julio Villalba.

Das könnte sich im Sommer ändern. Und die große Zahl an vielversprechenden offensiven Mittelfeldspielern, über die der VfL verfügt, sprechen auch für eine solche Verschiebung. Für die neue Saison stehen neben Stindl und Raffael auch Hofmann, Cuisance, Benes und mit Abstrichen Grifo (und Hazrd, wenn er bleibt) für eine offensiv-zentrale Rolle zur Verfügung. Dazu noch Zakaria, Kramer und Strobl für die eher defensive Rolle auf der Sechs. Neu dabei wäre Florian Neuhaus, der von seiner Leihe aus Düsseldorf zurückkehrt und den ich in meinem Neuzugangs-Text sträflicherweise einfach vergessen hatte. Im 4-4-2 wären für diese zehn bis elf Spieler also vier Plätze zu vergeben. Für einen weiteren Stürmer wäre kein Platz.
Bei einem 3-4-2-1 sähe das etwas anders aus. Vor Sommer ständen dann etwa Elvedi, Vestergaard und Ginter in der Dreierkette, gegen den Ball unterstützt von den sonst deutlich offensiveren Außen Wendt (oder ein zu verpflichtender Backup) links und Johnson (oder Ersatz). In der Mitte könnten ein oder zwei Sechser (Kramer und oder Zakaria, vielleicht auch Benes oder Cuisance) dicht machen und dementsprechend ein spielstarkes Offensivduo oder -trio aus der Auswahl Raffael, Stindl, Neuhaus, Grifo, Benes, Cuisance, Hofmann und ggf. Hazard richtig Alarm machen. Und vorne wartet Mr. X als mitspielender Stoßstürmer auf seinen Einsatz. Das klingt für mich - auch wenn die aktuellen Leistungen das nicht unbedingt unterstützen - nach einer sehr schlagkräftigen Mannschaft.

Gelingt es Max Eberl, für beide Außenverteidigerpositionen Spieler zu verpflichten, die Defensiv- wie Offensivkraft noch besser vereinen, wäre natürlich auch eine Viererkette denkbar, die mit einer Achse aus Sechser, Achter und Zehner bzw. zwei Zehnern, mit zwei Außenstürmern und dem Stoßstürmer aufläuft - also im 4-1-4-1-System. Allerdings ist dies gerade gegen tiefstehende Gegner oft weniger effektiv. Eine gut eingespielte Dreierkette mit zwei vorgezogenen Außen - gegen die TSG waren das Wendt und Herrmann - hingegen ist sowohl in der Absicherung kompakt und würde auch bei Kontern kaum in Unterzahl geraten. Vor allem aber bildet sie eine Absicherung für ein flexibleres Spiel der übrigen Offensivkräfte. Borussias Stärke in der Spätphase unter Favre und unter Schubert lag unter anderem darin, dass Hazard, Raffael und Stindl (vorher auch Kruse und Johnson) ständig ihre Positionen wechselten und so für die Gegner kaum auszurechnen waren. Diese Flexibilität böte das 3-4-2-1 aus meiner Sicht eher als das eher statische 4-4-2.

Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit der Dreierkette - in Frankfurt, in der zweiten Hälfte in Leverkusen und jetzt gegen die Gäste aus Sinsheim - glaube ich, dass das Trainerteam ebenfalls verstärkt in diese Richtung denkt. Gegen Frankfurt zahlte die Mannschaft mit dieser Taktik Lehrgeld, vor allem Patrick Herrmann, der in der Defensive einige Male ziemlich alt aussah. Das war gegen Hoffenheim aber schon erheblich besser. Doch in allen drei Spielen konnte Borussia den Gegner  in der Offensive gehörig unter Druck setzen, wenngleich das in Leverkusen nur für einen Teil des Spiels galt.

Ich bin gespannt, in welche Richtung sich der VfL taktisch bewegen wird. Die Gelegenheit für einen Wechsel ist günstig. Gladbach hat die Innenverteidiger für eine robuste und bewegliche Dreierkette, in der sich auch Tony Jantschke wohl besser zurechtfinden würde als auf Außen. Der Verein muss auf den Außenpositionen aufgrund der Personalien Wendt, Johnson (Alter), Oxford (Leihe) und Doucouré (Verletzungsanfälligkeit) ohnehin handeln. Das Gleiche gilt für die Nachfolge von Raffael und für den Fakt, dass sich im zentralen Mittelfeld (Zakaria, Benes, Cuisance, Neuhaus) deutlich mehr hervorragende Talente stapeln werden als es Plätze zu vergeben gibt. Also muss auch hier geschaut werden, auf welchen anderen Positionen Spieler entwicklungsfähig wären. Es ist ein großes Puzzle, solange nicht klar ist, wie der Kader nächste Saison aussieht. Aber das macht es ja auch immer wieder aufs Neue so spannend. Was meint ihr?

Kommentare

  1. sonst stiller Leser...3/20/2018 9:30 nachm.

    Hallo Wortarbeiter,

    bin immer wieder verblüfft und begeistert von Deinen Beiträgen!
    Obwohl Du, wie Du schreibst, kein „Insider“ bist, vermittelst Du doch ein großes Insiderwissen!
    Allein die letzten drei „Saisonlehren“-Beiträge zeigen mehr Hintergrundwissen, Nachdenken und Ausblicke, als manch eine „offizielle“ Presse.

    Hier einfach mal ein DANKE für Deine fundierten, bewegenden, kritischen und einfach wunderbaren Beiträge!

    PS: Würde mir mehr Kommentare für Deine Texte wünschen…

    AntwortenLöschen
  2. Lieber stiller Leser, vielen Dank für das tolle Kompliment. Das hat mich sehr gefreut und es motiviert mich natürlich auch. Und was die Kommentare angeht - auch aus meiner Sicht gerne mehr!

    AntwortenLöschen
  3. Ich sehe das von der Analyse her ähnlich, wir haben definitiv zu viele Zentrums- und zu wenige Flügeloptionen (auch Hofmann, Grifo und Hazard sind keine echten Flügelspieler), um ein System mit Viererkette und zwei zentralen Mittelfeldspielern zu spielen. Vor allem haben wir mit Neuhaus, Cuisance, Zakaria und Benes vier sehr junge Spieler mit Potential, angenommen dass Kramer spielt können wir nicht drei von denen draußen lassen und die Kreativität von Kramer-Zakaria gefiel mir bisher nicht so. Leider fehlt es uns in dieser Saison an Scharnierspielern für Außen vor einer Dreierkette, da haben wir eigentlich nur Wendt und Johnson, Herrmann ist eine Notlösung. Beide waren jetzt lange verletzt, für Wendt haben wir gar kein Backup.

    Eine Sache seh ich aber anders: Jantschke ist, wenn wir so hoch stehen wie unter Hecking, kein Spieler für eine Dreierkette. Ihm fehlt sowohl die Geschwindigkeit als auch die Physis, ja auch die Körpergröße. Ich rätsel immer noch, wo genau man Jantschke einsetzen soll, da er auch offensiv nicht sonderlich stark ist und deshalb nicht in eine Viererkette Hecking'scher Prägung passt, wo die Außenverteidiger sehr weit hochschieben und sich in das Kombinationsspiel einschalten.

    Heckings 4-4-2 gefällt mir in dieser Saison gar nicht, weder vorne oder hinten, und ich freue mich, dass er nun mal zum Experimentieren gezwungen wurde. Kann nur besser werden.

    AntwortenLöschen
  4. Hallo WindomEarle,
    vielen Dank für Deinen guten Kommentar. Ich komme erst jetzt dazu, zu antworten und habe auch etwas länger über deinen Einwand bei Jantschke nachgedacht. Auch weil ich glaube, dass wir da nicht weit auseinander liegen. Ich mag Tony sehr und hoffe, dass er in der Mannschaft wieder eine Rolle findet, allein, weil solche geradlinigen Typen einer Mannschaft immer gut tun.
    Deine Bedenken fehlende Schnelligkeit und Schwächen im Kombinationsspiel sind nachvollziehbar und ich teile sie auch. Bei der Physis sehe ich es etwas anders, ich denke, dass ihm durch die ständigen Verletzungen in den vergangenen drei Jahren einfach viel Spielpraxis abgeht. Letzlich kann unsere Zweifel nur der Spieler selbst entkräften.
    Ich habe aber zwei Dinge, die aus meiner Sicht dafür sprechen, dass er die Rolle in der Dreierkette spielen könnte. Das erste ist die Erfahrung, dass Jantschke sich unter allen Trainern immer wieder zurück in die Mannschaft kämpfen konnte - wenn er nicht verletzt war. Das spricht dafür, dass er auch wechselnde Anforderungen meistert und sich an den jeweiligen Spielstil anpassen kann.
    Im Moment sind die Schwächen deutlich, weil er wenig Spielpraxis hatte und weil auf der Außenposition - wie du ja auch schreibst - eher seine Schwächen aufgedeckt werden als die Stärken zum Tragen kommen. Aber Jantschke ist vielseitig. Angefangen hat er ja mal links in der Verteidigung, war dann Sechser, Innenverteidiger und rechter Verteidiger.

    Ich glaube deshalb - das ist mein zweites Argument -, dass ihm die Dreierkette angesichts der beobachteten Schwächen da eher entgegenkäme. Einmal, weil die Pässe, die du dort spielen musst, eher die einfachen, klaren, kurzen Zuspiele sind und nicht auf so engem Raum agiert werden muss wie an der Seitenlinie, wo den ballführenden Spieler sofort zwei oder drei Gegner unter Druck setzen. Zum anderen ist er aus meiner Sicht durchaus ein geschickter Zweikämpfer. Ihm fehlt Schnelligkeit, das stimmt. Vielleicht auch etwas Größe für das Kopfballspiel bei Standardsituationen. Da könnte man das ja auch durch andere Zuordnungen lösen. Aber zur Geschwindigkeit: Vestergaard ist auch nicht der Schnellste, vermag aber viele brenzlige Situationen clever zu entschärfen, indem er den Gegner geschickt "abläuft". Man muss das nicht so sehen, aber ich persönlich glaube, dass Tony darin auch eine seiner Stärken hat. Davon ist natürlich nicht mehr viel zu sehen, wenn du als vorgeschobener Außenspieler bei einem gegnerischen Konter nur noch die Hacken des Gegners siehst.
    Du siehst schon. Es ist auch ein bisschen Wunsch Vater meiner Gedanken, aber Jantschke hätte sich auch nicht so lange beim VfL gehalten, wenn er seine Trainer nicht immer wieder mit seiner Anpassungsfähigkeit an die geforderte Rolle überzeugt hätte. Umso spannender ist es, zu sehen, wie es am Ende kommen wird.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.