Das süße Gift des Bayern-Sieges

Endlich hat Gladbach mal wieder verloren. Endlich hat das Geschwätz der Boulevard-Sportreporter vom Zauberer "Schubidu" und seinem grünen Glückspulli ein Ende. Endlich sind die Bayern-Bezwinger wieder auf Normalmaß zurückgestutzt. Ganz ehrlich: Ich habe durchaus damit gerechnet, dass Borussias Unbesiegt-Serie noch vor der Winterpause reißen würde. Dass das in Leverkusen passieren würde, war auch eine nicht ganz weltfremde Annahme. Aber so? Das war in unangenehmer Hinsicht ein denkwürdiger Abend. Eine Klatsche, wie wir sie nicht mehr gewohnt sind. Verdient schon, aber mit 0:5 am Ende doch zu hoch. Aber so läuft es eben, wenn ab einem bestimmten Zeitpunkt mal gar nichts mehr zu klappen scheint. Das kann auch heilsam sein. Wenn man die richtigen Schlüsse daraus zieht.

Damit man mich nicht falsch versteht: Natürlich wollte ich nicht, dass der VfL verliert. Schon gar nicht gegen einen direkten Konkurrenten um einen möglichen Europacup-Platz. Und obendrauf nicht, wenn man die Chance hatte, sich mit einem Sieg von anderen Konkurrenten ein wenig abzusetzen. Wenn man es genau betrachtet, war Borussia in der ersten Hälfte auch gar nicht so schlecht. Yann Sommers Vorderleute hatten zur Halbzeit deutlich weniger Chancen des Gegners zugelassen als gegen die Bayern in der Woche zuvor und das Team lag trotz des 0:1 in Schlagdistanz zum Gegner. Zu Beginn der zweiten Hälfte schien es, als könnte das Spiel kippen, Borussia war kurzzeitig deutlich besser im Spiel, kam auch zu guten Möglichkeiten.
Doch dann passierte fast das Gleiche wie am Dienstag gegen Manchester und das, was den Bayern eine Woche zuvor im Borussia Park widerfahren war: Die Mannschaft wurde mit dem Treffer zum 0:2 angezählt, brach nach dem dritten Gegentor auseinander und war dann nur noch ein wehrloses Opfer für den Gegner. In Manchester kam der Ausgleichstreffer erst sehr spät, diesmal das 0:2 ausreichend früh, um noch reagieren zu können.
Doch ein weiterer Kraftakt wie gegen Hoffenheim gelang nicht, ein Pfostenschuss beim Stand von 0:1 war das einzige, was in der zweiten Halbzeit offensiv notierenswert war. Dafür waren die Schwächen in der Defensive umso frappierender. Dass Borussia zu viele Chancen des Gegners zulässt, ist nicht erst seit dieser Woche so. Bislang konnte das durch Yann Sommers glänzende Form und eine gehörige Portion Glück weitgehend kaschiert werden. Heute nicht mehr. Und die Entstehung der Gegentore (in Manchester wie in Leverkusen) macht nicht unbedingt Mut für die beiden wichtigen letzten Partien vor der Winterpause.

Was sind die Gründe dafür?
Der Schubert-Stil: Zum einen spielt die Mannschaft seit zwei Wochen noch ein Stück mutiger und offensiver als zuvor, vor allem durch die extrem vorgeschobenen Außenverteidiger. Das macht Borussias Spiel so attraktiv. Es hat gegen Hoffenheim in der Schlussphase gut funktioniert, unter dem Strich auch gegen die Bayern (man denke aber an die vielen Chancen des Gegners in der erste Hälfte) und sogar in der ersten Halbzeit gegen City. Das risikoreichere Spiel geht aber nur dann auf, wenn man den Gegner ständig unter Druck hält und zu Fehlern zwingt. In der ersten Halbzeit ging das auch bei Bayer noch halbwegs auf, doch mit zunehmender Spielzeit nicht mehr. Laut Sky lief die Mannschaft insgesamt nur 106 Kilometer, gegen die Bayern waren es 122. Der Gegner spulte jeweils 115 Kilometer ab.
Das süße Gift des Bayern-Sieges: Der unbewusste innere Schweinehund - oder die "Einstellung" - hat vielleicht auch eine Rolle gespielt. Wer glaubt, als Bayern-Besieger im nächsten Spiel auch nur einen Schritt weniger machen zu können, hat es gegen jeden Gegner in der Bundesliga schwer. Wenn einem das dann gegen eine so aggressive, lauf- und pressfreudige Mannschaft passiert, kommt leicht das raus, was heute am Ende auf der Anzeigetafel stand.
Der Substanzverlust: Die Mannschaft hat das Limit überschritten. Über Monate fallen jetzt schon eine Reihe von Leistungsträgern aus, nun fehlte auch noch "Mister Überall" Fabian Johnson. Schon als er gegen Man City vom Feld ging, nahm das Unheil seinen Lauf. Nicht allein deswegen, aber auch seinetwegen. Heute fehlten seine Staubsaugerqualitäten schmerzlich. Dass ein Mo Dahoud, ein Howie Nordtveit, ein Julian Korb und ein Oscar Wendt auch mal schwächere Tage haben, muss man angesichts der Dauerbelastung einfach hinnehmen. Dass Tony Jantschke noch nicht wieder der Alte ist und sich einen Lapsus leistet wie beim 0:1, wohl auch. Es ist deshalb ehrlich gesagt auch weniger verwunderlich, dass die Mannschaft heute so unter die Räder gekommen ist als dass das Team trotz der ganzen Ausfälle und Umstellungen überhaupt eine solche Siegesserie hingelegt hat.

Egal wie, jetzt muss vor allen Dingen die Stabilität und das Gleichgewicht in der Abwehr wiedergefunden werden, und zwar schnell: Neun Gegentore in zwei Spielen, das erinnert an schlimme Zeiten, vor allem aber an den verpatzten Saisonstart, den wir uns ja gerade erst aus den Kleidern geschüttelt hatten. Wieder einmal muss Borussia also blitzschnell an einer großen Herausforderung wachsen. Damit das Pokalspiel gegen Bremen und der Vorrundenabschluss gegen die unangenehmen Darmstädter uns nicht mit einem schlechten Gefühl in die Winterpause entlassen. Denn dann geht auch das Selbstbewusstsein, dass sich die Spieler bis hierhin so eindrucksvoll erspielt haben, schnell wieder stiften.
Die Fans bewiesen auch in Leverkusen wieder ein gutes Gespür für die Situation. So seltsam es für die Spieler sein muss, wenn sie auch beim Stand von 0:5 noch mit Gesängen bedacht werden. Es zeigt zugleich, dass jeder bei Borussia nach wie vor weiß, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen - nicht mal, wenn der Gärtner einen grünen Pulli trägt.

Bundesliga 2015/16, 16. Spieltag: Bayer Leverkusen - Borussia Mönchengladbach 5:0 (12.12.15)

Kommentare

  1. Sehr wohltuend, dieser Blog (auch, weil er ohne Rechtschreib- und Grammatikfehler auskommt) und kurz und treffend alles auf den Punkt gebracht wird. Volle Zustimmung. Vor allem der Ausfall von Johnson, der ja leider eine ganze Weile brauchte, um vollends anzukommen, schmerzt. Nun gilt es, sich in die Winterpause zu retten. Trotzdem, unsere Jungs haben sich bisher hervorragend geschlagen. Gut, dass die Fans in Leverkusen das auch gesehen haben - denn es gab offenbar nur Support für die Mannschaft.

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  2. Vielen Dank, das Lob freut mich sehr!

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