Die geilsten Verlierer der Welt

Als in den letzten zehn Minuten im Etihad-Stadium das Unheil seinen Lauf nahm, war das zwar ärgerlich, aber nicht so, dass man sich noch groß darüber aufregen mochte. Im Gegenteil. Es überwog der Stolz auf das Erreichte - auf eine Mannschaft, die Europa gezeigt hat, zu welchen Leistungen Borussia Mönchengladbach inzwischen wieder in der Lage ist. Und auf die Fans, die bewiesen haben, dass der VfL ein ganz besonderer Verein ist. Der Auftritt und Support der Fans hat überall tiefen Eindruck hinterlassen, ob durch die herrlichen Choreos oder den Gänsehaut fördernden Support im Borussia Park oder bei den Touren nach Rom, Sevilla, Turin oder Manchester. Wenn es auch sportlich nicht gereicht hat: Borussias Fans haben sich den Gruppensieg mit Abstand gesichert.

Was allerdings zum Abschluss unserer Champions-League-Saison im Tempel der City-Scheichs abging, war einfach nur Wahnsinn - 90 Minuten Heimspielatmosphäre im Mutterland des Fußballs, dem an diesem Abend noch einmal deutlich (und beschämend) aufgezeigt wurde, dass der englische Fußball seine Fan-Seele längst verloren und verkauft hat.
Danke deshalb an erster Stelle an alle Fans, vor allem an Sottocultura und alle anderen Gruppierungen, an die Allesfahrer und Gelegenheitsfans, die sich dermaßen reingehängt haben und die für diese tolle Visitenkarte verantwortlich sind - und das alles ohne Skandale, Randale und auch ohne Pyrotechnik und überflüssige Strafen. Wie die Mannschaft ist auch die Fanszene des VfL an den Herausforderungen gewachsen. Dass auch die Normalo-Fans wie ich voll hinter denen stehen, die die Arbeit machen, zeigt unter anderem die enorme Spendensumme, mit denen die Borussia-Familie den Choreo-Macher Dank und Vertrauen ausgesprochen hat. Es sind für jeden einzelnen nur ein paar Euros, aber man sollte die motivierende Wirkung dahinter nicht unterschätzen. Also: Weiter so!

Und das Sportliche? Es kam so, wie es nach der Auslosung als realistisch eingeschätzt werden musste. Vorrunden-Aus in der Hammer-Gruppe, auch ohne das erhoffte und mögliche Bonbon Euro-League-Achtelfinale. Doch dass Gladbach zu schlecht gewesen wäre, um Deutschland angemessen in der Königsklasse zu repräsentieren, wie es so mancher selbstherrliche Fan einer anderen dominierenden, wenngleich nicht unschlagbaren deutschen Mannschaft (oder welche der am letzten Saisonende hinter Gladbach platzierten Teams) schon vorher prophezeite - davon konnte keine Rede sein.
Ja, Borussia ist nach der Winterpause nicht mehr auf europäischem Parkett unterwegs und hat mit 5 Punkten letztlich einfach zu wenige Punkte auf der Habenseite verbuchen können. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der VfL hatte es bis zur 80. Minute des letzten Gruppenspiels in der eigenen Hand, weiterzukommen. Es hat mehrfach nur ein einziges Tor gefehlt, um die Gruppen-Rangliste zugunsten der Borussen zu verändern: Man denke nur an die knappen Spiele gegen Juve, der Last-Minute-Elfmeter von Manchester im Hinspiel oder auch das eine Tor zum 1:1, mit dem Juve gegen Sevilla am Ende auch die Borussen frohgemacht hätte.
Manchmal fehlen nur ein paar Zentimeter, um das Pendel für oder gegen Gladbach ausschlagen zu lassen. Leider haben wir uns an letzteres schon gewöhnt. Das alles können wir nicht mehr ändern. Umso wichtiger ist, das herauszustreichen, was die Mannschaft auch in Manchester wieder geleistet hat.

Die erste Halbzeit am Dienstag im Etihad Stadium - nun ja, das war wohl nicht weniger als das Reifste und Beste, was Xhaka und Co. in dieser Saison abgeliefert haben. In jedem Fall gilt das für die Champions League. 63 Prozent Ballbesitz im fremden Stadion, klasse Passquote, souveräner, sicherer Auftritt, dazu noch das eher zufällige 0:1 unbeeindruckt weggesteckt, die wenigen Chancen eiskalt genutzt und das Spiel gedreht (zudem noch mit einem Tor von Julian Korb!)  - das war die von Favre aufgebaute und von Schubert stark gemachte Borussia, die nur drei Tage zuvor dem FC Bayern die Grenzen aufgezeigt hatte. In der zweiten Halbzeit fehlte "nur" noch der Todesstoß zum 3:1, vielleicht durch einen Konter. Dann wäre in diesem, von einem übrigens erstklassigen Schiedsrichter Makkeli, geleiteten Spiel mit Sicherheit nichts mehr angebrannt und in Manchester wäre es eine lange Borussennacht geworden.

Hätte, wäre wenn... Stattdessen passierte eine zweite Halbzeit, wie sie schlechter nicht hätte sein können. Es war, als hätte man den Jungs um den hervorragenden Yann Sommer in der Halbzeit Blei an die Füße geschnallt oder irgendetwas Lähmendes in den Pausentee getröpfelt. Da spielte nicht mehr die gleiche Mannschaft wie in den 45 Minuten zuvor. Für so etwas gibt es keine einfache Erklärung, außer der, dass der Gegner plötzlich stärker war und der VfL schlechter. Der naheliegendste Grund dafür ist der Kräfteverschleiß nach den vergangenen Wochen mit vielen Verletzten und entsprechend wenig Regenerationsphasen. Zuletzt die Energieleistungen gegen Hannover und Hoffenheim, die aufwändigen Fußballfeste gegen Sevilla und Bayern, die ihren Tribut ausgerechnet im entscheidenden Spiel, und einfach eine Halbzeit zu früh forderten.

Dass zum Spielende drei Tore in fünf Minuten die Schubert-Elf auseinanderbrechen ließen, war besonders bitter, weil sich die Mannschaft trotz fehlerhaftem Aufbauspiel so lange mit Erfolg gegen die anrennenden Gastgeber behaupten konnte und mit viel Einsatz den Ausgleich verhinderte. Dass die Tore so spät fielen, mag auch damit zusammenhängen, dass da die wichtigen Löcherstopfer Fabian Johnson und Mo Dahoud den Platz verlassen hatten und in der Defensive nicht adäquat ersetzt werden konnten. Aber verdient war da die Führung schon nicht mehr. Da keinerlei Entlastung nach vorne gelang, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Gladbacher Abwehrmauer fiel.

Es ist nicht zum ersten Mal so: Der VfL kratzt an der Sensation, er begeistert und am Ende bleibt doch die Enttäuschung, weil es noch nicht ganz reicht. Das haben wir in der Europa League durchlebt und  - zum ersten Mal  - jetzt eine Stufe höher auf Königsklassen-Niveau. Die Entwicklung der vergangenen Jahre spricht also für sich. Wer Borussia an seinen Möglichkeiten misst, weiß aber auch um die Grenzen. Deshalb wird auch das zu Beginn zu erwartende und am Ende so bittere Ausscheiden den guten Eindruck unserer ersten CL-Saison ganz sicher nicht trüben können. Ein Titel ist uns ohnehin sicher - den des geilsten (Verlierer-)Clubs der Welt.

Champions League, Gruppenphase, 6. Spieltag: Manchester City - Borussia Mönchengladbach 4:2 (8.12.2015)
(Tore für Borussia: 1:1 Korb, 1:2 Raffael) 

Endstand
1. Manchester City (12:8 Tore, 12 Punkte)
2. Juventus Turin (6:3 Tore, 11 Punkte)
3. FC Sevilla (8:11 Tore, 6 Punkte)
4. Borussia (8:12 Tore, 5 Punkte)
 

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