Verluste (V): Branimir Hrgota

Die Saison ist vorbei, erneut verlassen einige Spieler die Borussia. Einen Verlust stellen sie alle dar, auch wenn man persönlich an dem einen mehr hängen mag als an dem anderen. In einer losen Folge zeichne ich nach, was dem Team mit den Abgängen verloren geht und wie man Xhaka, Stranzl, Brouwers, Nordtveit, Hrgota und Hinteregger ersetzen sollte. Heute: Branimir Hrgota.

Wer dieses Blog häufiger liest, der weiß, dass ich ein großer Fan von Branimir Hrgota bin. Dass ich demnach natürlich auch traurig darüber bin, dass wir ihn abgeben, zudem auch noch ablösefrei. Für mich ist der Schwede nach wie vor ein schlafender Riese, ein Stürmer mit enormem Potenzial - um nicht den Namen Ibrahimovic in den Mund zu nehmen, an dessen Torriecher und Genialität er mich bisweilen erinnert hat - wenn er für Borussia mal auf dem Platz stand.
Bei Gladbach gehört er in den vergangenen Jahren zu den besten Scorern, wenn man die aussagekräftigere Statistik der Tore pro Spielminuten anschaut und nicht die der Tore pro Spiel. Dass er ein Torjäger ist, hat er oft genug bewiesen - in der Europa League, einst bei seinem Startelf-Debüt mit drei Toren gegen Mainz, zuletzt beim 3:4 im Pokal gegen Bremen, als er in einem 27-Minuten-Einsatz zwei Tore schoss und das Spiel nochmal spannend machte. Und natürlich wird er uns auch immer mit seinen frech geschnibbelten Elfmetern in Erinnerung bleiben, wenn auch durch einen entscheidenden Fehlschuss im Pokal nicht unbedingt in bester. Andererseits waren es genau solche Szenen, die ihn als einen besonderen Stürmer erscheinen ließen, man denke an den wichtigen Siegkopfball gegen den HSV oder den wundervollen Lupfer gegen den FC Zürich.

Doch um den Durchbruch zu schaffen, hat er bei Borussia seit seinem Wechsel 2012 einfach nicht genug Spielminuten bekommen. Das hat Gründe. Sie liegen im Spielsystem, in seiner (womöglich nicht ausreichenden) Anpassungsfähigkeit an das Gladbacher Spiel, das von Favre und jetzt auch von André Schubert gefordert wird. Sie liegen auch darin zu suchen, dass der VfL mit seinen Stürmern Raffael sowie Stindl und vorher Kruse sehr effektive Duos auf den Platz gebracht hat. Dass die Rotation in der Mannschaft nach dem Ausscheiden aus Pokal und CL ausblieb. Und es lag zu einem Teil natürlich auch an ihm, dass er sich gegen die Konkurrenz im Angriff nicht nachhaltig durchsetzen konnte.
Dass der junge Stürmer nach den Erfahrungen der vergangenen beiden Saisons nicht noch ein Jahr im Wartestand verbringen wollte, ist nachvollziehbar. Zumal man ihn in den vergangenen Monaten dann gar nicht mehr im Kader fand und nicht einmal zum Abschied ein Platz auf der Bank für ihn frei war. Insgesamt nur 99 Spielminuten in der abgelaufenen Bundesliga-Saison - das kam schon einer kleinen Demütigung nahe. Dennoch soll Hrgota stets voll engagiert gewesen sein und blieb bis zum Schluss wohl auch nach außen freundlich und gut gelaunt. Gerade deshalb ist es ihm zu wünschen, dass er bei seinem nächsten Verein den Schritt aus dem Schatten macht - damit er nicht mehr der weltbeste Stürmer ist, der nie spielt. Muss ja dann nicht unbedingt gegen Borussia zeigen, was er draufhat.

Kommentare

  1. Schließe mich dem voll und ganz an u. gehe noch einen Schritt weiter:
    Er ist das Opfer von Trainern, die letztendlich ein "inspirationloses" System-Spiel
    von ihren Spielern verlangen u. diese nach dessen Erfüllungsgrad einsetzen.
    Das geht aber immer zu Lasten der fußballerischen Individual-Intuition von den
    Spielern, die besonders erfolgreich wären, weil sie unberechenbarer für den Gegener sind.
    Hat man Geduld mit solchen "Ausnahme"-Spielern, bringen sie nach einiger Zeit gerade "das dringend benötigte Plus mit, das Abwehr-Boll-Werke von Spitzen-Mannschaften knackt, während das monotone Spiel-System bald vom Gegner analysiert u. immer leichter in den Griff zu bekommen ist.
    Ich erinnere nur an Alan Simon: ca. 1 1/2 Jahre hat er gebraucht u. später ist er
    zum bisher einzigen Fußballer Europas von BMG gekürt worden! Ich war im UEFA-Pokal-
    Endspiel gegen Belgrad in Düsseldorf dabei. Infolge seiner Individualtität kam es
    zum Elfmeter gegen die "Beton-Wand" von Roter Stern Belgrad u. wir wurden UEFA-Pokal-Sieger!
    Arango, Camargo u. ähnliche Spieler hätten bei Favre gleichfalls sehr wenig gespielt, wenn er Alternativen gehabt hätte.
    Bei Mo Dahoud war es unter Favre genau so.
    Mo äußerte vor ein paar Tagen, dass er sich fortentwickelt hat im BMG-Spiel-System, aber deutete auch an, dass er die 'herausrangendste Begabung eines Fußballers', seine einmalige fußballerische Intuition dafür zurückfahren musste.
    Ich denke, dass einige außergewöhnliche Fußballtalente dem Zwang des kurzfristigen
    Erfolges unterliegen o. dazu gezwungen werden u. so ihre ganz besonderen Fähigkeiten in gewisser Weise opfern zum Nachteil dessen, was wir am Fußballspiel
    eigentlich "vergöttern".

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  2. Das ist eine Sichtweise. die mir sehr sympathisch ist. Aber ich würde nur zu Teil zustimmen. Ich denke, dass generell vielleicht inzwischen zu viel über "Fußballsysteme" gesprochen wird, auch von den Reporter-Schlaumeiern, die uns immer wieder neuen Taktiksprech präsentieren (macht mir ja auch Freude, drüber zu reden, das gebe ich zu). Doch ein Gerüst, wie sich eine Mannschaft im Verbund und als einzelner auf dem Platz zu verhalten haben, gab es schon immer - ob einst in der Manndeckung, dann in der Raumdeckung oder heute, wo durchaus auch mal eine Kombination aus beiden gewählt wird. Diese Systeme bezogen sich damals und heute vor allem auf die Defensive. Im Spiel nach vorn ist der Fußball aus meiner Sicht bis heute noch frei (anders als im Handball oder Eishockey, wo oft einstudierte Angriffe abgerufen werden).
    Ich habe Favres späteres System (am Anfang war es ja ein reines zurückziehen und effektiv verteidigen und aus der Abwehr heraus schnell kontern) so verstanden, dass es die Sicherheit im Spiel durch den Ballbesitz und das Zirkulieren lassen des Balls bis zum entscheidenden Pass in die Lücke der gegnerischen Verteidigung vorsieht. Was ab diesem Moment passiert, ist für die Spieler dann völlig individuell steuerbar. So sind die Tore ja auch teilweise fantastisch herausgespielt worden. Problematisch und unansehnlich wurde es unter Favre immer dann, wenn die "Lückensuche" dadurch stockte, dass die Ballzirkulation zu behäbig vor sich ging oder der Gegner gut gestört hat - weil man dieses "System" bei den Gegnern natürlich auch analysiert hatte.
    Bei Schuberts Siegesserie zu Beginn hat man in der Tat gesehen, dass es befreiend sein kann, wenn man keine taktischen Fesseln spürt. Doch wenn man sich vorne viel traut, kann das eben (wie zeitweise gesehen) auch schnell nach hinten losgehen. Selbst eine spielerisch limitierte Mannschaft kann dich eiskalt auskontern, wenn du vorne im Eins-gegen-Eins den Ball verlierst. Das passiert natürlich denen am häufigsten, die diese Situation lieben und sie suchen. Wenn man Borussias Gegentore analysieren würde, dann steht in der Mehrzahl der Fälle wahrscheinlich ein Ballverlust im Angriff am Anfang, die meisten davon sicher durch Raffael, Dahoud, Stindl oder Traoré. Wenn das passiert, ist es eben heute wichtig, dass jeder Spieler seine Rolle bei Ballverlust verinnerlicht hat, vielleicht auch, in weöcjher Situation er besser auf ein Dribbling verzichten sollte. Das geht sicher auf Kosten der Kreativität manches Spielers, aber es macht ihn für die Mannschaft wertvoller. Ich fürchte, dass sich Branimir Hrgota in dieser Hinsicht nicht so weiterentwickelt hat, dass er einen Raffael oder Stindl hätte verdrängen können. Und eine Narrenfreiheit, wie sie Ibrahimovic oder Ronaldo bekommen, gibt es eben nur für ganz wenige Spieler auf der Welt. Und wie man an den Nationalmannschaften der beiden sieht, ist das auch nicht immer der Schlüssel zum Erfolg.

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