Borussia vs. eine Zwölf und die Chefschwalbe

Wenn man es neutral betrachten wollte, könnte man sagen, dass Bayer Leverkusen heute als das cleverere und effizientere Team nicht unverdient weitergekommen ist. Die Gäste nutzten eine ihrer wenigen Topchancen, Gladbach wieder einmal nicht. Und somit muss man eine solche Niederlage schlucken und vor allem der eigenen Mansnchaft ankreiden - weil sie es nicht fertiggebracht hat, ein oder mehr Tore zu erzielen - was nunmal Voraussetzung für einen Sieg im Fußball ist.

Aber so rational will ich heute nicht denken. Weil Borussia aus meiner Sicht ein tadelloses Spiel abgeliefert hat, mit einer Not-Elf, die über sich hinausgewachsen ist. Die mental und körperlich alles reingeworfen hat, was in dieser Situation kurz vor der Winterpause noch drin war. Grandios unterstützt von echten Fans, die ebenfalls alles gegeben haben, obwohl sie von den fanfeindlichen Spielansetzern vom DFB zum zweiten Mal in dieser Pokalsaison zu dieser unsinnig frühen Anstoßzeit ins Stadion gehetzt wurden. Das ist für sich schon ein Unding - der verspätete Anpfiff war logisch für jeden, der die Verkehrssituation rund um Mönchengladbach kennt. Und natürlich kostet so ein Irrsinn mehrere tausend Zuschauer, die es eben nicht rechtzeitig in den Park schaffen können.

So leicht abhaken will ich das Spiel außerdem nicht, weil Borussia mutmaßlich und sehenden Auges um ein besseres Ende der Partie gebracht wurde - vom zwölften Mann der Gäste.
Ich weiß, ich schimpfe auch so schon oft über Schiedsrichter. Aber was sich Manuel Gräfe heute über weite Strecken der Partie geleistet hat, kann man kaum anders bezeichnen als Parteinahme für den Pillenclub. Mehrere übersehene gravierende Foulspiele gegen Gladbach sind das eine, etwa gegen Zakaria kurz vor dem Bayer-Strafraum in der Anfangsphase. Deutlich zu wenige Gelbe Karten gegen unsportlich auftretende Spieler wie Kohr, Retsos, Baumgartlinger oder den ewig lamentierenden und provozierenden Volland (aber auch gegen Stindl und Herrmann) gehören ebenfalls zu dem schwachen Bild, das das Referee heute abgab. Und natürlich wie das inkonsequente (Nicht-)Verhalten bei verschiedenen Provokationen der Chemietruppe und die lächerliche Nachspielzeit von einer Minute in der ersten Hälfte, in der allein der zweimal niedergestreckte Ginter schon drei Minuten auf dem Rasen behandelt wurde.
Aber dass Gräfe den Ellbogenchecker Havertz nicht nach dessen zweiter Attacke gegen Ginter vorzeitig zum Duschen geschickt hat, ist aus meiner Sicht durch gar nichts zu rechtfertigen. Es fehlen mir da einfach die Worte für die Wut, die ich über solche Ungerechtigkeiten verspüre. Beide Male hatte Gräfe gute Sicht auf die Szene. Beim ersten Mal zieht er völlig korrekt Gelb, beim zweiten Mal schont er den Spieler. Und das, obwohl er beide Szenen nach dem Spiel nicht einmal mehr auseinanderhalten können würde, so identisch waren sie.

Das, meine lieben Herren vom Fußballverband und der Schiedsrichterzunft, ist eine skandalöse Entscheidung, die das ganze Blabla von "Fair geht vor" und anderen ähnlich leeren Funktionärs-Phrasen ad absurdum führt. Havertz geht in beiden Szenen nicht mit dem Rücken zum Gegenspieler und mit den Armen seitlich in den Zweikampf, sondern mit einem Ellenbogen voran. Damit nimmt er in Kauf, dass er den anderen Spieler schwer verletzt, ob er das nun beabsichtigt oder nicht. Ich bekomme jetzt noch einen dicken Hals, wenn ich daran denke, dass Gräfe den gegnerischen Trainer quasi auch noch belohnt, indem er ihn in die Lage versetzt, mit elf Spielern weiterzuspielen. Denn natürlich wurde Havertz zur Halbzeit ausgewechselt. Klar, es ist nicht gesagt, dass der VfL das Spiel in Überzahl gewonnen hätte. Doch die Chancen hätten gut gestanden, zumal bei der Gladbacher Überlegenheit über weite Strecken der Partie. 

Ganz ehrlich: Ich habe es satt, dass mein VfL immer wieder - auch mithilfe solcher Entscheidungen - auf diese Art und Weise aus Pokalwettbewerben gekickt wird. Es kotzt mich an, dass wir am Ende immer wieder als die Blöden dastehen. 
Aufheitern kann mich da auch nicht die schon ungewollt komische, auf jeden Fall aber peinliche Schwalbeneinlage von Bayer-Trainer Heiko Herrlich. Im Gegenteil. Ich habe trotz seiner blöden Wechselgeschichte damals nichts gegen den früheren Gladbach-Stürmer, anders als manche Fans, die ihm das nie verziehen haben. Dass er sich anschließend für die Aktion entschuldigt hat, spricht aber nur vordergründig für ihn. Es war grob unsportliches Verhalten, mit dem Ziel, einen schnellen Einwurf von Gladbach zu verhindern und eine Strafe gegen Zakaria zu provozieren. Punkt. 
Sich nach dem Sieg dann für seine "ehrlichen Worte" feiern zu lassen, ist genauso heuchlerisch wie das Verhalten des Spielers Naldo, der nach dem Schalke-Spiel Kritik an der zurückgenommenen Elfmeterentscheidung übte, von der er persönlich und sein Team enorm profitiert hatten - obwohl er einer derer war, die zuvor vehement den Schiri bestürmt hatten, um die strittige Szene vor dem Elfmeterfoul durch den Videoschiri überprüfen zu lassen. Das passt einfach nicht zusammen.

Aber, auch das habe ich schon angedeutet: Ich will mir von so etwas heute nicht den guten Eindruck kaputtmachen lassen, den die Mannschaft (und die Borussia-Familie) heute zum Ausklang des Jahres hinterlassen hat. Natürlich konnte Mickael Cuisance auf der Raffael-Position heute den Maestro und seine unglaubliche Kaltschnäuzigkeit im Zweikampfverhalten nicht wettmachen. Der Junge kann so viele tolle Dinge - heute hat er in manchen Szenen einfach zu viel und zu stark mit dem Kopf durch die Wand gewollt. Aber daraus lernt er, genauso wie Reece Oxford, dem der unglückliche Ballverlust vor dem Gegentor unterlief. Die beiden haben heute, wie der bärenstarke Denis Zakaria, erneut bewiesen, was für eine tolle Arbeit bei Borussia gemacht wird, wenn es darum geht, immer wieder entstehende Lücken mit hervorragenden Talenten zu schließen. Das gelingt nicht immer auf einem so hohen Niveau (oder der nötigen Prise Glück) wie es heute notwendig gewesen wäre. Aber es gelingt schon erstaunlich gut.
Der VfL stellte sich heute vor dem Tor mit dem Bayer-Kreuz insgesamt etwas unglücklich an, ob nun Thorgan Hazard oder der vom Torschusspech verfolgte Patrick Herrmann. Beide machten dennoch ein richtig gutes Spiel, wie ihre Kollegen, von Sommer über Wendt, Ginter, das Schlachtross Vestergaard, Nico Elvedi, der sichtlich auf die Zähne gebisen hat, um spielfähig zu sein - und natürlich das "Phantom" Stindl, das für Gegenspieler meist nicht zu greifen ist und die Bälle aus jeder noch so ausweglosen Situation noch zum Mitspieler weiterleiten kann. Ja, das letzte Quäntchen hat heute gefehlt, um die Gäste dann auch verdient zu bezwingen. Doch die Hecking-Elf hat aufopferungsvoll gekämpft, unheimlich viele Bälle erobert, Leverkusens hervorragende Offensive gut kontrolliert, stabil gestanden und selbst gut nach vorne gespielt. Das ist angesichts der personellen letzten Rille, auf der die Mannschaft fährt, erstaunlich. 

Deshalb können wir mit erhobenem Haupt aus der Pokalsaison und in die Winterpause gehen. Hilft ja nix, es geht im DFB-Pokal ohne uns weiter, ob wir nun hadern oder nicht. Jetzt heißt es Krönchen richten, aufstehen, die kurze Pause nutzen und zum Rückrundenauftakt in K*** wieder angreifen. Die Mannschaft hat sich in der Bundesliga eine gute Ausgangsposition geschaffen. Die gilt es 2018 zu nutzen. Und wie wir in der Hinrunde gesehen haben, ist Gladbach konkurrenzfähig - egal, wer auf dem Platz steht. Das ist auch kein schlechtes Gefühl. Auch wenn es heute nur mäßig tröstet.

DFB-Pokal 2017/18, Achtelfinale: Borussia Mönchengladbach - Bayer Leverkusen 0:1

Kommentare

  1. Das spricht mir mal wieder aus der Seele. Konnte das Spiel nicht sehen, aber man liest ja hinterher so einiges (wie z. B. auch hier). Besonders die oh so wahren Worte über Schiedsrichter-Merkwürdig-Entscheidungen und auch das immer wieder überaus unsportliche Verhalten einiger Gegner. Ich frage mich nur, wieso das immer und immer wieder "bei uns" so passieren kann; warum dem nicht endlich mal ein Riegel vorgeschoben wird. Aber wehe, irgendein Gladbacher macht mal sowas (soll ja auch vorkommen), dann ist gleich - überspitzt gesagt, aber doch mit einem Körnchen Wahrheit versetzt - die Hölle los.

    Das bin ich auch soooo leid. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen tatsächlich mal hinterfragen (vermutlich ein sehr frommer Wunsch).

    Trotzdem, die Mannschaft - mal wieder nur noch auf der Felge unterwegs ob der vielen Verletzten - muss ein sensationelles Spiel geliefert haben. Hut ab vor all denen, die sich nochmal voll reingehauen haben und Hut ab vor unseren jungen Talenten, die aus meiner Sicht dabei sind, sich im eiskalten Haifischbecken Bundesliga mit Bravour freizuschwimmen. Ich hoffe, dass sich Cuisance und auch Oxford weiter so entwickeln und vor allem: Dass sie bleiben können und werden.

    In diesem Sinne: Genießen wir die fußballfreie Zeit und verschnaufen ein wenig und im Januar gibt es dann zum Anfixen etwas Hallenfußball, hoffentlich auch mit "alten Helden" der Weisweiler-Elf...

    Gruß,
    Fohlen

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