Chikras Schuss ins Glück

Für besondere Aufgaben braucht es besondere Spieler. Dass Christoph Kramer auf und neben dem Platz ein solcher ist, weiß man zwar in der Borussia-Familie. Doch auch er wächst nicht jeden Tag so über sich hinaus wie heute. Da war er zweifellos der Spieler des Spiels. Defensiv hatte er großen Anteil daran, dass Hannover nur selten in gute Angriffspositionen kam. Offensiv versuchte er immer wieder anzukurbeln, spielte deutlich weniger nach hinten oder quer als in den Spielen vor Dortmund. 
Er spornte seine Mitspieler in der Manier eines echten Leaders an, munterte lautstark auf, wenn einer seiner Vorderleute in schlechter Tradition der bisherigen Rückrunde wieder eine gute Chance versemmelt hatte. Und am Ende konnte es keinen wundern, dass er die Sache mit dem Toreschießen dann auch noch selbst in die Hand bzw. den Fuß nehmen würde. Wo doch oft von der fehlenden Führungsfigur gesprochen im Team wird - heute war sie da.

Chris Kramer war als defensiver Mittelfeldspieler heute zugleich der gefährlichste Angreifer. Weil er das Heft in die Hand nahm, als er merkte, dass seine Mitspieler angesichts der erneut verpassten Chancen, in Führung zu gehen, zunehmend verkrampften. Ab da wurde Kramer in der Gefahrenzone des Gegners agil wie selten.
Erst sein tolles Solo im Strafraum, bei dem nur noch ein wenig Frechheit zum erfolgreichen Abschluss gefehlt hätte. 
Dann der selbst vorgelegte, wunderschöne "Sonntagsschuss" ins Glück, den ich vor dem Fernseher mit einem ohrenbetäubenden "Jaaaaaaaaaaaaah" ins Netz der Norddeutschen begleitete. 
Und schließlich noch ein scharfer Schuss von der Strafraumgrenze, der leider geblockt wurde. Damit war "Chikra23" (Kramers Name bei Instagram) eindeutig der "Unterschiedsspieler" in Hannover. Und das, obwohl Borussia heute in fast allen Werten unterlegen war. Fast fünf Kilometer weniger gelaufen, weniger Torschüsse, weniger Ballbesitz und gewonnene Zweikämpfe - doch am Ende stand da eben dieses eine entscheidende Tor mehr auf der Anzeigetafel. Statistiken sind eben nicht immer verlässlich bei der Bewertung von Erfolg im Fußball.

Dass es aber überhaupt ein solches "Aufraffen" unseres Weltmeisters Kramer brauchte, hatte viel damit zu tun, dass der VfL sich weitgehend im Fahrwasser der vorhergehenden Wochen bewegte. Bessere Spielanlage, gute Aktionen, viele Topchancen, kein Ertrag. Und die stete Gefahr, dafür hinten einen reingemurmelt zu bekommen. 
Genauere Beschreibungen des heutigen Spiels erspare ich mir - mit dem Hinweis auf meine Texte der vergangenen Spiele (Wiederholungsgefahr!).
Auffällig war dennoch das eine oder andere. Raul Bobadilla machte für mich heute wieder ein sehr gutes Spiel, rieb sich in den Zweikämpfen auf, sicherte Bälle und leitete sie gut weiter. Das Spiel war schon etwas besser auf ihn zugeschnitten als letzte Woche, aber oft war er doch auch Einzelkämpfer in der Spitze. Selbst kam Boba nur zu einem Schuss, der zwar keine richtige Gefahr für Tschauners Tor bedeutete, von dem sich Kapitän Lars Stindl in Sachen Wucht und Entschlossenheit aber durchaus noch etwas abschauen könnte. Dessen Serie, in bester Position die falsche Ecke des Tores anzuvisieren, setzte sich leider auch heute wieder fort - genauso wie Jonas Hofmanns Vorliebe für den Klang von Bällen, die von Aluminium abprallen. 
Nico Elvedi machte heute eins seiner schwächsten Spieler, möglicherweise ja auch, weil er durch die kaum verheilte Verletzung noch gehandicapt war. Oder weil er auf der ungewohnten linken Abwehrseite mit einem agilen Ex-Borussen Juli Korb jede Menge zu tun hatte. Auch Vestergaard hatte in einigen Szenen heute Glück, war nicht so souverän wie gewohnt.

Andererseits gibt es aber heute keinen Grund, zu viel negativ zu bekritteln. Die Mannschaft spielte eine souveräne erste Hälfte, ließ in der zweiten Halbzeit nach, verteidigte aber mit einer kämpferisch überzeugenden Leistung geschickt und mit etwas Glück das "Zu-Null" gegen die aufkommenden Hannoveraner. In der Hinrunde hatte der VfL einen späten, eher unverdienten Sieg eingefahren, diesmal gab es über den verdienten Sieger keine Diskussionen. 

Und auch wenn es natürlich nervt: Die personelle Situation muss das eine oder andere einfach auch mal entschuldigen. Zehn potenzielle Stammspieler fehlten heute, dafür saßen drei junge Spieler ohne jegliche Bundesligaerfahrung auf der Bank (Egbo, Herzog, Mayer). Nico Elvedi musste offensichtlich auf die Zähne beißen, damit nicht Manni Egbo gleich von Beginn an ins kalte Wasser geworfen werden musste. Das war sicher keine so schlechte Maßnahme, denn der junge Engländer war nach seiner Einwechslung in den ersten Minuten doch noch sichtlich nervös.
Aber es ging gut, endlich mal wieder. Und das zählt.

Das Spiel heute war sicher kein Durchbruch, kein Freispielen aus der Torkrise. Aber es war etwas, das wieder etwas Ruhe ins Umfeld bringt und auf das man aufbauen kann. Jetzt gilt es, das gute Favre-Motto wieder herauszukramen und nur noch "von Spiel zu Spiel" zu denken. Auf die Tabelle zu schauen und über Chancen nach oben oder Gefahren von unten zu spekulieren, bringt ohnehin wenig. Dazu ist die Liga erstens zu unberechenbar, wie man etwa an der Siegesserie der Nichtfußballer aus Stuttgart sieht. Und zum anderen spielen jetzt Woche für Woche so viele direkte Konkurrenten gegeneinander, dass man die Auswirkungen auf die Tabelle kaum vorhersagen kann. Bremen ist also alles, was bis nächsten Freitag im Kopf unserer Borussen sein sollte. Und dann sehen wir weiter. In dieser Woche auf jeden Fall mit einem besseren Gefühl als zuletzt.



Bundesliga, Saison 2017/18, 24. Spieltag: Hannover 96 - Borussia Mönchengladbach 0:1 (Tor für Borussia: 0:1 Kramer)

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