Happyend beim Grottenkick

Dass es auch noch solche Spiele gibt: Der Gegner ist vor dem Tor so effektiv wie sonst der VfL, Gladbach schlägt spät eiskalt zu und gewinnt ziemlich unverdient.
2:1 statt einem eigentlich folgerichtigen 0:5 also. Keine Frage: Das nehme ich in dieser Saison gern auch mal mit. Ich freue mich auch für Thorgan Hazard, der endlich wieder mal getroffen hat. Und für Patrick Herrmann, der immerhin ein gefühltes Tor erzielt hat (obwohl ich dabei bleibe, dass das kein Abseits war). Gut war, dass Borussia einmal mehr zurückgeschlagen hat nach einem Rückstand. Aber das war es dann auch schon mit den positiven Dingen.

Denn das Spiel heute reißt mehr Gräben auf, als das am Ende gute Resultat überdecken kann. Das war auch im Stadion deutlich zu hören. Und obwohl ich meine Mannschaft nie auspfeifen würde - ich konnte den Frust des Publikums sehr, sehr gut nachvollziehen. Nicht allerdings die konfrontativen Szenen nach dem Spiel in der Nordkurve. Es hat keinen Sinn, wenn Spieler und Fans in den verbalen Infight gehen. Dadurch wird nichts besser. Dennoch darf und muss man natürlich den Auftritt heute kritisieren dürfen.

Liebe Elf vom Niederrhein, seit vielen Wochen gibt es von Euch Spielern über social media und die anderen Kanäle die gleichen Sprüche und Ansagen bezüglich des nächsten Spiels und des Ziels "Europa". Dass ihr euch steigern wollt, noch mal angreifen - und dass ihr alles versuchen werdet. Jede Woche die gleichen Analysen vom Trainerteam in der Pressekonferenz, dass man schneller und gezielter nach vorn spielen muss, dass man besser verteidigen muss und, und, und.

Und was passiert? Bei besten äußeren Bedingungen, zur besten Fußballzeit, mit einem erstmals qualitativ wieder hervorragend besetzten 18er-Kader? Im Heimspiel gegen die Hertha, den seit vielen Jahren wohl punktemäßig freigiebigsten Gegner, den Borussia hat? Eine Mannschaft, die seit Wochen auch nicht viel auf die Kette bekommt und somit ein guter Gegner für eine entschlossen und geschlossen auftretende Mannschaft sein sollte? Was passiert? Nichts. Genau die gleiche Grütze wie seit Wochen. Nur diesmal eine ganze Stunde lang. 
Die erste Halbzeit heute war einfach zum Abgewöhnen. 45 Minuten lang ängstliches, ratloses Quer- und Zurückgespiele: Pomadig, kraftlos, harmlos, uninspiriert. Was kam von Euch? Kampf, ja - und Krampf: Stückwerk, Stockfehler, Fehlpässe, Ballgeschiebe. Und zu wenig aktive Laufarbeit im Angriff, um dem Spielaufbau auch die Möglichkeit zu geben, schnell Anspielstationen zu finden. 
Der einzige, der ein bisschen Übersicht bewies, war ein 18-Jähriger, dessen Weltklassepass in den Strafraum und dessen scharfer Distanzschuss jeweils ein Törchen verdient gehabt hätten. Das wäre allerdings bei dem Spielverlauf der reine Hohn gewesen. Es war letztlich Euer Glück, dass die (nicht mal herausragenden) Berliner nicht zur Pause schon klarer in Führung lagen und euch am Leben gelassen haben.

Nun hat eine Halbzeitpause ja oft den Effekt, dass man als Trainer eine schlafende Mannschaft wecken oder mit einer anderen Einstellung zurück ins Spiel schicken kann. Bei Borussia gelingt auch dies aber leider oft nicht. Die ersten Minuten gingen gerade so armselig weiter, und wenn Yann Sommer nicht gleich nach dem Wiederanpfiff mal wieder einen Weltklassereflex gegen Kalou gezeigt hätte, wäre das Spiel wohl völlig in die Binsen gegangen.
Nun gut, mit zunehender Spielzeit wurde die Partie offener, auch weil Hertha etwas passiver wurde. Die Umstellung auf ein 4-4-2-System und die Einwechslung von Thorgan Hazard machten sich - mit Verzögerung - positiv bemerkbar. Doch dazwischen lagen auch immer wieder erschreckende Fehler in der Rückwärtsbewegung und im Zweikampfverhalten in der Defensive, die der Hertha noch gut und gerne drei bis vier Tore ermöglichten. 
Wirklich gut war es also bis zum Ende nicht. Aber mit Hazard, Drmic und Hofmann wurde das Gladbacher Spiel zielstrebiger, Hertha fiel es nicht mehr so leicht, die Räume zuzustellen. Und natürlich merkte man gerade bei den in der ersten Hälfte völlig indisponierten Raffael und Stindl, wie wichtig Hazard als Laufmaschine und Lückenreißer für das Funktionieren der VfL-Angriffs ist. Plötzlich hatten alle mehr Zug in ihren Aktionen, die Laufarbeit wurde effektiver und die Angriffe präziser. Es ging diesmal gut, die drei Punkte sind im Sack, auch wenn sie in vielen anderen Spielen der Saison deutlich verdienter gewesen wären. Aber es war auch ein klares Zeichen, dass das jüngst eingeführte 3-5-2 nur dann funktioniert, wenn alle an ihre Grenzen gehen. Dazu fehlte heute einiges.

Aber nochmal ganz im Ernst: Das Spiel von heute kann nicht der Anspruch dieser Mannschaft sein. Eines Teams, das angesichts des doch erheblichen Rückstands auf Platz sieben jetzt eher frei aufspielen können müsste. Zu einer Mannschaft, die sich nach oben orientieren will, gehört, dass man solche Spiele wie heute nicht verliert und die, die man überlegen bestreitet, gewinnt. Zu einer Mannschaft mit Europa-Ambitionen gehört aber auch, dass sie ihre Nerven im Griff behält und nicht unter dem selbst auferlegten Sieges-Druck dann zusammenbricht und auf Angsthasenfußball umschaltet. 

Wir haben in dieser Saison schon viele Höhen und Tiefen hinter uns und sehr viele seltsame Spiele erlebt. Das heute hat noch einmal eine neue Facette der Seltsamkeit geliefert, aber ein zweites Mal gewinnt man eine solche Partie wohl auch nicht. Also gilt es, das Gute daraus zu saugen, die Fehler konsequent aufzuarbeiten und - den Rest schnell zu vergessen. Denn mit einer Leistung wie heute setzt es selbst gegen eine möglicherweise nach dem Meistertitel nicht mehr ganz fokussierte Bayern-Mannschaft ziemlich sicher mindestens ein halbes Dutzend Gegentore. Und dafür habe ich nach dem Gekicke heute wirklich gar keine Nerven mehr.

Ach ja: Zum Videobeweis sage ich heute nicht viel. Bibiana Steinhaus hat zweifellos gut gepfiffen. Aber es ist und bleibt lächerlich, wenn Videoassistenten Tore mal wegen Zentimeter-Abseits wegpfeifen, dann wieder nicht und im dritten Fall vielleicht noch nicht einmal eine brauchbare Kontroll-Linie zur Verfügung steht, um das auf dieser Basis zu entscheiden. Anhand der Fernsehbilder ist es für mich inakzeptabel, dass Herrmanns Tor zurückgenommen wurde, zumal zum Beispiel vor einer Woche ein ganzer Lewandowski ungestraft im Abseits stehen durfte. Und wenn künftig mithilfe der Technik ständig zehennagelbreites Abseits wie beim vermeintlichen 1:1 geahndet wird, pervertiert das auch den Spielgedanken und den Sinn des Abseits. Entweder, man geht bald zum Ausgangsgedanken zurück, dass der Stürmer sich mit der strafbaren Abseitsstellung einen unzulässig großen Vorteil verschafft - also zumindest deutlich sichtbar für jeden im Stadion im Abseits steht. Oder man muss einen anderen Weg finden, wie man dieses "mal so, mal so" in den Griff bekommt, das sich durch die Entscheidungen in dieser Saison zieht. Ich glaube aber kaum, dass das gelingt. Zum zweiten Videobeweis muss man wirklich nicht viele Worte verlieren. Wenn der VAR dieses glasklare Foul nicht gesehen und angesagt hätte, dann hätte ich meine Karriere als Fußballgucker mit sofortiger Wirkung beendet. 

Bundesliga, Saison 2017/18, 29. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hertha BSC 2:1 (Tore für Borussia: 1:1 Hazard, 2:1 Hazard FEM)

Kommentare

  1. Habe nur die Zusammenfassung gesehen und fand die Aberkennung von Herrmanns Tor (ca. eine Fußlänge mit dem Rücken zum Tor!!) einfach nur lächerlich. Dabei haben die doch im *ölner Keller angeblich keine kalibrierten Abseitslinien?! Das entbehrt jedweder Logik im Sinne von "im Zweifel für den Angreifer". Über die Willkür des (Nicht-)Eingreifens des VAR ist an dieser Stelle alles gesagt und wenn man sich nicht schleunigst - bzw. spätestens zum Beginn der neuen Saison auf einen Modus einigt, an den sich ALLE zu halten haben (!!!), dann ist aus meiner Sicht der Video-Beweis an die Wand gefahren worden.

    Schlussendlich kann man wirklich froh sein, dass die Hertha so großzügig war im Versemmeln von Chancen. Ich nehme am Ende des Tages auch gern mal ein paar "dreckige" Punkte.

    Normalerweise bin ich auch keiner, der sofort "Trainer raus" ruft, aber von Hecking bin ich schon seit einiger Zeit nicht mehr überzeugt. Anfangs war es gut, um wieder Stabilität reinzubringen, aber mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass die Mannschaft unter ihm nicht weiterkommt, sich nicht weiterentwickelt. Ich bin der Meinung, man sollte zum Ende der Saison einen Schlussstrich ziehen und jemand anderen holen. Menschlich ist DH absolut in Ordnung, aber irgendwie passt es dann doch nicht mit Borussia, leider.

    Der Zug nach Europa ist für meine Begriffe weg, aber dass Eberl alles auf den Prüfstand stellen will, das halte ich für überaus sinnvoll.

    Gruß,
    Fohlen

    AntwortenLöschen
  2. Mit der Trainerfrage tue ich mich traditionell schwer. Dass das in dieser Saison definitiv zu wenig war, von Spielern und vom Trainerteam, das sehe ich so. Allerdings gab es ja auch erhebliche Einflüsse von außen (allen voran die Verletzungen), die eine klare Schuldzuweisung erschweren.
    Ich habe DH bislang nicht als besonders innovativ bei der fußballerischen Weiterentwicklung von Mannschaften wahrgenommen. Andererseits sehe ich schon, was er mit taktischen Umstellungen oder seinen Wechseln bewirken will, auch wenn das nicht immer funktioniert. Natürlich bin auch ich da vom akribischen Taktikfuchs Favre etwas verwöhnt, dagegen wirkt Dieter Hecking schon etwas "herkömmlich". Andererseits sehe ich auf dem Trainermarkt gerade auch niemanden (realistisches), gegen den ich DH jetzt unbesehen eintauschen wollen würde.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.