Erhaltet den Familienfrieden


Erfolg ist schön. Erfolg macht glücklich. Erfolg sorgt für Hochgefühle, vor allem, wenn man ihn lange nicht genießen konnte. Erfolg zieht aber auch Menschen an, die sich in ihm sonnen wollen, ohne ihn wirklich schätzen gelernt zu haben. Die sagenhafte Wiederaufstehung von Borussia Mönchengladbach nach Fastabstieg und Relegationsmärchen ist ein Riesenerfolg. Das wird niemand bestreiten. 
Doch 2011 ist lange her. Und 2018 hat Borussia nicht mehr nur ein sportliches Problem, auch mit gestiegenen Erwartungen rund um den Borussia Park. Nein, auch das stets von uns allen stolz hochgehaltene Bild einer geschlossenen, auch durch Misserfolge gestählten und eisern zusammengeschweißten Borussia-Familie bekommt immer öffentlicher zutage tretende Risse.
Das zeigte sich in dieser Saison (zu) oft im Stadion, wo länger schon keine heile Welt mehr herrscht, wenn es nicht so läuft. Wo Teile des "einig' Volk von Brüdern" sich untereinander offen kritisieren und aufreiben. Wo der Funke im Zusammenspiel zwischen Mannschaft und Fans immer seltener überspringt, weil Unzufriedenheit auf der einen und auf der anderen Seite bisweilen das Gefühl, unverstanden zu sein, sich tief in das so oft gerühmte familiäre Verhältnis im Verein eingefräst hat.

Doch damit nicht genug. Die Gewalt, die von einzelnen Fans im VfL-Trikot jüngst ausgeübt wurde, und das zum Teil auch noch gegen Fans der eigenen Mannschaft, bringt die oberflächlich heile Welt in Mönchengladbach vollends ins Wanken. Und es ist ein Alarmzeichen, das man nicht kleinreden darf, selbst wenn es sich nur um wenige "Täter" handelt.
Es ist widerwärtig, wenn in einem geschützten Raum wie einem Fanzug eine Frau sexuell belästigt oder gar missbraucht wird. Es ist genauso widerwärtig, wenn auf der Rückreise von Spielen Gladbach-Anhänger andere Zugreisende bepöbeln, beklauen oder wie zuletzt geschehen, sich von anderen angefeuert, gegenüber Frauen entblößen oder anderweitig belästigend auftreten. Über Ausraster wie den eines ehemaligen Vorsängers, dessen brutaler Tritt im Stadion vor einiger Zeit fast tödlich geendet hätte, ganz zu schweigen.

Auch wenn diese Extremfälle natürlich viel mehr mit der Persönlichkeit des jeweiligen Täters zu tun haben als mit der Zugehörigkeit zu einer Fangruppe: Taten wie diese vergiften unsere Fangemeinschaft. Weil solche Dinge eben keine reinen Einzelfälle mehr sind, ist inzwischen nicht nur der gute Ruf des VfL in Gefahr, sondern der Frieden in der gesamten Borussia-Familie. Und dann hilft es auch nicht mehr, dem jeweiligen Täter abzusprechen, dass er Borusse sei. 
In unserer Gesellschaft ist es wichtiger denn je, zusammenzuhalten und aufeinander aufzupassen. Das muss aber doch noch viel mehr für eine Fanszene gelten, die sich zusammen freut. leidet, jubelt und weint. Doch was ist davon übrig geblieben? Wenn ich lesen muss, dass in der Nordkurve irgendwelche Honks unseren Torwart beleidigen, frage ich mich, was hier eigentlich los ist. Reicht es nicht schon, dass viele Fans in den sozialen Medien auf unerträgliche Weise Gift und Galle spucken, über alles und jeden, der nicht das leistet, was sie sich so vorstellen - oder gegen den, der es wagt, Mannschaft, Manager oder Trainer in manchen Dingen zu verteidigen? 

Ich muss sagen, dass mich vieles von dem, was ich da lese und höre, tief erschüttert und beschämt hat. Natürlich kann man mit der sportlichen Entwicklung, vor allem mit dem "Wie" in dieser Saison nicht zufrieden sein. Aber so wie Borussias zwölfter Mann" bisweilen präsentierte, weiß ich nicht, wo die Baustelle manchmal größer ist. 
Ich will nicht falsch verstanden werden: Natürlich weiß ich, dass der allergrößte Großteil der Fans sich benehmen kann und sich auch differenziert mit der Situation auseinandersetzt. Aber die, die das nicht können oder wollen, sind leider erheblich lauter oder hörbarer geworden. Und es ist zu befürchten, dass das ungute Entwicklungen in Gang setzen kann, die am Ende dem Verein eher schaden als nützen.

Ja, sportlich ist es - gerade unter dem Eindruck der vergangenen Wochen - keine zufriedenstellende Saison gewesen. Und die Fragen nach einem erfolgversprechenden Konzept, einer Neuausrichtung, nach der fehlenden Spielkultur sind alle gerechtfertigt und überwiegend auch schon gestellt worden. Warum es hakt, ist trotz aller gerechtfertigten Entschuldigungen nicht so ganz nachvollziehbar. Es scheint etwas verloren gegangen zu sein, was Teamspirit oder das Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit angeht. 
Dabei ist ja nicht alles plötzlich schlecht. Ich würde mir zum Beispiel von den Spielern mehr Selbstbewusstsein wünschen, mehr breite Brust auf dem Platz - denn das, was Borussia ist und was man sich erarbeitet hat, das ist nichts, für das man sich schämen muss. Diese Mannschaft kann nachweislich Bayern München schlagen. Und: Sie hat auch sehr viel richtig gemacht in den letzten Jahren.

So wie Martin Stranzl vor kurzem im Borussia-Podcast gesagt hat: Wenn Gladbach das Pokalhalbfinale gegen die Bayern damals gewonnen hätte, hätten wir in dem Jahr wohl auch noch um die Meisterschaft mitgespielt. Davon ist er noch heute überzeugt - ich übrigens auch. Dieser Funken, dieses Gefühl – wir können es schaffen, wenn wir nur genug daran glauben, das hat die ganze Borussia-Familie damals geeint. Schon in den Relegationsspielen 2011, mehr noch in besagtem Spiel gegen die Bayern 2012. Davon ist viel verloren gegangen, in der Normalität von Borussias neuer Rolle als potenzielles Spitzenteam in der Bundesliga. Es ist verloren gegangen im Team, aber auch ein wenig auf den Rängen.

Denn Erfolg ist für uns VfL-Fans heute etwas anderes als zu Beginn der Favre-Ära. Allerdings begleitet mich dafür heute auch seltener dieses seltsame Gefühl, dass ich am Ende aus einem schönen kurzen Traum aufwache und Gladbach in der zweiten Liga wiederfinde. 
Die Kollegen aus der verbotenen Stadt haben genau das geschafft. Nach vielen Jahren Misswirtschaft und Großmannsucht (woher kennen wir das bloß?) hat man in Köln vier Jahre lang behutsam Verein und Team neu aufgebaut - um mitten im ersten Erfolgserlebnis seit Jahrzehnten, der Euro-League-Teilnahme, wieder ganz brutal auseinander zu fallen. 


Borussia dagegen hat in den vergangenen drei Jahren zwei Hinrunden und jetzt die Rückrunde völlig verpatzt. Trotzdem ist die Mannschaft nie in Abstiegsgefahr geraten, selbst Trainerwechsel und die ständigen Topspieler-Verkäufe haben uns nicht aus der Bahn geworfen. Die Mannschaft spielt konstant um die europäischen Plätze mit, auch wenn es jetzt zweimal hintereinander nicht geklappt hat. Ich bin Gladbach-Fan seit 1977 und habe wie alle anderen, die länger als 2011 dabei sind, viel mitgemacht mit dem Verein – unter dem Strich mehr Schlechtes als Gutes.
Das vergisst man schnell, es ist aber so. Und deshalb hat Max Eberl auch recht mit seinen Mahnungen, mit seiner nüchternen Einordnung von Borussias Rolle in der Liga, auch wenn uns die immer gleichen Sprüche über Anspruch und Wirklichkeit längst zu den Ohren herauskommen.
Es ist ja nicht so, dass sich aus dieser Vorsicht in der Chefetage kein Potenzial ableiten ließe, dass der VfL die Rolle einnimmt, die wir uns nach den guten Jahren sehnlichst wünschen –den nächsten Schritt zu machen, mal um einen Titel mitzuspielen, die Entwicklung der vergangenen Jahre zu krönen oder gar mal über mehrere Jahre eine Topmannschaft aufzubauen, die nicht alle zwei Jahre ihre stärksten Spieler wieder abgibt. Dabei ist es schon eine Herausforderung, den anstehenden Umbruch, die „Nach-Raffael-Ära“ rechtzeitig und ohne Leistungseinbrüche über die Bühne zu bringen.
Damit das klappt, dafür hat der Verein tolle Rahmenbedingungen geschaffen. Er hat außerhalb des Borussia Parks einen gigantischen Sprung gemacht, der die meisten Fans zwar nur am Rande interessiert, der aber für das sportliche Überleben in der höchsten Spielklasse unverzichtbar sein wird. 
Borussia hat gerade erst den zweithöchsten Umsatz der Vereinsgeschichte gemacht - in einem Jahr ohne Europapokaleinnahmen und ohne ganz große Transfers. Dass unter dem Strich noch ein Gewinn von sechs Millionen Euro bleibt, ist eine betonenswerte Leistung. Die Borussia vor Schippers und Eberl hätte dies sicher nicht abfangen können. Spielerverkäufe wären die zwingende Folge gewesen. 
Der Verein hat sich finanziell nicht nur saniert, er löst auch Schulden für das Stadion ab, er erschließt sich mit dem Hotel neue Einnahmequellen, die weitgehend unabhängig vom aktuellen Abschneiden der Mannschaft sein werden. 
Und er investiert in die Attraktivität Borussias als Ziel junger Spieler – mit erstklassigen Arbeitsbedingungen, dem erweiterten Internat und: mit dem bekannten Weg, junge Spieler zu entwickeln, ihnen den nächsten Schritt zu ermöglichen. Dass das Umfeld des Vereins einen hervorragenden Ruf genießt, hilft da zusätzlich.

Wer bis hier gelesen hat, wird bemerkt haben, dass der Text sich sehr kritisch mit der Situation in und um den Borussia Park auseinandersetzt. Und das, obwohl Fans und Team doch gerade in den letzten Saisonspielen wieder deutlich näher zusammengerückt sind. Dieser Eindruck trügt nicht, denn den Text habe ich zu etwa 90 Prozent schon bis Mitte April geschrieben, als sich die schlechten Nachrichten abseits des Platzes mit den kümmerlichen Leistungen auf dem Platz zu einer gefährlichen Stimmung verbunden hatten. Ich hatte vorher keine Zeit, ihn so fertigzustellen, wie ich es gern wollte. Deshalb blieb er als Entwurf liegen. Nun, wo ich die Saison 17/18 noch mal tiefgründiger - abseits der Spieltagsaktualität - beleuchten will, habe ich mir diesen Text als erstes vorgenommen. 
Ich hätte ihn aufgrund der doch wieder besseren Stimmung im Stadion zum Saisonendspurt deutlich umschreiben können. Das wäre sicher auch gegenüber der gesamten Fanszene gerechtfertigt gewesen. Ich habe mich dagegen entschieden. Denn das, was ich hier skizziert habe, ist ein über Jahre schleichender Prozess, der sich aus meiner Sicht jederzeit wieder Bahn brechen kann. Damit meine ich natürlich weniger die Gewalttaten als die atmosphärischen Störungen zwischen Publikum und Team bzw. Vereinsführung. 
Ich schaue dieser Entfremdung ein wenig hilflos zu, weil ich beide Seiten verstehe. Auch ich bin unzufrieden. Auch ich habe die Befürchtung, dass nach zwei mittelmäßigen Spielzeiten der Trend wieder nach unten zeigen könnte. Auch ich habe Zweifel, ob der Trainer der ist, der Gladbach auf die nächste Stufe nach oben hieven kann. Vom Können und der Erfahrung her sicher, aber das ist nicht immer ausreichend, sonst würde es jedes Jahr viele Meister geben. Ich kann nur hoffen, dass es Max Eberl gelingt, gegen zunehmende Konkurrenz und ohne den Reiz "Europa" den Kader so gestalten kann, dass es wieder aufwärts geht und wir nicht im Mittelmaß steckenbleiben. 
Doch wie die meisten Fans kann ich weder die Arbeit der medizinischen Abteilung noch die des Trainerstabs noch die der Vereinsführung auf einer wirklichen belastbaren Faktenbasis kompetent bewerten. Ich muss das bewerten, was auf dem Platz passiert, kann Tore, Gegentore, Ergebnisse und die Leistungen der Akteure anschauen, äußere Einflüsse einbeziehen und am Ende sagen, ob zufriedenstellend war, was herauskommt oder eben nicht. Aber ich weiß nicht, was zwischen den Spielen passiert, wie im Hintergrund gearbeitet wird. Was manchen Spieler daran hindert, sein Leistungsvermögen auszuschöpfen. Welche Stimmung intern herrscht usw. 
Mein Bild wird also immer ein unvollständiges bleiben. Das heißt nicht, dass ich nicht aus meinen Informationen sinnvolle Schlüsse ziehen kann. Aber denen, die als Teil des Teams ein vollständiges Bild zur Verfügung haben, abzusprechen, dass sie nicht genauso zutreffende urteilen könnten, hielte ich für Anmaßung. Im Fußball hängt viel vom Zufall ab und natürlich vom Gegner - ob nun auf dem Rasen oder abseits davon in der wirtschaftlichen Konkurrenzsituation um begehrte Spieler oder Einnahmen.

Was will ich damit sagen? Jeder kann natürlich einfache Wahrheiten haben: "Hecking raus", "Eberl raus", "Hazard verkaufen" oder was sonst so in der Enttäuschung und Wut über eine Niederlage schnell rausgehauen wird. Die Wirklichkeit ist aber auch da vielschichtiger, denn das Austauschen von Personen garantiert noch gar nichts. Aber wenn sich eine solche Anti-Stimmung festsetzt, vergiftet sie stetig den Zusammenhalt in der Borussia-Familie. Die wütenden Ausbrüche von Max Eberl gegenüber Teilen der Fans sind ein Symptom für den bröckelnden Rückhalt innerhalb der Vereins-Familie, und weil seine Aussagen natürlich auch über das Ziel hinausschossen, verschärfen sie einen aufkeimenden Konflikt, der uns daran hindert, das zu schaffen, was wir alle wollen: Erfolg. Womit ich wieder am Anfang meiner Gedanken wäre.

So, das war jetzt sehr grundsätzlich. Aber keine Angst, es folgt in nächster Zeit noch die Bilanz, die sich vor allem mit dem beschäftigt, was sich auf dem Platz abgespielt hat. Der Blick auf die Ränge war mir dennoch wichtig. Denn ich bin gern Teil einer funktionierenden Fan-Familie und möchte, dass das so bleibt.

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