2018-05-22

Saisonbilanz I: Spieler

Auch wenn man die Saison Spiel für Spiel begleitet hat und unter dem Strich eine Bilanz der gesamten Mannschaftsleistung zieht, ist es doch hilfreich, sich auch jedem Spieler einzeln noch einmal zu widmen. Auch hier wird das große Problem der Spielzeit wieder deutlich - die vielen Verletzungen, die sich auch in der Saisonbilanz vieler Akteure deutlich niederschlagen. Es wäre mehr drin gewesen, heißt es auch hier. Und bei manchen Spielern führt das sicher auch zur Überlegung, ob sie den Verein verlassen, wenn die durch die Blume angekündigten Transfers realisiert werden.

Tor

Yann Sommer: Die Nummer eins spielte eine Hinrunde mit Höhen und Tiefen, sah da bei manchem der zu vielen Gegentore nicht glücklich aus. Er hatte zwischenzeitlich mit negativen Zwischentönen aus der Nordkurve zu tun, verarbeitete das aber prima und entwickelte zum Ende der Saison wieder die Form, die ihn zum großen Rückhalt macht. Gegen den HSV verhinderte der Schweizer Nati-Keeper alleine mit drei Top-Paraden eine Blamage. Sommer ist wieder on fire, eine gute WM könnte ihm weiter Auftrieb geben.

Tobias Sippel: Bekam mehr Spielzeit als er selbst wohl erwartet hatte. Gewohnt zuverlässig während Sommers zwei Verletzungspausen, souverän beim Sieg gegen Stuttgart, an den folgenden vier Niederlagen traf ihn keine Schuld. Beim 1:6 gegen Dortmund wurde Sippel von den Teamkollegen sträflich im Stich gelassen und durfte sich im folgenden Spiel leider nicht mehr rehabilitieren. Ich habe schon länger keine Bedenken mehr, dass Borussias Spiel unter einem verletzungsbedingt erzwungenem Torwartwechsel leiden würde.
Hier sind wir einfach ausgewogen besetzt. Ein gutes Gefühl.

Abwehr

Jannik Vestergaard: Der schier unverwüstliche Abwehrrecke hat mich in dieser Saison überzeugt - mit einigen Ausreißern. Ruhig und mit gutem Timing räumt er viele Gefahren ab, bevor sie entstehen können. Viele Gegner bricht er mit seiner physischen Präsenz, und das ganz ohne Ellenbogen auszufahren oder anders unsportlich zu Werke zu gehen. Auch bei Kontern oft noch erstaunlich gut in den Laufduellen und präzise bei Grätschen. Allerdings verlor er in manchen Druckphasen, vor allem aber bei den hohen Niederlagen gegen Dortmund, Leverkusen und Bayern, bisweilen den Überblick - wie seine Nebenleute. Das kann passieren, sollte es aber nicht zu oft. Als Kopfballspieler in der Offensive zeigte Vestergaard seine Stärken: drei Tore sind in Ordnung. Allerdings verlor er sein Drohpotenzial im Laufe der Saison mehr und mehr. Dass er da nicht mehr so gut zum Zug kam, lag aber weniger an ihm als an der Harmlosigkeit der Flanken, Ecken und Freistöße. Der Däne kann natürlich bei der WM noch weiter auf sich aufmerksam machen, aber eigentlich halte ich ihn auch nächste Saison für eine Bank in unserer Abwehr. Sehe ihn (noch) nicht als Wechselkandidaten.   

Oscar Wendt: Eine seiner Funktion als Routinier nicht würdige durchwachsene Vorrunde, die ihn den Stammplatz gekostet hätte, wenn es eine ernsthafte Konkurrenz (wie den nach Hoffenheim abgewanderten Nico Schulz) gegeben hätte. Doch noch bitterer wurde es, als sich Wendt verletzte und Hecking noch weiter improvisieren musste. Da fehlte der Schwede dann doch merklich. Zumal er zum Ende der Saison wieder stabiler wurde, aber nicht ohne die üblichen Fahrlässigkeiten, wie etwa der schwach geklärte Ball vor dem 2:1 der Hamburger. Oscar Wendt ist einer der erfahrensten Spieler in der Mannschaft und Vizekapitän. Davon war in der abgelaufenen Saison allerdings zu wenig zu sehen. Statt die jungen Spieler zu führen, schien er teilweise mehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. 

Tony Jantschke: Keine Hauptrolle in dieser Saison, da viel verletzt. Defensiv mit gewohnt zuverlässiger Leistung in den 13 Einsätzen, zwischendurch aber auch mit Schwierigkeiten, sich so nach vorne mit einzuschalten, wie es etwa Elvedi über rechts tut. Höhepunkt der Saison war sicher die Flanken-Torvorlage auf Drmic gegen Freiburg. Das war zum Einrahmen, ist nun aber auch nicht jede Woche von ihm zu erwarten. Die Perspektiven bei Gladbach sind nach wie vor da, dafür hat sich Tony auch ein zu großes Renommee erarbeitet. Aber es wird nicht leichter für ihn, Spielzeit zu bekommen, wenn alle fit sind. Er ist kein stürmender Verteidiger, wie er mittlerweile oft gefordert ist. Er ist auch keiner für den Spielaufbau. Ich bin sehr gespannt auf die nächste Saison, denn bisher hat der "Fußballgott" sich doch immer wieder seinen Teil Spielpraxis erkämpft.

Matthias Ginter: Der Weltmeister spielt unaufgeregt, effektiv und mit 5 Toren und zwei Assists auch vorne äußerst erfolgreich. Die hohe Transfersumme hat sich für Gladbach ausgezahlt. Ginter ist Borussias einziger deutscher Nationalspieler mit WM-Chancen und er hat sich dies auch verdient. Als einziger absolvierte er alle Spielminuten in der Saison, und das nach einem kurzen Sommer mit dem Confed-Cup und wiederum davor einer Saison bei Dortmund mit mehr als 30 Einsätzen. Dass am Ende der Saison bei ihm ein wenig die Substanz gefehlt hat, ist ihm (und natürlich Lars Stindl) am ehesten nachzusehen. Natürlich, auch er war (wie Vestergaard oder Elvedi) in dem einen oder anderen Spiel leicht überfordert. Aber die Erfahrung nimmt er mit ins neue Spieljahr.

Nico Elvedi: Hatte wohl am meisten zu leiden in dieser Saison. Überall, wo sich in der Abwehr verletzungsbedingt Löcher auftaten, musste sich der Schweizer bewähren. Er tat es auf seiner angestammten Rechtsverteidigerposition, auf beiden Seiten in der Innenverteidigung und zeitweise als Linksverteidiger. Elvedi opferte sich für die Mannschaft auf, sah dabei nicht immer souverän aus, aber er löste alle Aufgaben mit bewundernswerter Ruhe, Ausdauer und Kampfeswillen. Auch nach vorne setzte er Akzente: zwei Tore und drei Assists sprechen eine klare Sprache. Gleichwohl ist Elvedi noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen. Nachdem ich ihn am Anfang gern auf der Außenverteidigerposition gesehen habe, weil ihm die Spielfeldbegrenzung auf der einen Seite eine gewisse Sicherheit in der Zweikampfführung zu geben schien, denke ich, dass er jetzt reif ist für die Innenverteidigung, auch in einer Dreierkette.

Reece Oxford: Es hätte besser laufen können für den Briten, der sicher gern bei Borussia geblieben wäre. Ein Spieler mit viel Entwicklungspotenzial, der in den wenigen Spielen, die er machen durfte, einiges davon andeutete. Bitter für ihn, dass sein Fehler letztlich zum Aus im Pokal führte. Dennoch: Hätte West Ham nicht mit seinem hoffnungsvollen Talent nur pokern und Kasse machen wollen, wäre vielleicht eine Verpflichtung oder erneute Leihe denkbar. Sinnvoll wäre es wohl für alle Seiten. Aber so ist das Preisschild einfach zu groß, als dass Max Eberl noch mal in Verhandlungen gehen würde. Schade um einen guten Jungen.
 
Mittelfeld

Tobias Strobl: Die Verletzung in der Saisonvorbereitung, das Comeback kurz vor Schluss - eine Bewertung von Tobi Strobl ist nicht anhand des einzigen Auftritts gegen Freiburg möglich. Da stand er allerdings so, wie man ihn kennt. Solide, abgeklärt, mit einem tollen langen Ball zur Torvorlage. Es ist gut, so jemanden zur Verfügung zu haben. Wäre das im Saisonverlauf öfter der Fall gewesen, hätten auch Zakaria, Kramer oder die Innenverteidiger mehr Druck gehabt und auch die Möglichkeit für eine Pause außer der Reihe oder, wenn sie ein Tief hatten.

Christoph Kramer: Wie fast jeder Stammspieler hatte auch Chris Kramer immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen, er speziell auch noch mit "Knockouts", die ihn aus dem Spiel nahmen. Auf dem Platz eine gute Stütze für die jungen Nebenmänner, eifrig wie immer, aber selbst konnte er dem Spiel nicht immer seinen Stempel aufdrücken. Deshalb kam er wohl manchmal in der Bewertung der Fans auch schlechter weg als er war. Weltklasse sind seine Blitzeinfälle wie beim frechen Freistoßtor gegen Wolfsburg. Und auch mancher Ball in die Spitze zeugt vom guten Auge des Borussia-Sechsers. Dennoch ist gerade in entscheidenden Spielen ein bisschen mehr "Auffälligkeit" von ihm gewünscht. Drei Tore sind für ihn überdurchschnittlich, aber keine einzige Torvorlage - da sollte mehr gehen.

Denis Zakaria: Ein sensationelles erstes Jahr in der Bundesliga. Denis Zakaria hat eine hervorragende Entwicklung genommen, auch wenn er im Saisonendspurt doch deutlich abbaute. Das ist aber völlig normal, schließlich hatte er über weite Strecken der Saison aufgrund der vielen verletzten Sechser-Alternativen schon einen schweren Rucksack voller Verantwortung auf dem Buckel. Er biss sich durch und gefiel durch unbändigen Einsatz und schöne Vorstöße. Das Defensivverhalten dagegen und besonders die Zweikampfführung in der Rückwärtsbewegung sind im Vergleich zum Saisonbeginn schon deutlich verbessert, aber weiter ausbaufähig. Er setzt den Körper zwar robust und gut ein, aber die Grätschen sind oft hart an der Grenze. Zehn Verwarnungen sind ein Einstand auf Xhaka-Niveau - natürlich ist das zu viel, allerdings waren auch, wie bei Granit, längst nicht alle gerechtfertigt. Doch das ist am Ende egal, weil er mehrfach zum eigenen Schutz früh ausgewechselt werden musste und somit der Mannschaft eine taktische Option genommen war.

Ibrahima Traoré: Eine Saison zum Vergessen für den Flügelflitzer. Fünf Einsätze, immerhin mit einem Assist, aber auch da war nur wenig vom alten "Ibo" zu sehen. Er braucht die Zeit im Sommer, um wirklich wieder topfit in die Saison zu gehen. Von der Spielweise ist er derzeit nicht zu ersetzen.

Fabian Johnson: Das Phantom der abgelaufenen Spielzeit. 10 meist blasse Einsätze, überwiegend in der Hinrunde, stehen zu Buche, Eindruck hinterließ der US-Nationalspieler nur bei seinem Tor zum 1:0 gegen Leverkusen - ja, das, was 1:5 endete. Fiel die meiste Zeit des Jahres aus mit der Diagnose, die mich seit Alvaro Dominguez zusammenzucken lässt: nicht näher spezifizierte Rückenprobleme. Ganze 9 Minuten stand er dann beim 3:3 gegen Hoffenheim im März nochmal auf dem Feld, um gleich wieder mit "Rücken" ins Lazarett zurückzukehren. Wie Patrick Herrmann hat auch Johnson ziemlich viele Verletzungen erlitten, in seine Glanzform ist er deshalb lange nicht mehr gekommen. Er ist sicher einer, der um seinen Platz im Kader kämpfen muss oder den Verein gar verlässt. Ein fitter Johnson ist immer noch ein Waffe, das hat er oft genug gezeigt. Mit beispielsweise nur 80 Prozent der früheren Stärke wird er es dagegen schwer haben, sich für die Mannschaft zu empfehlen - zumal mit Keanan Bennetts auf seiner Position (links) ein neuer Konkurrent bereits in den Startlöchern steht.

László Bénes: Wie bei Tobi Strobl. Er stand zwar häufiger im Kader, doch es blieben statistisch nur zwei Einsätze, in denen er nicht auf sich aufmerksam machen konnte. Was er kann, wissen wir.

Jonas Hofmann: An ihm scheiden sich die Geister. 21 Einsätze, in denen er viel gezeigt, aber wohl ebensoviel Stoff für Kritik geliefert hat. Die chronische Torlosigkeit hat sich zum Alptraum für ihn entwickelt, obwohl er gute Abschlüsse zeigte, irgendwie kam ihm immer noch irgendwer dazwischen. Spielerisch ein zweifellos außergewöhnlicher und taktisch ein enorm vielseitiger Spieler, der sich allerdings auch selbst immer wieder im Weg steht.
Vorne toll eingeleitete Angriffe, elegante Ballbehauptung auf engstem Raum, viele Vorlagen, von denen leider nur vier zu Toren führten. Gute Balleroberungen beim Pressing, auch in der Defensive bissig. Allerdings gab es zugleich viele Szenen, die den guten Eindruck trüben: ärgerliche Ballverluste, zu leicht verschuldete Elfmeter und eben die traurige Abschlussschwäche. Dennoch ist Jonas Hofmann ein Spieler, an dem es sich festzuhalten lohnt. 

Michaël Cuisance: Der zweite Senkrechtstarter, den ich oft aber nicht so euphorisch gefeiert habe wie die meisten Fans. Denn ich sehe zwar, was der Kerl in seinem Alter schon für unglaubliche Dinge draufhat und was er an Ballbehandlung zeigt. Ich sehe aber auch, dass der Jugendspieler in ihm manchmal noch zu arglos durchkommt. Zu leicht verlorene Zweikämpfe, brandgefährliche Ballverluste und vermeidbare Verwarnungen sind die Folge. Manchmal auch vertane Chancen, weil der ehrgeizige junge Franzose partout mit dem Kopf durch die Abwehrwand will oder auch dann den Zauberpass spielen will, wenn der einfache Weg der bessere wäre. Natürlich war es ein hervorragendes Lehrjahr für Cuisance, mit deutlich mehr Spielen, als er sich vorher hätte erhoffen dürfen. Deshalb muss man auch die Kritik im richtigen Rahmen sehen: Im Normalfall hätte er mehr Pausen bekommen und von der Bank dann vielleicht bessere Nadelstiche setzen können. Das lässt für die neue Saison hoffen - von Michaël Cuisance ist noch einiges zu erwarten.

Vincenzo Grifo: Vincenzo Grifo hat alles gezeigt, weswegen ihn der VfL im vergangenen Jahr geholt hat. Leider nur konzentriert auf zwei Spiele, in denen er jeweils eingewechselt wurde. Die Belohnung, im jeweils nächsten Spiel in der Startelf zu stehen, konnte Grifo dann nicht nutzen. Verletzungen zur falschen Zeit kamen dazu. Unter dem Strich bleiben vier Torvorlagen und Enttäuschung auf beiden Seiten. Denn Vinces Erwartungen waren andere, die des Vereins und der Fans auch. Ein Spielertyp wie er braucht ganz offensichtlich mehr Rückendeckung und Freiheiten im Spiel, um zu glänzen. Das war er in Freiburg gewohnt, hier hat er seine Position noch nicht gefunden - und auch nicht die Räume, die hier von Raffael, Stindl und Hazard weitläufig beackert werden. Und offenbar hat er die Enttäuschung über Nichtberücksichtigung dann manchmal auch nicht so genutzt, wie sich ein Trainer das wünscht: als Motivation, sich im Training noch mehr anzubieten.
Die Zukunft ist mit Fragezeichen versehen: Wenn Hecking künftig wirklich auf Dreierkette und schnelle Außen setzt, wäre Grifo am ehesten als Zentrumsspieler denkbar, vielleicht auch mal neben Cuisance. Das könnte funktionieren, doch die Frage ist, ob Grifo die Geduld dazu hat, auf seine Chance zu warten oder lieber den Abflug macht. Denn auch in Gladbachs Offensivzentrum ist die Konkurrenz bekanntlich erheblich.  

Sturm

Patrick Herrmann: Nachdem er sich von seiner jahrelangen Verletzungsseuche endlich erholt hatte, brauchte er lange, um wieder eine stabile Rolle im Team spielen zu können. Wirkt nicht mehr so schnell wie früher. Wurde von Spiel zu Spiel besser, aber unglaubliches Pech und Unvermögen im Abschluss nagten sichtlich an ihm. Ironie des Schicksals, dass es ihn erneut so schwer erwischte, als er gerade drauf und dran war, sich den Stammplatz zu sichern. Eine weitere bittere Saison für ihn, eine verlorene für das Gladbacher "Urgestein", aber auch für Borussia, der ein Patrick Herrmann in Topform auch dieses Jahr sichtlich gutgetan hätte. Ist für mich einer der Kandidaten, die wechseln könnten, falls Borussia in der Offensive weiter investieren will. Was andererseits schade wäre, weil er eben noch einer aus einer anderen Gladbacher Zeit ist.

Thorgan Hazard: Die Trauben, mit denen Thorgan Hazard die Kritiker (auch mich) überzeugen muss, hängen von Jahr zu Jahr höher. Der Belgier ist ohne Frage ein Spieler, der die Extraklasse erreichen kann. Er zeigt es zur Genüge - aber es bleibt noch nicht genug Zählbares hängen. Die vielen Chancen, die er in der abgelaufenen Saison liegengelassen hat, gehen ihm sicher selbst auch noch nach. Er hätte locker 15 Tore schießen können, wenn er nur die klarsten Chancen genutzt hätte. Dazu kommt, dass er fünf der zehn Tore per Elfmeter erzielt hat. Doch es geht leicht unter, dass gerade die eiskalte Ausführung von Strafstößen zu Thorgans Stärken gehört. Und es geht leicht unter, was er läuferisch und im Spiel nach vorne für das Team leistet, wie er nach hinten arbeitet und wie er Gefahr beim Gegner heraufbeschwört, mit einem unwiderstehlichen Tempolauf, guten Dribblings oder schlauen Pässen.
Nein, es war nicht alles gut in Hazards Saison. Aber das lag auch daran, dass er, ähnlich wie Lars Stindl, im Laufe der Saison Substanz ließ - weil im Spiel nach vorne und bei der Einleitung von Angriffen oft zu viel (läuferische) Last auf den Schultern dieser beiden lag. Eins ist aber auch klar: Ohne Hazard, der seit langem endlich mal eine komplette Saison durchspielen konnte, hätte Gladbach deutlich schlechter ausgesehen. 10 Tore und 8 Vorlagen, das ist eine hervorragende Bilanz, die auf dem Transfermarkt nicht so leicht 1:1 zu ersetzen ist. Das nur für die Fans, die ihn bei ihrem (verständlichen) Ärger über eine vergebene Großchance jedesmal am liebsten mit einem Preisschild an die Hennes-Weisweiler-Allee gestellt hätten. Die WM wird zeigen, ob wir um Hazards Verbleib zittern müssen. Es ist aus meiner Sicht wahrscheinlich. Ein entsprechendes Angebot wäre dann vermutlich aber auch in einer Höhe, die die eigenen Handlungsmöglichkeiten Borussias auf dem Transfermarkt deutlich erweitern würde. Auch deshalb ist Thorgan weiterhin mein Wechselkandidat Nummer 1, wobei ich es bedauern würde, ihn nicht mehr im Gladbach-Trikot stürmen zu sehen. Denn so einen hochklassigen Spieler hat Borussia lange nicht mehr über so lange Zeit entwickeln können.

Raffael: Der Maestro wird nicht zufrieden sein mit seinen Darbietungen und seiner Torausbeute. Wir sind es auch nicht so recht. Denn war der Ball in den vergangenen Jahren immer wie ein Magnet an Raffaels Füßen, sodass er sich auch aus engen Situationen herausdribbeln und den Gegner überraschen konnte, gelang ihm das diese Saison nicht so oft und nicht so souverän. Besonders deutlich wurde das in den vergangenen Wochen immer wieder dann, wenn er den Ball verloren hatte und im Bemühen, ihn wiederzuholen eine Grätsche ansetzte. Das war so ein bisschen bezeichnend für die Saison des Brasilianers. Klar, er schleppte sich lange mit Verletzungen rum. Doch in Erinnerung bleibt auch eine ungewohnt schwache Effizienz vor dem Tor. Dennoch stehen am Ende 9 Tore auf seinem Konto. Damit ist er für Gladbach noch immer unverzichtbar, aber er ist nicht mehr unantastbar. Es wird interessant, wie er mit dieser Saison umgehen wird. Ob er die Rolle annimmt als erfahrener Spieler, dessen Zeit langsam zu Ende geht. Vielleicht kommt Raffa aber auch noch einmal richtig fit aus der Sommerpause und überrascht uns alle. 

Lars Stindl: Was für ein Drama. Für mich war der Kapitän - Jogi Löws Gladbach-Phobie zum Trotz - ein sicherer WM-Fahrer. Zu stark waren seine Auftritte im Vereinstrikot und bei der DFB-Elf, zu einzigartig seine Spielweise, kurz: ein Spieler, den Löw so nicht ein zweites Mal im Kader hat. Die schwere Verletzung kurz vor Saisonende machte diesem verdienten Karrierehöhepunkt des Pfälzers Stindl einen dicken Strich durch die Rechnung. Echt bitter. 
Für Borussia kann das gleichwohl eine Vorteil sein, da Stindl so gut erholt in die Saison starten kann, anders als im vergangenen Sommer, als er den Confed-Cup in den Knochen hatte, was ihm in manchen Phasen der Saison auch mental ein wenig nachzuhängen schien. Dennoch war es eine überdurchschnittliche Saison für den Ex-Hannoveraner. Insgesamt war er nicht nur ein im Einsatz vorbildlicher Kapitän, sondern auch der, der schier überall auf den Spielfeld zu finden war. Der im Mittelfeld so geschickt verteidigte wie er für die Offensive geschickt Bälle sicherte - und aus der größten Bedrängnis heraus noch sinnvoll zum Mitspieler bringen konnte. 
Er war auch vielleicht der einzige in der Mannschaft, der wirklich das Label "Drecksack" verdient hatte. Denn Lars Stindl ist ein Spieler, der viel einstecken muss, aber auch genauso austeilen kann. Der sich geschickt wehrt, auch mal einen Gegner über die Klinge springen lässt, der sich im Zweikampf oft am Rande der Legalität bewegt, aber dabei nie grob unsportlich. Das Problem in dieser Saison war allerdings, das Stindl zu viel machen musste (oder wollte). Er hatte bisweilen das Phlegma von Mitspielern wie Raffael, Hazard oder Hofmann mit aufzufangen, rieb sich in Läufen und Zweikämpfen auf, sodass ihm für den eigenen Abschluss oft die Präzision und Wucht fehlte. Kurzum: Er hätte zwei, drei ständige Stützen neben sich gebrauchen können, doch dank der Verletzungsserie und diversen Formtiefs anderer war Stindls Einsatz über die gesamte Spielzeit gesehen oft nicht so effektiv, wie es die Leistungsdaten hätten erwarten lassen. Dennoch: Der Kapitän geht voraus, das ist für mich auch in der kommenden Saison klar. Und ich hoffe, dass sich dann die Aufgaben wieder besser verteilen, sodass er wieder mehr Torgefährlichkeit ausstrahlen kann als zuletzt.    

Raul Bobadilla: Wie Grifo hat auch der sympathische "südamerikanische Stier" die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt (oder nicht erfüllen können). Das lag auch daran, dass er sich fast immer dann verletzte, wenn sich eine Startelfchance für ihn geboten hätte. Die einzige Phase, wo er eine Rolle spielte war kurz vor der Winterpause, als Gladbach die Spieler ausgingen und im Februar/März, als Raffael länger ausfiel. Da verkörperte er überzeugend, aber ohne zählbaren Erfolg Heckings Plan B im Sturm: den bulligen Mittelstürmer, der lange Bälle sichert und ablegt, der richtige Physis in den gegnerischen Strafraum bringt. Seine neuerliche Verletzung brachte dann den Sturmkonkurrenten Josip Drmic unfreiwillig in die Spur. Mit dieser Saison im Kreuz und einem Vertrag bis 2019 ausgestattet, könnte es sein, dass Boba wieder nur ein kurzes Gastspiel im Borussia Park gegeben hat. 

Josip Drmic: Wenn der Glaube an sich selbst und harte Arbeit Berge versetzen - was für ein Comeback. Josip Drmic hat es bei Gladbach-Fans nie leicht gehabt und nach seiner Leidensgeschichte mit dem Knorpelschaden im Knie war er schon mehrfach abgeschrieben worden. Doch Drmic kam zurück, mit langsamen Steigerungen zum Ende des Jahres und regelmäßiger werdenden Einsätzen im letzten Saisondrittel. Und jetzt wird er der einzige sein, der über das Saisonende traurig ist. Schließlich spielte er von den letzten acht Saisonspielen sechsmal, traf viermal und gab eine Torvorlage. Das ist das, was man von einem Stürmer sehen will. Vor allem das 1:0 beim HSV zum Saisonabschluss war die Sorte Tor, die man sich von ihm seit seiner Nürnberger Zeit erhofft und erwartet: ein starker Lauf in die Tiefe und ein noch stärkerer Torabschluss. Es scheint, als sei der Schweizer wieder voll belastbar und ein vollwertiges Kadermitglied. Das freut mich ungemein für ihn und ich würde mich sehr freuen, wenn er noch einmal eine echte Chance bei Borussia erhielte - auch bei den Fans. Doch das hängt sicher davon ab, ob Max Eberl und Dieter Hecking für den Sturm noch einen Mittelstürmer der gehobenen Kategorie an Land ziehen können. Und es hängt mit dem Schicksal von Bobadilla zusammen - auch Drmics Vertrag läuft bis 2019. Der Schweizer könnte seinen Marktwert bei der WM sogar nochmal steigern, es ist also schwer abzusehen, ob Drmic auch im Sommer noch für Borussia aufläuft.

Julio Villalba: Ein großes Fragezeichen steht hinter dem jungen Torjäger. Ohne Spielpraxis in der U23, ohne Chance auf einen Kaderplatz bei Vollbesetzung. Als es dann mal möglich war, weil sich so ziemlich alle Offensiven verletzt oder anderweitig abgemeldet hatten, verletzte sich der Junge selbst auch noch und fiel für den Rest der Saison aus. Sollten die Gerüchte um den jungen englischen Mitelstürmer Brewster stimmen, deutet sich hier ein Abschied (oder eine Ausleihe) an.

Nicht bewertet (zu wenige oder keine Einsätze bzw. keine feste Rolle im Kader):

Mandela Egbo
Florian Mayer
Marcel Benger
Justin Hoffmanns
Aaron Herzog
Ba-Muaka Simakala
Christofer Heimeroth
Moritz Nicolas
Mamadou Doucouré

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