Ein Gut mit leichten Abzügen

Ich hatte mir vorgenommen, mit der um Stindl, Kramer, Zakaria und Vestergaard reduzierten Mannschaft heute milde umzugehen, schließlich ist mit diesem Quartett eine fast lebenswichtige Achse im Spiel des VfL weggebrochen. Das Team hat das auch erstaunlich gut weggesteckt und am Ende einen souveränen und verdienten Sieg nach Hause gebracht. Letztes Heimspiel der Saison, tolles Wetter und ein Sieg - kein Wunder, dass am Ende im Stadion zufrieden "Die Seele brennt" intoniert werden konnte. 
Doch auch wenn jetzt schon mal das Saisonziel "Einstelligkeit" sicher erreicht ist, weil der Abstand zum Zehnten Hertha vier Punkte beträgt: Ich tue mich schwer mit eitel Freude über das 3:1 gegen doch sehr zahme Freiburger. Denn die Streich-Elf genoss trotz ihres ungewohnt passiven Auftritts noch viel zu viele Freiheiten in der Gladbacher Hälfte, was sie - zu unserem Glück - nicht auszunutzen vermochte. 
Auf der anderen Seite fiel der Spielglückwürfel heute sehr oft zu Borussias Gunsten aus. Alle drei Tore waren nicht unbedingt zwingend herausgespielt und von Freiburgern Fehlern begünstigt. Auf der anderen Seite fehlte Freiburg vor dem Tor des starken Yann Sommer oft nur ein klein wenig Fortune, um es dem VfL gleichzutun. So klar wie es das Ergebnis aussagt, war das Spiel für mich jedenfalls nicht. Dass es auch mal so rum läuft, tut natürlich gut, wenn man über die Saison hinweg immer wieder Leidtragender solcher Spielverläufe war. Aber es gehört zur Wahrheit des Spiels dazu, dass es auch anders hätte laufen können. 

Kurz gesagt: Für mich war das heute ein erfreuliches Ergebnis mit ein paar sehr positiven Vorkommnissen, aber unter dem Strich auch zu wenig, um zufrieden aus der Saison zu gehen. Während Gladbach sich die Bälle wieder viel im leeren Raum hin- und herschob und nur manchmal aus Spielfreudesicht "explodierte", schienen die Freiburger mit ihrem Ballbesitz zwingender umzugehen. 

Das war schade. Denn natürlich hofft man doch bis zum Schluss. Die Ausgangsposition für die x-te klitzekleine Chance, noch auf den Europa-Zug aufzuspringen, war vor dem Spiel klar: ein Sieg. Und wenn das gelingt, dann möglichst auch noch ein klarer Sieg, um in der Tordifferenz noch etwas aufzuholen, da die Bilanz von Leipzig, Frankfurt und Stuttgart in dieser Kategorie auch nicht viel besser ist. Nur so wären etwaige Patzer der Konkurrenz überhaupt noch auszunutzen. Nun haben alle drei Konkurrenten deutlich gewonnen, die Abstände bleiben also gleich. Das kann man nicht beeinflussen. Die eigene Bilanz aber schon.

Wie schön wäre es also gewesen, wenn es der Hecking-Elf dann wenigstens einmal in der Saison gelungen wäre, ein Spiel auch konsequent zu Ende zu spielen und mal mit fünf oder sechs Toren zu gewinnen. Aus dieser ersehnten Genugtuung wurde trotz bester Chancen (wieder einmal) nichts. Und was ich schlimmer finde: die Spieler schien das nicht zu stören, weder im Spiel noch danach. 
Ich hatte den Eindruck, dass sie nach dem 3:1 damit zufrieden waren, das Spiel zu kontrollieren und ab und an noch einen Nadelstich nach vorne zu setzen, ohne mit voller Überzeugung auf das vierte oder fünfte Tor zu gehen. Klar: Die zwei Lattentreffer waren Pech, aber drei 100prozentige Chancen in der zweiten Halbzeit allein vor dem Torwart stehend (Cuisance, Hofmann, Hazard), da hätte zwingend mehr herausspringen müssen. Dazu die vielen unnötig abgebrochenen Angriffe, wo man mit einem cleveren Pass nach vorne sehr einfach in weitere gute Überzahlsituationen hätte kommen können. Nein, das war mir zu wenig Feuer und Wille, noch mal alles reinzuwerfen und alle Möglichkeiten auszureizen - trotz der mildernden Umstände wegen der vielen fehlenden Spieler.

Soweit meine Entäuschung. Aber es gab ja auch viel Positives. Ein gutes Spiel und eine Torvorlage von Tony Jantschke - die erste sogar seit 2011, hat man bei Sky nachgeblättert. Ein weiteres Tor von Josip Drmic, der sich vorne (mit wenig sichtbarem Ertrag) aufrieb und sich mit diesem schönen Kopfball zum 3:1 belohnte. Ein weiteres Erfolgserlebnis für Thorgan Hazard und für Nico Elvedi, der sicher in dieser Saison mit den größten Erfahrungssprung gemacht hat. Eine abgeklärte Leistung mit einer tollen Torvorlage von Tobi Strobl. Und natürlich einen wieder bombensicheren Yann Sommer, der das Spiel mit klasse Paraden mehrfach in der richtigen Bahn hielt.
Ich muss sogar nicht mal über den Schiedsrichter meckern, nur einmal kurz den Kopf schütteln ob der Handspielszene von Kempf bei Hofmanns Großchance in der zweiten Halbzeit. Ich bin zwar der Meinung, dass solche eher zufälligen Handspiele im Sinne des Fußballspiels nicht geahndet gehören. Aber wenn man die geltenden Regeln zugrunde legt und den Vergleich mit Kramers angeblichem Handspiel in der vergangenen Woche auf Schalke, dann kann man wirklich nur noch resignierend mit dem Kopf schütteln. Denn dann wäre Kempfs abgestreckter Arm doch viel eher zu ahnden gewesen - natürlich dann auch plus gelber Karte, die zu Gelb-Rot geführt hätte. Der Unterschied: Bei Schalke greift der Videoassistent (zu Unrecht) ein, hier nicht.

Aber wie ungerecht man das auch empfinden mag: Wenn Gladbach die Euro League nicht erreicht, ist das unter dem Strich verdient. Es lag dann auch nicht allein an solchen Szenen (von denen es natürlich zu viele gab), sondern an vielen unnötig und selbstverschuldet abgegebenen Punkten über die Saison hinweg - etwa an der wiederholten Unfähigkeit, Führungen erfolgreich zu verteidigen. Viel zu selten haben Raffael und Co. ihre Chancen konsequent genutzt, sondern sich zu leicht zurückdrängen lassen, schon mürbe gespielte Gegner wieder aufgebaut und so Punkte hergeschenkt. Das ist ihnen heute nicht passiert, und so war es dann auch ein guter Heimspielabschluss - auch wenn ich wie immer noch gern ein bisschen mehr gehabt hätte.

Und so werde ich am kommenden Samstag natürlich wieder mit einer gehörigen Portion Hoffnung, aber auch genügend Realitätssinn zuschauen und zittern, ob Richtung Platz sieben vielleicht doch noch etwas gehen könnte. Die Ausgangsposition allerdings könnte kaum schlechter sein. Leipzig (in Berlin), Frankfurt (bei Schalke) und Stuttgart (in München) haben es mit Gegnern zu tun, die die Saison locker auslaufen lassen können. Der VfL muss zum HSV, der einen Sieg braucht, um es vielleicht doch wieder auf den Relegationsplatz zu schaffen. Das ist eine denkbar ungünstige Konstellation, zumal die HSV-Mannschaft längst nicht mehr der Trümmerhaufen aus der Vorrunde ist. Aber wer weiß: Die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt. Und vielleicht setzt auch unser Team zum Abschluss fast in Bestbesetzung noch mal einen gelungenen Schlusspunkt - die jüngsten Spiele lassen zumindest darauf hoffen.
 
Bundesliga, Saison 2017/18, 33. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - SC Freiburg 3:1 (Tore für Borussia: 1:0 Hazard, 2:0 Elvedi, 3:1 Drmic)

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