2018-11-01

Die Unwucht ist zurück - aber nicht irreparabel

Wenigstens hat sich keiner verletzt. Das ist das Positivste, was ich von meinem Ausflug gestern aus dem Borussia Park (und das erstmals in der Nordkurve) berichten kann. Und ich hoffe, wenigstens das stimmt, und es kommt nicht noch irgendeine Hiobsbotschaft dazu.

Willkommen zurück in der Wirklichkeit. Vor zwei Wochen schon als Spitzenmannschaft und "Meisterschaftskandidat" ins Gespräch gebracht (zugegebenermaßen nur von Außenstehenden), heute die Lachnummer im Pokal. Der VfL hat es innerhalb von nur einer Woche geschafft, sich seine mühsam erworbene Selbstsicherheit und Brillanz im Spiel wieder wegpusten zu lassen - von zwei Teams, denen es gereicht hat, Borussia 90 Minuten anlaufen zu lassen, ihnen die Räume zuzustellen und sie dann erbarmungslos auszukontern. Auch weil Gladbach, das doch in den ersten Spielen immer wieder so viele gute spielerische Lösungen gefunden hatte, um vor das gegnerische Tor zu kommen, das Spiel der Gegner zu brav mitspielte.
 
Und so sah die erste Halbzeit gestern - wie die zweite in Freiburg - zeitweise wie eine Kopie aus Spielen der verkorksten vergangenen Saison aus. Zu statisches, zu zaghaftes Spiel nach vorne, verbunden mit einer unausgewogenenen Defensivleistung inklusive individueller Fehler vor jedem Gegentor, die an die schlimmen Klatschen gegen Dortmund (1:6), Bayern 1:5) und - ach ja - Leverkusen (1:5) in der Vorsaison erinnerten. 

Das einzige, was in diesem Spiel besser lief, war, dass uns Leverkusen vor einem Jahr die fünf Tore in nur einer Halbzeit eingeschenkt hatte. Doch der Lerneffekt aus diesem Spiel und wohl auch aus dem Bayer-Spiel am Sonntag in Bremen war, zumindest, was das Abwehrverhalten nach Ballverlusten anging, nicht erkennbar. Und vielleicht täuschte auch das zu-Null am ersten Spieltag gegen die Pillen ein wenig darüber hinweg, dass auch da in der ersten Halbzeit das Spiel eine andere Wendung hätte nehmen können. Der Unterschied ist nicht zu übersehen: Damals nutzte Gladbach seine Chancen, gestern Leverkusen, und das in einer schon unverschämt effektiven Art und Weise. Denn von den in der Statistik geführten zehn Torschüssen gingen höchstens sieben auch wirklich aufs Tor.

Nun gibt es nichts daran zu rütteln, dass der Sieg der Gäste zu hoch, aber verdient war, auch wenn die - wie Schalke in der vergangenen Saison - rein gar nichts zum Spiel beitrugen. Dass die Herrlich-Truppe am Ende überhaupt auf 38 Prozent Ballbesitz kam, hatte sie den Ballbesitzphasen zu verdanken, als das Spiel entschieden war. Vorher überließ Leverkusen den Gladbachern das Spiel völlig. Dass ihnen das frühe Tor dafür in die Karten spielte, ist klar.

Aber dennoch wirft es Fragen zur Gladbacher Taktik auf. Wenn man doch weiß, dass der Gegner mit hervorragenden Konterspielern ausgerüstet ist, die nach Ballgewinn mit zwei Zügen vor dem gegnerischen Tor sind - ist es dann clever, so hoch zu verteidigen, dass man diesen Spielern die Räume geradezu auf dem Silbertablett serviert? 
Wäre es nicht eine Option gewesen, sich selbst auf das Verdichten der Räume in der eigenen Hälfte zu verlegen und den Gegner dazu zu zwingen, dass er aktiv wird? Gerade dieses Verteidigen und schnelle Konter gehörten in dieser Saison doch gerade zu den Stärken des VfL. 
Und gestern? Da wurde die Mannschaft genau mit diesen Mitteln geschlagen. Heiko Herrlich ist sich nicht zu schade, seine Taktik an der des Gegners auszurichten. Damit gewinnt er offenbar Spiel um Spiel gegen Gladbach. Und er kopiert auch, was andere Gegner gegen Borussia gut gemacht haben, etwa Freiburg vergangenen Freitag. Dass solche Mannschaften Schwierigkeiten bekommen können, wenn sie selbst in die Spielmacherrolle gedrängt werden, hat sich gestern auch im Pokal gezeigt: Freiburg flog gegen den Zweitligisten Kiel raus.

Nun kann man als Außenstehender nicht alles besser wissen und durch das frühe 0:1 bekam das Spiel eben auch diese Schlagseite: Leverkusen igelte sich ein und fing nach 5 Minuten damit an, ungeniert auf Zeit zu spielen. Doch die Fehler machten eben auch die Borussen. In der ersten Halbzeit waren nur Florian Neuhaus und Thorgan Hazard in der Lage, das Defensivgebilde der Gäste etwas aufzubrechen. Immer wenn einer der beiden mit dem Ball am Fuß antrat, öffneten sie das Gladbacher Spiel auch. Doch viele Ungenauigkeiten im Zuspiel machten auch gute Angriffsansätze wieder zunichte. 
Ansonsten verharrte das Gladbacher Aufbauspiel in viel Quer- und Hintenrum-Gespiele, mit oft viel zu drucklosem Passspiel und immer wieder gefährlichen Ballverlusten. Interessant in dem Zusammenhang, dass ich diesen Eindruck im Stadion beim Blick auf die Totale noch viel stärker hatte als beim nochmaligen Nachvollziehen der ersten Hälfte am Bildschirm heute. Da sahen die Bemühungen mitunter deutlich zielstrebiger aus als aus dem "Yann-Sommer-Blickwinkel" aus der Nordkurve heraus.
Dass nach vorne zu wenig ging, hatte auch damit zu tun, dass vor allem Herrmann, aber teils auch Hazard in der ersten Hälfte zu eng an der Außenlinie klebten. Während Hazard das mit seiner Stärke in Eins-gegen-Eins-Duellen oft noch halbwegs lösen kann, blieb Herrmann wirkungslos. Kein Wunder, dass durch die Einwechslung des diesmal deutlich verbesserten Traoré die beste Phase im Spiel eingeläutet wurde. Jene Phase bis zum 0:3, wo Stindl und Co. den Anschlusstreffer hätten schaffen müssen, wo auch das Stadion wieder aus der Schockstarre des späten Gegentors vor der Pause erwachte und Team wie Fans die Leverkusener ein paarmal ins Schwimmen brachten.

Klar: Wäre Lars Stindl mit seiner hundertprozentigen Chance in der 64. Minute nicht an Hradecky gescheitert, hätte es nochmal ein ganz anderes Spiel werden können. Doch insgesamt war das Gladbacher Spiel zu fehlerbehaftet. Angefangen von oft unkoordiniertem Pressing - wo der Torwart oft gut angelaufen, aber nicht kollektiv nachgerückt wurde - bis hin zu den individuellen Fehlern, die besonders vor dem 0:2 schwer wogen. Erst der Ballverlust vorn, dann das unnötige Foul von Kramer, das zum Freistoß führte. Und dass daraus nie so ein Tor fallen darf, ist ohnehin klar. Da wurde einfach im entscheidenden Moment gepennt, und selbst die Weltklasseparade des bedauernswerten Yann Sommer reichte nicht aus, um dieses blöde Tor abzuwenden, das der Unsympath Jedvai dann auch noch provokativ vor der Nordkurve feierte. 
Cleverness und Frechheit, das war das, was den VfL auch in anderen Szenen nicht gerade auszeichnete. Paradebeispiele: Jedvai holzt Traoré kurz vor dem Strafraum um und nimmt die gelbe Karte in Kauf (die angesichts des äußerst groben Vorgehens schon leicht hellrot war). Auf der anderen Seite greift Jonas Hoffmann zaghaft nach dem Trikot des enteilenden Brandt, bekommt ihn aber nicht gestoppt. Das wäre die bestinvestierteste gelbe Karte seit langem gewesen, denn Brandts Pass auf Bellarabi führte unmittelbar zum 0:3-Knockout.


Und dann waren da natürlich noch Schiedsrichter Tobias Welz und sein Team. Die trifft nicht die Schuld, dass Borussia verloren hat. Allerdings zeigte diese Spielleitung einmal mehr, wie man ohne ganz große Fehlentscheidungen ein Spiel merklich beeinflussen und die davon betroffene Mannschaft auch ein wenig von ihrem Spiel ablenken kann. Gestern waren da einige krasse handwerkliche Fehler - etwa das Ignorieren zweier überdeutlich im Aus weitergespielter Bälle, nicht gegebene Verwarnungen für taktische bzw. grobe Foulspiele (Bender, Volland) und eine Schwalbe (Volland) sowie einige absurde Foulbewertungen, etwa als Weiser kurz vor dem Strafraum Hazard zu Fall brachte und der dafür ein Stürmerfoul kassierte. 
Nur beim Zurückpfeifen von schnell ausgeführten (ausschließlich Gladbacher) Freistößen zeigte Welz sich konsequent. Dafür war das Schiri-Gespann ein Totalausfall darin, dem Spiel auch eine angemessene aktive Spielzeit zu sichern. Welz unterband in keiner Weise das notorische Zeitspiel von Hradecky und Co. Er ignorierte die langen Unterbrechungen durch echte und eher "taktische" Verletzungen sowie nach den Toren, die alleine in der ersten Halbzeit schon mindestens sechs Minuten ausgemacht hätten. Stattdessen gab es zwei drauf, die pünktlich abgepfiffen wurden, obwohl von dieser Nachspielzeit allein eineinhalb Minuten für den Torjubel und die darauf folgenden Tumulte an der Eckfahne der Nordkurve draufgingen. In der zweiten Halbzeit war es nicht besser, nur dass alle im Stadion froh waren, dass das Spiel pünktlich abgepfiffen wurde. 
Was will ich damit sagen? Wenn ein Schiedsrichter sich darin gefällt, die Spielzeit rumzubringen, indem er möglichst viele Phasen zulässt, in denen der Ball nicht im Spiel ist (und er ergo keine Entscheidungen treffen muss), dann hat er seinen Job verfehlt. Das gestern war jedenfalls keine dem Spielniveau angemessene Spielleitung. Das sage ich ausdrücklich mit dem Zusatz, dass ich ihm keine Schuld für die Niederlage zuweisen will - wohl aber für die Nerven, die er mich im Stadion gekostet hat.  

Nach diesem Frustabbau will ich aber eins heute nicht: negativ schließen. Trotz der Enttäuschung glaube ich nicht, dass der VfL durch diese Klatsche wieder in einen Negativlauf gerät. Die richtige Balance im Spiel herzustellen, - die Unwucht im Spiel nach vorn und nach hinten auszugleichen -, das ist in der heutigen Konstellation und mit den vorhandenen Spielern deutlich einfacher als im Seuchenjahr, was hinter uns liegt. 

 
Die Mannschaft ist vor allem mit dem frühen Rückstand in der ersten Halbzeit sehr gut umgegangen und nicht in Panik verfallen. Das spricht für die Reife der Mannschaft. Zudem fällt dem Gegner auch nicht jedesmal der Ball so genau vor die Füße wie beim 1:0, wo viele kleine glückliche Umstände für die Pillen dafür sorgten, dass Brandt plötzlich vor dem Tor auftauchen konnte.
Das stärkste Pfund ist aber vielleicht der Rückhalt bei den Fans, der letzte Saison nicht immer so da war. Insofern war es gut und angemessen, dass die Nordkurve das Team nach dem Schlusspfiff trotz des Ergebnisses nochmal rief und ihre Unterstützung so untermauerte. Denn eins kann man dem Team nicht vorwerfen: dass es gestern nicht bis zum Schluss gekämpft hätte. Diesen Spirit von Fans und Mannschaft gilt es auch am Sonntag gegen Düsseldorf auf den Platz zu bringen. Denn in der Liga hat sich an der guten Ausgangslage fast nichts verändert - trotz der Niederlage in Freiburg.


DFB-Pokal, 2018/19, 2. Runde: Borussia Mönchengladbach - Bayer Leverkusen 0:5

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