2019-09-22

Zwei Thurams später

Der Fußball ist schnelllebig - für diese Binsenweisheit müsste ich eigentlich ein paar Euro ins Phrasenschwein werfen. Aber wenn eins den Verlauf dies Spieltags 5 von Borussia widerspiegelt, dann dieser Satz. Denn bis zur 70. Minute war der Auftritt der Rose-Elf weder inspirierend noch hatte es in irgendeiner Weise mit der angekündigten Wiedergutmachung für das 0:4 am Donnerstag zu tun. 

Es war ein Spiel zum Verzweifeln, bei dem der VfL die trotz höchst mittelmäßigem Spiel doch immer mal wieder herauskombinierten guten Chancen ausließ - diesmal vor allem in Person von Patrick Herrmann.
Das Gegentor war erneut einer Reihe von amateurhaften Defensivzweikämpfen geschuldet. Dann kam noch die üble Szene mit Tony Jantschkes Knockout, der nach einem unglücklichen Zusammenprall mit Breel Embolo nicht nur benommen ausgewechselt werden musste, sondern mit seinem "Einsatz" auch noch Embolos aussichtsreichem Kopfball ungewollt jegliche Torgefahr genommen hatte. Zu der "Video-Show" der Herren Dingert und Brand in Köln in der ersten Hälfte komme ich später noch. 
Kurz gesagt: Es kam wieder einiges zusammen, was mir als Fan den Puls hochtrieb.

Nach gut 160 Minuten Rückschritt, gerechnet vom Derbysieg in Köln, stand Gladbach also mit einem Bein schon sehr tief in der ersten handfesten Krise der jungen Amtszeit von Marco Rose. Die Unsicherheit und Ratlosigkeit auf dem Feld nahm zu, lange Bälle ins Leere häuften sich, Zuschauer pfiffen, der Schiedsrichter trug seinen Teil zum Ganzen bei und alles lief darauf zu, dass Borussia auch diesmal bis zum Schluss erfolglos das gegnerische Tor berennen würde. Die Negativ-Schlagzeilen formulierten sich bereits, im Netz wetzten die sogenannten Fans schon ihre Kommentarmesser.

Wenige Minuten und "zwei Thurams später" sah das allerdings schon wieder anders aus. Der VfL erzwang mit einer imposanten Kraftübung in der Schlussphase den ersten Heimsieg seit Januar, er brachte die Führung am Ende sogar souverän über die Zeit. Und mit dem Sieg und jetzt 10 Punkten hält Gladbach in der Tabelle sogar Tuchfühlung zu den Plätzen 1 und 2 in der Tabelle.
Alles in Ordnung also für den Moment - die Mannschaft liegt, was die harten Ergebnisse angeht, voll im Soll. Das lässt einen nach dieser wechselvollen Woche ein wenig beruhigter durchatmen, finde ich.

Doch natürlich darf man sich nicht blenden lassen. Der Sieg war aufgrund des Spielverlaufs und der Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit natürlich mehr verdient als glücklich. Aber diese 90 Minuten hatten relativ wenig mit dem zu tun, was Zakaria und Co. noch vor einer Woche in der verbotenen Stadt abgeliefert hatten. 
Die dort gesehenen Fortschritte in Sachen aktiver und Gegner-stressendem Rose-Fußball waren wie weggeblasen. Das Angriffspressing fand nicht statt, die Laufwege waren über lange Zeit wenig konsequent. Die Zweikampfführung blieb damit häufig ineffizient, sodass Düsseldorf nicht nur immer wieder leicht das Mittelfeld überwinden, sondern das 1:0 auch lange relativ ungefährdet verwalten konnte.

Bei Borussia war erst gegen Ende der Biss und der unbedingte Siegeswillen zu sehen, den man von Beginn an eigentlich nach der Klatsche gegen Wolfsberg erwartet hatte und erwarten konnte. Und bezeichnend dafür war, dass die Matchwinner heute eingewechselt wurden. Marcus Thuram zeigte sich treffsicher, und vor allem Raffael gehörte ein wichtiger Teil des Sieges. Er fügte sich nicht nur gut in das Team ein, er bereitete den Siegtreffer auch mit eigentlich Raffael-untypischem Power-Wühlen vor dem Tor vor, indem er den Ball mehrfach am Boden liegend behauptete und mit Wucht an die Latte donnerte. 
Ihm gebührt der Löwenanteil dieses Treffers, der nicht nur so schön war, weil er Erlösung in diesem schwierigen Spiel versprach. Er war auch auf der Igor-de-Camargo-Helden-Skala fast eine Kopie des Relegations-Tores gegen Bochum. 
Und die Jubeltraube im Anschluss (nach der erneuten VAR-Überprüfungsverzögerung) zeigte, wie schwer die Steine waren, die damit allen von der Seele plumpsten. Das versöhnte mich schon wieder zu einem großen Teil mit dieser nervenaufreibenden Fußball-Woche. Und dabei will ich es mit meiner Kritik am Spiel auch für heute belassen. 

Nun noch zur Szene, die mich in der ersten Hälfte nahezu zum Wahnsinn getrieben hat. Es ging um Abseits oder nicht und um Elfmeter oder nicht. Was Benjamin Brand als VAR und Christian Dingert auf dem Feld daraus machten, war geeignet, das gute Instrument des Videoassistenten völlig ohne Not zu diskreditieren. 
Was war passiert? Embolo war steil geschickt worden und es sah für mich beim ersten Blick klar nach Abseits aus. Der Linienrichter ließ aber wie erhofft die Fahne unten, um die Szene weiterlaufen zu lassen, sodass im weiteren Verlauf der Düsseldorfer Embolo im Strafraum relativ klar ins Bein ging und einen Elfmeter verschuldete. 
Jeder im Stadion und am Fernseher hätte aber wohl akzeptiert, wenn das Ganze als Abseits gewertet worden wäre. Doch dann schaltete sich Köln ein. Bei den Fernsehbildern sah die Abseitsstellung dann schon viel knapper aus als bei der ersten Wahrnehmung. 
Und Dingert entschied plötzlich, sich die Szene selbst anzuschauen. Logische Schlussfolgerung: Köln hat Abseits geprüft, war ok, also entscheidet der Schiri jetzt über das Foul. Dingert schaute sich die Szene auch mehrfach an, dann plötzlich wieder die vorhergehende Abseitssituation. Und am Ende entscheidet er auf Abseits. 
Eine für Außenstehende rätselhafte Entscheidung, denn das hätte nicht er am Bildschirm entscheiden müssen. Er hätte in Ruhe abwarten können, bis Köln seine Linie gezogen hat und ihm sagt, ob Abseits vorlag oder nicht. So musste jeder davon ausgehen, dass es um das Foul ging. 
Offen bleibt, ob Dingert selbst auf Abseits entschied, ob es in Köln technische Probleme gab, die Linie zu ziehen oder ob man einfach drei Minuten brauchte, um eine Entscheidung zu treffen. Letzteres wäre für mich ein Grund, auf "kein Abseits" zu entscheiden, denn wenn man so lange brauchte, könnte es ja nur um eine ganz knifflige Zentimeterentscheidung gehen, bei denen jeder Sportler wohl das ungeschriebene Gesetz "Im Zweifel für den Stürmer" anwenden wollen würde.
Da wir aber für all das keine Begründung bekommen haben, schadet eine solche seltsame und undurchsichtige Aufarbeitung dem Instrument VAR und seiner Akzeptanz im Stadion aus meiner Sicht ganz erheblich. Ich würde es begrüßen, wenn man wenigstens nach dem Spieltag nochmal die fehlenden Infos oder Erklärungen erhalten würde, darüber, was da im Detail wirklich entschieden wurde und warum so und nicht anders.


Bundesliga 2019/20, 5. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Fortuna Düsseldorf 2:1 (Tore für Borussia: 1:1 Thuram, 2:1 Thuram)

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