2023-06-11

Die Abrechnung: Saisonspende

Die Saison ist schon eine Weile durch, aber eins bin ich noch schuldig: die Einlösung meiner Saisonspende. Glatte 120 Euro sind es geworden - wer nochmal nachlesen will, wofür ich pro Spieltag kleine Geldsümmchen ausgesetzt habe, kann dies unten im Kleingedruckten tun. 

In den beiden Jahren zuvor war die "Performance" der Borussia in dieser Hinsicht besser, das muss man ja schon sagen. Da waren es 142,50 beziehungsweise 137 Euro, die ich jeweils auf 150 Euro aufgerundet habe. Wie ich schon angekündigt habe, tue ich das auch diesmal, es geht schließlich um die Sache.

Wie verwende ich diese Summe? Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, weil ich gern mehrere Organisationen unterstützen möchte. Durch aus meiner Sicht sehr unangenehme Entwicklungen außerhalb des Sports fällt das Ergebnis meiner Überlegungen und meine Unterstützung in diesem Jahr "deutlich politischer" aus als in den Jahren zuvor. Ich begründe meine Spenden. Das wird mancher nachvollziehen können oder gut finden, manch anderer nicht.

Wem es nicht gefällt, der muss die Inhalte nicht teilen, es nicht einmal lesen. Wenn es andere zum Nachdenken anregt, und vielleicht zu ganz anderen Schlussfolgerungen führt, ist das für mich auch fein. Nur: Respektiert meine Argumentation, respektiert andere. Und verschwendet nicht unser aller Zeit mit Whataboutism. Grundsatzdiskussionen will und werde ich nicht führen. 

Das hier sind die Empfänger meiner Saisonspende in diesem Jahr:

50 Euro für das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe, Nothilfe Ukraine: Die Folgen des Krieges in der Ukraine und des Dammbruchs am Dnipro sind verheerend. Deshalb ist es für mich selbstverständlich, dass ich einen kleinen Beitrag zur Soforthilfe leisten will. Ich spende zwar lieber direkt an kleine Organisationen, aber dort habe ich darüber im Moment nicht genug Informationen zu seriösen Projekten und effektiver Hilfe. Wer etwas empfehlen kann, gern. Dann kann ich beim nächsten Mal vielleicht darauf zurückgreifen. Diesmal geht das Geld an das Aktionsbündnis von Caritas, DRK, UNICEF und Diakonie.

40 Euro für Sea-Watch e.V.: Der jüngste Asylkompromiss ist aus meiner Sicht ein neuerlicher Tiefpunkt in der EU-Geschichte. Er löst kein einziges Problem in den Fluchtgebieten. Er wird den Staaten an den EU-Außengrenzen nicht gerecht. Er verrät sämtliche Werte, für die sich vor allem christlich geprägte Gesellschaften so gern selbst feiern. Feiern kann man eine solche Politik aus meiner Sicht nur dann, wenn man große Teile der Realität in der Welt einfach ausblendet und nur bis zur nächsten Hauswand blicken möchte.
Ihr hört heraus, ich bin sehr frustriert über die gesamte Entwicklung. Denn die Fluchtbewegungen werden durch die Auswirkungen des Klimawandels in den kommenden Jahren ohne Zweifel erheblich stärker werden. Und selbst wenn man an den Grenzen immer höhere Mauern baut: Das Ausgangsproblem geht nicht weg. Mit der Asylverschärfung wird es allerdings auch zunehmend schwerer werden, Menschen auf dem Mittelmeer vor dem Tod zu retten. Denn die Menschen werden trotzdem weiter in Boote steigen, risikoreichere Fluchten auf sich nehmen. Zugleich wird Helfern die Arbeit mit diesem Asylkompromiss weiter erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Solange es geht, unterstütze ich die Retter auf See daher in meinen Möglichkeiten.  

25 Euro für das Frauenhaus Marburg: Toxische männliche Arschlöcher gibt es nicht nur im Showbusiness, unter Fußballprofis oder bei Rammstein. Sexualisierte Gewalt ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet, geduldet oder gar akzeptiert. Das ist in vielen Gesellschaften weit verbreitet. Es ist genauso quer durch alle Schichten unserer urdeutschen Gesellschaft vorhanden, bis heute wird es in vielen Familien anerzogen und vorgelebt. Ein bisschen Schutz für mutige Frauen, die sich aus einer solchen Partnerschaft oder Familie lösen wollen, bieten Frauenhäuser. Sie sind uneingeschränkt unterstützenswert, wenn gleich es eine Schande ist, dass es sie geben muss.

25 Euro für Hate Aid: HateAid schützt Demokratie und Meinungsfreiheit. Der Verein arbeitet dafür, dass jeder Mensch das Recht und die Möglichkeit hat, sich im Internet frei zu entfalten. Die Organisation unterstützt Opfer von Hass und Gewalt im Netz, ganz konkret durch Beratung und rechtliche Unterstützung von Betroffenen, und bei der Bekämpfung von systematischer Desinformation.

10 Euro für die "Letzte Generation": Nein, ich bin kein Klimakleber. Ich halte viele Aktionen der Letzten Generation auch nicht für zielführend und gut. Aber ich kann nachvollziehen, warum eine Gruppe vorwiegend sehr junger Menschen mehr und mehr glaubt, nur noch mit sehr drastischen Mitteln wie Farbanschlägen oder dem Lahmlegen von Straßen und damit des überwiegend fossil betriebenen Individualverkehrs, ein schnelleres Umsteuern für mehr Klimaschutz erreichen zu können. FridaysforFuture haben mit dem jahrelangen "netten Straßenprotest" zwar weltweit sehr große Aufmerksamkeit generiert, aber konkret nicht genug erreichen können. 

Warum ich einen eher symbolischen Betrag für die Letzte Generation spende, hat zwei Gründe. Zum einen macht ein früherer Kollege dort mit und unterstützt damit das Engagement seiner Kinder. Dieser Mann hat sein ganzes Leben in verschiedenen Organisationen gesellschaftlich relevanten (Bürgerrechts-)Themen gewidmet. Er hat sich dabei sehr viel auch mit (zulässigem) gewaltlosem Widerstand in der Demokratie befasst. 

Diese Protestform gab es immer, und es wurde von staatlicher Seite immer versucht, sie pauschal zu kriminalisieren. Der Mann, von dem ich spreche, ist kein Spinner, kein Revoluzzer, schon gar kein Terrorist. Seine Töchter sind es auch nicht. Nicht für alle in dieser Organisation kann ich das oder ihr Radikalisierungspotenzial natürlich so sicher beurteilen. Wo Straftaten geschehen und Gerichte zu entscheiden haben, ob der Protest noch zulässig war oder nicht, müssen und sollen sie das tun und zu entsprechenden Urteilen kommen.
Die pauschale Kriminalisierung dieser Bewegung aus großen Teilen unserer Politik heraus aber ist nicht akzeptabel. Genausowenig übrigens wie Selbstjustiz wildgewordener Autofahrer.
Deshalb unterstütze ich die Letzte Generation mit einer kleinen Summe. Das Geld geht aber nicht an die Aktivisten selbst für weitere Aktionen, sondern an den Umwelt-Treuhandfonds, der Kosten für juristischen Beistand bei Protestaktionen der Klima- und Umweltbewegung übernimmt.

Eins noch zum Schluss: Ich weiß, dass die Empfehlung ist, Spenden möglichst nicht in mehrere kleine Summen zu splitten. Natürlich ist es effektiver, wenn die Empfänger nicht zu viele Kleinspenden verwalten müssen. Es ist mir aber auch wichtig, mehrere Zwecke und verschiedene Organisationen zu unterstützen. Deshalb mache ich es so. 

 

Das galt für meine Saisonspende in der Saison 22/23: "Für jedes erzielte Tor von Borussia in Bundesliga oder DFB-Pokal zahle ich 1 Euro. Für jedes Tor von Tony Jantschke oder Christoph Kramer: 10 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer, Jonas Omlin (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 10 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg: 10 Euro. Einstelliger Tabellenplatz am Saisonende: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Deutsche Meisterschaft: 122 Euro. DFB-Pokalsieg: 50 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro."

2023-06-04

Umbruch - jetzt aber wirklich

Seit einer guten Woche ist die Bundesliga-Saison 2022/23 Geschichte. Und Borussia steht - um einige zwiespältige Erfahrungen reicher - fast wieder da, wo sie vor einem Jahr stand: zwischen allen Stühlen. Der Neustart, erst ohne Marco Rose, dann auch noch ohne Max Eberl, er will dem Verein nicht so recht gelingen. 

Die Ära Farke, die den Borussia-Weg neu planieren und dessen Leitplanken neu einziehen sollte - sie endet nach einem Jahr, also genauso schnell und unbefriedigend wie die Ära Hütter. Über die Gründe will ich hier nicht viel Worte verlieren. Das haben andere schon ausgiebig getan, man kann sich stunden- oder tagelang darüber streiten, wer nun was nicht richtig gemacht hat, und wo was besser gewesen wäre. Ich persönlich habe da aber keine Lust mehr drauf, die Saison ist rum - und von meiner (vereinsfernen) Seite wäre alles, was sich nicht direkt mit der Beobachtung der Leistungen in den Spielen beschäftigt, auch mehr Spekulation als wissende Analyse. 

Mir geht es mehr darum, nach vorne zu blicken, mit dem, was Borussia derzeit anbietet. Und da ist leider Stand heute noch nicht allzuviel, das hoffen lässt.

Denn am Ende dieser Saison, die mit anderen Personen, anderen fußballerischen Mitteln und anderen Nebengeräuschen nahezu das gleiche mittelmäßige Ergebnis eingebracht hat wie die davor, steht Borussia wieder am Anfang des Neuanfangs. 

Der ist natürlich bei weitem nicht so dramatisch wie bei einem Team, das abgestiegen ist und erst wieder aufsteigen muss. Doch als Gladbach-Fan hat man genau dieses Szenario und die Furcht davor im Hinterkopf fest eintätowiert. Wir wissen schließlich, wo wir herkommen.

Bei uns wird sich nun ab Juli ein weiterer hochqualifizierter Übungsleiter - erwartet wird allenthalben Gerardo Seoane - an diesem Kader versuchen. Der wird diesmal immerhin schon deutlich anders aussehen als der Champions-League-Kader, den man bis in dieses Jahr hinweg noch hoffte, ab und zu im Borussia-Dress neu aufflackern zu sehen.

Aber es ist besser, sich von solchen Erwartungen für die nächste Zeit zu verabschieden. Sommer, Ginter, Zakaria, Embolo, jetzt Stindl, Thuram und Bensebaini, weitere Abgänge wie Plea, Elvedi nicht ausgeschlossen: bei diesem Aderlass verblassen die aufregenden Europapokalabende schon fast von selbst in der Erinnerung. Endlich, möchte man sagen. Denn so lässt sich leichter auch mit hakeligem Spiel und Rückschlägen umgehen.

Vorerst aber bleibt viel Ratlosigkeit, denn der wortgewaltige Trainer, von dem der neue Sportdirektor gleich so angefixt war, hätte ja eigentlich mehr Zeit und Vertrauen bekommen und eine neue Ära einleiten sollen, mit einem borussiaaffinen schönen Kombinationsfußball. Wie das aussehen sollte, konnte man immer wieder mal kurzzeitig sehen. Viel zu oft sah man aber das, was auch schon zeitweise unter Favre und Hecking die geneigte Fanseele gelangweilt und erzürnt hatte: billigen Ballbesitz mit viel Ballgeschiebe in der eigenen Hälfte und wenig Durchschlagskraft nach vorne. 

Die richtige Balance für seine Fußballidee mit dem einen oder anderen neuen Spieler zu finden, das bleibt Daniel Farke nun versagt, genauso wie ein Jahr zuvor schon Adi Hütter.
Wahrscheinlich gibt es im Verein gute fachliche Gründe dafür, die nichts mit den Pfiffen im Stadion und dem Furor in sozialen Medien zu tun haben. Ich will das auch gar nicht bewerten. Ich hätte mir aber durchaus vorstellen können, dass Team und Trainer in der zweiten Saison in die Spur gefunden hätten. Insofern bedauere ich die Trennung auch eher, als dass ich sie begrüße. Allerdings: Ich kenne die gesamte Geschichte nicht und weiß daher nicht, was aus Vereinssicht sonst noch gegen Daniel Farke gesprochen haben könnte.

Für mich stellt sich nun aber grundsätzlich die Frage, wie resilient und geduldig Vereinsführung und Management wirklich sind, wenn es um den schwierigen Umbruch und Neuaufbau bei einer über die Zeit sehr in sich verwachsenen Mannschaft geht. Ein Vorhaben, das möglicherweise eben auch mal mehr als 12 Monate Zeit benötigt und das man gegenüber Fans und Öffentlichkeit eben auch gut moderieren muss. 

Das hat unter beiden Trainern zuletzt gefehlt, und beide wurden am Ende ziemlich alleingelassen und teilweise sozusagen stellvertretend mit der Außenkommunikation betraut, während der Verein sich vornehm zurückhielt. Das lief insbesondere zuletzt unter Daniel Farke nicht besonders gut, wobei ihn an den Misstönen, die sich aus manchen seiner weitschweifigen Aussagen heraus entwickelten, auch nicht die alleinige Schuld trifft.

Wie dem auch sei: Viel weitergebracht haben die beiden Trainerexperimente Borussia am Ende nicht. Es bleiben viele Fragen und hohe Abfindungen für Trainer, die den ohnenhin nicht so üppigen Spielraum für die Neuentwicklung des Kaders wieder etwas einschränken. 

Der notwendige personelle Umbruch, von dem seit drei Jahren gesprochen und geschrieben wird, muss nun aber wirklich kommen. Und die nächste Trainerentscheidug muss passen, sonst wird es auch für Roland Virkus ungemütlich. Doch um wirklich viel bewegen zu können und dem Team neue Qualitäten hinzufügen zu können, muss man auch einen Teil der vorhandenen Qualität zu Geld machen, etwa, indem man Manu Koné oder Lasso Plea bei anständigen Angeboten ziehen lässt.

Ob dafür adäquater Ersatz zu finden ist, ist völlig offen. Am Scouting sollte es eigentlich nicht liegen, wohl aber an Konkurrenz, die bessere Perspektiven zu bieten hat - und an der Frage, wer wann als Trainer feststeht.

Viel mehr lässt sich jetzt nicht seriös sagen. Erst, wenn Trainer und und mehr Zugänge bekannt sind, lässt sich damit so etwas wie Aufbruchsstimmung erzeugen. Die Grundlagen sind da: Mit Omlin, Itakura, Weigl, Neuhaus und Hofmann ist - Stand heute - eine Achse da, an der die neue Borussia sich ausrichten ließe. Der Rest ist gutes Scouting, Überzeugungskraft und Verhandlungsgeschick. 

Und vielleicht lässt sich dann in einem Jahr sagen, dass der Umbruch funktioniert. Aber bis dahin braucht es von uns Fans noch viel Vertrauen und Geduld.